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Dienstag, 12. Juli 2016

Nachschuss: Verdiente Europameister?

Es ist unfair, alles miteinander. Aber das ist egal, weil Fairness kennt der Fußball nicht. Gerechtigkeit auch nicht. Denn dann wäre Portugal schon vor 12 Jahren Europameister geworden und nicht erst jetzt. Portugal, das Brasilien Europas, das bekannt gwesen ist für einen soliden Kader ohne große Namen aber mit viel Spielfreude und Leidenschaft. Sie sind bekannt für das schönste Rot, das es je auf Fußballtrikots geschafft hat. Und sie sind bekannt für Cristiano Ronaldo, den besten Fußballer der Welt. Er hat es nun geschafft, ihm ist das gelungen, was Messi nicht gelungen ist: Den großen Titel mit der Nationalmannschaft zu holen. Und es ist Portugals erster großer Titel.

Der Europameistertitel für Portugal ist ziemlich gleich entstanden wie der WM-Titel für Deutschland. Nur noch extremer, in Euro-Manier. Europameisterschaften werden nämlich gerne mal von Außenseitern gewonnen. Deswegen ist der Erfolg von Island oder Wales eh gar nicht so überraschend. Überraschend ist vielmehr, dass es diesmal der ewige Geheimfavorit war. Denn die Euro gewinnen entweder Außenseiter oder Favoriten. Die Geheimfavoriten spielen bei den Euros eher die Rolle der Enttäuschenden, siehe Belgien. Aber Portugal, das, wie in jedem Turnier, als Geheimfavorit gestartet war, rutschte zusehends in die Rolle des Underperformers. Schon nach dem Spiel gegen Österreich wunderte man sich, was denn diesmal mit Portugal los sei. Dann das Spiel gegen Ungarn. Drei schöne Tore, wie portugiesisch! Leider hinten auch drei bekommen, sei's drum, bei dieser EM scheiden nur die schlechtesten Gruppendritten aus. (Wenn man die Regel so formuliert, wird es übrigens ganz klar, was bei diesem Turnier nicht gestimmt hat: Du musst richtig schlecht sein, um nicht ins Achtelfinale zu kommen. Nicht nur Nordirland-schlecht, sondern Russland-schlecht, Schweden-schlecht oder gar Österreich-schlecht!)

Dann kommt man mit Tugenden ins Finale, die man bisher nur von Italien oder auch Deutschland kannte. Taktisch diszipliniertes Spiel, sogar tendenziell defensiv angelegt, aber vor allem vorsichtig. So, jetzt haben sie uns enttäuscht, die Portugiesen. Sie spielen keinen westiberischen Hurra-Stil mehr, und dieser Ronaldo, der ist also doch ein ganz schlechter und für gar nichts gut. Wie ungerecht, dass so eine Mannschaft ins Finale kommt! Hätte man Portugal vor dem Turnier ins Finale getippt, hätte man höchstens zustimmendes Kopfnicken geerntet: "Jaja, Portugal! Immer gefährlich! Geheimfavorit!" Und dann standen sie tatsächlich im Finale und jeder meinte nur: "Schwach, nur Unentschieden gespielt! Nur hinten drin gestanden! Ronaldo sowieso schlecht!" Da hatte man vielfach schon vergessen, dass Portugal nominell eigentlich die zu favorisierende Mannschaft gewesen wäre - in ihrer Hälfte des Playoff-Baumes nämlich.

Das eigentliche Skandalon dieser EM ist, dass Italien gegen Deutschland verloren hat. In einem der furchtbarsten Elfmeterschießen, das ich je miterleben musste. "Wieder einmal Glück gehabt, die Deutschen!", hätte man sich denken können. Stattdessen beschworen die Deutschen nach dem Aus gegen Frankreich ihr Pech, und inszenierten sich als Opfer der fußballgöttischen Ungerechtigkeit, anstatt zu erkennen, dass gegen Italien schon hätte Schluss sein müssen. Logischer- und auch gerechterweise!
Und Frankreich? Großartige Mannschaft, die es genauso verdient gehabt hätte, das Turnier zu gewinnen. Nominell vielleicht das stärkste Team dieser Euro, mit Glanzmomenten von Payet in den ersten beiden Spielen, dann kam Griezmann, der große Star dieser Euro; und in deren Schatten mächtige Aufblitzer von Sissoko, Coman, Pogba und Konsorten. Fußballherz, was willst du eigentlich mehr als dieses Frankreich?

Europameister werden zum Beispiel. Doch das sind die geworden, die es sich in den letzten 12 Jahren am meisten verdient haben. Sie werden Europameister, weil sie es vorher nicht geworden sind. So wie Deutschland erst 2014 die Versprechen eingelöst hat, die seit dem Sommermärchen von 2006 bestanden. Portugal ist verdienter Europameister. Das wird einem aber nur klar, wenn man über diese EM hinausblickt. Portugal musste in die Geschichte eingehen und diesen Titel holen. So wie Holland 1988 Europameister werden musste, weil sie 1974 und 1978 nicht Weltmeister geworden waren. Das ist vielleicht doch die fußballerische Gerechtigkeit: Dass Nationen, die sich um den Fußball verdient gemacht haben, irgendwann doch belohnt werden.

Und CR7? Er ist nun doch der beste Fußballer der Welt, ob man ihn mag oder nicht. Dass sich allerdings die mediale Berichterstattung nur um ihn dreht, als hätte er den Titel im Alleingang geholt, ist lächerlich. Nicht nur, weil er kein besonders tolles Turnier gespielt hat, und im Finale so gut wie gar nicht anwesend war (außer in der Coachingzone), sondern auch, weil dieses Ronaldo-Abfeiern Portugals Triumph alles Würdige nimmt. Nämlich auch viel von dem, was vor diesem Turnier passiert ist. Das ist schade. Aber Ronaldo wird das wurscht sein. Mir eh auch, so wie mir diese ganze EM eigentlich recht wurscht war.

Genießt still im Schatten von CR7: Fernando Santos

Freitag, 17. Juni 2016

Über die Hoffnung

Von Hegel gibt es bekanntlich den Satz, dass das Tragische an der Tragödie nicht ist, dass A Recht hat und B nicht, sondern dass beide Recht haben. Von Schneckerl Prohaska gibt es den folgenden Satz: "... Weil du oft sagst: gegen die haben wir keine Chance. Aber in Wahrheit rechnest du dir immer eine Chance aus!"

So weit eine solche Gegenüberstellung auch hergeholt scheint, Herbert Prohaska und Georg Wilhelm Friedrich Hegel haben mehr miteinander zu tun, als man zunächst glauben möchte. Die Tragik im Fußball liegt nämlich unter anderem auch darin, dass nicht immer der gewinnt, der gewinnen sollte. Gleichzeitig bezeichnet dieser Umstand die Hoffnung (für die Außenseiter) und die Angst (der Favoriten). Hoffnung und Angst treiben das runde Leder 90 Minuten lang zwischen A und B hin und her, die immer beide Recht haben.


Für Österreich hat das natürlich wieder bittere Folgen. Weil zunächst die Hoffnung die allergrößte war, und jetzt haben wir nicht einmal mehr Angst vor dem Ausscheiden, weil wir im Geiste (Hegel!) sowieso schon ausgeschieden sind. Unsere Chance ist jetzt eigentlich nur noch die, dass wir uns in unserer Grundbefindlichkeit der Erwartungslosigkeit suhlen können und urösterreichische Topoi abspielen können: "Warum immer wir?", "Die können ja sowieso nix.", "Zawos samma überhaupt dabei" etc.

Vollkommen fremd ist uns das, was die anderen kleinen Mannschaften auszeichnet (und eine solche sind wir - FIFA-Weltrangliste hin oder her): Froh sein, dabei sein zu dürfen und schauen, was geht. Sonst sind wir die Weltmeister des "Schauma moi", aber bei der Fußball-EM haben wir sogar das Schauen verlernt. Portugal - ein übermächtiger Gegner? Ohne Junuzovic und Dragovic eh keine Chance? Island viel zu stark? Ich würde sagen: Schauma moi!



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Weil wir vorher von der Tragödie gesprochen haben: Die große Faszination am Sport überhaupt, am Fußball aber im besonderen, ist, dass der Erfolg des einen die Schmach des anderen bedeutet. Nirgends wird das deutlicher als beim Fußball mit seinen wenigen Toren. Was viele Nicht-Fußball-Fans und Amerikaner an diesem uns so lieben Sport bemängeln, nämlich seine ihm scheinbar inhärente Langeweile aufgrund der meist wenigen Highlights, ist in Wahrheit der Zunder des Zurückhaltenden. Mir fällt nämlich spontan auch keine Sportart ein, in der, je höher die Spielklasse ist, desto weniger Punkte (= Tore) gemacht werden.


Bei dieser EM fällt auf, dass die wichtigen Tore alle sehr spät gemacht werden. Denn je später der Zeitpunkt, desto wichtiger natürlich das Tor! Das wissen vor allem die Franzosen, die mir nach zwei Spielen trotz aller Probleme wirklich gut gefallen. Da ist Herz dabei und ein bisschen Hirn auch, gepaart mit krassen Entscheidungen des Teamchefs Dechamps. Dann noch der einzige wirkliche EM-Held bisher, nämlich Payet, der jetzt bei zwei Toren hält. So wie Bale (zwei geniale Freistöße) und der Rumäne Stancu (zwei Elfmeter). Sind die Franzosen gerade dabei, sich in einen Groove zu spielen? Wenn ja, wäre es vielleicht schlecht, im dritten Spiel, das jetzt reine Formsache ist, die dritte Garnitur rauszuschicken, und stattdessen unbekümmert zu versuchen, mehr Tore früher im Spiel zu erzielen.


Und England? Zitterpartie gegen die wirklich guten Waliser, ebenfalls spätes (sehr spätes) Erlösungstor durch Sturridge. Zwei halbwegs gute Halbzeiten in zwei Spielen - das wird in der KO-Phase zu wenig sein. Und aufs Elfmeterschießen verlässt man sich als Engländer besser nicht!

Deutschland hat das typisch unbeeindruckende Spiel gegen Polen hinter sich gebracht, was erwartbar war und im Falle der Deutschen wie immer genau gar nichts aussagt. Auffällig war bei den Deutschen bisher sowieso nur Jogi Löw.

Heute sehen wir auch wieder den Europameister, dessen Ziel es zu sein scheint, den Gegner durch einkreisen im eigenen Strafraum zum Eigentor zu zwingen. Die Tiki-Taka-Revolution droht, ihre Kinder zu fressen. Irgendwann sind Abschlüsse eben auch gefragt.

Italien hat mich ebenfalls wieder überrascht, die gegen den Mitfavoriten Belgien ein taktisch solides Spiel gezeigt haben (in gewohnter italienischer Manier), zeitweise aber offensivfreudig auftraten und zwei wirklich schöne Tore geschossen haben. Die Schönheit schießt zwar keine Tore, sagt man, aber ganz außer acht lassen sollte man sie deswegen auch nicht, denn Schönheit macht sympathisch. (Siehe Holland bei der EM 2008!)

Belgien ist übrigens weder sportlich noch ästhetisch weg vom Fenster, da erhoffe ich mir noch einiges. Ins Achtelfinale zittern und dann ins Finale marschieren - diese Story gibt es ja auch immer wieder.


Beeindruckend sind auch bei diesem Turnier wieder die sogenannten Außenseiter, die allesamt wirkliche Qualitäten aufs Spielfeld bringen. Slowakei, Wales, die Ukraine und, ja, auch Ungarn sind würdige Teilnehmer dieser Endrunde und können zu den Stolpersteinen werden, die gerade in der EM-Geschichte oft auch sehr weit gekommen sind.

Nur die Russen wirken irgendwie abgemeldet- ein Status, den man schon am Gesicht ihres Trainers ablesen kann. Aber jede Tragödie hat auch ihre Bösewichte, verlogene Kammerdiener, eifersüchtige Nebenbuhler. Wieso sollte es im Fußball anders sein?


Welche Rolle Österreich in diesem Stück spielt? Schauma moi...









Hat in diesem Stück mit Sicherheit die Hosenrolle: Der älteste EM-Spieler aller Zeiten Gabor Kiraly (40).





Montag, 13. Juni 2016

Erste Brisen

Die EM hat Fahrt aufgenommen, und bevor sie zum großen Orkan wird, gilt es, sich die ersten Brisen, die einem schon um die Nase geweht sind, nochmal zu genießen:

Für Frankreich startete die EM mit viel Mühe - wie sich das für das Eröffnungsspiel gehört. Dass von den Rumänen letztlich doch nichts in Erinnerung bleibt, ist dem glänzenden Weitschuss von Dimitri Payet geschuldet, der die Gastgeber erlöst hat und stellvertretend für alle Franzosen - egal ob im Streik oder nicht - kurz danach in Freudentränen ausbrach, als er auf der Ersatzbank Platz nehmen durfte.
Frankreich spielte über kurze Strecken stark - ist aber von der Form vor zwei Jahren noch weit entfernt. Vielleicht täuscht aber die Last des Eröffnungsspiels über die wahren Qualitäten dieser Mannschaft hinweg, v.a. weil von Pogba und Griezmann noch viel zu wenig zu sehen war?

Das andere Team, das mir schon vor zwei Jahren gut gefallen hat, hat die beste erste Hälfte einer Mannschaft geboten, die es bisher zu sehen gab: England nämlich, die sich aus völlig unerfindlichen Gründen nach der Halbzeitpause dazu entschlossen, in der zweiten Hälfte nichts zu bringen. Dabei wäre die erste Hälfte so gut, so dynamisch, schnell und kreativ gewesen! Den Russen ist ja in der zweiten Hälfte ähnlich viel eingefallen wie in der ersten: nämlich gar nichts bis wenig. Trotzdem fühlte sich der Ausgleich in der Nachspielzeit irgendwie gerechtfertigt an. Und das darf aus englischer Sicht einfach nicht sein, will man dieses Jahr wieder ernst genommen werden! Den Russen empfehle ich Putin als Kabinenschreck, damit wenigstens die Angst vor dem Straflager ein wenig Motivation schürt, wo sonst nur augenscheinliches Desinteresse herrscht.

Kroatien macht dort weiter, wo es aufgehört hat, wenn auch mit einer ziemlich anderen Mannschaft. Trotzdem: das kroatische Spiel wird sich noch mausern (müssen), vor allem gegen die Spanier, die schon vor vier Jahren im letzten Gruppenspiel große Probleme mit den findigen Kroaten hatten (damals allerdings noch unter dem genialen Trainer Bilic). Das Spiel gegen die Türkei kam mit weniger blutenden Schädeln und Verletzten aus als dieselbe Begegnung bei der EM 2008 im Viertelfinale. Nur Corluka hielt sich an die Erwartungen und spielte schon bald mit blutendem Turban, und versuchte wohl so, die türkischen Spieler kulturell zu provozieren.
Diese revanchierten sich in der 41. Minute mit einer missglückten Kerze aus dem eigenen Strafraum, die der geniale Modric mit einem sensationellen Volleyschuss verwertete. Eigentlich hätte es auch 3:0 ausgehen können, aber die Kroaten sind bemüht darum, das bescheidene Balkanvolk darzustellen. Mal sehen, was denen noch zuzutrauen ist!

Am Abend dann der Weltmeister gegen die Ukraine: intensive erste Hälfte mit großen Chancen auf beiden Seiten. Sowohl Manuel Neuer als auch Andrij Pjatow reagierten in vielen Situationen großartig. Dass Deutschland trotzdem in Führung ging, war nicht nur zu erwarten, sondern auch irgendwie verdient. Trotzdem: so frech hatte die Ukrainer wohl niemand erwartet, und ihrem Agieren (man vergleiche dazu die Russen gegen England) war es geschuldet, dass wir die unterhaltsamsten 45 Minuten bisher geboten bekamen.
Deutschland hingegen ist nicht nur die "Turnier-Mannschaft", sondern auch jene, die gerne für bleibende Bilder sorgt. Diesmal waren es Boatengs spektakuläre Rettungsaktion, in der er eine ukrainische Großchance mit einem Fast-Eigentor vereitelte, das wiederum er selbst noch auf der Linie verhinderte. Wer's nicht gesehen hat, dem kann man's nicht erklären!
In der zweiten Hälfte lief generell weniger zusammen, man hätte sich da aus deutscher Sicht ein früheres 2:0 erwartet. Also wartete man, bis der Alt-Kapitän Schweinsteiger mit dem Grau-Färben der Schläfen fertig war und eingewechselt werden konnte. Wer das für einen bloßen Cameo-Auftritt hielt, wurde bald eines besseren belehrt: Aus einem Konter (die Ukrainer waren ja hinten natürlich schon offen wie ein Pavianarsch) flankt Özil genial dem Schweini vor die Haxn und der netzt doch tatsächlich nur wenige Augenblicke nach seiner Einwechslung- und kurz vor Schluss des Spiels - zum 2:0 Endstand ein. Auch so ein "memorable moment", von denen die Deutschen gleich zwei in einem Spiel fabriziert haben - womit es im Übrigen auch genug sein sollte!

Inzwischen spielt auch schon wieder der amtierende Europameister (ja, Spanien gibt es noch!) gegen die ehemaligen Dauer-Geheimfavoriten Tschechien. Also schnell wieder weg!


Montag, 14. Juli 2014

Die Erlösung


Podolski junior mit Onkel Bastian

Das längst Fällige ist eingetreten. Ein würdiger Abschluss einer tollen WM.



Das letzte Spiel ist gespielt, die letzte Schlacht geschlagen: Deutschland ist Weltmeister. Und das zu Recht, denn das, was ich vor dem Spiel gesagt habe, dass es sich die deutsche Mannschaft aufgrund ihrer Entwicklung und den Leistungen in den letzten 10 Jahren verdient, das wurde gestern noch einmal verdeutlicht, als man die Gesichter von Klose, Schweinsteiger, Lahm und Podolski sah. Diese Hauptakteure der goldenen DFB-Generation, zusammen mit ihrem Trainer Joachim Löw, sind es, für die dieser WM-Titel so verdient kommt. Allen voran Schweinsteiger, der gestern im wichtigsten Spiel wieder die beste, die unmenschlichste Leistung zeigte. Als ich ihn vor 10 Jahren das erste Mal im Trikot der deutschen Nationalmannschaft sah, mochte ich ihn schon nicht. Damals war er ein lästiger Mittelfeldwirbler, das Trikot hing ihm fast bis zu den Knien und die Verbissenheit in seinem Gesicht mochte nicht zu seinem Alter passen.

Inzwischen hat er graue Schläfen und ist zum Leader dieser Mannschaft geworden. Eine Kampfsau sondergleichen, immer noch nicht sympathisch, aber respektabel in allen Belangen. Sein Cut unterm Auge - es passte wie die Faust aufs selbige. Sein Niederbrechen und Immer-wieder-Weitermachen in der Verlängerung - es war bezeichnend für ihn als Mensch und als Fußballer. Am Ende steht das schelmische Grinsen zusammen mit Lukas Podolski: "Schweini" und "Poldi" sind die Gallionsfiguren dieser deutschen Mannschaft. Philipp Lahm - ehemals auch so ein Knirps im zu langen Trikot - spielte diesmal zwar nicht sein bestes Turnier, aber auch er ist nun zu Recht Weltmeister. Miroslav Klose sowieso: WM-Rekordtorschütze und Spieler mit den zweitmeisten DFB-Einsätzen nach dem uneinholbaren Lothar Matthäus.

Dann die Akteure aus der zweiten Reihe: Sami Khedira und Mesut Özil - das Traummittelfeld von vor vier Jahren. Schürrle, Müller, Boateng und der großartige Manuel Neuer.

Und die Jungen, von denen man noch viel erwarten kann und muss. Goldtor-Schütze Mario Götze, das Kind. Und vor allem Toni Kroos, dem dieses Mal die Aufgabe zugefallen ist, das deutsche Mittelfeld zu stabilisieren, nachdem Khedira und Schweinsteiger verletzungsbedingt ausfielen bzw. nicht in Top-Form agieren konnten.

Und über allem thront der große Joachim Löw, der sich jetzt nicht nur FC-Tirol-Meistermacher und Stuttgart-Pokalsieger nennen darf, sondern eben auch Fußball-Weltmeister. Löw, der unbeirrt den von Klinsmann angefangenen Weg weitergegangen ist und so den deutschen Fußball von all dem Grauen befreit hat, mit dem man die Fußballwelt erschreckt hatte. Löw hat es erkannt und gestern nach dem Spiel auch nochmal gesagt "Nur mit deutschen Tugenden allein ist es nicht mehr gegangen". Und doch hat man diesen Titel auch mit diesen Tugenden gewonnen. Aber eben nicht nur. "Der Titel war fällig", meinte Löw. Und wenn man die Ergebnisse der DFB-Elf der letzten Jahre ansieht, und den Fußball genossen hat, den sie gespielt haben, muss man sagen: Da hat er Recht, der Herr Löw, zu dem jetzt so schnell keiner mehr Jogi sagt.

Zum Finale ist zu sagen, dass es vor allem in Hälfte eins wohl eines der ansehnlichsten der letzten Jahre war. Lange Zeit war für beide Mannschaften alles drin, und doch stellte man sich nicht hinten rein und wartete ab. Obwohl es bei Argentinien über weite Strecken so ausgesehen hat. Wer aber die WM bisher verfolgt hatte, wusste, dass das zu erwarten war. In den entscheidenden Situationen aber spielte Argentinien gefährliche Konter und scheiterte oft nur knapp.
Trotzdem: Ein Sieg Argentiniens wäre irgendwie nicht in Ordnung gegangen. Er hätte sich zu sehr auf diesem einen Spiel aufgehangen, das das beste der argentinischen Mannschaft bisher gewesen ist. Messi bekommt zwar nicht den WM-Pokal, wurde dafür aber zum besten Spieler des Turniers gewählt. Eine lächerliche Entscheidung, deren Trostwert zudem nicht gering genug eingeschätzt werden kann.

Deutschland ist Weltmeister und das ist gut so. Oft wurde die Christus-Erlöser-Statue an diesem Abend eingeblendet, und der Titel ist für die Deutschen auch so etwas wie eine Erlösung. Man sah es vor allem an Klose, der am längsten darauf gewartet hatte. Man sah es aber auch an Bundespräsident Gauck, der überglücklich war, so als hätte er gerade das erste Fußballspiel seines Lebens gesehen, und es war zufällig das gewesen, in dem Deutschland den WM-Titel geholt hat.
Gauck und Merkel mussten natürlich in die Kabine. Im ARD-Studio erinnert sich Mehmet Scholl an den EM-Titel von 1996, als nach dem Spiel Helmut Kohl in die Kabine kam: "Es war eng!" Und dann, in einem fast leeren Maracana-Stadion: Lukas Podolski schießt Elfmeter mit seinem kleinen Sohn. Die Tornetze sind schon abmontiert, in der Ferne stehen noch einige Fans, die jeden Schuss von Podolski junior beheulen. Das riesige Stadion, der kleine Fratz, ein lächelnder Vater, der gerade Weltmeister geworden ist: Fußball kann so schön sein - und dann wieder so bedeutungslos.

Freitag, 11. Juli 2014

Trotzdem Argentinien

Wir haben ein Finale, das nur einen Sieger kennen darf. Das ist zwar schade, aber leider auch gerecht.

 

NED - ARG 0:0 (2:4 n.E.)


Es ist soweit: Nach einem Spiel, das sich weigerte es dem Match Brasilien gegen Deutschland gleich zu tun, stand Argentinien als zweite Endspielteilnehmer fest. Holland gegen Argentinien, das war eine Abwehrschlacht zweier Mannschaften, deren Trainer die Hosen voll hatten. Es war das Match mit den wenigsten Ballberührungen im Angriffsdrittel beider Mannschaften; und es war jenes mit den wenigsten Schüssen. So verwundert es auch nicht, wenn die herausragenden Leistungen nicht von Robben und Messi erbracht wurden, sondern von Hollands Zentralverteidiger Ron Vlaar, der da hinten alles gesaugt hat, was an Angriffsbemühungen Argentiniens durch den niederländischen Abwehrwall durchdrang, und dem argentinischen Tormann Sergio Romero, der im Elfmeterschießen den Tim Krul machte. Tim Krul, der holländische Ersatztormann, der das Elferschießen gegen die Costa Ricaner zu einem Happening gemacht hatte, der aber diesmal auf der Ersatzbank bleiben musste. Denn Wechselgott van Gaal brachte sowohl de Jong als auch van Persie von Beginn an, die beide nicht fit waren und durch Clasie bzw. Huntelaar ersetzt wurden. Bruno Martins Indi musste aufgrund einer Gelbverwarnung Drayl Janmaat weichen, und so war das Wechselkontingent erschöpft - Tim Krul konnte nicht erneut zum Elfmeterkiller werden.

Ob Krul aber die Argentinier ähnlich beeindruckt hätte wie zuvor die Ticos, darf bezweifelt werden. Zwei Elfmeterschießen in Folge zu gewinnen, damit wäre überdies ein Finaleinzug auch nicht zu rechtfertigen gewesen. Holland muss froh sein, mit dieser Spielweise überhaupt so weit gekommen zu sein. 20 Minuten Offensivwillen pro Partie - das darf nicht auch noch mit einem WM-Finale belohnt werden.

"Trots" heißt 'stolz' auf Niederländisch. Ob die Niederländer so stolz sein können - ich weiß es nicht. Beachtlich war der Semifinaleinzug auf jeden Fall, weil unerwartet. Auf der anderen Seite des Stolzes steht der Trotz:

Denn was ist mit Argentinien? Mit der Albi-Celeste ist eine Mannschaft ins Finale eingezogen, die das gesamte Turnier über mit Unauffälligkeit "geglänzt" hat. Das argentinische Spiel wird von einem Trotzdem regiert. Das bedeutende Narrativ bisher war ein Messi, der zwar weit von seiner Idealform entfernt war, aber trotzdem immer spielentscheidend eingegriffen hat. Zwar hat keiner mit ihnen im Finale gerechnet, nun sind sie aber trotzdem da. Es ist eine Verwandtschaft zum deutschen Team zu erkennen, zumindest was die medialen Erwartungshaltungen an die DFB-Elf im Verhältnis zu den tatsächlichen Entsprechungen am Feld betrifft. Das Nicht-Spiel gegen die USA und die Zitterpartie gegen Algerien stehen im Zentrum dieses Bildes vom deutschen Team, das nicht zu sich findet. Überwunden wurde das dann mit Willens-Fußball gegen Frankreich und dem fulminanten Halbfinale gegen Brasilien, nach dem auffälligerweise niemand Parallelen zur Auftaktpartie gegen das desolate Portugal zog. Vielleicht, weil der Sieg gegen Brasilien im vorletzten Spiel des Turniers so viel wichtiger war. Vielleicht, weil die Mannschaftsentwicklung in den letzten Spielen so weit vorangeschritten ist, dass man nun weiß, wie und warum man sich diesen Sieg verdient hat.

Das soll heißen, dass Deutschland die gefestigtere Mannschaft ist. Nicht nur, was die Harmonie zwischen den Akteuren betrifft, sondern auch die gemeinsame Erfahrung, die man bei diesem Turnier gemacht hat. Psychologisch gesehen haben die Deutschen nämlich mehr durchzustehen gehabt als die Argentinier. Das bringt ihnen für das Finale den entscheidenden Vorteil, zusätzlich zu dem, dass man gegen Argentinien bisher gute Erfahrungen gemacht hat.

Die Argentinier wären ungeliebte Weltmeister. Nicht nur, weil sie den Titel in Brasilien holen würden. Mir fällt auch immer noch kein Argument dafür ein, dass Argentinien Weltmeister sein sollte. - Messi allein reicht nicht. Freilich, ein Spieler wie dieser verdient sich auch einen WM-Titel, ja es wäre schade, würde er keinen bekommen. Andererseits waren seine Leistungen in der Nationalmannschaft immer schon eher am bescheideneren Ende anzusiedeln. Messi ist mehr Spanier als Argentinier, er wurde bei Barcelona spielerisch sozialisiert und ist dort auch noch am besten aufgehoben. Bis jetzt musste er nie den Beweis antreten, dass er in einem anderen Team genauso funktioniert. Wie schwierig es ist, eine Nationalmannschaft um so einen Spieler herum aufzubauen, sah man vor vier Jahren und man sieht es auch dieses Mal.

Diese Aufgabe fiel Alejandro Sabello zu, einem nicht sonderlich großartigen Coach, der bis jetzt vor allem damit aufgefallen war, dass er sich von Lavezzi mit einer Trinkflasche bespritzen ließ, und einmal fast umgefallen wäre. Sabello ist bisher mit dem verhaltenen Spiel, das auf ein Messi-Wunder zu hoffen scheint, ganz gut gefahren. Die grauenhaft feige Aufstellung in der ersten Halbzeit des Spiels gegen Bosnien, konnte er aber nie wieder gut machen. Auch, wenn es heißt, er habe in Hälfte zwei auf Zuruf von Messi umgestellt. Sabello ist kein Weltmeistertrainer und ein Titel wäre auch für ihn nicht gerechtfertigt.

So bleibt uns einzig das Klangvolle, das dieses Finale hat, der Name: Deutschland gegen Argentinien. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Denn einerseits wäre Deutschland der würdigere und logischere Weltmeister, auf der anderen Seite fürchte ich mich vor zwei Dingen: Einen neuerlichen Kantersieg, den ich aber für unwahrscheinlich halte, weil das einen Freifahrtschein zum schlechten Benehmen bedeuten würde. Das andere, vor dem ich mich fürchte, wäre ein unverdienter Weltmeister Argentinien. Ein charmeloser, den dieses Turnier nicht verdient hat.

Inzwischen begnügen wir uns mit dem traurigen Spiel um Platz 3, das immer noch nicht abgeschafft wurde. Brasilien noch einmal auf den Platz zu zwingen, das grenzt an Perversion. Insofern wünsche ich der Selecao einen Sieg, der nichts besser machen würde. Und auch nicht würdiger. Aber erträglicher als eine zweite Niederlage wäre es allemal.
Ich bin gespannt, ob Holland sich im letzten Spiel nochmal zutraut so zu spielen, wie man es eigentlich immer könnte. Schließlich geht es ja um nichts, wie van Gaal immer betont...


Mittwoch, 9. Juli 2014

Gute Besserung, Brasilien!

Das traurigste Bild dieser WM

Deutsche Gründlichkeit zerstört den brasilianischen Wunderglauben - und auf einmal gibt es einen ganz klaren Favoriten!


Gerade habe ich noch behauptet, vor den Halbfinalspielen sei alles möglich. Dass diese sehr unmutige Einschätzung dann eine Bestätigung solcher Art erfahren hat, war trotzdem eher unerwartet. Es ist der zweite historische Sieg dieser Weltmeisterschaft; der erste, jener der Niederländer gegen die Spanier, markierte einen Systemwechsel und das Ende einer Ära. Der Sieg der Deutschen gegen die Brasilianer beweist, dass es im Fußball keine Wunder mehr gibt. Denn Brasilien war dem Wunderglauben anheim gefallen. Und das ist durchaus typisch brasilianisch.

Denn zum brasilianischen "Zauberfußball", der ja so im Grunde schon lange nicht mehr existiert, gesellt sich der Glaube an Zaubertricks: dass etwas aus dem Nichts entstehen kann etwa. Dass irgendein guter Geist (jener von Neymar) die Mannschaft ins Finale trägt - auf zauberhafte (und daher rational nicht nachvollziehbare) Weise.
Mir wurde schon schlecht, als ich die brasilianische Mannschaft bei der Hymne sah. Sie schienen um ihr Leben zu singen und hielten Neymars Trikot in den Händen. Da realisierte ich, dass doch nicht der Ausfall von Thiago Silva das größere Übel für diese Mannschaft bedeutete. Tatsächlich war es Neymars Verletzung, welche die Seele der Brasilianer vollkommen eingenommen hatte. Die Mannschaft kam mit "Forca Neymar"-Kappen aus der Kabine, sie hielt sein Trikot während der Hymne in den Armen und bedeutete sich und der Welt: Wir machen das für dich, Neymar! Und für das Land, für den brasilianischen Fußball, der immer schon wunderbar war und immer wunderbar sein wird! Für die vielen tausend gerührten Fans in Belo Horizonte und die Millionen daheim vor den Fernsehern. Das war zumindest naiv, ja eigentlich dummdreist.

So versuchte das Team von Brasilien den Fußballgott gnädig zu stimmen. Deutschland rechnete mit dieser Leidenschaft, und Joachim Löw warnte zuvor eindringlich vor der Jetzt-erst-recht-Mentalität der Brasilianer. Dass diese Einstellung aber derart in einen fußballerischen Wunderglauben stürzen konnte, hätte sich niemand gedacht. Und Deutschland tat, was Deutschland ausmacht: Sie reagierten abgeklärt auf diese wilden Brasilianer, blieben konzentriert und spielten nebenbei den bisher besten Fußball dieses Turniers.
Nach der ersten Angriffswelle Brasiliens, die noch vom Schwung der Hymne gelebt hat, verebbte der Zauber aber und man sah erstmals die Schwächen dieser Mannschaft: Komplette Desorganisation in der Abwehr (der fehlende Thiago Silva konnte nicht kompensiert werden) und der Angriff ausgelegt auf Zufallsaktionen ohne echte Ideen und technisch einfach nicht sauber genug gegen den übermächtigen Gegner Deutschland.

So stand es bald 1:0, nachdem Müller völlig unbedrängt einen Eckball verwertete. Dem brasilianischen Furiosum verlieh das natürlich einen Dämpfer, man wirkte geknickt, unkonzentriert, und versuchte umso mehr (jetzt erst recht!) ein Spiel zu erzwingen, das diese Mannschaft im kompletten Turnier nie gespielt hatte. Deutschland hingegen tat sich leicht, mit ausgezeichnetem Kombinationsspiel die brasilianischen Bemühungen vollständig zu entzaubern. So kam es zu den denkwürdigen 7 Minuten, nach denen es auf einmal 5:0 für die Gäste aus Deutschland stand. Brasilien war gebrochen, das Spiel war vorbei, der Zauber verflogen! Der großartige Andre Schürrle machte nach der Halbzeit noch seine beiden - in diesem Spiel - logischen Tore, Neuer vereitelte noch ein, zwei brasilianische Großchancen und zeigte fast schon Anzeichen von Reue. In Minute 78 sagt einer, dass dieser Käse nun gebissen sei, und lehnt sich mit der Aussage nicht gar so weit aus dem Fenster. Seine Frau habe angerufen und gefragt, ob das nun das Spiel sei, oder eine Zusammenfassung eines vorhergegangenen Spiels. Ja, es war ein denkwürdiges, unfassbares Ereignis! Der Ehrentreffer von Oscar in Minute 90 wurde noch ein bisschen gefeiert, ansonsten beklatschte das brasilianische Publikum schon seit geraumer Zeit die Deutschen.

Dass eine Mannschaft dieser Klasse so untergeht, ist nicht normal. (Algerien feierte gestern wohl den theoretischen Finaleinzug.) Man wurde Opfer des ungeheuren Drucks, den man sich vor allem selber auferlegte, und des von mir angesprochenen Wunderglaubens, von dem der brasilianische Fußball schon seit eh und je beseelt ist.
Eine Niederlage dieser Dimension ist nicht fassbar. Schon gar nicht für Brasilien bei der Heim-WM. Die Fußballwelt hat Mitleid mit dem Gastgeber, der so zerschossen und demoliert das Turnier beenden muss. Fans und Spieler weinen, und am Ende bleibt die Erinnerung an Neymar, und wie sein Ausfall tatsächlich turnierentscheidend war. Wir wünschen allen drei gute Besserung - dem Team, dem Land und Neymar.


Deutschland indessen kann auch nicht fassen, was da passiert ist. Bundestrainer Löw beschwört nun die Stärken der deutschen Mannschaft: Ruhe und Konzentration bewahren, jetzt demütig bleiben. Thomas Müller meint, dass das "nicht unbedingt zu erwarten" gewesen wäre. Auch Klose bemerkt: "Es ist jetzt natürlich schwer nach so einem Spiel." Es sind Töne wie diese, die zeigen, dass die deutsche Mannschaft spät aber doch zu sich selbst gefunden hat. Man hat Spiele mit Kampf und Krampf gewonnen, man hat aber auch Spiele mit Leichtigkeit und Witz gewonnen. Man hat Nahtod-Erfahrungen hinter sich gebracht und auch daraus gelernt, dass allzu leichte Siege folgende Spiele nicht automatisch einfacher machen (s. das erste Spiel gegen Portugal und das zweite gegen Ghana). Diese Mannschaft ist gewachsen in den letzten Tagen und sie sind jetzt der klare Favorit auf den Titel. Einen Titel, den sie seit 2006 mit gutem Recht für sich beanspruchen. In dieser deutschen Elf kulminiert alles, was den deutschen Fußball in früheren Tagen und auch in jüngerer Zeit ausgemacht hat. Holten sie ihn jetzt nicht, es wäre auch irgendwie ein Witz - aber ein guter!

Montag, 7. Juli 2014

Louis van Gaal - Wechselgott

Das Geheimnis eines guten Trainer ist es, Dinge zu tun, die keiner nachvollziehen kann, und just mit diesen Dingen erfolgreich zu sein. Louis van Gaal ist so ein Trainer. 

 

NED - CRC 0:0 (4:3 n.E.)


Ich war schon wieder dabei, Louis van Gaal zu verfluchen. Schon wieder keine erkennbaren Offensivbemühungen über weite Strecken des Spiels. Kontrolle, Kontrolle und nochmals Kontrolle. Gegen den Underdog Costa Rica bewahrte man zwar die meiste Zeit über die Überhand, aber aufregend war es nicht. Die seltsame Strategie der Holländer scheint psychologisch geleitet: "Wenn wir gegen einen absoluten Außenseiter ein 0:0 halten, verhindern wir allzu geschäftige Aktivität seinerseits, weil der ja das Unentschieden als Erfolg verbuchen kann. Dann genügt uns ein spätes Tor und wir müssen uns nur noch kurze Zeit gegen verzweifelte Sturmläufe wehren, dann haben wir es geschafft." Und enstprechend plätscherte dann das Spiel dahin.

Kontrolle ist ja schön und gut, und in Hollands Fall auch wirksam: Schließlich gelang den Ticos der erste und einzige Torschuss erst in der Verlängerung. Wenn man dann aber weder zum Ende der Spielzeit noch in der Verlängerung ein Tor schießt, liefert man sich als Favorit der Gefahr aus, im Elfmeterschießen gegen einen Zwerg auszuscheiden. Natürlich hatte Costa Rica Glück, denn die Niederländer trafen drei Mal nur die Stange. Es schien auch irgendwie gerecht, dass es diesmal mit dem späten Tor nicht klappen wollte. Dabei darf man nicht vergessen, dass Costa Rica seinen Möglichkeiten entsprechend agierte und mit aller Kraft verteidigte. Und das machte die Mannschaft von Trainer Jorge Luis Pinto auch hervorragend.

Holland ließ das nervös werden, denn man wusste um die Klasse des gegnerischen Torwarts und um die bescheidene Klasse des eigenen. Van Gaal liebt keine Überraschungen, und daher brachte er Sekunden vor Ende der Verlängerung den Ersatztorman Tim Krul. Diese Einwechslung betitelte Oli Kahn nach dem Match als "größten Schwachsinn", den er je gesehen habe. Und tatsächlich war dieses einzigartige Kuriosum irgendwie schwachsinnig. Es ist eine dieser Aktionen, die sich nur im Nachhinein rechtfertigen lassen, und dann auch nur, wenn alles gut geht. Einen unaufgewärmten Tormann von der Bank in ein so wichtiges Elfmeterschießen zu schicken und dafür eine der drei Wechselmöglichkeiten zu verbrauchen, ist zumindest abenteuerlich. Tim Krul ist kein Elfmeterkiller - keine Statistik belegt das. Jasper Cillessen zwar auch nicht, der hätte sich aber zumindest die Chance verdient, zum Matchwinner zu werden. Er wusste natürlich vorher nichts davon. Tim Krul hingegen schon.

Tim Krul also geht zum Elfmeterschießen aufs Feld und raunzt vor jedem Schuss der Costa Ricaner den Schützen an. "Ich weiß, wohin du schießt!", schreit er ihnen entgegen und zeigt dabei auf seine Brust. Das sind Mätzchen der alten Schule. Eigentlich dachte ich, sowas macht keiner mehr. Warum es Tim Krul gemacht hat, ist fraglich. Einerseits natürlich zur Einschüchterung, und der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar, denn die Costa Ricaner sind alles, nur keine abgebrühten Vollprofis, die jede Woche ein so bedeutendes Spiel entscheiden müssen. Andererseits diente Kruls Gelaber vielleicht auch ihm selbst. Als Ersatztormann kommst du nicht einfach rein und hältst in einem WM-Viertelfinale zwei Elfmeter. Da musst du die wenige Zeit dazu nutzen, ein bisschen psychologisches Momentum zu bekommen. Krul hat das eben so gelöst.
Und tatsächlich hielt er zwei Elfmeter. So avancierte der kurz Eingesetzte zusammen mit seinem Trainer, dem Wechselgott van Gaal, zum Helden des Abends. Louis van Gaals Wechsel haben bis jetzt immer spielentscheidende Wirkung gehabt: Gegen Mexiko macht Huntelaar den Elfer. Gegen Chile treffen Fer und Depay - beide kamen von der Ersatzbank. Gegen Australien macht Depay den Siegtreffer - nach Einwechslung. Nur im ersten Spiel gegen Spanien war kein Wechsel nötig, um das Spiel zu entscheiden.

Man kann behaupten, dass das Zufall ist. Ich glaube es aber nicht, denn das niederländische Spiel zielt derzeit genau darauf ab, den Gegner einzulullen, um dann in der Schlussphase taktisch umzustellen und aggressive Angriffe zu fahren. Dass dann die jeweils neuen Spieler die Treffer machen, auf deren Rolle sich die verteidigende Mannschaft nur ungenügend einstellen konnte, ist kein Zufall. Und wenn das nicht klappt, dann wartet man eben bis zur 120. Minute und schickt dann einen neuen Keeper rein, der den Rest erledigt. Eine großartige Geschichte war das allemal.
Zudem sollte man nicht vergessen, wie gut die Elfmeter der Holländer geschossen waren, denn der eigentliche nominelle Elfmeterkiller stand bei Costa Rica im Tor!

Holland steht im Halbfinale und trifft dort auf einen alten Bekannten: Argentinien, gegen das es 1978 ein WM-Finale verlor, das sie eigentlich gewinnen hätten sollen. Argentinien hingegen hat den eigentlichen Weltmeister Belgien geschlagen und somit dafür gesorgt, dass die Halbfinalpaarungen sich lesen wie ein Who-is-who der größten Fußballnationen der letzten 50 Jahre. Dass hinter den großen Namen viel heiße Luft steckt, ist uns im Laufe des Turniers klar geworden. Nach dem ersten Spiel hätte ich Argentinien kein Halbfinale zugetraut - vor dem Turnier allerdings schon. Nach dem zweiten Spiel waren meine Zweifel noch größer und sie sind nie kleiner geworden. Jetzt stehen sie trotzdem dort, wo die Erwartungen vor dem Turnier sie eigentlich hingesetzt hätten: Im Halbfinale.

Wie das mit Deutschland und Brasilien ist, habe ich ja schon gesagt: Prinzipiell wäre ein Turniersieg beider Mannschaften irgendwie in Ordnung, wenn auch keine wirklich überzeugt hat. Brasilien hat natürlich nach dem Ausfall von Neymar (und der Sperre von Thiago Silva, die fast noch schlimmer ist) den Auftrag, den Finaleinzug trotzdem zu schaffen. Das gehört zu jeder guten Geschichte dazu. Dass Deutschland da jetzt als Bösewicht auftritt, passt nicht nur den Brasilianern gut ins Konzept. Die Deutschen betonen ein wenig zu viel, dass der Ausfall von Neymar tragisch ist, denn man hätte gerne gegen die allerbesten Brasilianer gespielt (jaja!). Währenddessen sucht Deutschland noch immer seinen WM-Helden, denn momentan sieht man noch auffällig viele mit Merkel-Masken im Publikum sitzen...

Auch, dass jetzt lauter Nicht-Überzeuger im Halbfinale stehen, macht die ganze Sache erst richtig gut: Denn jede mögliche Finalpaarung wäre für sich genommen ein Kracher, so wie die Halbfinalspiele auch schon Kracher sind. Spielerisch erwarten wir uns jetzt eh nichts mehr, weil Belgien, Frankreich und Kolumbien ja weg sind. Aber ich bin mir sicher, dass uns noch einige seltsame und bemerkenswerte Vorkommnisse bevorstehen!

Held des Tages:
Tim Krul, der Elfmeterkiller, der nie einer war, und jetzt doch einer ist. Eine denkwürdige Einwechslung!

Tragischer Held des Tages:
Sneijder, der es immer noch kann, und trotzdem zwei Mal nur das Aluminium traf.

Ein Echo

Ein schmerzhafter Ausfall und ein einfaches Freistoßtor und schon haben wir das erste Klassiker-Halbfinale dastehen. Von Tiki-Taka ist nun weit und breit nichts mehr zu sehen.

 

GER - FRA 1:0




Es macht sich bemerkbar: Spielerisch überlegene Mannschaften kommen auch diesmal nicht zum Zug. So hat die deutsche Mannschaft die Franzosen gestern vor allem durch körperliche Überlegenheit in der Abwehr in Schach halten können. Deutsche Chancen fanden sich vor allem nach Kontern (Schlussphase) bzw. eben bei Standardsituationen. Nach so einer fiel auch das einzige Tor. Der gestern wieder enorm spielende Mats Hummels traf schön per Kopf zum 1:0 - und dabei blieb es auch.


Die Franzosen waren bei dieser WM die spielerisch überzeugendste Mannschaft. Das zeigte sich vor allem in den ersten beiden Gruppenspielen beeindruckend. Das dritte betritt man mit kompletter B-Ganitur, und im Achtelfinale tat man sich gegen inspirierte Nigerianer sichtlich schwer. Dass Frankreich gegen Deutschland sein schnelles Kombinationsspiel aufziehen konnte, überraschte doch ein wenig. Letztlich aber waren es die vielen in die vorderen Reihen gespielten hohen Bälle, die immer wieder zu Ballverlusten führten, weil man zweikampftechnisch eben fast immer das Nachsehen hatte. Mehr Kombinationsspiel - schnelle Passstaffetten und Laufarbeit - wäre vielleicht zielführender gewesen. Bei solchen Aktionen spielte man das deutsche Mittelfeld immer wieder schwindlig.



Gratulation an die deutsche Mannschaft, die nach der zweifelhaften Partie gegen Algerien wieder zu alter Stärke zurückfand. Alt deswegen, weil das allseits gelobte deutsche Angriffsspiel gestern wieder dem traditionelleren Ansatz von Mauern und Kontern weichen musste. Vielleicht liegt es daran, dass die großen Akteure des Klinsmann'schen bzw. Löw'schen Tikitakas deutscher Prägung bei diesem Turnier bisher hinter den Erwartungen geblieben sind. Das betrifft etwa Mesüt Özil, aber auch Sami Khedira, die beide noch vor vier Jahren als das beste Kreativmittelfeld neben den Spaniern galten.

Vielleicht liegt es aber auch an dem deutlichen Scheitern des spanischen Systems, dass man sich jetzt selbst auch nicht mehr zutraut, etwas Ähnliches zu spielen. Man hat mitverfolgt wie TikiTaka zu Grabe getragen wurde; just von einer Mannschaft, die ihren spielerischen Ansatz vor vier Jahren in einem denkwürdigen WM-Finale selbst beerdigt hat. Holland nämlich spielt nur noch kreativen Offensivfußball, wenn es wirklich wirklich muss. Ansonsten herrscht auch hier der Defensivgedanke. Das ist - wie im Falle Deutschland - zwar nicht schändlich, aber schade.



BRA - COL 2:0



Auch Brasilien hat erkannt, dass das juego bonito immer dann dem Ergebnisfußball weichen muss, wenn es in die heiße Phase geht. So sah man gestern gegen Kolumbien, das seinerseits auf das ruppige brasilianische Spiel zu reagieren versuchte, eine hart geführte aber doch gute Partie mit vielen Fouls, die teilweise nicht entsprechend (nämlich früh genug) sanktioniert wurden. Der harte Ansatz zeigt eine Kultur der Spielzerstörung (oder zumindest Spielverhinderung), die auf mangelndem Selbstbewusstsein beruht. Dass ein solcher Ansatz, den Holland im Finale von 2010 schon verfolgt hatte, letztlich nicht belohnt wurde, ist irgendwie gerecht. Auch wenn ich es damals natürlich gerne anders gesehen hätte. Brasilien und Holland könnten auch anders - deswegen ist das schade.


Das Endergebnis stimmt natürlich trotzdem, sowohl auf dem Papier als auch nach dem Spielverlauf. Die zunehmend verkrampft agierende Heimmannschaft steht zu Recht im Halbfinale und trifft dort auf Deutschland. Bezeichnend, dass in beiden Partien, die Tore allesamt von Innenverteidigern erzielt wurden - und aus Standardsituationen. Wir können uns auf ein zerfahrenes Match einstellen, an dessen Ende vielleicht sogar ein Elfmeterschießen steht. Das heißt, solange nicht Julio Cesar in der regulären Spielzeit ein Schnitzer passiert. Das gab es ja auch schonmal…





Dass so oft die Mannschaft mit dem geringeren Unterhaltungswert gewinnt, macht den Fußball suspekt. Vielleicht ist es dieser Umstand, der das amerikanische Unbehagen dem Soccer gegenüber erklären könnte. Fußball ist nicht gerecht, das habe ich an anderer Stelle schon mal geschrieben. Gerechtigkeit ist keine Kategorie, weil das mit dem Fußballgott, auch wenn er sich anscheinend logisch herleiten lässt, nicht funktioniert. Weil eben nicht immer die bessere Mannschaft gewinnt, oder zumindest die Mannschaft, der wir den Sieg aus verschiedenen Gründen eher gönnen würden, ist Fußball oft höchst unbefriedigend.

Wenn Deutschland, Brasilien oder Holland Weltmeister werden sollten, dann muss man andere Kategorien zur Rechtfertigung bemühen. Deutschland, weil es sich nach all den Jahren wirklich neuartigen deutschen Fußballs einen großen Titel verdient hätte. Dass dieser just bei jenem Turnier folgen würde, bei dem man beginnt, die großen Innovationen wieder ad acta zu legen, wäre natürlich traurig. Aber im Prinzip würde sich Deutschland belohnen für den Mut, eine neue Art Fußball spielen zu wollen.

Brasilien ginge als Eh-immer-Favorit und vor allem als Gastgeber des Turniers auch in Ordnung. Man wird sich in wenigen Jahren eh nur an Neymar erinnern können. Hoffentlich nicht mit der Storyline, dass der große Star im Viertelfinale niedergestreckt wurde und nie mehr zum Einsatz kam.

Holland verdient den Titel seit den 1970ern, und auch wenn von voetbal totaal nicht mehr viel übrig ist, gehört die Niederlande auf die Liste der WM-Titelträger. Genauso wie England. Einfach, weil es irgendwie passt. So nah wie vor vier Jahren sind sie dem Titel zuvor noch nie gekommen (außer 1978). Robben hatte ihn schließlich auf dem Fuß. Wenn es heuer klappen sollte, dann akzeptiert man das, weil Holland wieder am Ende einer großen Generation steht. Es sind noch einige Akteure der großen Niederländischen Mannschaften von 2008 und 2010 dabei: Robben, Sneijder, Van Persie, Kuijt. Diese Fußballer hätten sich einen Titel verdient. Was dieses Turnier anbelangt, geht es darum, dass die Holländer in ihrem Auftaktspiel die Zeitenwende herbeigeführt zu haben scheinen: Tiki-Taka ist ein Wort, das zu einem Echo taugt. Es hallt nach - über alle Kontinente hinweg auf vereins- wie auch auf internationaler Ebene. Aber in Wahrheit haben es immer nur die Spanier gespielt; nur sie haben die Fähigkeit dazu gehabt, nur sie das Personal. Sollte Holland Weltmeister werden, dann haben sie den Titel aus jetziger Sicht allein für die Komplett-Demontage der spanischen Elf verdient. Und für den Symbolcharakter, den dieses Spiel hatte.


Es bleiben noch Argentinien und Belgien. Und für die beiden gilt, was ich oben geschrieben habe genauso: Belgien sollte sich eigentlich durchsetzen - sie haben, ähnlich wie die Franzosen, einen Spielansatz, der auf Kreativität und technisch wie auch taktischem Geschickt beruht. Wie gut so ein belgisches Spiel aussehen kann, das sahen wir gegen die USA. Es bleibt nur zu hoffen, dass ein ähnliches Spiel gegen einen Verhinderungsansatz, wie er bisweilen sogar von Argentinien gespielt wird, erfolgreich sein könnte. Für die Belgier spricht, dass die Mannschaft gefestigter wirkt als jene der Franzosen, und dass sie es auch körperlich mit Dreschern aufnehmen können. Gegen sie spricht die relative Unerfahrenheit, wenn es um die Endphase internationaler Turniere geht bzw. einfach der Umstand, dass sie Belgien sind und nicht Deutschland, Holland, Brasilien oder Argentinien.

Einen großen Namen zu tragen wird vom psychologischen her mit Fortdauer des Turnieres immer wichtiger. Auch, ob man schon einmal Weltmeister war. Deswegen würde auch Holland in einem Finale gegen Deutschland oder Brasilien in dieser Hinsicht einen gewissen Nachteil haben - und Belgien sowieso.


Der Weltmeister kann eigentlich nur Belgien heißen. Aber weil Fußball eben nicht gerecht ist und sich schon gar nicht ausrechnen lässt, wird er höchstwahrscheinlich nicht Belgien heißen. Dennoch lassen sich, wie oben angedeutet, für jede Mannschaft (außer Argentinien und Costa Rica) recht gute Gründe dafür finden, dass ein Titel doch in Ordnung ginge. Wir werden diese Gründe brauchen; Rationalisierung nennt man das in der Küchenpsychologie. Sie macht schmerzvolle Erfahrungen erträglicher, weil wir uns diese erklärlich machen können.



Held des Tages:

Gab es heute nicht wirklich einen. Vielleicht einmal mehr Neuer, der in der 94. Mit einem tollen Reflex den deutschen Sieg rettete.

Dienstag, 1. Juli 2014

Alte Tugenden

Die Deutschen blieben nicht nur unter den Erwartungen, sie unterboten diese sogar noch. Trotzdem stehen sie irgendwie im Viertelfinale und gehören da auch irgendwie hin.

 

GER - ALG 2:1 (n.V.)


Zumindest ein Deutscher hat gestern Großes geleistet: Und das war Manuel Neuer, der beste Mann auf dem Platz. Der Tormann, der das gesamte hintere Drittel verteidigen muss, weil seine Vorderleute dazu schlichtweg nicht fähig sind. Einzige Ausnahme war Jerome Boateng, der seinen Job anständig gemacht hat. Wie zerfahren die deutschen Hintermänner auch nervlich sind, zeigte Mertesackers Ausraster gegenüber dem ZDF ("Glauben Sie, unter den letzten 16 ist eine Karnevalstruppe? Was wollen Sie? Wollen Sie eine erfolgreiche WM, oder wollen Sie ausscheiden?"). Auch bei Trainer Jogi Löw hörte man Ungewöhnliches: "Soll ich mich ärgern, dass wir die nächste Runde erreicht haben? Man kann nicht in allen Matches fantastisch spielen. Was erwarten Sie eigentlich?"

Ja, wozu eigentlich die Aufregung? Deutschland hat doch wie erwartet die nächste Runde erreicht und den krassen Außenseiter Algerien geschlagen? Dass es 120 Minuten gedauert hat, daran hat einerseits die algerische Mannschaft Schuld, die sich überhaupt nichts geschissen und den Deutschen richtig Angst gemacht hat. Andererseits waren es natürlich die haarsträubenden Ausflüge Neuers ("Was macht der da?!"), die ein paar algerische Großchancen im Keim erstickt haben. Neuer hat gezeigt, was ein moderner Torwart alles können muss - wenn seine Vorderleute übers Feld rumpeln wie in den Zeiten vor der großen Klinsmann'schen Tugendwende. Neuer hat Libero gespielt - so wie früher Beckenbauer.
Deutschland will seit Jahren wie Spanien spielen - viel Ballbesitz, kurze, flache Pässe und kaum Fouls. Gestern haben sie aber gewonnen wie zu Zeiten von Brehme und Völler. Daher die Rechtfertigungsgesten (Schürrle: "Egal wie, Hauptsache wir sind im Viertelfinale."). Das war nicht das große deutsche Spiel, an dem seit Jahren gefeilt wird! Das war das alte teutonische Durchgenudel. Schade eigentlich.

Und es waren nicht einmal die schwachen Einzelspieler (Götze, Özil, Mustafi), es war die ganze Mannschaft, die verunsichert wirkte. Einziger Lichtpunkt war Schürrle, der folgerichtig dann auch das Tor in der Verlängerung geschossen hat. Frag nicht wie! (Schürrle würde ja sagen: "Egal wie, Hauptsache wir sind im Viertelfinale"). Schürrle und Neuer, das bleibt vom deutschen Team, wenn man das lächerliche Match gegen Portugal abzieht, in dem Müller seine Tore gemacht hat. Götze, der nach seinem Zufallstreffer gegen Ghana gejubelt hat, als hätte er das Toreschießen erfunden, spielt den beleidigten Bub, der für solche Aufgaben noch nicht die nötige Reife mitbringt.
Man muss sich deswegen noch keine Sorgen um die deutsche Mannschaft machen. Wohl aber um den deutschen Fußball, der in den letzten Jahren eine so schöne Entwicklung genommen hat. Sollte sich während dieser WM herausstellen, dass mit dem Kämpferischen mehr zu machen ist als mit dem Spielerischen, ist zu befürchten, dass die Deutschen wieder zu den "hässlichen Gewinnern" werden, die sie einmal waren. (Holland ist übrigens auch auf dem besten Weg dazu!)

Schön waren trotzdem die Reaktionen der algerischen Fans nach dem Spiel, die gefeiert haben als hätten sie das Spiel gewonnen. Für Algerien war es ein Riesenerfolg ins Achtelfinale zu kommen. Und es war ein Riesenerfolg, das DFB-Team so fordern zu können. Aber trotz allem hieß der Gegner Deutschland. Und Deutschland scheidet nicht im Achtelfinale aus. Schon gar nicht gegen Algerien. Die Welt ist einfach so eingerichtet..

Wir wurden auch gestern wieder daran erinnert, dass ein Fußballfeld auch ein Schlachtfeld sein kann. In Erinnerung geblieben ist mir der Sprint übers halbe Spielfeld von Islam Slimani in der 118. Minute auf dem Weg zum Ausgleich. Kurz vorm Strafraum verliert er den Ball (wahrscheinlich an Neuer, es könnte aber auch Boateng gewesen sein) und fällt vornüber ins grüne Gras von Porto Allegre. Er liegt da wie erschossen, völlig entkräftet, wohl wissend, dass es wahrscheinlich seine letzte Aktion bei dieser WM war. Im Gegenzug nutzt Deutschland die Chance zum zweiten Treffer. Algerien ist geschlagen.

Algeriens Tor fällt in der Nachspielzeit der Verlängerung - ein ungünstiger Zeitpunkt für einen Anschlusstreffer. Aber es fällt just in dem Moment, als die deutschen Fans ihre schauerlichen "SIEG! SIEG!"-Rufe ertönen lassen. Insofern war das Tor nicht nur gerechtfertigte Ergebnis-Korrektur, sondern auch ein angenehmer Dämpfer für das teutonische Erwin-Rommel-Gedächtnisgebrüll. Die wahren Wüstenfüchse sind nämlich immer noch die Algerier!


Held des Tages:
Manuel Neuer, der beste Verteidiger des Turniers. Auch die beachtliche Leistung seines Gegenübers M'Bolhi und jene von Enyeama aus dem Nigeria-Spiel beweist einmal mehr die hohe Klasse der Torhüter in diesem Turnier.

Neuers Ballkontakte außerhalb des Strafraumes im Match gegen Algerien. Es waren 17!


Tragischer Held des Tages:
Vincent Enyeama, der sich mit Händen und Füßen gegen Frankreich wehrte und doch nicht belohnt wurde. Trotzdem bleibt er der beste Tormann Afrikas.

Trottel des Tages:
Boris Kastner-Jirka und sein Witz nach der Halbzeitpause: "Der deutsche Teamarzt hatte in der Pause alle Hände voll zu tun. Viele Spieler litten an einer ... 'algerischen Reaktion'!"
Er wäre ja nicht gar so schlimm, wüsste man nicht genau, dass Kastner-Jirka den während der Pause irgendwo aus dem Internet geklaubt hat und ihn uns stolz als seinen eigenen präsentierte.

Freitag, 27. Juni 2014

Warten auf ein Wunder

 Wie eine Katze im Regen, so saß Jogi auf der Trainerbank in Recife. Die Vorrunde ist vorbei, und während Deutschland schon Weltmeister ist, warten wir noch auf das belgische Wunder.


Wurschtigkeit ist das Gefühl, das am besten mein Verhältnis zur Gruppe H beschreibt. Da gab es Belgien, der extrem geheime Geheimfavorit, der sich in der schwachen Gruppe nicht angepatzt hat und mit dem Punktemaximum im Achtelfinale steht. Mit Ruhm haben sie sich auch nicht bekleckert, aber Ruhm ist in Spielen gegen Kapazunder wie Russland, Algerien und Südkorea auch nicht zu holen.
Algerien hat sich den Aufstieg verdient, weil sie gegen Belgien besser dagegen gehalten haben als gedacht und über Südkorea drübergefahren sind. Dass Russland gestern an ihnen gescheitert ist, verbuche ich als eine Form von Gerechtigkeit, die die Grenzen des Fußballs übersteigt. Sollen jene gegen Deutschland ausscheiden, die noch nie in einem Achtelfinale waren - eine von zwei übrigen afrikanischen Mannschaften und die einzige verbleibende arabische. Viel Unterschied wird es ja nicht machen...

Das Spiel Deutschland gegen USA war die erwartet laue Partie. Erhofft hätten wir uns freilich ein frisch aufspielendes Team USA, das Deutschland nicht nur verunsichern, sondern sogar besiegen könnte. Das wäre vielleicht unter anderen Bedingungen möglich gewesen: Beiden reichte ja ein Unentschieden, und der Aufstieg der USA wäre nur bei einem Sieg Ghanas gegen Portugal mit zwei Toren Unterschied gefährdet gewesen. So, oder so ähnlich halt. Ist ja jetzt auch egal.
Ein Sieg der Amerikaner wäre unter einem anderen Gesichtspunkt schön gewesen: Die Begeisterung für "Soccer" war wohl noch nie so groß wie gerade jetzt - vielleicht mit Ausnahme der Heim-WM von 1994, obwohl die ja das Ganze erst vorbereitet hat. Ich merke das nicht nur an den Medienberichten, sondern auch an der Begeisterung meiner amerikanischen Verwandten, für die das sonst als öde geltende Soccer plötzlich ein ganz großes Ding ist. Die momentane Begeisterung für Soccer lässt sich annähernd mit der durchschnittlichen Begeisterung für College-Football vergleichen - und das ist viel. Sehr viel sogar!

Und es ist der Verdienst von Jürgen Klinsmann, der sogar so weit ging, ein (nicht ganz ernst gemeintes) Entschuldigungsschreiben für alle Angestellten aufzusetzen, die in ihrer Mittagspause das Fußballspiel anschauen sollten. Klinsmann macht in den USA jetzt das, was er 2006 in Deutschland gemacht hat: Er begeistert die Massen für den Fußball. Nicht, dass man sich in Deutschland nicht schon vorher für die Nationalmannschaft begeistert hätte - aber Klinsmann gab dem ganzen im Rahmen der Heim-WM einen neuen Dreh. Fußball sollte Emotion sein, er sollte spielerisch begeistern und nicht nur die richtigen Ergebnisse liefern. 2006 war das Jahr, in dem die deutschen Fußballer anfingen, sogar den Österreichern sympathisch zu werden. Klinsmann und Löw (damals noch Co-Trainer) an der Seitenlinie im hellblauen Hemd, die Ärmel lässig hochgekrempelt. Der eine Motivator, der andere System-Erdenker - so hat man es in Erinnerung. Dass daraus nicht nur ein attraktives deutsches Spiel entwachsen ist, sondern auch der ganze Schland-Wahnsinn, dafür kann der Klinsi nix.

Der macht sich nun daran, den Soccer in den USA zu revolutionieren. Deshalb war das Spiel gegen Deutschland so wichtig. Nicht, weil es für den Aufstieg ins Achtelfinale so wichtig war, sondern weil ein Sieg gegen eine große Fußballnation, gegen einen dreimaligen Weltmeister und momentanen Mitfavoriten den Amerikanern das Gefühl gegeben hätte, das sie immer brauchen: nämlich unbesiegbar zu sein. Egal, ob dieses Gefühl dann gerechtfertigt gewesen wäre, oder nicht. Der Fußball selbst jedenfalls kann von einer Begeisterung in den USA nur profitieren.

Ein bisschen bitterer Beigeschmack bleibt aber doch, schließlich sind die Gräben zwischen US-Sport und dem guten, alten Fußball doch noch auszumachen. Das Konzept nämlich, dass man trotz einer Niederlage weiterkommt, ist im US-Sport wenn nicht unbekannt, so doch zumindest suspekt. Noch suspekter ist den Amerikanern allerdings das Konzept eines Unentschiedens, eines Null-zu-nulls gar; insofern können wir froh sein, dass es gestern nicht dazu gekommen ist. "What? They didn't score no goal and still they're through? That's insane!", höre ich den Soccer-Neuling empört rufen.
Umso großartiger aber gestern die amerikanischen Fans im Stadion von Recife: Jeder Zweikampf wurde frenetisch bejubelt, jeder Pass beklatscht, jeder Ballverlust mit einem "Oooh" betrauert. Man spürt, da geht was im Land der bisher begrenzten Soccer-Möglichkeiten!


Im Achtelfinale dürfen die Amis jetzt gegen Belgien ran, den - ich sage es jetzt zum x-ten Mal - überaus geheimen Geheimfavoriten. Für die Belgier werden die USA ein erster richtiger Test. An einem guten Tag kann man aus einer Partie gegen einen fußballerischen Emorkömmling durchaus Momentum für das Viertelfinale mitnehmen, um den Geheimfavoritenstatus endlich gerecht werden zu können. An einem schlechten Tag ist es vorbei mit dem Geheimnis, da ruft die Nation, die gerade erst den Fußball lieben gelernt hat, "aber der Kaiser ist doch nackt!", und in ein paar Jahren werden wir uns daran erinnern, dass wir Belgien vor der WM so viel zugetraut haben, und sie dann in einer Pemperl-Gruppe den Sieg davongetragen haben, nur um dann im Achtelfinale gegen Klinsmanns One-Nation-one-Team-Armee zu verlieren. Das belgische Fußballwunder - es steckt momentan (noch) in den Kinderschuhen!

Deutschland macht weiter wie bisher: Siege einfahren, aber nicht überzeugen. Recht haben sie - muss man auch nicht, denn selbst wenn man das Finale gewinnt und nicht überzeugt hat, ist man trotzdem Weltmeister. Wenn aber alles nach Plan läuft, trifft Deutschland im Viertelfinale auf Frankreich, und gegen die wird das Nicht-Überzeugen nicht reichen. Da hat man nur zwei Möglichkeiten: Entweder man überzeugt endlich (mit dem Bayern-Mittelfeld Lahm-Schweinsteiger-Kroos ist man zumindest in dieser Abteilung auf dem besten Weg dazu), oder man beruft sich auf das Glück, das einer Fußball-Großmacht bei so einem Turnier zusteht.
Ich hätte Deutschland gerne gegen Belgien gesehen, das wäre ein wirklich interessantes Spiel geworden! Möglich ist das nun erst im Finale, und deswegen recht unwahrscheinlich. Aber darüber reden wir, falls sich das belgische Wunder anfängt, tatsächlich zu ereignen...


Held des Tages:
Islam Slimani, der Held Algeriens. Sein Treffer bescherte den Aufstieg. Wir werden ihn bald vergessen haben, er aber wird zum algerischen Hans Krankl werden. Alles Gute dafür - und Beileid.

Buhmann des Tages:
Der Regen in Recife, der gar die Austragung des Spiels USA gegen Deutschland gefährdet haben soll. So macht Soccer keinen Spaß!


ORF-Anmerkung:
Weil Bela Rethy ja eigentlich auch ein Zustand ist, und man Deutschland-Spiele sowieso nicht im deutschen Fernsehen anschauen kann, habe ich gestern wieder dem ORF gefrönt. Es ist beachtlich, wie man es schafft, Aussprachefehler in witzige Sinnspielereien zu verwandeln - ganz unabsichtlich versteht sich.
Helge Payer zum Beispiel sprach von der amerikanischen Fußballbegeisterung und erzählte, dass bei einem "Public Fewing" (Aussprache Payer) in Chicago gar 20.000 Menschen gewesen sein sollen. So "few" können es also gar nicht gewesen sein, beim Public Viewing.
Kommentator Michael Bacher, schaffte es, die deutschen Wurzeln des Amerikaners Jermaine Jones durch die unrichtige Aussprache dessen Vornamens zu verdeutlichen. In Bachers Mund wird nämlich "Jermaine" zum "German". German Jones also: der German unter den Jones. Alles klar!

Sonntag, 22. Juni 2014

Ein Dreiviertel-Salto

Es geht sich immer wieder gerade noch aus für die Deutschen. Die Verfallserscheinung lässt sich aber bereits an Kloses Salto ablesen.


Es war das erwartet schwierige Spiel für Deutschland. Denn obwohl es nach dem 4:0 gegen Portugal fast niemand wahrhaben wollte: Die Deutschen sind noch nicht da, wo sie hin müssen, wenn sie Weltmeister werden wollen. Ghana hingegen spielt am Limit, das die Mannschaft immer ein bisschen nach zu setzen versteht, wenn Weltmeisterschaft ist. Ghana spielt wild, unermüdlich, passioniert. Man sehe sich nur Asamoah Gyan an, den Taktgeber Ghanas, den Torjäger, der in jeder Sekunde des Spiels 100% da ist. Kein Einwurf ist ihm unbedeutend genug, um auch nur eine Sekunde die Konzentration ein halbes Prozent herunterzufahren. Oder man betrachte den knallharten Muntari, der unbarmherzig mit den Gegenspielern ins Gericht geht; und der deswegen bzw. wegen zweier gelber Karten, die ihm diese Spielweise eingebracht hat, im entscheidenden Spiel gegen die USA fehlen wird.

Die Mängel im deutschen Spiel betreffen vor allem Philip Lahms neue Rolle im Mittelfeld, mit der er sich auch im zweiten Spiel noch nicht ganz anfreunden konnte. Sie betreffen die Vierer-Abwehrkette, die zwar im Schnitt wahrscheinlich die größte der Welt ist (Flanken und Kopftore dürften gegen Deutschland eigentlich nicht möglich sein), die aber in der Vorwärtsbewegung allzu klotzig wirkt. Allerdings sind das alles Dinge, die nicht so sehr ins Gewicht fallen, wenn man den Ruf hat, eine "Turniermannschaft" zu sein. Eine Mannschaft, die sich im entscheidenden Moment durchwurstelt, wenn es um alles geht. Eine Mannschaft auch, die über "Spezialkräfte" von Weltformat verfügt (O-Ton Löw). Eine solche Spezialkraft ist etwa der nun alleinige Rekordtorschütze der deutschen Nationalmannschaft: Miroslav Klose.

Es ist nämlich mit Deutschland so: Sie liegen ein Tor hinten gegen eine Mannschaft wie Ghana, und du weißt, dass das für Ghana nicht reichen wird. Selbst wenn Ghana zwei Tore Vorsprung gehabt hätte, wüsstest du: Wenn jetzt der Klose kommt, dann macht der drei Tore. Ich hab die Einwechslung Kloses übersehen und dachte doch die ganze Zeit an ihn. Sah es schon vor mir, wie er bei einem Eckball wie aus dem Nichts auftaucht, den Ball ins Tor köpft und dann seinen Salto macht. Und ich sah ihn den Fuß hinhalten im richtigen Moment, den Finger in den Himmel strecken und seine Mitspieler auf ihn stürzen, weil er Deutschland gerade den sicheren Sieg gebracht hat. Ich sah schon die Bildzeitung von morgen. Wenn nur dieser Klose kommt, dachte ich mir, ist alles vorbei!

Dabei stand er zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Feld, und ich sah ihn nur nicht. Ein paar Minuten später sah ich ihn dann: Er hielt den Fuß hin, der Ball fiel ins Netz und Miro machte seinen Salto, schaffte aber nur eine Dreiviertel-Drehung. Verfallserscheinung hin oder her - er hat es wieder mal gemacht und hat jetzt sogar Gerd Müller überholt. Der große Klose - der Abstauberkönig überholt den Abstauberkönig. Er muss aber nach dieser WM aufhören, sonst bleibt er bei der nächsten EM während seines Saltos kopfüber in der Luft stehen. Das wäre ein furchtbares Karriereende. Obwohl ich ihn nicht mag und er mich nie ob seiner Fertigkeiten begeistern konnte, bleibt am Ende doch der Satz stehen: Was für ein Klasse-Stürmer!

Der Mannschaft von Ghana muss man gratulieren, dass sie nach dem 0:1 nicht zerbröselt ist. Denn so ergeht es vielen Mannschaften gegen Deutschland - nicht nur Portugal. Gratulation auch, dass sie nach dem 2:2 nicht noch ein Tor bekommen haben. So ergeht es nämlich auch vielen. Vor allem, wenn Klose kommt, denn wenn der eingewechselt wird, möchte er sich auf die Bild-Titelseite schießen.
Und dieser Götze? Ein Kind im Grunde. Sein Tor war symptomatisch: Er trifft den Ball nicht richtig mit dem Kopf, hat aber das Glück, dass ihm das Spielgerät just auf das gebeugte Knie und von dort ins Tor springt. Ein Un-Tor eigentlich. Ein Nicht-Tor als Tor. Zufall, ohne den bekanntlich beim Fußball nichts geht. And what about Müller? Ist der große Hurra-Müller schon nach dem zweiten Spiel Geschichte? Nein, denn im Grunde hat er gestern die bessere Partie gespielt, tritt jetzt als Triebkraft im deutschen Angriffsspiel auf. Da muss der Nachname nicht zum Verb werden, aber Müller hat sich zum eigentlichen Leader gemüllert (Führer darf man ja hier nicht sagen) - zumindest gilt das so lange, bis es Schweinsteigert, dessen Auftreten der Mannschaft immer noch ein bisschen Voodoo-Kraft a la Drogba gibt.

Ein arges Ding für Ghana war das, obwohl sie natürlich gerne den Punkt mitnehmen. Das ärgere Ding war nämlich das Spiel gegen die USA. Und das Abschlussspiel gegen Portugal wird nochmal ein ärgeres Ding, da geht es nämlich dann wieder um alles. In der Gruppe G geht es jetzt sowieso immer um alles. So auch heute Nacht, wenn die US-Amerikaner gegen die seltsamen Portugiesen spielen. Vielleicht gibt uns die WM mit diesem ein weiteres Rätsel auf. Bis dahin müssen wir die Spiel der langweiligen Belgien-Gruppe erdulden. Der Super-Ober-Geheimfavorit muss heute seiner Rolle gegen Russland gerecht werden. Ob er das schafft? Mir eigentlich egal, ich werde da noch immer mit der Gruppe G beschäftigt sein...


Held des Tages:
Asamoah Gyan mit seinem schönen Tor zum 2:1. Wer weiß, wie lang er uns noch erhalten bleibt.

Buhmann des Tages:
Mario Götze, den ich jetzt schon nicht mehr sehen kann. Mit seinem Un-Tor, das so gar nicht zu dieser WM passen will.

Mittwoch, 18. Juni 2014

Zwischenrunde


Erste Runde geschafft und der Gastgeber wackelt zum ersten Mal.


Mit den gestrigen Spielen aus der Gruppe H haben wir den ersten Durchgang beendet und konnten uns ein Bild von allen Mannschaften machen. Von einigen ein besseres als von anderen, aber doch sind erste Tendenzen zu erkennen:
Von den großen Favoriten überraschten uns Spanien und Argentinien negativ. Den Spaniern gelang es nicht, gegen entfesselte Holländer auch nur irgendein Spiel aufzuziehen und Argentinien startete mit seltsamer Taktik in eine verschlafene erste Partie gegen einen Zwergenstaat. Von Deutschland haben wir wenig gesehen, aber das, was wir gesehen haben, war gewohnt gut und wird sich in den nächsten beiden Gruppenspielen wohl noch festigen müssen. Italien hat bisher am meisten überzeugt, denn sie haben gegen ein überraschend gefährliches England eine hervorragende Partie gespielt. Bei Brasilien tut man sich jetzt schon ein bisschen schwerer, da deren zweites Gruppenspiel gegen Mexiko gestern Abend einige Fragezeichen hinterließ.

BRA - MEX 0:0


Tatsächlich schafften es die Brasilianer nicht, Mexiko zu biegen. Dass Mexiko seinerseits zu Chancen kommen würde, war spätestens nach den ersten Spielen beider Mannschaften klar. Mexikos Trainer Herrera hat seine Mannschaft gegen Brasilien aber hervorragend eingestellt, besonders was die Bewachung Neymars betrifft. Das war nicht immer schön anzusehen, aber es war klug und letzten Endes sehr erfolgreich. Die Brasilianer sind aber vor allem an Mexikos Keeper Ochoa gescheitert, der eine glanzvolle Partie spielte und somit für seine Mannschaft das Optimum herausholte.

Wir haben das zweite 0:0, das aber um viele Klassen besser war als jenes zwischen Nigeria und dem Iran. Brasilien überraschte eigentlich nur frisettentechnisch, denn Dani Alves ergraute über Nacht (vor Schreck? Ich kann es mir nicht vorstellen) und bei Neymar war auch irgendwas anders. Aber da letzterer sowieso aussieht wie gezeichnet, macht das nicht so viel. Ich halte von Neymar ja nicht viel, das ist mir zu viel Hype bei vergleichsweise wenig Substanz. Und WM-Helden, das sind meistens immer die geworden, von denen man es sich eh nicht wirklich erwartet hatte.

Das Spiel gestern war ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man den großen Mannschaften mit viel taktischer Disziplin gehörige Probleme bereiten kann. Wie sich das heute im Falle Australiens gegen die Niederlande ausnimmt, werden wir ja sehen...

War da noch was? Aja, wieder ein Spiel von einer dieser asiatischen Mannschaften gegen die unsympathischen Russen. Hab ich mir gespart und werde wohl nicht der Einzige gewesen sein...


Held des Tages:
Guillermo Ochoa, an den ich mich erst gewöhnen muss (nicht nur frisürlich). Denn für mich gab und gibt es nur einen echten mexikanischen Torhüter. Und der heißt Jorge Campos!

Buhmann des Tages:
War sicher einer vom Spiel Russland gegen Südkorea. Ich habe es nicht gesehen, aber was macht das schon?


Was noch aufgetaucht ist: Joe Hart verlangt nach dem Pirlo'schen Wunderfreistoß nach dem Ball:




Dienstag, 17. Juni 2014

Die Traurigkeit eines Großen

Ein wenig aussagekräftiges Auftaktspiel in Grupp G verrät mehr über Portugal als über Deutschland.

 

GER - POR 4:0


Portugal kann einem Leid tun. Diesmal hätte es klappen sollen, haben sich alle gesagt; allen voran Cristiano Ronaldo. Aber es hat nicht nur nicht geklappt, es ist eine Katastrophe: Denn man hat gegen eine wacklige deutsche Nationalmannschaft ein unwürdiges Spiel geliefert, dabei einen Weltstar demontiert, zwei Schlüsselspieler verloren und steht in der Gruppe G jetzt ganz schlecht da. Weil dieser portugiesischen Nationalmannschaft sowohl Ghana als auch die USA sehr gefährlich werden können. Das Selbstvertrauen, das ist erstmal dahin!

Es wundert mich nicht, dass Deutschland gegen Portugal gewonnen hat. Schließlich haben sie die Iberer auch die letzten Male geschlagen. Es wundert mich nur, wie hilf-, ideen- und lustlos die Portugiesen zu Werke gingen. Und das, obwohl Deutschland seine Probleme hatte, vor allem was Lahms neue Rolle im Mittelfeld und den Spielaufbau betrifft.
Portugal ist eine seltsame Mannschaft, die über einen hochklassigen Kader verfügt, den der beste oder zweitbeste Spieler der Welt schmückt. Die linke Seite mit Coentrao und C. Ronaldo gehört vielleicht überhaupt zum Besten auf Nationalteam-Ebene. Aber wie bei vielen Teams, zählen die Namen alleine wenig. Und wie sehr (oder wie wenig) ein Überstar in der Mannschaft hilft, hat man bereits an Argentinien gesehen: Das Spiel fällt auseinander, wenn der nicht liefert bzw. vom Gegner erfolgreich ausgeschalten wird. C. Ronaldo ist ein Großer, den man nicht mögen muss. Aber er ist immer wieder auch ein Trauriger - und Portugal ist eine traurige Mannschaft. Sie spielen, angesiedelt zwischen spanischen Flamenco und brasilianischer Samba, den Blues des talentierten Under-Achiever.

Die Deutschen müssen sich derweil nur wenige Fragen stellen. Auch dieses Mal ist man wieder nur mäßig ins Turnier gestartet. Dass es für einen 4:0 Erfolg über den Gruppen-Mitfavoriten gereicht hat, ist natürlich sehr angenehm. Gemessen an dem, was man von den anderen beiden Mannschaften in der Gruppe G gesehen hat, präsentierte sich Portugal bisher als schwächstes Team der Gruppe. Was aber nicht heißt, dass Deutschland gegen Ghana oder die USA Probleme bekommen wird. Im Gegenteil sind gerade diese Mannschaften ein hervorragender Test für die Deutschen, um sich im neuen System für die KO-Phase einzuspielen. Über Deutschland lässt sich momentan nicht viel mehr sagen, dafür gab das Portugal-Spiel zu wenig her. Und dass sie stark sind, wusste man vorher auch schon.

Es spricht für Jogi Löw und seine No-Striker-Philosophie, dass Thomas Müller schon nach dem ersten Match wieder Torschützenkönig-Kandidat ist, und Özil und Khedira ein bisschen mehr gezeigt haben, als von ihnen erwartet wurde. Offensiv funktioniert da einiges, und wenn Lahm sich in seiner neuen Rolle auch noch zurechtfindet, dann kann diese deutsche Mannschaft nur noch Italien aufhalten. Oder Brasilien. Oder Spanien. Oder Holland. Wir sind also so schlau als wie zuvor...


Mann des Matches:

Thomas Müller, das Stafraumungeheuer.

Buhmann des Matches:

Thomas Müller, der Aua-Aua-Schauspieler.

Deutschland, deine Fans

Ich hab das Thema hier schon einmal behandelt, mach das aber jetzt wieder, bevor es zu spät ist! Wie es um den deutschen Fußballfan bestellt ist, und warum der Fußball da gar nichts dafür kann.


Wenn mich ein Deutscher fragt, wem denn die Österreicher die Daumen drücken bei der Fußball-WM, dann ist das eine hinterlistige Frage. Und sie ist eine hundsgemeine obendrein. Denn erstens feixt da der Deutsche still in sich hinein, weil Österreich natürlich nicht dabei ist; manche haben sogar die Frechheit zu fragen: "Spielt Österreich denn mit?" Sie wissen es ganz genau!
Zweitens überprüft der Deutsche mit solchen Fragen die Gesinnung des Österreichers. Solidarisiert er sich mit der "Nationalelf", flüchtet er also unter den strahlenden Fußballhimmel des großen Nachbarn? Oder ist er ein grantiger Miesmacher, der den Deutschen nix gönnt, wohinter der Deutsche dann natürlich Eifersucht vermutet. Daran kann er sich dann wieder ergötzen, der Deutsche am leidenden Österreicher.

Ich antworte jedenfalls gerne diplomatisch und sage, dass wir uns "schwer tun" mit dem deutschen Fußball, und dass es ganz darauf an komme. Worauf es denn ankomme, fragt dann der Neugierige. "Wenn sie die bessere Mannschaft waren, dann freuen wir uns natürlich auch für die Deutschen", lüge ich dann gekonnt. Denn in Wahrheit müsste ich sagen: "Es kommt ganz darauf an, wie ihr mit eurem Erfolg umgeht!"
Heute im Frühstücksfernsehen habe ich ihn wieder gesehen, den Schlander, der mit Fahne und Schminkgesicht betrunken vor der Kamera herumhüpft, vollkommen außer sich, obwohl vermutlich schon viele Stunden nach dem Spiel, und dauernd ungläubig "Vier zu null! Vier zu null!" in die Kamera brüllt und dabei hysterisch lacht. Er freut sich also, der junge Mann; alles klar.

Die Freude über den deutschen Erfolg ist aber immer so verkrampft und inszeniert wie hier. Deswegen kennt sie auch kein Maß. Es gibt kein "war okay, gut gespielt, aber Portugal nicht gut" etc. Das kommt nur vom DFB selber, vom Trainer, von den Spielern. Die haben das gelernt. Die Fans nicht. Die Fans müssen sich freuen. Der Deutsche freut sich, weil es sein Recht und seine Pflicht ist. Das Recht hat er erworben durch den Sieg seiner Mannschaft, die Pflicht erlegt er sich quasi selber auf. Er pocht auf sein Recht zum Jubel. Das macht das ganze so verkrampft, das macht den Jubel so suspekt. Vor allem, weil das unverkrampfte Umgehen mit der eigenen Nationalität und das Bejubeln derselben immer noch nicht vereinbar ist. Ein Deutscher, der eine Fahne schwenkt - das ist eigentlich jedem egal. Nur die Deutschen selbst sehen sich ungern dabei zu, weil sie sich davor fürchten, dass irgendeiner dem Jubelnden ein Hitlerbärtchen unter die Nase malen könnte.

Vielleicht ist es so zu erklären, dass man im Jubel von sich selbst ablenkt und alle Energie auf Müller, Jogi, Schweini und wie sie alle heißen konzentriert. Man deutet hin auf die Elf, die in Adiletten in der Kabine steht, die arme Kanzlerin Merkel inmitten schwitzender Fußballer. Deutschland, Juchee! Der Hurra-Piefke stakst brav durch die Straßen, verkleidet pflichtbewusst seine Seitenspiegel mit schwarz-rot-gold, und tanzt zu Stefan Raab, Oliver Pocher, den Toten Hosen oder sonst irgendwelchen Vertretern deutscher Unterhaltungs-Unkultur. Das nervt, weil es ihm keiner glaubt, dass er sich wirklich freut. Eigentlich will er es nur allen gezeigt haben. Wieder mal die Besten, wieder mal obenauf. Ich fahr Mercedes, Opel, BMW, Audi und VW gleichzeitig und unser Müller ist der Beste! Deutscher Jubel ist ohne Übermaß nicht zu bekommen.

Der Unterschied zu anderen Nationen ist etwas schwerer zu vermitteln. Einerseits gibt es da jene, die ihre Begeisterung aus reinem Nationalstolz speisen. Das sind zum Beispiel die südosteuropäischen Jungnationen (Kroatien, Bosnien und Herzegovina), aber auch die Amerikaner oder die Russen. Die anderen ziehen ihre Begeisterung aus einer reichen und ausgiebig 365 Tage im Jahr gelebten Alltag-Fußballkultur. Dazu gehören zum Beispiel England oder Italien.
Für manche ist der Fußball die einzige Möglichkeit, überhaupt einmal wahrgenommen zu werden. Und so macht es die Menschen glücklich, ihre besten Fußballer im Fernsehen zu sehen und zu wissen, dass die ganze Welt sie auch sieht. Das betrifft meist Kleinstaaten und die sogenannten Exoten. Die Südamerikaner wiederum lieben es, ihre Lebensfreude zu zelebrieren und das öffentlich zur Schau zu stellen. Fußball gehört auch hier zum Alltag, wenn er auch hier weniger intellektuelle (wie in Europa) sondern eine sozial-identifikatorische Bedeutung hat.

Deutschland steht in dieser Riege irgendwie allein da. Ein Artikel in den Salzburger Nachrichten behauptete letztens, dass jede Mannschaft bei dieser WM einen Spitznamen für ihre Nationalmannschaft hat - alle außer die Deutschen. Das müsste man jetzt durchdeklinieren um es zu überprüfen, aber ich glaube es auch so. Deutschland ist keine Fußballnation im klassischen Sinne. Fußball stiftet hier keine Identität und ist auch nicht unbedingt im Alltag integriert. Er wird professionell betrieben, es gibt das richtige Umfeld, um großartige Spieler heranwachsen zu lassen. Deutschland ist auch eine erfolgreiches Land, sowohl mit der Nationalmannschaft als auch auf Vereinsebene. Aber Deutschland braucht den Fußball nicht, sie haben ihn nicht erfunden, sie haben ihn nie revolutioniert, sie sehen sich auch nicht als Fußballer, sondern in erster Linie als Ingenieure. Das mag jetzt ein Vorurteil sein, aber wenn man einen Italiener fragt, was Italien ausmache, kommt "Calcio" wohl ziemlich weit vorne.

Deutschland ist überall gut, weil der organisierte Sport genügend Talente hat und fördern kann. Freilich, Fußball mag die populärste Sportart sein, aber das ist er in den meisten Ländern. Weil eben Deutschland dieser Sport nicht ureigen ist, er aber die Macht hat, ein ganzes Volk in Jubelstimmung zu versetzen (eben durch seine Breitenwirksamkeit), ist er den Deutschen irgendwie unangenehm. Daher kann der Deutsche nicht wirklich entspannt jubeln und daher kommt es zur unnötigen Übertreibung. Die Leidenschaft fehlt, der Stolz ist da. Und stolz auf sein Land zu sein, das wurde den Deutschen verboten. Daher gibt es jetzt Schlander und Hurrapiefkes, die den Stolz auf "Jogis Buben" über die Unterhaltungskultur ausleben.

Die Lösung für alle Österreicher und andere, die sich an dem Getue stoßen, liegt darin, zu erkennen, dass das ja mit dem Fußball im Grunde nichts zu tun hat. Es hat ja auch niemand Schuld daran, dass es so gekommen ist. (Außer vielleicht Stefan Raab und Konsorten). Unser Problem ist die geographische, sprachliche und vielleicht auch historische Nähe zu Deutschland. Eigentlich schaue ich nämlich gern ARD oder ZDF, weil der österreichische WM-Firlefanz heuer wirklich unter aller Sau ist. Am Tag eines Deutschlandspiels aber meide ich diese Sender, nicht weil die Vorberichterstattung zu viel auf die deutsche Mannschaft eingeht, sondern weil eben auch dauernd diese Schlander auftreten. Und vielleicht auch, weil man befürchtet der deutsche Kommentator würde sich beim 4:0 ein bisschen zu viel freuen. Das ist die Kommentatorenvariante von C. Ronaldos Nach-einem-unbedeutenden-Elfmeter-Tor-das-Trikot-ausziehen-und-Posen.

Es ist also eh einfach: Sich am deutschen Fußball erfreuen, so er denn erfreuenswert ist, und den Rest nicht einmal ignorieren. Im Übrigen würde das alles, was ich oben über die Deutschen und ihr Verhältnis zum Fußball geschrieben habe, genauso für Österreich gelten. Gott sei Dank müssen wir nicht darüber nachdenken, wie wir uns verhalten würden, hätten wir eine erfolgreiche Mannschaft (die übrigens auch keinen Spitznamen hat). Stattdessen schauen wir die Deutschland-Spiele lieber auf ORF, schalten aber natürlich sofort um, wenn Deutschland in Rückstand gerät!

Über Effektivität

Herzog will was sagen, allein er weiß nicht, was!

 Die USA üben sich in Effektivität, und Herzog wird dafür vom ORF gelobt. Ghana bleibt unglücklich aber fleißig. Und warum die WM auch im Großen gesehen sehr effektiv ist.


Ein unsympathischer Titel für einen Blog-Eintrag ist das schon. "Über Effektivität", das klingt nach einer ausholenden abstrakten Erörterung; da kann man sich nichts drunter vorstellen, das langweilt schon im Vorhinein, ja eigentlich ist das unbedingt zu vermeiden! Aber der Begriff Effektivität ist nunmal einer, der sich schwerlich ersetzen lässt; und weil das Thema hier eben jene Effektivität sein soll, hält sich schon der Titel ans Thema: Er erklärt kurz und bündig, worum es geht. Ohne Metaphern, ohne Ausweichen. Dass der Begriff ein abstrakter ist, kommt in diesem Fall nur gelegen. Es geht nämlich um zwei Arten der Effektivität: Die spielerische und die dramaturgische.

"Effektiv haben sie gespielt", hört man meist, wenn eine Mannschaft für das Spiel genau gar nichts getan, aber mit einem Tor Unterschied gewonnen hat. Es hört sich beschönigend an, als würde man den Gammelfußball in Schutz nehmen wollen. Und meistens ist mit dem Prädikat "effektiv" auch genau das erreicht. Denn es ist effektiv, wenn man Kräfte schont, nur das Nötigste macht, und am Ende drei Punkte aus dem Spiel mitnimmt. Effektiv ist aber selten schön. Effektivität hat keinen Platz für Fehler, für Ungereimtheiten und ist deshalb per se unspannend. Das spanische Spiel etwa war vielleicht oft im Ergebnis effektiv, die Spielgestaltung aber war es nicht: Ständig den Ball zirkulieren lassen, ständig hochkonzentriert, aufwändige Pass- und Laufwege bis am Ende endlich der Torerfolg stand. Aber auch das holländische Spiel ist nicht effektiv, weil es vom Versuch lebt. Es wird versucht, und wenn etwas gelingt, ist es großartig. Wenn es aber nicht gelingt, schlittert man ganz schnell in die Katastrophe. "Vorne mehr Tore schießen als hinten bekommen", das ist nicht effektiv, aber es ist aufregend! Es ist zumindest besser als "hinten nichts bekommen und vielleicht vorne eins reinmachen".

GHA - USA 1:2


Warum ich hier über Effektivität doziere? Weil das Team USA gestern ein höchst effektives Spiel abeliefert hat. Nach 30 Sekunden stand es 1:0 für die US-Boys, und dann reichte es, diese Führung 82 Minuten lang zu verteidigen. Die Möglichkeit eines späten Gegentreffers ist in dieser Rechnung immer mit drin. Meistens setzt man darauf, dass Frust und Müdigkeit den Gegner mürbe machen und so mit Fortdauer der Spielzeit die Wahrscheinlichkeit für ein Gegentor sinkt. Nicht so bei Ghana, die unbeirrt über 80 Minuten konstant auf das amerikanische Tor spielten (21 Schüsse waren es insgesamt am Schluss). Allein, es fehlte der letzte Kniff, ein bisschen Glück, bis Ayew in Minute 82 endlich endlich das 1:1 machte. Ich hätte zur Mitte der zweiten Halbzeit sogar noch auf einen Sieg Ghanas gewettet, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass das US-Team dem Ansturm so lange stand hält.

Doch vier Minuten später, die US-Amerikaner nahmen fast widerwillig wieder am Spielgeschehen teil, köpfte nach einem Eckball Team-Neuling Brooks zum 2:1 ein. Da tat mir Ghana Leid - wieder einmal wurde der Fleiß nicht belohnt. Für die USA war es das: Ein Tor in der 1. und eines in der 86. Minute waren genug für den zwischenzeitlich zweiten Platz in der Gruppe G. Unverdient? Jein, denn in der ersten Hälfte fand das Spiel doch in zwei Hälften statt. Da machten die Amerikaner noch mit und kamen auch zu einigen Chancen auf das 2:0. Nach der Halbzeit aber wurde nur noch verteidigt, und das ziemlich gut, weil spielerisch. Das ist kein Riegel-Holzen, das ist ein dynamisches und aktives Hintendrinstehen mit Anfälligkeit für Fehler. Die verstand Ghana zu wenig zu nutzen. Der Trost, dass Ghanas Tor eines der schönsten bisher war, wird den Afrikanern dennoch nur ein geringer sein.

Für Klinsmanns (und Andi Herzogs, wie der ORF nicht müde wurde zu betonen) Mannschaft war dieser Sieg wichtig, vor allem in Hinblick auf die schwache Leistung Portugals. Portugal kommt zerstört und geschwächt aus dem Auftaktspiel, aber auch die USA mussten drei Mal verletzungsbedingt wechseln, was freilich kein gutes Vorzeichen für die kommenden Spiele ist. Ghana kann im Prinzip nur noch auf irgendetwas nicht in ihrer Macht Liegendes hoffen, denn gegen Deutschland wird man sich nur schwerlich drei Punkte holen können.
Für mich persönlich ist es schade, dass Ghana und USA in einer so schweren Gruppe gelandet sind, da mir beide Mannschaften immer imponieren. Das sind Fußballnationen aus der dritten Reihe, knapp vor den Zwergen anzusiedeln, die aber spielen wie welche aus der ersten. Dieses Selbstbewusstsein wäre bei Kroatien, Bosnien oder Nigeria auch gut aufgehoben.


IRA - NIG 0:0


Dass in diesem Spiel insgesamt von beiden Mannschaften weniger Schüsse gekommen sind als in der eben besprochenen Partie, ist nicht verwunderlich. War dies doch die eigentlich "lang ersehnte" erste schlechte Partie dieser WM. Eine programmierte Fadesse zur Hauptabendzeit ist schon eine Frechheit. Nach den großartigen Partien der letzten Tage hatten wir aber die stille Hoffnung, diese Paarung zweier Halblustiger könnte sich doch zu einem ansehnlichen Schlagabtausch entwickeln. Weit gefehlt! Das war kein Fußballspiel, das war Sendezeitverschwendung! Das erste Unentschieden, das erste torlose obendrein, hat mir aber wenigstens Zeit gegeben, mich ein bisschen von den nervlichen Strapazen des Deutschland-Spiels zu erholen.

Und doch war es effektiv! Anstatt müde Partien gleichmäßig auf alle Gruppen aufzuteilen, hie und da ein Unentschieden einzustreuen oder ein glückliches 1:0, entschied sich diese Weltmeisterschaft, das alles in ein Spiel zu stecken, von dem sich sowieso keiner was erwartet hat. Clever, und wiederum sehr effektiv, wenn man es vom Dramaturgischen her betrachtet. Für die Gruppe F heißt das Unentschieden nämlich auch noch genau gar nichts, höchstens, dass sich Bosnien (rein spielerisch) Hoffnungen auf zumindest den dritten Platz machen darf.

Wenn meine Vermutung über die Effektivität stimmt, dann geht es heute munter weiter mit dem heiteren WM-Geballere. Auf dem Spielplan steht nämlich Mexiko gegen Brasilien (huch, wir sind schon einmal durch?) und der erste Auftritt des großen Geheimfavoriten Belgien, das sich gegen Algerien aufwärmen darf. Auch heute dürfen wir wieder früher ins Bett, weil zu später Stunde Russland gegen Südkorea spielt und wir, selbst wenn das ein tolles Spiel werden sollte, nicht allzu viel versäumen werden. Sag ich jetzt mal so. Weil die Gruppe H die Jammergruppe ist. Außer Belgien - aber das wissen ja eh alle.


Held des Tages:

Asamoah Gyan, der unermüdliche Rackerer, hat sich mit seiner Vorarbeit zum 1:1 für Ghana einmal mehr unsere Sympathien verdient. Er ist Afrikas bester Fußballer, auch wenn das objektiv nicht stimmen mag.


Buhmann des Tages:

 Andi Herzog, der vom ORF gehypte Co-Trainer von Team-USA. Er hat eigentlich nichts gemacht, aber wenn er dafür vom ORF so gelobt wird, kann er ruhig an dieser Stelle genauso unbegründet Buhmann werden.