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Mittwoch, 22. Juni 2016

Was wir jetzt brauchen

Wir brauchen Glück.
Man könnte sagen, wir hätten gegen Portugal schon unser ganzes Glück aufgebraucht. Man könnte aber auch sagen, dass es eher so war, dass Portugal viel Pech hatte und wir gar nicht so viel Glück gebraucht haben. Und unser Pech, das haben wir im ersten Spiel schon entsprechend gehabt. Es könnte also ein ganz normales Match werden, das wir mit ein bisschen Glück gewinnen können.
Erste Vorzeichen gibt es ja schon: Der Achtelfinalgegner wäre jetzt überraschenderweise Kroatien statt Spanien!

Wir brauchen Alaba.
Alabas größte Leistungen bringt er dann, wenn er nicht gut spielt. Erst dann schrillen nämlich bei den anderen 10 Österreichern die Alarmglocken und sie rufen ihre allerbeste Leistung ab. Das trifft vor allem auf Arnautovic zu. Der kann dann, wenn es sein muss, sogar hervorragend Defensivaufgaben lösen, wie gegen Portugal zu sehen war. Und wenn Alaba gut in Form ist, dann ist eh alles okay. Fehlt Alaba, weil er das Vertrauen von seinen 8 Millionen Teamchefs nicht mehr hat, dann verunsichert das den Rest der Mannschaft und sie traut sich gar nix mehr zu. Dann sind wir so weit wie wir vor 8 Jahren schon mal waren. Das wäre schade.

Wir brauchen Grant.
Das hoffnungsfrohe Österreich gibt es nicht. Hat es nie gegeben. Wir schöpfen unsere Zuversicht aus dem Grant gegen die anderen, gegen das große Ganze. Der Grant ist unser Rückzugsort, wenn es mal nicht so läuft - und es läuft in unseren Augen sehr oft "mal nicht so". Und aus dem Grant kann in Österreich Großes wachsen.
Wir können grantig sein, dass wir eine gute Quali gespielt haben und uns ausgerechnet jetzt die Luft ausgeht, nichts mehr so zusammengeht wie vorher, die Leistungsträger verletzt oder außer Form sind. Wir können grantig sein, weil wir das deutsche Frühstücksfernsehen aufdrehen und sehen, wie sich die Deutschen schon wieder wegen eines 1:0 gegen Nordirland abfeiern. Gründe haben wir genug - und der Grant gibt uns die Kraft!

Wir brauchen Besonnenheit.
Sollten wir heute verlieren, dann ist das schade, aber nicht das Ende der Welt. Vielleicht wird es sich so anfühlen, aber wenn wir uns ehrlich sind, haben wir es im Vorfeld mit dem Jubel schon ordentlich übertrieben. Aber bei uns gibt es nunmal nur den Juchiza und den Grant - tertium non datur, würde der Lateiner sagen: Ein Drittes gibt es nicht.
Sollten wir heute gewinnen, sind wir freilich auch gegen die hervorragenden Kroaten krasser Außenseiter. Und wenn wir dann im Achtelfinale ausscheiden, wär es trotzdem ein Erfolg gewesen. Dem würde zwar im Vorhinein jeder zustimmen, aber wenn es dann soweit ist, ist wieder "olles Oasch".
Nur wenn wir besonnen mit den Ergebnissen unserer Fußball-Nationalmannschaft umgehen lernen, werden wir auch in Zukunft Freude an diesem Sport haben.

Wir brauchen ein Tor.
Egal, was passiert. Wenn wir torlos aus dem Turnier ausscheiden, dann wäre das schon ein unwürdiger Abschied. Wir müssen scoren, müssen diesen Vastic-Elfer von 2008 endlich einen Kumpanen beiseite stellen, damit wir sagen können: Wir haben zumindest bei jeder EM-Teilnahme ein Tor geschossen. Der Vastic-Elfer braucht einen Alaba-Freistoß, einen Hinteregger-Gewaltschuss oder einen Arnautovic-Fersler, damit er sich nicht so alleine fühlt. Und wir brauchen das Tor, damit wir aufsteigen und zumindest für ganz kurze Zeit unser Grant verfliegt!

Österreichs bisher einziges Tor bei einer EM. Der Vastic-Elfer gegen Polen

Sonntag, 19. Juni 2016

Das Sakrileg und Almers Aura

Es war wieder einmal ein denkwürdiges Match in Österreichs überschaubarer EM-Geschichte. Das hart erkämpfte und dennoch sehr glückliche 0:0 von Paris lässt die Nation hoffend zurück, und selbige befindet sich schon wieder auf einer Achterbahn der Gefühle: Vor einer Woche waren wir noch Europameister der Herzen - da hatten wir noch nicht einmal ein Spiel gespielt. Vorgestern waren wir die größte Enttäuschung aller EM-Teams überhaupt - nämlich dieser und aller vorhergegangenen Europameisterschaften. Heute sieht das schon wieder anders aus, denn: "so schlagen wir auch Island!" Island, die wir noch vor einer Woche ohnehin geschlagen hätten, die sich aber plötzlich als der große Gruppen-Leader herausgestellt haben... Herrje, Fußball kann so kompliziert sein!

Cristiano Ronaldo hat gestern geweint, geflucht, gebetet - es half alles nichts. Entweder legte sich Martin Hinteregger wie der reinste Baumstamm in jeden Schussversuch, oder aber Europas bester Fußballer scheiterte am übermenschlichen Robert Almer. Der Österreicher, der bis zur 36. Minute die meisten Ballkontakte zu verzeichnen hatte. Als Tormann!
Wir brauchen gar nicht drüber reden, dass auch wir zu Chancen gekommen sind - die Portugiesen hatten gefühlt hundert mehr. Eckballstatistiken sind ja diesbezüglich sehr aussagekräftig: Da stand es nach dem Spiel 10:0 für Portugal. Aber wie schon im ersten Spiel scheitert Portugal trotz spielerischer Überlegenheit an einem zachen Hund von einem Gegner. (Mehr Paraden als Almer hat in der Statistik übrigens nur Islands Haldorsson, und ohne nachzuschauen vermute ich mal, das der Großteil davon aus dem Portugal-Match stammt.)

Österreich zeigte sich ähnlich wie im Ungarn-Spiel, zumindest was den Spielaufbau betrifft. Da und dort war der eine oder andere vielleicht noch einen Tick besser (Arnautovic, Harnik), am Ende aber bleiben eine katastrophale Passstatistik und zahlreiche vergebene Halbchancen, an denen wir uns jetzt aufzurichten versuchen - während wir wohlgemerkt immer noch auf unser erstes Tor bei dieser EM warten. Generell bietet sich der Vergleich mit unserer Heim-EM an. Ein bitterer Auftakt gegen Kroatien (0:1, viele vergebene Halbchancen), ein geschenktes Tor zum 1:1-Ausgleich gegen Polen (das Pendant war gestern der verschossene Elfer von Ronaldo), und vor dem "Endspiel" gegen Deutschland schien plötzlich alles möglich. Woher man damals den Optimismus nahm, weiß ich genauso wenig wie jetzt. Wir haben das letzte Spiel letztlich "zwar knapp, aber deutlich" verloren.
Uns fehlt eigentlich jetzt nur noch das Tor, und das muss gegen Island irgendwie her!

Unser Spiel war gestern ärgerlich und widerlich. Es ist eine Qual, so etwas durchsitzen zu müssen, vor allem, weil das ganze Match mit jeder Minute eine noch größere Schieflage bekam. Der Ball rollte ja nur noch Richtung Österreichisches Tor. Doch die Portguiesen machten es nicht. Daher bekam man um Minute 60 das eigenartige Gefühl, das Spiel könne jetzt so weit sein, dass sich die Österreicher ein unverdientes Tor verdient hätten. Ein sinnloser Zufallskonter, ein Eigentor von Portugal, irgendwas, damit dieses Nichts endlich aufhört Nichts zu sein, und dem Spiel aus österreichischer Sicht endlich irgendeine Bedeutung, irgendein Sinn zukommt.

Da verließ der heilige Alaba das Feld. Marcel Koller hat das größtmögliche Sakrileg begangen, und es war nur konsequent. Als Fußball-Österreich seinen Heiligen vom Feld marschieren sah, wusste man: jetzt können wir wirklich verzweifelt sein, uns der Verzweiflung vollends hingeben, uns in ihr baden.
Unsere größte Hoffnung schien zu sein, dass Portugal ja versagen könnte. Dieses Haar im warmen Wind einer sehr fernen Hoffnung: "Vielleicht passiert ja irgendetwas, und sie versagen!", so dachte man.

Und dann versagte Portugal. Noch besser: Ronaldo versagte. Und wie!
Es wäre kitschig gewesen, hätte Almer den Elfmeter (der ja eigentlich auch nicht gerechtfertigt war, aber wurscht) auch noch gehalten. So tat es mehr weh, denn Ronaldo scheiterte an sich selbst und dem Pfosten. Und er schien damit endgültig gebrochen - nach so vielen hochkarätigen Chancen, die einer wie er normalerweise der Reihe nach nutzt. Dann auch noch der Elfmeter, es war zum Haargel raufen! Seine Verzweiflung übertrug sich auf den Rest der Mannschaft, und Österreich erstarkte daran. Die Österreicher bemerkten nun, dass sie es tatsächlich schaffen könnten, Portugal einen Punkt abzuknöpfen und die Sache mit dem Achtelfinale doch noch irgendwie offen zu halten. Der Fußballgott - er hat uns dieses eine Mal das bisschen Glück geschenkt, das wir so oft nicht bekommen haben!

So ließ dieser Fußballgott die Totgeglaubten wieder einmal länger leben. Und als Marcel Koller dann den Hinterseer einwechselte, ging ein Strahlen durchs Stadion; bis man erkannte, dass es nicht der allseits geliebte Hansi mit den Fell-Moonboots war, sondern der Lukas. Doch Almers Aura überstrahlte gestern alles, ein Tor der Portugiesen war klar abseits - nichts wollte für sie klappen an diesem Abend im Prinzenpark: 61 gefährliche Angriffe, 23 Schüsse, 10 Ecken - alles Schall und Rauch! Almer stand, der Pfosten war sein Pfosten, Portugals Versagen sein Verdienst. Es war alles wie ein Wunder - das Wunder vom Prinzenpark. Für die nächsten paar Tage ist er unser Heiliger: Robert Almer, Torwart-Gott!



Wir können es aber auf gut Österreichisch auch so sagen:
"Offensiv hat der Almer gestern ja überhaupt nichts gebracht!"




Freitag, 17. Juni 2016

Über die Hoffnung

Von Hegel gibt es bekanntlich den Satz, dass das Tragische an der Tragödie nicht ist, dass A Recht hat und B nicht, sondern dass beide Recht haben. Von Schneckerl Prohaska gibt es den folgenden Satz: "... Weil du oft sagst: gegen die haben wir keine Chance. Aber in Wahrheit rechnest du dir immer eine Chance aus!"

So weit eine solche Gegenüberstellung auch hergeholt scheint, Herbert Prohaska und Georg Wilhelm Friedrich Hegel haben mehr miteinander zu tun, als man zunächst glauben möchte. Die Tragik im Fußball liegt nämlich unter anderem auch darin, dass nicht immer der gewinnt, der gewinnen sollte. Gleichzeitig bezeichnet dieser Umstand die Hoffnung (für die Außenseiter) und die Angst (der Favoriten). Hoffnung und Angst treiben das runde Leder 90 Minuten lang zwischen A und B hin und her, die immer beide Recht haben.


Für Österreich hat das natürlich wieder bittere Folgen. Weil zunächst die Hoffnung die allergrößte war, und jetzt haben wir nicht einmal mehr Angst vor dem Ausscheiden, weil wir im Geiste (Hegel!) sowieso schon ausgeschieden sind. Unsere Chance ist jetzt eigentlich nur noch die, dass wir uns in unserer Grundbefindlichkeit der Erwartungslosigkeit suhlen können und urösterreichische Topoi abspielen können: "Warum immer wir?", "Die können ja sowieso nix.", "Zawos samma überhaupt dabei" etc.

Vollkommen fremd ist uns das, was die anderen kleinen Mannschaften auszeichnet (und eine solche sind wir - FIFA-Weltrangliste hin oder her): Froh sein, dabei sein zu dürfen und schauen, was geht. Sonst sind wir die Weltmeister des "Schauma moi", aber bei der Fußball-EM haben wir sogar das Schauen verlernt. Portugal - ein übermächtiger Gegner? Ohne Junuzovic und Dragovic eh keine Chance? Island viel zu stark? Ich würde sagen: Schauma moi!



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Weil wir vorher von der Tragödie gesprochen haben: Die große Faszination am Sport überhaupt, am Fußball aber im besonderen, ist, dass der Erfolg des einen die Schmach des anderen bedeutet. Nirgends wird das deutlicher als beim Fußball mit seinen wenigen Toren. Was viele Nicht-Fußball-Fans und Amerikaner an diesem uns so lieben Sport bemängeln, nämlich seine ihm scheinbar inhärente Langeweile aufgrund der meist wenigen Highlights, ist in Wahrheit der Zunder des Zurückhaltenden. Mir fällt nämlich spontan auch keine Sportart ein, in der, je höher die Spielklasse ist, desto weniger Punkte (= Tore) gemacht werden.


Bei dieser EM fällt auf, dass die wichtigen Tore alle sehr spät gemacht werden. Denn je später der Zeitpunkt, desto wichtiger natürlich das Tor! Das wissen vor allem die Franzosen, die mir nach zwei Spielen trotz aller Probleme wirklich gut gefallen. Da ist Herz dabei und ein bisschen Hirn auch, gepaart mit krassen Entscheidungen des Teamchefs Dechamps. Dann noch der einzige wirkliche EM-Held bisher, nämlich Payet, der jetzt bei zwei Toren hält. So wie Bale (zwei geniale Freistöße) und der Rumäne Stancu (zwei Elfmeter). Sind die Franzosen gerade dabei, sich in einen Groove zu spielen? Wenn ja, wäre es vielleicht schlecht, im dritten Spiel, das jetzt reine Formsache ist, die dritte Garnitur rauszuschicken, und stattdessen unbekümmert zu versuchen, mehr Tore früher im Spiel zu erzielen.


Und England? Zitterpartie gegen die wirklich guten Waliser, ebenfalls spätes (sehr spätes) Erlösungstor durch Sturridge. Zwei halbwegs gute Halbzeiten in zwei Spielen - das wird in der KO-Phase zu wenig sein. Und aufs Elfmeterschießen verlässt man sich als Engländer besser nicht!

Deutschland hat das typisch unbeeindruckende Spiel gegen Polen hinter sich gebracht, was erwartbar war und im Falle der Deutschen wie immer genau gar nichts aussagt. Auffällig war bei den Deutschen bisher sowieso nur Jogi Löw.

Heute sehen wir auch wieder den Europameister, dessen Ziel es zu sein scheint, den Gegner durch einkreisen im eigenen Strafraum zum Eigentor zu zwingen. Die Tiki-Taka-Revolution droht, ihre Kinder zu fressen. Irgendwann sind Abschlüsse eben auch gefragt.

Italien hat mich ebenfalls wieder überrascht, die gegen den Mitfavoriten Belgien ein taktisch solides Spiel gezeigt haben (in gewohnter italienischer Manier), zeitweise aber offensivfreudig auftraten und zwei wirklich schöne Tore geschossen haben. Die Schönheit schießt zwar keine Tore, sagt man, aber ganz außer acht lassen sollte man sie deswegen auch nicht, denn Schönheit macht sympathisch. (Siehe Holland bei der EM 2008!)

Belgien ist übrigens weder sportlich noch ästhetisch weg vom Fenster, da erhoffe ich mir noch einiges. Ins Achtelfinale zittern und dann ins Finale marschieren - diese Story gibt es ja auch immer wieder.


Beeindruckend sind auch bei diesem Turnier wieder die sogenannten Außenseiter, die allesamt wirkliche Qualitäten aufs Spielfeld bringen. Slowakei, Wales, die Ukraine und, ja, auch Ungarn sind würdige Teilnehmer dieser Endrunde und können zu den Stolpersteinen werden, die gerade in der EM-Geschichte oft auch sehr weit gekommen sind.

Nur die Russen wirken irgendwie abgemeldet- ein Status, den man schon am Gesicht ihres Trainers ablesen kann. Aber jede Tragödie hat auch ihre Bösewichte, verlogene Kammerdiener, eifersüchtige Nebenbuhler. Wieso sollte es im Fußball anders sein?


Welche Rolle Österreich in diesem Stück spielt? Schauma moi...









Hat in diesem Stück mit Sicherheit die Hosenrolle: Der älteste EM-Spieler aller Zeiten Gabor Kiraly (40).





Montag, 13. Juni 2016

Erste Brisen

Die EM hat Fahrt aufgenommen, und bevor sie zum großen Orkan wird, gilt es, sich die ersten Brisen, die einem schon um die Nase geweht sind, nochmal zu genießen:

Für Frankreich startete die EM mit viel Mühe - wie sich das für das Eröffnungsspiel gehört. Dass von den Rumänen letztlich doch nichts in Erinnerung bleibt, ist dem glänzenden Weitschuss von Dimitri Payet geschuldet, der die Gastgeber erlöst hat und stellvertretend für alle Franzosen - egal ob im Streik oder nicht - kurz danach in Freudentränen ausbrach, als er auf der Ersatzbank Platz nehmen durfte.
Frankreich spielte über kurze Strecken stark - ist aber von der Form vor zwei Jahren noch weit entfernt. Vielleicht täuscht aber die Last des Eröffnungsspiels über die wahren Qualitäten dieser Mannschaft hinweg, v.a. weil von Pogba und Griezmann noch viel zu wenig zu sehen war?

Das andere Team, das mir schon vor zwei Jahren gut gefallen hat, hat die beste erste Hälfte einer Mannschaft geboten, die es bisher zu sehen gab: England nämlich, die sich aus völlig unerfindlichen Gründen nach der Halbzeitpause dazu entschlossen, in der zweiten Hälfte nichts zu bringen. Dabei wäre die erste Hälfte so gut, so dynamisch, schnell und kreativ gewesen! Den Russen ist ja in der zweiten Hälfte ähnlich viel eingefallen wie in der ersten: nämlich gar nichts bis wenig. Trotzdem fühlte sich der Ausgleich in der Nachspielzeit irgendwie gerechtfertigt an. Und das darf aus englischer Sicht einfach nicht sein, will man dieses Jahr wieder ernst genommen werden! Den Russen empfehle ich Putin als Kabinenschreck, damit wenigstens die Angst vor dem Straflager ein wenig Motivation schürt, wo sonst nur augenscheinliches Desinteresse herrscht.

Kroatien macht dort weiter, wo es aufgehört hat, wenn auch mit einer ziemlich anderen Mannschaft. Trotzdem: das kroatische Spiel wird sich noch mausern (müssen), vor allem gegen die Spanier, die schon vor vier Jahren im letzten Gruppenspiel große Probleme mit den findigen Kroaten hatten (damals allerdings noch unter dem genialen Trainer Bilic). Das Spiel gegen die Türkei kam mit weniger blutenden Schädeln und Verletzten aus als dieselbe Begegnung bei der EM 2008 im Viertelfinale. Nur Corluka hielt sich an die Erwartungen und spielte schon bald mit blutendem Turban, und versuchte wohl so, die türkischen Spieler kulturell zu provozieren.
Diese revanchierten sich in der 41. Minute mit einer missglückten Kerze aus dem eigenen Strafraum, die der geniale Modric mit einem sensationellen Volleyschuss verwertete. Eigentlich hätte es auch 3:0 ausgehen können, aber die Kroaten sind bemüht darum, das bescheidene Balkanvolk darzustellen. Mal sehen, was denen noch zuzutrauen ist!

Am Abend dann der Weltmeister gegen die Ukraine: intensive erste Hälfte mit großen Chancen auf beiden Seiten. Sowohl Manuel Neuer als auch Andrij Pjatow reagierten in vielen Situationen großartig. Dass Deutschland trotzdem in Führung ging, war nicht nur zu erwarten, sondern auch irgendwie verdient. Trotzdem: so frech hatte die Ukrainer wohl niemand erwartet, und ihrem Agieren (man vergleiche dazu die Russen gegen England) war es geschuldet, dass wir die unterhaltsamsten 45 Minuten bisher geboten bekamen.
Deutschland hingegen ist nicht nur die "Turnier-Mannschaft", sondern auch jene, die gerne für bleibende Bilder sorgt. Diesmal waren es Boatengs spektakuläre Rettungsaktion, in der er eine ukrainische Großchance mit einem Fast-Eigentor vereitelte, das wiederum er selbst noch auf der Linie verhinderte. Wer's nicht gesehen hat, dem kann man's nicht erklären!
In der zweiten Hälfte lief generell weniger zusammen, man hätte sich da aus deutscher Sicht ein früheres 2:0 erwartet. Also wartete man, bis der Alt-Kapitän Schweinsteiger mit dem Grau-Färben der Schläfen fertig war und eingewechselt werden konnte. Wer das für einen bloßen Cameo-Auftritt hielt, wurde bald eines besseren belehrt: Aus einem Konter (die Ukrainer waren ja hinten natürlich schon offen wie ein Pavianarsch) flankt Özil genial dem Schweini vor die Haxn und der netzt doch tatsächlich nur wenige Augenblicke nach seiner Einwechslung- und kurz vor Schluss des Spiels - zum 2:0 Endstand ein. Auch so ein "memorable moment", von denen die Deutschen gleich zwei in einem Spiel fabriziert haben - womit es im Übrigen auch genug sein sollte!

Inzwischen spielt auch schon wieder der amtierende Europameister (ja, Spanien gibt es noch!) gegen die ehemaligen Dauer-Geheimfavoriten Tschechien. Also schnell wieder weg!


Freitag, 27. Juni 2014

Warten auf ein Wunder

 Wie eine Katze im Regen, so saß Jogi auf der Trainerbank in Recife. Die Vorrunde ist vorbei, und während Deutschland schon Weltmeister ist, warten wir noch auf das belgische Wunder.


Wurschtigkeit ist das Gefühl, das am besten mein Verhältnis zur Gruppe H beschreibt. Da gab es Belgien, der extrem geheime Geheimfavorit, der sich in der schwachen Gruppe nicht angepatzt hat und mit dem Punktemaximum im Achtelfinale steht. Mit Ruhm haben sie sich auch nicht bekleckert, aber Ruhm ist in Spielen gegen Kapazunder wie Russland, Algerien und Südkorea auch nicht zu holen.
Algerien hat sich den Aufstieg verdient, weil sie gegen Belgien besser dagegen gehalten haben als gedacht und über Südkorea drübergefahren sind. Dass Russland gestern an ihnen gescheitert ist, verbuche ich als eine Form von Gerechtigkeit, die die Grenzen des Fußballs übersteigt. Sollen jene gegen Deutschland ausscheiden, die noch nie in einem Achtelfinale waren - eine von zwei übrigen afrikanischen Mannschaften und die einzige verbleibende arabische. Viel Unterschied wird es ja nicht machen...

Das Spiel Deutschland gegen USA war die erwartet laue Partie. Erhofft hätten wir uns freilich ein frisch aufspielendes Team USA, das Deutschland nicht nur verunsichern, sondern sogar besiegen könnte. Das wäre vielleicht unter anderen Bedingungen möglich gewesen: Beiden reichte ja ein Unentschieden, und der Aufstieg der USA wäre nur bei einem Sieg Ghanas gegen Portugal mit zwei Toren Unterschied gefährdet gewesen. So, oder so ähnlich halt. Ist ja jetzt auch egal.
Ein Sieg der Amerikaner wäre unter einem anderen Gesichtspunkt schön gewesen: Die Begeisterung für "Soccer" war wohl noch nie so groß wie gerade jetzt - vielleicht mit Ausnahme der Heim-WM von 1994, obwohl die ja das Ganze erst vorbereitet hat. Ich merke das nicht nur an den Medienberichten, sondern auch an der Begeisterung meiner amerikanischen Verwandten, für die das sonst als öde geltende Soccer plötzlich ein ganz großes Ding ist. Die momentane Begeisterung für Soccer lässt sich annähernd mit der durchschnittlichen Begeisterung für College-Football vergleichen - und das ist viel. Sehr viel sogar!

Und es ist der Verdienst von Jürgen Klinsmann, der sogar so weit ging, ein (nicht ganz ernst gemeintes) Entschuldigungsschreiben für alle Angestellten aufzusetzen, die in ihrer Mittagspause das Fußballspiel anschauen sollten. Klinsmann macht in den USA jetzt das, was er 2006 in Deutschland gemacht hat: Er begeistert die Massen für den Fußball. Nicht, dass man sich in Deutschland nicht schon vorher für die Nationalmannschaft begeistert hätte - aber Klinsmann gab dem ganzen im Rahmen der Heim-WM einen neuen Dreh. Fußball sollte Emotion sein, er sollte spielerisch begeistern und nicht nur die richtigen Ergebnisse liefern. 2006 war das Jahr, in dem die deutschen Fußballer anfingen, sogar den Österreichern sympathisch zu werden. Klinsmann und Löw (damals noch Co-Trainer) an der Seitenlinie im hellblauen Hemd, die Ärmel lässig hochgekrempelt. Der eine Motivator, der andere System-Erdenker - so hat man es in Erinnerung. Dass daraus nicht nur ein attraktives deutsches Spiel entwachsen ist, sondern auch der ganze Schland-Wahnsinn, dafür kann der Klinsi nix.

Der macht sich nun daran, den Soccer in den USA zu revolutionieren. Deshalb war das Spiel gegen Deutschland so wichtig. Nicht, weil es für den Aufstieg ins Achtelfinale so wichtig war, sondern weil ein Sieg gegen eine große Fußballnation, gegen einen dreimaligen Weltmeister und momentanen Mitfavoriten den Amerikanern das Gefühl gegeben hätte, das sie immer brauchen: nämlich unbesiegbar zu sein. Egal, ob dieses Gefühl dann gerechtfertigt gewesen wäre, oder nicht. Der Fußball selbst jedenfalls kann von einer Begeisterung in den USA nur profitieren.

Ein bisschen bitterer Beigeschmack bleibt aber doch, schließlich sind die Gräben zwischen US-Sport und dem guten, alten Fußball doch noch auszumachen. Das Konzept nämlich, dass man trotz einer Niederlage weiterkommt, ist im US-Sport wenn nicht unbekannt, so doch zumindest suspekt. Noch suspekter ist den Amerikanern allerdings das Konzept eines Unentschiedens, eines Null-zu-nulls gar; insofern können wir froh sein, dass es gestern nicht dazu gekommen ist. "What? They didn't score no goal and still they're through? That's insane!", höre ich den Soccer-Neuling empört rufen.
Umso großartiger aber gestern die amerikanischen Fans im Stadion von Recife: Jeder Zweikampf wurde frenetisch bejubelt, jeder Pass beklatscht, jeder Ballverlust mit einem "Oooh" betrauert. Man spürt, da geht was im Land der bisher begrenzten Soccer-Möglichkeiten!


Im Achtelfinale dürfen die Amis jetzt gegen Belgien ran, den - ich sage es jetzt zum x-ten Mal - überaus geheimen Geheimfavoriten. Für die Belgier werden die USA ein erster richtiger Test. An einem guten Tag kann man aus einer Partie gegen einen fußballerischen Emorkömmling durchaus Momentum für das Viertelfinale mitnehmen, um den Geheimfavoritenstatus endlich gerecht werden zu können. An einem schlechten Tag ist es vorbei mit dem Geheimnis, da ruft die Nation, die gerade erst den Fußball lieben gelernt hat, "aber der Kaiser ist doch nackt!", und in ein paar Jahren werden wir uns daran erinnern, dass wir Belgien vor der WM so viel zugetraut haben, und sie dann in einer Pemperl-Gruppe den Sieg davongetragen haben, nur um dann im Achtelfinale gegen Klinsmanns One-Nation-one-Team-Armee zu verlieren. Das belgische Fußballwunder - es steckt momentan (noch) in den Kinderschuhen!

Deutschland macht weiter wie bisher: Siege einfahren, aber nicht überzeugen. Recht haben sie - muss man auch nicht, denn selbst wenn man das Finale gewinnt und nicht überzeugt hat, ist man trotzdem Weltmeister. Wenn aber alles nach Plan läuft, trifft Deutschland im Viertelfinale auf Frankreich, und gegen die wird das Nicht-Überzeugen nicht reichen. Da hat man nur zwei Möglichkeiten: Entweder man überzeugt endlich (mit dem Bayern-Mittelfeld Lahm-Schweinsteiger-Kroos ist man zumindest in dieser Abteilung auf dem besten Weg dazu), oder man beruft sich auf das Glück, das einer Fußball-Großmacht bei so einem Turnier zusteht.
Ich hätte Deutschland gerne gegen Belgien gesehen, das wäre ein wirklich interessantes Spiel geworden! Möglich ist das nun erst im Finale, und deswegen recht unwahrscheinlich. Aber darüber reden wir, falls sich das belgische Wunder anfängt, tatsächlich zu ereignen...


Held des Tages:
Islam Slimani, der Held Algeriens. Sein Treffer bescherte den Aufstieg. Wir werden ihn bald vergessen haben, er aber wird zum algerischen Hans Krankl werden. Alles Gute dafür - und Beileid.

Buhmann des Tages:
Der Regen in Recife, der gar die Austragung des Spiels USA gegen Deutschland gefährdet haben soll. So macht Soccer keinen Spaß!


ORF-Anmerkung:
Weil Bela Rethy ja eigentlich auch ein Zustand ist, und man Deutschland-Spiele sowieso nicht im deutschen Fernsehen anschauen kann, habe ich gestern wieder dem ORF gefrönt. Es ist beachtlich, wie man es schafft, Aussprachefehler in witzige Sinnspielereien zu verwandeln - ganz unabsichtlich versteht sich.
Helge Payer zum Beispiel sprach von der amerikanischen Fußballbegeisterung und erzählte, dass bei einem "Public Fewing" (Aussprache Payer) in Chicago gar 20.000 Menschen gewesen sein sollen. So "few" können es also gar nicht gewesen sein, beim Public Viewing.
Kommentator Michael Bacher, schaffte es, die deutschen Wurzeln des Amerikaners Jermaine Jones durch die unrichtige Aussprache dessen Vornamens zu verdeutlichen. In Bachers Mund wird nämlich "Jermaine" zum "German". German Jones also: der German unter den Jones. Alles klar!

Mittwoch, 25. Juni 2014

Fleisch und Knochen

Da ist ja wirklich alles dabe, bei dieser WM. Aber wie viel kann der Zuschauer überhaupt ertragen? Langsam wird's wahnsinnig...


Ich habe gegen Anfang dieser WM geschrieben, dass wir bald wissen werden, wer die Helden und Schurken dieses Turniers sein werden. Die letzten beiden Tage haben uns diesbezüglich einen sehr deutlichen Hinweis gegeben. Auch wenn wir dazu neigen, im Sinne einer dramatischen Inszenierung gerne Schwarz-weiß-Malerei zu betreiben: Ganz astreine Helden und Schurken produziert dieses Großereignis natürlich nicht. Und nach einer bisher atemberaubenden Vorrunde droht die WM ein allzu vorhersehbares Ende zu nehmen...


BRA - CAM 4:1


Das war also die große Neymar-Show. Und wie beeindruckend sie war! Nicht nur, dass der Manga-Neymar zwei Tore geschossen hat und jetzt wieder die Torschützenliste anführt. Nein, er hat auch deutlich gezeigt, dass ohne ihn bei Brasilien recht wenig geht. Der Stoff, aus dem Helden sind: Einer nimmt sich der Sache an, hat Mut und reißt die anderen mit. Tatsächlich hat Neymar gewirkt als wäre die WM für ihn eine einzige unbeschwerte Party. Er war gut drauf, ließ sich zu Scherzen hinreißen, posierte in der Halbzeitpause für Fotos auf dem Weg in die Kabine... Neymar, das WM-Maskottchen. Etwas besseres kann dem Turnier, vor allem aus brasilianischer Sicht, nicht passieren.

Und trotzdem bleibt ein fahler Beigeschmack. Irgendwie ist Neymar zu wenig "Fleisch und Knochen", wie Oli Kahn es in Bezug auf etwas ganz anderes formuliert hat (s.u.). Er ist tatsächlich ein Maskottchen, er sieht nicht nur so aus. Klar, er macht seine Tore. Aber die Abhängigkeit der Brasilianer (sowohl auf dem Platz als auch emotional) ist gefährlich. Siehe Argentinien, das ohne Messi überhaupt nicht funktioniert. Auch Messi hat bis jetzt "geliefert", ohne dass er gut gespielt hätte. Rein von den Ergebnissen her kann man weder Neymar noch Messi irgendeinen Vorwurf machen. Allein, es kommt mir alles zu wenig vor. Wenn aber Brasilien so weitermacht, dann werden sie Weltmeister, getragen von einer Welle der Begeisterung, wie nur Neymar sie auszulösen vermag. Und sonst werden sie halt Weltmeister der Herzen...


NED - CHI 2:0


Apropos Weltmeister der Herzen. Das ist Holland ja seit dem letzten WM-Finale nicht mehr. Und immer noch fällt dem ORF-Kommentator (ich glaube, es war Oliver Polzer - oder Boris Kastner-Jirka, ich kann die beiden Mickymaus-Stimmen eh nie auseinander halten) zu Nigel de Jong nichts anderes ein als irgendwas mit "Kung-Fu"-Attacke etc. Weil das ewige Herumreiten auf vorgefertigen Schemata nervt (de Jong ein übler Treter, Robben hat nur Einser-Schmäh etc.), schalte ich auf ZDF um und bin erleichtert, als keine zwei Minuten später der dortige Kommentator de Jongs Stellungsspiel und Übersicht lobt. Dass ein Sechser oft ein Raubein ist, ist geschenkt. Dass de Jong nicht immer die angenehmsten Fouls begeht, auch. Aber wenn einem zu diesem Spieler nicht mehr einfällt, dann bedient man Gemeinplätze und spielt Kronenzeitung.

Ansonsten haben die Niederländer wieder gezeigt, dass sie auch mit einem destruktiven Ansatz so gewinnen können, dass es aussieht, als hätten sie das Spiel tatsächlich dominiert. Eine Lehrstunde für alle zukünftigen Gegner von Chile war das allemal. Und Holland schlingert bei diesem Turnier irgendwo zwischen 2008 und 2010 umher, mit leichten 2012-Phasen. Soll heißen: Ein aufregendes, offensivbetontes Spiel nach vorne wechselt sich mit einem vorsichtigem, abwartendem Defensiv- und Kontergeplänkel ab, und dann und wann gibt es Phasen, in denen weder vorne noch hinten irgendwas zusammenläuft. Insofern ist Holland schwer einzuschätzen, obwohl sie bis jetzt die einzige Mannschaft mit drei Siegen ist. Vom Finale bis zum Ausscheiden im Achtelfinale ist jetzt alles drin!


ITA - URU 0:1


Ich habe weiter oben geschrieben, dass nun alles danach aussieht, dass diese WM ein allzu vorhersehbares Ende nimmt. Das Ausscheiden Italiens ist ein erstes Anzeichen dafür, denn tatsächlich scheint sich der prognostizierte Südamerika-Vorteil bemerkbar zu machen. Uruguay hat nach einem total versemmelten ersten Spiel und einem furiosen zweiten nun die Aufgabe gehabt, die italienische Abwehr zu knacken. Denn Italien hätte zum Weiterkommen nur ein Unentschieden benötigt, und schnell war klar, dass genau das ihr Ziel war: das 0:0 zu halten. Das war mir ein bisschen zu viel Italien, wie es früher einmal gewesen ist. Auch hier zu wenig "Fleisch und Knochen", mehr bröseliges Gerippe. Uruguay tat sich trotzdem schwer, bekam aber ein Geschenk vom Schiedsrichter, der Marchisio nach einem normalen Gelb-Foul mit der roten Karte bediente. Urs Meier und Oli Kahn in der Analyse der Situation: Nicht rot-würdig, weil nicht zur bisherigen Linie des Turniers passend, der Wichtigkeit des Spiels nicht angemessen, und überhaupt das Foul hatte "zu wenig Fleisch und Knochen" (Kahn).

Egal, Italien zu zehnt spielt wie Italien zu elft, wenn es nur verteidigen muss. Dass dann Suarez, nachdem er sich im Spiel gegen England zum Helden seines Landes gemacht hat, Chiellini in die Schulter beißt, und das natürlich niemand gesehen hat, ist typisch. Es erinnert mich an meine Kindheit und die vielen Wrestling-Matches, die man gesehen hat, von denen man glaubte, sie wären nicht inszeniert. Da lenkt der Manager des Bösewichts den Ringrichter ab, während der Bösewicht dem Guten einen Klappstuhl um die Ohren schlägt. Umgekehrt wird jede fragwürdige Aktion des Guten sofort vom Ringrichter abgemahnt. Meist endet es damit, dass beide Akteuere erschöpft am Boden liegen, samt Ringrichter, weil auch der bei irgendeiner Aktion bewusstlos geworden war, und der Gute versucht einen Pin, den der Ringrichter aber nicht zählen kann, weil er ja noch so benommen ist. Da kommt dann der Manager des Bösen mit Klappstuhl, schlägt ihm den Guten auf den Kopf, der Böse erwacht gleichzeitig mit dem Ringrichter aus der Bewusstlosigkeit, pinnt den Guten und der Kampf ist gewonnen. So, oder so ähnlich war es auch mit Suarez und Uruguay.


Italiens Ausscheiden ist traurig, weil immer noch die erste halbfinalreife Partie gegen England nachklingt. Und das betrifft beide Mannschaften. Italiens Ausscheiden geht aber auch in Ordnung, das haben die letzten beiden Partien gezeigt. Dass jetzt der Außenseiter Costa Rica und das grausige Uruguay weiter sind, ist hoffentlich keine Plotkonstruktion, die den Rest des Turniers halten wird. Denn letzt läuft diese WM Gefahr, zu kippen: Jetzt kann es so sein, dass immer die Mannschaft, die man sich zu seinem momentanen Favoriten erwählt hat, gegen eine Pfui-Mannschaft ausscheidet. Vorsicht also Frankreich, vorsicht Holland! Ich halte große Stücke auf euch!
Und am Ende steht Deutschland gegen Brasilien im Finale und sie revanchieren sich für die verpatzte Heim-WM vor 8 Jahren. Ein schweißtreibender Albtraum! Denn bei aller spielerischer Fragwürdigkeit, darf man nicht vergessen, dass Deutschland eines hat: Fleisch und Knochen!



Held der letzten zwei Tage:
Neymar, der Unbeschwerte. Nur, wenn er bis zum Schluss so weitermacht, kauf ich ihm den Schmäh ab.

Buhmann der letzten zwei Tage:
Luis Suarez, wer sonst? Die Hackfresse von Uruguay, der Beißer von Natal - ein Mensch aus Fleisch und Knochen, doch ohne jede Moral.

Montag, 23. Juni 2014

Das Schweigen im Regenwald


Zu später Stunde im Märchenregenwald von Manaus ereignete sich Bemerkenswertes!


Unter den Teams, die mir bisher am besten gefallen haben, finden sich einmal mehr die US-Amerikaner. Das ist einerseits überraschend, weil ich ihnen diesmal nicht so viel zugetraut hatte, was vor allem an den Gruppengegnern gelegen hat. Andererseits haben sie mich bisher bei jeder WM mitgerissen, weil sie, ungeachtet des Ergebnisses, das am Ende dastand, immer engagierten, aufregenden Tempo-Fußball gespielt haben: Popcorn-Soccer vom Feinsten also.
So war es auch gestern Nacht, als sie gegen die vom ersten Spiel angeschlagenen und etwas demoralisierten Portugiesen ran mussten. Für Portugal war ein Sieg mehr oder weniger Pflicht, und es sah auch so aus, als wäre diesmal mehr drin. Dabei agierte die Mannschaft wieder nicht überzeugend. Es machte sich trotzdem das Gefühl breit "Wir sind Portugal und deshalb gehören wir ins Achtelfinale. Egal, ob unser halber Kader verletzt und Cristiano Ronaldo nicht in Form ist!"

So kam es zu einem recht offenen Schlagabtausch, der vor allem durch die sehr frühe Führung Portugals (Nani, 3. Minute) rasch den Charakter einer Rapidviertelstunde bekam. Es fühlte sich ab Minute 5 an, als wären nur noch 5 Minuten zu spielen. Da wurde keine Zeit mit geduldigem Spielaufbau verschwendet. Mittlerweile bezweifle ich, ob Team USA den gegen stärkere Teams überhaupt draufhat. Die Bälle wurden von Zusi oder Beckerman nach vorn gespielt, wo sie abwechselnd den unermüdlichen und gestern ganz unglaublichen Jermaine Jones oder gleich Clint Dempsey fanden, der auch gerade zufällig das Turnier seines Lebens spielt. Gegen stärkere Teams würde so ein Spielansatz vielleicht nicht einmal Halbchancen kreieren, Portugal aber machte regelmäßig einen überranten Eindruck und wurde bei Ballgewinn in der eigenen Hälfte gnadenlos von Bradley, Jones oder dem aufgerückten Beasley attackiert.

Tempofußball war das, den in der Hitze von Manaus durchzustehen man nur den konditionell fittesten Teams zutrauen kann. Dass die USA über ein solches verfügen, haben sie schon im Ghana-Spiel bewiesen. Und weil ein solcher Einsatz belohnt wird, kam es wie es kommen musste, und Team USA glich durch ein tolles Tor von Jermaine Jones in der 64. Minute aus. Doch das reichte den Amerikanern nicht, und sie machten weiter wie bisher. Aber Portugal zeigte sich willens, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen zu halten und durch eine neuerliche Führung die Chance auf einen Aufstieg am Leben zu erhalten. Diese Chance verringerte sich drastisch, als der unglaubliche Dempsey in der 81. Minute zum 2:1 einschoss. Die USA jubelten, das Stadion, das zu einem Großteil mit amerikanischen Fans gefüllt war, stand Kopf. Trainer Jürgen Klinsmann hüpfte auf seine unnachahmlich bubenhafte Weise an der Seitenlinie auf und ab. Der zweite Sieg und damit der Fixaufstieg schienen schon sicher, Portugal hingegen befand sich auf dem langsamen Abstieg ins Tal der Tränen.

Und freilich, man fühlte sich gerecht behandelt vom Fußballgott, dessen eherne Gesetze das Glück des Tüchtigen und die Belohnung für unermüdlichen Einsatz kennen. Eines dieser ehernen Gesetze ist aber auch jenes, dass das Spiel erst dann vorbei ist, wenn der Schiedsrichter abpfeift. Und man konnte an Nanis Augen sehen, dass er heute noch nicht fertig war, dass sein Team noch nicht bereit war, aufzugeben. So stemmte sich Team USA die letzten 10 Minuten gegen in der Offensive wild rochierende Portugiesen, die nur noch ein Ziel hatten: Mit allen Mitteln zum Ausgleich zu kommen, um die Mini-Chance noch am Leben zu erhalten, doch nicht bereits nach der Vorrunde heimfahren zu müssen. 5 Minuten Nachspielzeit: Klinsmann immer wieder an der Seitenlinie mit weit aufgerissenen Augen - ein Weltschmerzgesicht von Cristiano Ronaldo, dem bis dato so wenig gelungen war. Klinsmann deutet seinem Team "Nach vorne, nach vorne!", er wollte Ballbesitz und Pressing.

Da tat sich plötzlich rechts ein Raum auf und C. Ronaldo bekam den Ball. Noch 30 Sekunden waren zu spielen, das würde wohl der letzte Angriff sein. USA in der Rückwärtsbewegung, Ronaldo rennt die Seitenlinie entlang, schlägt seine erste brauchbare Flanke des Tages, die den Kopf von Silvestre Varela findet: Tor!
Stille. Die Portugiesen, wissend, dass man mit diesem Treffer bloß das Allerallerschlimmste verhindert hat, trotten zum Anstoßkreis zurück, großartiger Torjubel bleibt aus. Klinsmann rauft sich die Haare und steht wie angewurzelt vor der Trainerbank. So nah war man dran!

Der Schiedsrichter pfeift an und pfeift auch gleich wieder ab - das Spiel ist vorbei, das Stadion in Manaus schweigt. Niemand kann fassen, was gerade passiert ist. Man glaubt bloß, von ferne Affen aus dem Regenwald verzweifelt in die Nachr kreischen zu hören. Die Amerikaner schleichen gequält übers Feld. Was wäre das gewesen! Sechs Punkte und Fixaufstieg! Die Energie, welche die Spieler seit Dempseys Führungstreffer befeuert hat, sie ist mit einem Schlag weg. Eine ausgeblasene Kerze, die nur 15. Minuten lang gebrannt hat.

Freilich, die Ausgangslage ist immer noch gut, denn sowohl Deutschland als auch den USA genügt jetzt ein Unentschieden. Und es ist nicht einmal so wichtig, ob man als erster oder zweiter aufsteigt, weil die drohenden Achtelfinalgegner Belgien oder Algerien heißen, von denen erstere immer noch nicht extrem überzeugt haben, und letztere halt eben doch Algerien sind.
Aber wie hart und aufregend Fußball sein kann, das haben uns die Amerikaner in beiden Spielen gezeigt. Und wie bitter das Spiel sein kann, wissen wir von Portugal. Diese Gruppe G hat es wirklich in sich, und ich bin froh, gestern doch so lange durchgehalten zu haben, weil dieses Match wohl eines sein wird, an das ich mich noch lange erinnern werde! Danke USA, danke Portugal!


Held des Tages:
Team USA als Ganzes. Fighting Spirit bis zum Gehtnichtmehr und durchwegs hohes Niveau fast aller Akteuere (Jones, Dempsey, Beasley, Bradley, Zusi, Beckerman und Howard waren top, Bedoya ein wenig enttäuschend und Geoff Cameron schaut 90 Minuten lang drein wie ein Psycho).
Die USA steigen in die Gruppe der beherzt-belohnten "Underdogs" aus der zweiten Reihe auf und finden sich in guter Gesellschaft mit Costa Rica, Kolumbien und Ghana wieder.

Buhmann des Tages:
Im Spiel gestern hat sich die Bezeichnung nicht wirklich jemand verdient. Außer vielleicht der Portugiese Eder, dessen Name schon Langweiliges verspricht, und der es auch unter Druck nicht schafft, ein notorisches Formtief zu überwinden. Im Gegensatz zum Beispiel zu Nani, der ja auch keine überragende Saison gespielt hat, oder auch Ronaldo, der als nicht-Fitter immer noch eine sehr gute Figur macht.

Sonntag, 22. Juni 2014

Ein Dreiviertel-Salto

Es geht sich immer wieder gerade noch aus für die Deutschen. Die Verfallserscheinung lässt sich aber bereits an Kloses Salto ablesen.


Es war das erwartet schwierige Spiel für Deutschland. Denn obwohl es nach dem 4:0 gegen Portugal fast niemand wahrhaben wollte: Die Deutschen sind noch nicht da, wo sie hin müssen, wenn sie Weltmeister werden wollen. Ghana hingegen spielt am Limit, das die Mannschaft immer ein bisschen nach zu setzen versteht, wenn Weltmeisterschaft ist. Ghana spielt wild, unermüdlich, passioniert. Man sehe sich nur Asamoah Gyan an, den Taktgeber Ghanas, den Torjäger, der in jeder Sekunde des Spiels 100% da ist. Kein Einwurf ist ihm unbedeutend genug, um auch nur eine Sekunde die Konzentration ein halbes Prozent herunterzufahren. Oder man betrachte den knallharten Muntari, der unbarmherzig mit den Gegenspielern ins Gericht geht; und der deswegen bzw. wegen zweier gelber Karten, die ihm diese Spielweise eingebracht hat, im entscheidenden Spiel gegen die USA fehlen wird.

Die Mängel im deutschen Spiel betreffen vor allem Philip Lahms neue Rolle im Mittelfeld, mit der er sich auch im zweiten Spiel noch nicht ganz anfreunden konnte. Sie betreffen die Vierer-Abwehrkette, die zwar im Schnitt wahrscheinlich die größte der Welt ist (Flanken und Kopftore dürften gegen Deutschland eigentlich nicht möglich sein), die aber in der Vorwärtsbewegung allzu klotzig wirkt. Allerdings sind das alles Dinge, die nicht so sehr ins Gewicht fallen, wenn man den Ruf hat, eine "Turniermannschaft" zu sein. Eine Mannschaft, die sich im entscheidenden Moment durchwurstelt, wenn es um alles geht. Eine Mannschaft auch, die über "Spezialkräfte" von Weltformat verfügt (O-Ton Löw). Eine solche Spezialkraft ist etwa der nun alleinige Rekordtorschütze der deutschen Nationalmannschaft: Miroslav Klose.

Es ist nämlich mit Deutschland so: Sie liegen ein Tor hinten gegen eine Mannschaft wie Ghana, und du weißt, dass das für Ghana nicht reichen wird. Selbst wenn Ghana zwei Tore Vorsprung gehabt hätte, wüsstest du: Wenn jetzt der Klose kommt, dann macht der drei Tore. Ich hab die Einwechslung Kloses übersehen und dachte doch die ganze Zeit an ihn. Sah es schon vor mir, wie er bei einem Eckball wie aus dem Nichts auftaucht, den Ball ins Tor köpft und dann seinen Salto macht. Und ich sah ihn den Fuß hinhalten im richtigen Moment, den Finger in den Himmel strecken und seine Mitspieler auf ihn stürzen, weil er Deutschland gerade den sicheren Sieg gebracht hat. Ich sah schon die Bildzeitung von morgen. Wenn nur dieser Klose kommt, dachte ich mir, ist alles vorbei!

Dabei stand er zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Feld, und ich sah ihn nur nicht. Ein paar Minuten später sah ich ihn dann: Er hielt den Fuß hin, der Ball fiel ins Netz und Miro machte seinen Salto, schaffte aber nur eine Dreiviertel-Drehung. Verfallserscheinung hin oder her - er hat es wieder mal gemacht und hat jetzt sogar Gerd Müller überholt. Der große Klose - der Abstauberkönig überholt den Abstauberkönig. Er muss aber nach dieser WM aufhören, sonst bleibt er bei der nächsten EM während seines Saltos kopfüber in der Luft stehen. Das wäre ein furchtbares Karriereende. Obwohl ich ihn nicht mag und er mich nie ob seiner Fertigkeiten begeistern konnte, bleibt am Ende doch der Satz stehen: Was für ein Klasse-Stürmer!

Der Mannschaft von Ghana muss man gratulieren, dass sie nach dem 0:1 nicht zerbröselt ist. Denn so ergeht es vielen Mannschaften gegen Deutschland - nicht nur Portugal. Gratulation auch, dass sie nach dem 2:2 nicht noch ein Tor bekommen haben. So ergeht es nämlich auch vielen. Vor allem, wenn Klose kommt, denn wenn der eingewechselt wird, möchte er sich auf die Bild-Titelseite schießen.
Und dieser Götze? Ein Kind im Grunde. Sein Tor war symptomatisch: Er trifft den Ball nicht richtig mit dem Kopf, hat aber das Glück, dass ihm das Spielgerät just auf das gebeugte Knie und von dort ins Tor springt. Ein Un-Tor eigentlich. Ein Nicht-Tor als Tor. Zufall, ohne den bekanntlich beim Fußball nichts geht. And what about Müller? Ist der große Hurra-Müller schon nach dem zweiten Spiel Geschichte? Nein, denn im Grunde hat er gestern die bessere Partie gespielt, tritt jetzt als Triebkraft im deutschen Angriffsspiel auf. Da muss der Nachname nicht zum Verb werden, aber Müller hat sich zum eigentlichen Leader gemüllert (Führer darf man ja hier nicht sagen) - zumindest gilt das so lange, bis es Schweinsteigert, dessen Auftreten der Mannschaft immer noch ein bisschen Voodoo-Kraft a la Drogba gibt.

Ein arges Ding für Ghana war das, obwohl sie natürlich gerne den Punkt mitnehmen. Das ärgere Ding war nämlich das Spiel gegen die USA. Und das Abschlussspiel gegen Portugal wird nochmal ein ärgeres Ding, da geht es nämlich dann wieder um alles. In der Gruppe G geht es jetzt sowieso immer um alles. So auch heute Nacht, wenn die US-Amerikaner gegen die seltsamen Portugiesen spielen. Vielleicht gibt uns die WM mit diesem ein weiteres Rätsel auf. Bis dahin müssen wir die Spiel der langweiligen Belgien-Gruppe erdulden. Der Super-Ober-Geheimfavorit muss heute seiner Rolle gegen Russland gerecht werden. Ob er das schafft? Mir eigentlich egal, ich werde da noch immer mit der Gruppe G beschäftigt sein...


Held des Tages:
Asamoah Gyan mit seinem schönen Tor zum 2:1. Wer weiß, wie lang er uns noch erhalten bleibt.

Buhmann des Tages:
Mario Götze, den ich jetzt schon nicht mehr sehen kann. Mit seinem Un-Tor, das so gar nicht zu dieser WM passen will.

Samstag, 21. Juni 2014

Die Unwägbarkeiten eines Turniers

Wer dachte, die WM wird nach der ersten Runde in die bequemen Gefilde durchschnittlicher Unterhaltung zurückfallen, der hat sich geschnitten. Eigentlich wird's immer besser.


Auf nichts kann man sich verlassen bei dieser WM! Nicht mal auf Italien, und so lässt uns ein weiterer "Großer" nach Spiel zwei ein wenig ratlos zurück. Wie schon Brasilien, wie schon England, Spanien, Holland und Uruguay. Wir kratzen uns am Kopf und wissen nicht, wem wir als nächstem unser volles Vertrauen schenken sollen. Auf das Argentinien-Spiel warten wir noch, auf Deutschland eh auch. Und ehe wir uns versehen, kommen auf einmal die Franzosen daher und stehen nach zwei Spielen mit drei Punkten und einem Torverhältnis von 8:2 da. Aber alles der Reihe nach...

CRC - ITA 1:0


Tatsächlich haben die Ticos das eigentlich Unmögliche geschafft und stehen nach zwei Spielen als Sieger der im Vorhinein als sehr schwierig eingeschätzten Gruppe D fest. Bitte was? Costa Rica? Gegen drei Ex-Weltmeister? Gegen das grundsolide Italien, das neu erstarkte England und den WM-Vierten von Südafrika? Wer darauf gewettet hat, dem sei gratuliert, denn das hätten sich die Costa Ricaner wohl selbst nicht zugetraut.
Mehr als ich über die Ticos verwundert bin, bin ich von den Itakern enttäuscht. Zuerst habe ich mich gefreut, weil der im ersten Spiel eine so unglückliche Figur machende Paletta nicht dabei war. Dass sich Italien aber dann so steif und klobig präsentieren würde, war doch überraschend. Vielleicht war es der Schiss, gegen die furchtlosen Costa Ricaner zu viel zu riskieren?

Die "kleinen Teams", gegen die man technisch nicht auf Augenhöhe spielen kann, gegen die man sich aber taktisch einiges überlegen muss, und die am Ende immer den psychologischen Vorteil haben, das sind die vorläufigen Gewinner dieser WM. Das ist erstmal schön und gut so.
Die "Großen" aber wachsen mit ihren Aufgaben und spielen ihren besten Fußball immer dann, wenn es gegen die gefährlichsten Gegner geht und das Spiel am wichtigsten ist. Diesem Druck der Okkasion können am Ende Teams wie Costa Rica oder Kolumbien nicht standhalten. Das behaupte ich jetzt trotz des Wissens, dass es bei dieser WM noch jedes Mal anders gekommen ist als erwartet!

Die Gruppe D allerdings wird noch spannend. England ist einmal draußen, aber wer folgt Costa Rica ins Achtelfinale? Im direkten Duell, das ein praktisches Sechzehntelfinale ist, stehen sich jetzt zwei Teams gegenüber, die in zwei Spielen völlig unterschiedliche Seiten gezeigt haben: Uruguay und Italien. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass die Entscheidung um den Achtelfinalplatz etwas mit den Namen Balotelli und Suarez zu tun haben wird. Somit hat das Spiel jetzt schon einen bitteren Beigeschmack; es schmeckt ein wenig schandhaft und gefährlich. Wie die Luft vor einem Gewitter. Wie jener italienische Aperitiv, der den Namen Pirlo trägt. Ich behaupte: Das wird ein Knaller!


FRA - SUI 5:2


Interessant, wenn man sich die Statistiken zu diesem Spiel anschaut: Frankreich hatte weniger Ballbesitz, was nach der Überwindung von Tikitaka tendenziell als ein gutes Zeichen zu werten ist (s. Salzburg, s. Holland). Denn schließlich kommt es darauf an, was man mit dem Ball macht, wenn man ihn erstmal hat; ob man ihn in den eigenen Reihen herumschiebt, oder den Zug zum Tor sucht. Den suchte Frankreich, und während sich "Les Bleus" auf eine erfolgreiche WM-Kampagne eingroovten, wurde der Schweizer Stern engültig in der französischen Offensivmaschine zerrieben. Dabei schossen die Franzosen nur 5 Mal öfter als die Schweizer, dafür doppelt so oft aufs Tor. Das zeigt, dass die Schweiz oft nur aus Verlegenheit den Ball Richtung Tor holzten - ein Beweis auch für die funktionierende Defensivleistung der Franzosen. Die beiden Tore für die Schweiz fielen ja erst in den letzten 10 Minuten des Spiels, wo eh schon alles wurscht war.

5 Tore von 5 verschiedenen Spielern - auch das sind immer gute Nachrichten, denn es zeigt, dass Frankreich nicht von einem Benzema abhängig ist, obwohl dieser seine gute Form aus der Ligasaison in die WM hinüberretten konnte. War das erste Spiel der Blauen noch nicht aussagekräftig genug, weil es gegen den Gruppenaußenseiter Honduras ging, wird sich die wahre Größe der Franzosen kurioserweise im letzten Gruppenspiel gegen Ecuador zeigen. Da greift nämlich jener Effekt, den ich oben beschrieben habe. Frankreich hat sich nämlich nach nur zwei Spielen rehabilitiert und weiß sich jetzt wieder dort, wo es lange gewesen ist: Inmitten der großen europäischen Fußballnationen. Vielleicht ein bisschen hinter Deutschland, aber wie es momentan aussieht neben Italien und Holland, und sogar noch über England und Spanien. Ein schöner Platz ist das - jetzt nur nicht nervös werden!



Held des Tages:
Bryan Ruiz, der mit seinem Treffer gegen Italien nicht nur seiner eigenen Nation einen schönen Tag bescherte, sondern einer anderen (England) gleichzeitig das fixe WM-Aus garantierte. UND: Wir bekamen wieder mal ein bisschen Torlinientechnologie aus Deutschland zu sehen! Viel mehr kann man mit einem Tor nicht erreichen!

Buhmann des Tages:
Cassano, von dem ich dachte, Italien käme ganz ohne ihn aus. Er steht für die schmutzige Berlusconi-Ära. Eine zwielichtige und grausame Figur, nicht nur optisch sondern auch menschlich!

Freitag, 20. Juni 2014

Offenbarungen

Manchmal ist Fußball zum Weinen schön: Wie Spielfreude und Einzeltäter den WM-Tag wohlig machten.


Hochinterressante Duelle bot der gestrige WM-Tag - natürlich mit Ausnahme des Nachtspiels Japan gegen Griechenland. Ich glaube, ich werde am Ende der WM kein Spiel von Japan gesehen haben und auch nicht traurig darüber sein. Über die anderen Spiele gestern war ich aber höchst erfreut, weil sie Abwechslungsreiches und gleichermaßen Unerwartetes boten. So kam es beim Duell Elfenbeinküste gegen Kolumbien zu einem Aufeinandertreffen frisch und unbeschwert aufspielender Mannschaften. Das unglückliche England steht hingegen vor dem Aus, weil die Urus unerwartet wiedererstarkt sind. Schuld daran trägt nur ein Mann...

ENG - URU 1:2


Wer hätte das gedacht, dass der zwischenzeitliche WM-König Luis Suarez heißen würde? Neymar war okay, Messi hat bis jetzt eher enttäuscht, C. Ronaldo war nicht zu sehen. Und dann kommt Suarez im zweiten Spiel der garstigen Urus, die letztens noch so uninspiriert zu Werke gingen, dass man sie am liebsten ohne zweites und drittes Spiel nach Hause geschickt hätte, und macht mit zwei Toren alles klar. Und was für Tore waren das! Suarez zeigte damit in seinem ersten Spiel, dass er nicht nur Lausbub, sondern eben auch ein Top-Stürmer ist; einer, der den Unterschied machen kann. Sympathisch wird er mir deswegen nicht, aber seine Leistung erkenn ich gerne an, zumal sie von einem inspirierter auftretenden Team Uruguay getragen wurde. Uruguay ist vielleicht auch eine Mannschaft, die an ihren Aufgaben wächst.

England wiederum tut mir Leid. Das erste schwere Spiel gegen Italien, in dem man sich so gut verkauft hatte, ließ für Spiel zwei größere Hoffnungen zu. Gerade wegen der schwachen Leistung Uruguays gegen Costa Rica. Aber so sehr man sich auch mühte, es ging nichts rein. Trotzdem wird man das Spiel nicht vergessen, weil Wayne Rooney seinen ersten WM-Treffer überhaupt erzielte. Und fast glaubte man, es sei nicht nur sein erster, sondern gleichzeitig auch ein immens wichtiger, einer, der England hoffen lassen könnte. Jetzt aber steht England nach zwei Spielen mit 0 Punkten da und kann aus eigener Kraft nicht mehr weiterkommen. Ein Lichtblick: Bei der nächsten Euro wird mit England wieder zu rechnen sein. Und man spart sich erstmal das Elfmeterschießen...

COL - CIV 2:1


Auch das 18-Uhr-Spiel war eine Offenbarung. Kolumbien gegen Elfenbeinküste lautete das Duell, und dabei handelte es sich um zwei Mannschaften, die gern von Leuten gemocht werden, die was von Außenseitern halten. Das Stichwort lautet "unbeschwertes Spiel", denn ohne die Last von vielen Dekaden Fußball-Geschichte und der entsprechenden Erwartungshaltung von Fans und Volk spielt es sich für gewöhnlich leichter. Man hat nichts zu verlieren, aber eben auch nichts zu verschenken. So kommt es dann, dass Leute wie Cuadrado wie aufgezogen eine Sensations-Szene nach der anderen bieten. Da wird getrickst wie sonst nur in der Schülerliga oder auf der Spielkonsole. Es hilft natürlich auch, wenn man die Atmosphäre genießen kann, zum Beispiel wenn das ganze Stadion gelb ist und bei jedem Pass mitheult. So muss es auch gestern für die Chilenen gewesen sein, als nach dem letzten Ton der Nationalhymne das ganze Maracana-Stadion die zweite Strophe angestimmt hat. Für solche Momente lebt man als Fußballer - und das gilt vor allem für die "kleineren Nationen" mit Spielern, die vielleicht nicht jede Saison im Champions-League Halbfinale spielen.

Es hilft auch, wenn man, wie der Ivorer Serey Die, beim Abspielen der Nationalhymne zu weinen beginnt, weil man von der Situation überwältigt ist, sich dann extra reinhaut und eine Hammerpartie spielt. Oder wenn man, wie Gervinho, einfach wieder mal die ganze Verteidigung ausspielt, also ein Solo nach alter Schule macht, und dann auch noch trifft. Oder wenn man einen Ball in den Strafraum schlenzt, und damit nicht nur Abwehr sondern auch Mitspieler überrascht und dann der Fallrückzieher zu kurz kommt. Und manchmal hilft die alleinige Erscheinung des großen Drogbas eben auch nichts. Denn Kolumbien ist nicht Japan (was letztere spätestens in ihrem gestrigen Spiel gegen die Griechen bewiesen haben), und die Elfenbeinküste eben doch "nur" die zweitbeste afrikanische Mannschaft dieses Turniers, auch wenn sie momentan noch einen Sieg mehr haben als Ghana...


Held des Tages:
Nicht Suarez, dafür ist es noch zu früh. Er hat sich noch nicht rehabilitiert, obwohl das Trösten seines Liverpool-Teamkameraden Gerrard schon eine schöne Szene war.
Held hingegen war heute eindeutig Juan Cuadrado, der kaffeegedopte Mittelfeld-Wirbler von Kolumbien, der durch sein spektakuläres und unermüdliches Agieren nicht nur Mitspieler, sondern auch Fans verzückte.

Buhmann des Tages:
Wahrscheinlich irgendeiner aus dem Griechenland-Japan-Spiel. Für sonstige Buhmänner war gestern kein Platz!

Donnerstag, 19. Juni 2014

Das Glück, der Zufall und die Dummheit

Fußball ohne Zufall - das wäre reine Rechnerei. Und wer das Glück hat, hat dies immer auch zu rechtfertigen.


Das Glück, das haben immer die Dummen oder die Tüchtigen. Darauf kann sich der Volksmund noch nicht so recht einigen. Gestern hatten alle ein bisschen Glück und stellten sich dabei mal dumm, mal
tüchtig an. Also gibt auch der Fußball keine Antwort darauf, ob jetzt die Tüchtigen oder die Dummen die wirklich Glücklichen sind. Früher war es einfacher, da hatten im Fußball das Glück immer die Deutschen. Ob aus Dummheit oder Tüchtigkeit - darüber scheiden sich die Geister.

NED - AUS 3:2


Fast hätte ich jetzt 2:3 geschrieben, und bin da gar nicht so weit entfernt. Letztlich wäre auch ein 2:2, ein 4:2, ein 2:4 oder ein 3:3 möglich gewesen. Ja, es ist immer alles möglich. Aber so möglich wie gestern alles Denkbare war... Es hätte genauso gut sein können, dass ein Vogel dem Schiri ins Auge kackt und das Spiel abgebrochen werden muss und dann von zwei Fans im Elferschießen entschieden wird. Ok, da hätte das Fifa-Reglement vielleicht was dagegen, aber gerade das Fifa-Reglement löst den Wahlspruch der österreichischen Lotterien immer am besten ein: Alles ist möglich!

Holland also nach dem furiosen Auftritt gegen den nun schon fix Ex-Weltmeister Spanien mit der erwartet schweren Aufgabe gegen Australien: Schwer, weil die Erwartungen hoch waren; schwer aber auch, weil man schon im ersten Spiel sehen konnte, dass Australien Kampfgeist und Disziplin besitzt, zwei Attribute, die es jedem "Großen" schwer machen. Dass Holland - wie Argentinien in seinem ersten Spiel - mit fünf Defensiven auflief, war dumm. Und Dummheit wird im Fußball selten belohnt. Es gibt aber Ausnahmen, und deswegen machte Holland nach langem Schweinskick wie aus dem Nichts ein Tor. Ungerecht, weil eigentlich unverdient war diese Führung, und das dachten sich sicher auch die Australier. Also machten sie postwendend den Ausgleich, auf holländische Art: Flanke von hinten, Tor  - so einfach ist das. 1:1, also eigentlich wieder 0:0.

So unerklärlich dieses Ausgleichstor war, so schön war es auch. Und eigentlich wars irgendwo auch Zufall. Schon die Flanke von Ryan McGowan fand mehr oder weniger glücklich den Fuß von Cahill. Ausgesehen hat es wie einstudiert - und muss doch, bedenkt man die fußballerische Klasse Australiens, eigentlich Zufall gewesen sein. Zufällig, aber gerecht! Weil das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun. Zufall, Glück und Gerechtigkeit sind ja aus dem Fußball nicht wegzudenken, obwohl sie mit dem Spiel an sich nichts zu tun haben. Sie sind da und nehmen Einfluss, obwohl man nie genau sagen kann, wie.
Die erste Halbzeit brachte jedenfalls spielerisch nichts, und doch stand am Ende ein 1:1 da.

In der zweiten Halbzeit hatte Holland einen anderen Plan. Louis van Gaal dachte sich, dass es vielleicht doch nicht so fesch ist, gegen einen Underdog feig ein Nicht-Spiel aufzuziehen und auf zufällige Treffer zu hoffen. Aber da hatten auch schon die Australier Glück und bekamen einen Elfer zugesprochen, der keiner war. Ungerecht! Aber auch wieder irgendwie gerecht, weil man sich den Führungstreffer doch verdient hatte. Die Tüchtigen eben... Nur, dass man auch wissen muss, dass das Glück ein Vogerl ist! Und kaum hatte man sich die Führung schenken lassen, musste man van Persie dabei zusehen, wie er dem Glück den Vogel zeigt und zum 2:2 ausgleicht. Perdauz!, dachte sich der Fußball-Fan, wie mag das wohl weitergehen?

Man hätte es bei einem 2:2 bewenden lassen, oder sich auf ein 3:3 einigen können. Stattdessen schenkt der Zufall Holland ein weiteres Tor. Einen halbherzigen Weitschuss von Memphis Depay vermochte der australische Keeper nicht zu halten und so stand es in der 68. Minute auf einmal 3:2. Dann ging es noch ein paar Minuten hin und her und als jemand, der diesem fußballerischen Wahnsinn bis jetzt zugesehen hat, wusste man, dass hier noch alles passieren kann. Schließlich ließen aber die Konditionsreserven der Australier nach und Niederlande spielte seinen zweiten Sieg nach Hause. Jetzt steht man fix im Achtelfinale mit zwei Siegen - vor sich ein Spiel um den ersten Gruppenplatz, um vielleicht Brasilien umgehen zu können. Wie das gegangen ist, weiß man nicht so recht.

Weil aber die Gruppe A nicht ohne die Gruppe B gedacht werden darf und umgekehrt, könnte man sowohl mit einem ersten als auch mit einem zweiten Platz auf die äußerst unangenehmen Kroaten treffen, die im ersten Spiel dem Titelfavoriten Brasilien das Leben schwer gemacht haben, und die sich gestern mit einem 4:0-Sieg gegen das desolate Kamerun richtig viel Selbstvertrauen für das letzte Spiel gegen Mexiko geholt haben. Überhaupt sind sowohl Brasilien als auch Mexiko unangenehme Achtelfinalgegner - und die Kroaten sowieso! Wie es derzeit aussieht, würde sich Holland vielleicht sogar gegen Brasilien leichter tun als gegen Kroatien. Vielleicht geht es im letzten Gruppenspiel ja auch darum, zu verlieren, um dem unangenehmeren Gegner zu entgehen. Wer das sein wird, steht freilich erst nach dem letzten Spiel der Gruppe A fest. Das ist spannend, und da ist noch viel Platz für Zufälle und Glück. Und auch für Dummheiten.


ESP - CHI 0:2


König Juan Carlos dankt ab, und auch die Furia Roja scheint Geschichte zu sein. An einem Punkt dachte ich mir: "Spanien liegt 0:1 hinten und Xavi sitzt auf der Ersatz-Bank", und da wusste ich, dass dies das sicherere Zeichen für den spanischen Untergang war als die 1:5 Niederlage gegen Holland letzte Woche. Chile hat gezeigt, dass sie den Erwartungen, die nach der letzten WM in sie gesetzt wurden, doch gerecht werden können (auch wenn dies vor dieser WM wieder keiner geglaubt hätte). Spanien hingegen ist raus. Ende, vorbei. Schlusspunkt im ehrwürdigen Maracana-Stadion. Am traurigsten ist, dass sie noch ein Spiel zu bestreiten haben - ein völlig überflüssiges gegen Australien, das sie nicht einmal verlieren dürfen. Wir verabschieden uns von diesem beeindruckenden Spanien, das die letzten Jahre den Fußball geprägt hat wie kein anderes Land; das zwei Mal Europa- und einmal Weltmeister geworden ist; das uns mit seinem Tiki-Taka zuerst verzaubert, und dann ganz schön genervt hat. Schön, dass wir das alles erleben durften! Danke Xavi, danke Iniesta, Puyol, Alonso, Casillas, Ramos, Pique und wie sie alle heißen! Man kann ihnen nur wünschen, dass sie beim nächsten Mal wieder zum engen Favoritenkreis zählen werden und nicht in die talentierte Mittelklasse abrutschen, wo sie vorher so lang gewesen sind.


Held des Tages:

Der Andre Agassi des Fußballs, Chiles Trainer Jorge Sampaoli. Keiner ist hemdsärmeliger als er, und schlauer sind auch nicht viele.


Buhmann des Tages:

Louis van Gaal für die erste Halbzeit seiner Mannschaft. Ein totaler, grauenhafter Irrweg, der Anklänge an Rehakles hatte. Mit Halbzeit zwei hat er den Kopf aus der Schlinge gezogen, aber ohne dem Glück der Dummen hätte es schlecht ausgesehen!

Dienstag, 17. Juni 2014

Über Effektivität

Herzog will was sagen, allein er weiß nicht, was!

 Die USA üben sich in Effektivität, und Herzog wird dafür vom ORF gelobt. Ghana bleibt unglücklich aber fleißig. Und warum die WM auch im Großen gesehen sehr effektiv ist.


Ein unsympathischer Titel für einen Blog-Eintrag ist das schon. "Über Effektivität", das klingt nach einer ausholenden abstrakten Erörterung; da kann man sich nichts drunter vorstellen, das langweilt schon im Vorhinein, ja eigentlich ist das unbedingt zu vermeiden! Aber der Begriff Effektivität ist nunmal einer, der sich schwerlich ersetzen lässt; und weil das Thema hier eben jene Effektivität sein soll, hält sich schon der Titel ans Thema: Er erklärt kurz und bündig, worum es geht. Ohne Metaphern, ohne Ausweichen. Dass der Begriff ein abstrakter ist, kommt in diesem Fall nur gelegen. Es geht nämlich um zwei Arten der Effektivität: Die spielerische und die dramaturgische.

"Effektiv haben sie gespielt", hört man meist, wenn eine Mannschaft für das Spiel genau gar nichts getan, aber mit einem Tor Unterschied gewonnen hat. Es hört sich beschönigend an, als würde man den Gammelfußball in Schutz nehmen wollen. Und meistens ist mit dem Prädikat "effektiv" auch genau das erreicht. Denn es ist effektiv, wenn man Kräfte schont, nur das Nötigste macht, und am Ende drei Punkte aus dem Spiel mitnimmt. Effektiv ist aber selten schön. Effektivität hat keinen Platz für Fehler, für Ungereimtheiten und ist deshalb per se unspannend. Das spanische Spiel etwa war vielleicht oft im Ergebnis effektiv, die Spielgestaltung aber war es nicht: Ständig den Ball zirkulieren lassen, ständig hochkonzentriert, aufwändige Pass- und Laufwege bis am Ende endlich der Torerfolg stand. Aber auch das holländische Spiel ist nicht effektiv, weil es vom Versuch lebt. Es wird versucht, und wenn etwas gelingt, ist es großartig. Wenn es aber nicht gelingt, schlittert man ganz schnell in die Katastrophe. "Vorne mehr Tore schießen als hinten bekommen", das ist nicht effektiv, aber es ist aufregend! Es ist zumindest besser als "hinten nichts bekommen und vielleicht vorne eins reinmachen".

GHA - USA 1:2


Warum ich hier über Effektivität doziere? Weil das Team USA gestern ein höchst effektives Spiel abeliefert hat. Nach 30 Sekunden stand es 1:0 für die US-Boys, und dann reichte es, diese Führung 82 Minuten lang zu verteidigen. Die Möglichkeit eines späten Gegentreffers ist in dieser Rechnung immer mit drin. Meistens setzt man darauf, dass Frust und Müdigkeit den Gegner mürbe machen und so mit Fortdauer der Spielzeit die Wahrscheinlichkeit für ein Gegentor sinkt. Nicht so bei Ghana, die unbeirrt über 80 Minuten konstant auf das amerikanische Tor spielten (21 Schüsse waren es insgesamt am Schluss). Allein, es fehlte der letzte Kniff, ein bisschen Glück, bis Ayew in Minute 82 endlich endlich das 1:1 machte. Ich hätte zur Mitte der zweiten Halbzeit sogar noch auf einen Sieg Ghanas gewettet, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass das US-Team dem Ansturm so lange stand hält.

Doch vier Minuten später, die US-Amerikaner nahmen fast widerwillig wieder am Spielgeschehen teil, köpfte nach einem Eckball Team-Neuling Brooks zum 2:1 ein. Da tat mir Ghana Leid - wieder einmal wurde der Fleiß nicht belohnt. Für die USA war es das: Ein Tor in der 1. und eines in der 86. Minute waren genug für den zwischenzeitlich zweiten Platz in der Gruppe G. Unverdient? Jein, denn in der ersten Hälfte fand das Spiel doch in zwei Hälften statt. Da machten die Amerikaner noch mit und kamen auch zu einigen Chancen auf das 2:0. Nach der Halbzeit aber wurde nur noch verteidigt, und das ziemlich gut, weil spielerisch. Das ist kein Riegel-Holzen, das ist ein dynamisches und aktives Hintendrinstehen mit Anfälligkeit für Fehler. Die verstand Ghana zu wenig zu nutzen. Der Trost, dass Ghanas Tor eines der schönsten bisher war, wird den Afrikanern dennoch nur ein geringer sein.

Für Klinsmanns (und Andi Herzogs, wie der ORF nicht müde wurde zu betonen) Mannschaft war dieser Sieg wichtig, vor allem in Hinblick auf die schwache Leistung Portugals. Portugal kommt zerstört und geschwächt aus dem Auftaktspiel, aber auch die USA mussten drei Mal verletzungsbedingt wechseln, was freilich kein gutes Vorzeichen für die kommenden Spiele ist. Ghana kann im Prinzip nur noch auf irgendetwas nicht in ihrer Macht Liegendes hoffen, denn gegen Deutschland wird man sich nur schwerlich drei Punkte holen können.
Für mich persönlich ist es schade, dass Ghana und USA in einer so schweren Gruppe gelandet sind, da mir beide Mannschaften immer imponieren. Das sind Fußballnationen aus der dritten Reihe, knapp vor den Zwergen anzusiedeln, die aber spielen wie welche aus der ersten. Dieses Selbstbewusstsein wäre bei Kroatien, Bosnien oder Nigeria auch gut aufgehoben.


IRA - NIG 0:0


Dass in diesem Spiel insgesamt von beiden Mannschaften weniger Schüsse gekommen sind als in der eben besprochenen Partie, ist nicht verwunderlich. War dies doch die eigentlich "lang ersehnte" erste schlechte Partie dieser WM. Eine programmierte Fadesse zur Hauptabendzeit ist schon eine Frechheit. Nach den großartigen Partien der letzten Tage hatten wir aber die stille Hoffnung, diese Paarung zweier Halblustiger könnte sich doch zu einem ansehnlichen Schlagabtausch entwickeln. Weit gefehlt! Das war kein Fußballspiel, das war Sendezeitverschwendung! Das erste Unentschieden, das erste torlose obendrein, hat mir aber wenigstens Zeit gegeben, mich ein bisschen von den nervlichen Strapazen des Deutschland-Spiels zu erholen.

Und doch war es effektiv! Anstatt müde Partien gleichmäßig auf alle Gruppen aufzuteilen, hie und da ein Unentschieden einzustreuen oder ein glückliches 1:0, entschied sich diese Weltmeisterschaft, das alles in ein Spiel zu stecken, von dem sich sowieso keiner was erwartet hat. Clever, und wiederum sehr effektiv, wenn man es vom Dramaturgischen her betrachtet. Für die Gruppe F heißt das Unentschieden nämlich auch noch genau gar nichts, höchstens, dass sich Bosnien (rein spielerisch) Hoffnungen auf zumindest den dritten Platz machen darf.

Wenn meine Vermutung über die Effektivität stimmt, dann geht es heute munter weiter mit dem heiteren WM-Geballere. Auf dem Spielplan steht nämlich Mexiko gegen Brasilien (huch, wir sind schon einmal durch?) und der erste Auftritt des großen Geheimfavoriten Belgien, das sich gegen Algerien aufwärmen darf. Auch heute dürfen wir wieder früher ins Bett, weil zu später Stunde Russland gegen Südkorea spielt und wir, selbst wenn das ein tolles Spiel werden sollte, nicht allzu viel versäumen werden. Sag ich jetzt mal so. Weil die Gruppe H die Jammergruppe ist. Außer Belgien - aber das wissen ja eh alle.


Held des Tages:

Asamoah Gyan, der unermüdliche Rackerer, hat sich mit seiner Vorarbeit zum 1:1 für Ghana einmal mehr unsere Sympathien verdient. Er ist Afrikas bester Fußballer, auch wenn das objektiv nicht stimmen mag.


Buhmann des Tages:

 Andi Herzog, der vom ORF gehypte Co-Trainer von Team-USA. Er hat eigentlich nichts gemacht, aber wenn er dafür vom ORF so gelobt wird, kann er ruhig an dieser Stelle genauso unbegründet Buhmann werden.

Freitag, 13. Juni 2014

Heimvorteil

Erst ein Spiel gespielt und die Wogen gehen schon wieder hoch. Und auch, wenn es für die Kroaten ärgerlich war, stimmten am Ende Ergebnis und Erwartung überein.



Es ist WM, es ist Eröffnungsspiel, das Stadion kocht, bebt und zittert. Nicht allein, weil es noch nicht fertig gestellt ist, sondern weil gefühlt halb Brasilien in der Arena Corinthians in Sao Paolo Platz gefunden hat. Die andere gefühlte Hälfte liefert sich wohl irgendwo Straßenschlachten mit der Polizei, aber davon ist am Rasen nichts zu spüren als die Selecao ihre Hymne gegen die Menge plärrt. Das Abfahren der Gesichter mit der Kamera während der Hymne ist ja eigentlich eine Desavouierung des Heldenhaften noch bevor die Spieler die Chance hatten, irgendwas Heldenhaftes zu vollbringen. Da gibt es angestrengte Sänger, die bei jeder Silbe kräftig Luft holen, um noch mehr Kraft in ihr Geplärre hineinzubringen. Da gibt es die bloßen Lippenbeweger, die konsequenten Schweiger, die zu cool zum Singen sind. Und es gibt die Tenöre, die brav und laut (wenn auch nicht besonders schön) singen. Und es gibt Neymar, den es die Tränen in die Augen drückt.

Was konnte man an diesen Gesichtern ablesen? Zunächst, dass es prinzipiell vier Typen Brasilianer gibt: Den Wuschelkopf, der meistens in der Verteidigung spielt (siehe David Luiz, Marcelo, Dante); Dann gibt es den Berserker (Maicon, Hulk, Dani Alves), der alles niederrent, was es zum Niederrennen gibt, einschließlich sich selber. Weiters im Aufgebot steht der Typus des unansehnlichen Talents (siehe Thiago Silvas Wurstlippe oder die seltsam arabeske Physiognomie Luiz Gustavos). Der Rest der Mannschaft ist das, was man in Österreich "Zniachtal" nennt. Das sind harmlos wirkende Schwächlinge, die man erst belächelt. Wie in einem Computerspiel sind es aber freilich die, die am gefährlichsten sind: Neymar, die brasilianische Manga-Figur, ist so einer, aber auch Oscar, Bernard und der Buchhalter-Typus Fred. Traut man denen den WM-Titel zu? - Muss man, denn brasilianische Nationalmannschaften haben schon seit jeher immer gleich ausgesehen. Das konnte man an den Bildern von Cafu und Kaka auf der Tribüne erkennen.



Die Selecao begann zaghaft, zu gut standen die Kroaten zu Beginn in der eigenen Hälfte. Es war, als hofften die Brasilianer darauf, dass der Schiedsrichter nur anzupfeifen brauchte und auf einmal würden sich ihre Beine von selbst bewegen und der Ball ganz von allein und zauberhaft ins gegnerische Tor rollen. Doch die Euphorie der Fans vor dem Auftaktmatch wollte auch von Aktionen auf dem Feld begleitet werden. Das zu erkennen kostete den Brasilianern etwas Zeit. Jetzt war es vorbei mit Samba und Halligalli, jetzt musste guter Fußball gespielt werden!

Die Kroaten nutzten den Druck, unter den Brasilien zu stehen schien, gut aus, zogen sich zurück und warteten ab, um dann im rechten Moment gefährliche Konter zu fahren. Brasilien blieb zwar über weiter Strecken die spielbestimmende Mannschaft, schien aber zunächst mehr Schwierigkeiten mit sich selbst zu haben als mit dem Gegner.

Dann kam es zur großen Katastrophe: Im Auftaktspiel der Heim-WM passierte Marcelo das ultimative Missgeschick, und die Kroaten gingen durch sein Eigentor 1:0 in Führung. Wie man so oft sagt, tut ein solches Führungstor für den Underdog dem Spiel gut. Gestern hatte es zumindest den Effekt, dass Brasilien endgültig erkannte, dass nichts von alleine geht. Und dann war es ausgerechnet Neymar, der 18 Minuten später zum Ausgleich einschoss, und nicht nur sein Land und seine Mannschaft, sondern vor allem seinen Teamkollegen Marcelo von allen Ängsten erlöste.

Denn dieses 1:1 war in Wahrheit ein Führungstreffer; zumindest fühlte es sich so an. Seltsamerweise nahmen nämlich die Kroaten von ihrer gar nicht unverdienten Führung überhaupt kein Momentum mit, und verhielten sich nach dem Ausgleich auch so, als wären sie in Rückstand geraten. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein täte da schon gut. Leicht gesagt, denn wie erwähnt muss die Atmosphäre miteingerechnet werden: Eröffnungsspiele können für den Gegner des Gastgebers grausam sein, wenn er auch noch Außenseiter ist. Diese Erfahrung mussten die Kroaten später im Match noch einmal machen...

Dabei holte Kroatien aus dem geschwächten Kader einiges heraus. Rakitic und Modric, von dem ich immer dachte, er würde vielleicht mit kurzen Haaren besser aussehen (NOT!), agierten großartig im Mittelfeld und der unglaubliche Olic rannte ständig im Volltempo die Seitenlinien rauf und runter. Allein, es half nichts, denn spielgestalterisch war man den Brasilianern erwartungsgemäß unterlegen. Man konnte sich zwar die eine oder andere Chance herausspielen, aber was man sich von Chancen, die nicht verwertet werden, kaufen kann, weiß jeder Österreicher am besten.

Es kam, wie es kommen musste, aber eigentlich nicht kommen dürfte: Brasilien bekam einen Elfmeter zugesprochen bzw. geschenkt. Der japanische Schiedsrichter hatte die Hosen voll und sah eine Handberührung Lovrens and Buchhalter Freds Schulter als Foul an. Sein Hirn wägte wohl in den Millisekunden zwischen Freds Fall und dem Pfiff ab, ob elf erzürnte Kroaten oder tausende erzürnte Brasilianer leichter zu ertragen wären. Nishimura entschied sich für Brasilien und Neymar trat an. Der Elferkiller Pletikosa - wie hätte man es den Kroaten gewünscht, dass er den Elfmeter, der keiner hätte sein dürfen, gehalten hätte. Doch hätte, hätte, hätte - dran war er, aber es stand 2:1. Brasilien war erlöst, und wenn Neymar so weiter macht, wird die Christus-Erlöser-Statue abmontiert an ihrer Statt seine Manga-Figur hingestellt.

Das 3:1 war dann nur noch Kosmetik, obwohl die Kroaten, wütend wie sie waren, noch energische Vorstöße auf das brasilianische Tor unternahmen. Brasiliens Abwehr sah da nicht immer so glücklich aus, aber Oscars Tor in der 93. Minute fixierte den Endstand, den wohl auch viele so getippt haben.

Am Ende war Brasilien zu stark für Kroatien, das es nur ansatzweise verstand, die Unsicherheiten im brasilianischen Spiel auszunutzen. Diese werden weniger werden, das sind schlechte Nachrichten für die folgenden Gegner der Selecao. Kroatien aber darf ruhig ein bisschen mehr so sein, wie man sich die Kroaten eigentlich vorstellt: Stolz, ein wenig zu stolz und ein bisschen größenwahnsinnig vielleicht. Galten früher die Jugoslawen als die Brasilianer Europas, so braucht es für das kroatische Team genau dieses Selbstbild, um die eigenen Stärken auch im Endergebnis sichtbar zu machen. Da kommt es jedoch ungelegen, dass man jetzt dem Schiedsrichter die Schuld an der Niederlage geben kann.

Es war ein schönes, aufregendes erstes Spiel. Eigentlich ungewohnt, da Eröffnungsspiel und Finale in dem nicht unbegründeten Ruf stehen, potenziell langweilig zu sein. War das ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt? Wenn ja, dann Prost Mahlzeit!


Held des Tages:

Der Spray! Jeder Freistoß ein Ereignis!


Buhmann des Tages:

Ja, leider der Schiedsrichter, aber ohne solche Fehlentscheidungen ist eine WM nicht mehr zu haben.Und man kann eine WM nicht nur mit europäischen Spitzenschiris bestreiten, die ich von der Kulisse und den Weltstars nicht beeindrucken lassen.
Höre ich irgendwen Videobeweis sagen? Tja, wir haben jetzt Torlinientechnologie und einen Freistoßspray. Das ist an FIFA-Maßstäben gemessen revolutionär.

Donnerstag, 12. Juni 2014

Der Katzentisch

Sieht exotisch aus, aber was ist drin, in den Gruppen E und F? Eine Einladung an den Katzentisch...


Die Gruppen E und F kommen mir ein bisschen lahmarschig vor. Da sind zwar Teams wie Frankreich und Argentinien zu finden, aber eben leider auch solche wie Honduras und Ecuador. Abseits der durchaus interressanten Gruppen A, C und D sowie der Hammergruppen B und auch G, fristen diese ein Dasein auf dem Katzentisch. Ich hoffe, ich täusche mich mit dieser Einschätzung, aber bei Teams wie Iran, Bosnien, Ecuador und Honduras vergeht mir ein bisschen der Fußball-Appetit. Vielleicht verhält es sich aber mit diesen Teams so wie mit dem jeweiligen landestypischen Essen: Zuerst graust es einen, wenn man es sieht, dann probiert man und findet es eh nicht schlecht. Daheim erzählt man dann allen, wie toll das Essen war, aber wenn man dann zum Iraner um die Ecke geht, bleibt es meistens auch bei nur einem Besuch.

Meiner Seel, die Gruppe E! Schweiz vor Ecuador, Frankreich und Honduras- wer hätte sich das vor 10 Jahren vorstellen können? Die braven Eidgenossen haben in Sachen Fußballentwicklung fast alles richtig gemacht, in den letzten großen Turnieren eine ordentliche Figur abgegeben und sind obendrein neben Brasilien das einzige Team, das Spanien in den letzten Jahren schlagen konnte. Leider hat es ihnen vor vier Jahren nichts gebracht, denn sie sind trotz Sieg gegen Spanien in der Vorrunde ausgeschieden.

Frankreich hatte 2010 einen Totalausfall zu verzeichnen und schied ebenfalls in der Vorrunde aus. Der dumme Trainer Domenech, der seine Mannschaft nach Sternzeichen aufstellte, und interne Querelen ließen die Franzosen in Südafrika sang- und klanglos untergehen. Bei der Euro vor zwei Jahren gab es eine Rehabilitierung. Les Bleus sind auf dem Weg zurück, aber wohin wird dieser führen? Man müsste wohl Gruppensieger werden, um Argentinien im Achtelfinale zu vermeiden. Ein absolut realistisches Ziel!

Ecuador qualifizierte sich für die WM-Endrunde punktegleich mit Uruguay, das heißt aber wenig. Ecuador ist vielleicht das neue Paraguay - irgendwie dabei, weil in jeder Gruppe vier Mannschaften sein sollen, aber letzten Endes doch als Quoten-Exot, als Fußball-Zwerg.
Doch halt, die Gruppe E hat zwei solcher Exoten zu bieten. Honduras möchte auch mitspielen, so wie beim letzten Mal. Da holten sie gegen die Schweiz sogar einen Punkt! Ob sich das die Eidgenossen ein zweites Mal bieten lassen?

Wer an einem Aufstieg von Frankreich und Schweiz zweifelt, der ist mutig.

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In der Gruppe F steht der zweite große Favorit auf den Titel. Argentinien soll ja so gut sein wie seit Jahren nicht mehr. Sagt wer? Hmm... Maradona vielleicht. Pelé sicher nicht. Die Wettbüros wahrscheinlich, denn die muss man schließlich fragen, wenn man Bescheid wissen will.
Aber mal ehrlich: Der Kader stimmt, der Trainer stimmt diesmal auch. Jetzt muss nur noch Messi das Einhalten, was er nie versprochen hat, aber alle von ihm erwarten: Argentinien zum Titel schießen! Klingt einfach, wird aber sauschwer. Das Achtelfinale ist noch zu meistern, da geht es gegen Frankreich oder die Schweiz. Danach aber könnte schon Deutschland lauern, und das hat in den letzten WMs nicht immer so gut geklappt.

Bosnien und Herzegowina treten als ein Team an, das ist schonmal das erste große Ding. Da wird wieder ge-itscht was das Zeug hält. Ibisevic, Spahic, Pjanic, Hajrovic,... Immerhin: Dzeko. Was ist den Bosniaken zuzutrauen? Dass ihre Fans sich lautstark in österreichischen Städten bemerkbar machen werden. Ansonsten gilt wie für Ecuador und Honduras die Unschuldsvermutung.

Und zwar, weil Nigeria so stark sein wird. So stark wie noch nie. Sie werden zwar gegen Deutschland im Achtelfinale ausscheiden müssen, aber dann werden alle sagen, wie schade das doch war, weil Nigeria, Mann, die haben toll gespielt...
Was in der echten Welt geschieht, wer weiß das schon? Aber Team Nigeria traue ich wieder mal eine richtig gute Vorstellung zu. Dem Iran nicht! Aber Vorsicht! Schurkenstaaten sind nie zu unterschätzen, siehe Nordkorea vor vier Jahren. Ähem...

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Worauf wir uns freuen können:

Die Gruppen E und F sehen nicht arg spannend aus. Aber wir dürfen gespannt sein, in welcher Verfassung die Franzosen sind und wie die Argentinier ins Turnier starten. Argentinien-Nigeria könnte interessant werden. Oder nein, eigentlich nicht...


Was wir lieber nicht sehen wollen:

Muss man sich alle Spiele ansehen? Oder kann man Bosnien gegen Iran oder Honduras gegen Ecuador auch mal auslassen? Ich denke, dass diese Spiele nicht zu unrecht bei uns erst um 24 Uhr zu sehen sind....

Montag, 9. Juni 2014

Der Favorit und die Schwierigen

Wäre die WM ein bisschen mehr wie Nintendo World Cup, hätten wir sicher auch mehr von der Gruppe A.


Das Schöne an einer Fußball-WM ist schon das vergnügte Glucksen, wenn man sich die Gruppenpaarungen der Vorrunde ansieht. Die Gruppe A gibt da einen guten Vorgeschmack. Weltmeisterschaft, das verspricht immer auch Exotisches, seltsame Begegnungen und Vielfalt, sowohl auf als auch abseits des Feldes. Brasilien, Kroatien, Mexiko und Kamerun sind die Kombattanten in dieser Gruppe, und sie repräsentieren schon vier der sechs FIFA-Kontinentalverbände. Im Normalfall treffen sich Nationalmannschaften aus zwei verschiedenen Kontinentalverbänden eher selten, da die jeweiligen Meisterschaften und Qualifikationen ja innerhalb dieser Verbände ausgespielt werden. Umso schöner, wenn man bereits in der Vorrunde eine größere Vielfalt vorfinden kann:

Brasilien, als Heimmannschaft Gruppenkopf und logischer Favorit auf den Gruppensieg, geht einmal mehr das Projekt Hexa an: will also den sechsten Weltmeistertitel für die Selecao holen. Vor vier Jahren vermasselte ihnen Holland an einem denkwürdigen WM-Tag die Tour. Dieses Duell wartet diesmal eventuell schon im Achtelfinale auf uns. Obwohl ich da meine Zweifel habe (die sich aber nicht auf Brasilien beziehen).
Das Heimteam zu sein, ist bekanntlich Fluch und Segen zugleich. Einerseits kennt man die Bedingungen und hat das ganze Land hinter sich, andererseits sind die Erwartungen riesig. Riesig, weil Brasilien immer zum engen Favoritenkreis gehört. Riesig, weil man sich nicht vorstellen kann, dass jemand anderer als die Fußballnation schlechthin die WM im eigenen Land holt. Riesig auch, weil die Mannschaft stimmt und die Vorbereitung gepasst hat.
Diese WM wird die WM Brasiliens, weil sie entweder heldenhaft die Erwartungen erfüllen, oder aber ganz bitter ausscheiden - und wenn es erst im Finale ist. Brasilien ist unser Protagonist, und wir werden den Weg der Selecao gespannt verfolgen, egal ob wir Fan sind oder nicht.

Das letzte Mal war Deutschland Gastgeber und Favorit zugleich. Wir erinnern uns an das "Sommermärchen" von 2006, an das erste halbwegs sympathische deutsche Team seit Jahrzehnten, an Klinsmanns Hemd, an Kahns Patzer. Davor war 1990 Italien im eigenen Land Mitfavorit (nicht, weil sie damals so gut waren, sondern weil sie es immer sind). Daran erinnere ich mich aber eigentlich gar nicht. Frankreich gewann 1998 die WM zu Hause, was großartig war, aber vorher nur wenige zu tippen gewagt hätten. Der Semifinaleinzug von Südkorea vier Jahre später war eine echte Sensation. Von Südafrika als Gastgeberland bleibt hingegen nur die Erinnerung eines sympathischen Auftritts. Mehr hatte man sich ja auch nicht erwartet.

Brasilien spielt in einer Gruppe, die vielleicht interessanter aussieht als sie eigentlich ist. Kroatien hat bei der Euro vor zwei Jahren großartigen Fußball gespielt, hatte aber leider in einer schweren Gruppe mit den späteren Finalisten Spanien und Italien keine Chance auf den Aufstieg. Vor vier Jahren waren sie nicht dabei, und so steht Kroatien das erste Mal seit 2006 auf einer WM-Bühne. Damals standen sie übrigens auch mit Brasilien in einer Gruppe. Diesmal ist mit ihnen zu rechnen, allerdings droht ihnen im Falle eines Aufstiegs eine Achtelfinalbegegnung mit Spanien...

Auch Mexiko hat Aufstiegschancen, allerdings ist von der Qualität, welche die Mannschaft noch vor vier Jahren hatte, nicht mehr so viel übrig. Damals scheiterte man nach einer guten Vorrunde im Achtelfinale gegen Argentinien. Ich habe ihnen gewünscht, beim nächsten Mal mehr Glück mit der Zulosung in der KO-Phase zu haben. Wie es jetzt aussieht, wurden meine Wünsche nicht erhört. Aber schon ein zweiter Gruppenplatz wäre ein durchaus achtbarer Erfolg - mit dem aber nur wenig gewonnen ist, weil gegen Spanien eben nichts drin sein wird.

Kamerun, das sind die, gegen die man bei Nintendo World Cup immer als erstes spielen musste. Außer, man war richtig gut und wählte selber Kamerun, was jedoch nur die wenigsten taten. Kamerun war die große afrikanische Enttäuschung bei der letzten WM. Im Vorfeld gab es Querelen mit Eto'o, der zunächst gar nicht mitspielen wollte, es letztlich doch tat, was aber nichts brachte. Schließlich schied man mit 0 Punkten in der Gruppenphase aus. Was blieb, war die Erkenntnis, dass es nur geht, wenn man als Mannschaft aufzutreten versteht. Ich sehe Kamerun auch dieses Mal nicht im Achtelfinale, aber wie bei jeder WM werden sich ein paar Alternative ein Kamerun-Dress kaufen und Eto'o wird für irgendeinen Wirbel gut sein. Vielleicht geht sich ein dritter Platz aus.


Wie gesagt, die Gruppe sieht interessanter aus als sie ist. Das liegt eben an der Klasse des Gruppenfavoriten und an den geringen Aussichten, die der Zweitplatzierte für das Achtelfinale hat. Insofern muss man die Gruppe A quasi mit der Gruppe B mitdenken, denn erst wenn dort Unvorhersehbares passiert (Spanien also nicht aufsteigt), wird es hier spannend.


Worauf wir uns freuen können:
Sicherlich wird es interessant sein zu sehen, wie sich der Favorit einspielt. Da ist Brasilien schwer auszurechnen. Werden es disziplinierte, abgeklärte Auftritte, oder will man mit dem bald in Vergessenheit geratenen Zauberfußball das heimische Publikum begeistern? Was Brasilien draufhat, haben sie im Confed-Cup bewiesen, als Weltmeister Spanien mit 3:0 besiegt wurde. Diese Mannschaft enttäuscht fußballerisch nur selten!
Ich würde mich auch über ein überraschendes Mexiko freuen, auch wenn die Chancen dafür gering sind.

Was wir lieber nicht sehen wollen:
Ein zerfahrenes Kamerun, ein zu steifes Kroatien, ein vermaledeites Mexiko. Brasiliens Gruppengegner haben genau gar nichts zu verlieren, also könnte man (mein Vorschlag) einfach mal so drauflos spielen. Fußball funktioniert aber heutzutage nicht mehr so, weil er (no na) auf Kosten-Nutzen-Rechnung setzen muss, um erfolgreich zu sein. Ein bisschen mehr Nintendo World Cup täte da gut. Aber das spielt ja heutzutage auch keiner mehr...