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Freitag, 11. Juli 2014

Trotzdem Argentinien

Wir haben ein Finale, das nur einen Sieger kennen darf. Das ist zwar schade, aber leider auch gerecht.

 

NED - ARG 0:0 (2:4 n.E.)


Es ist soweit: Nach einem Spiel, das sich weigerte es dem Match Brasilien gegen Deutschland gleich zu tun, stand Argentinien als zweite Endspielteilnehmer fest. Holland gegen Argentinien, das war eine Abwehrschlacht zweier Mannschaften, deren Trainer die Hosen voll hatten. Es war das Match mit den wenigsten Ballberührungen im Angriffsdrittel beider Mannschaften; und es war jenes mit den wenigsten Schüssen. So verwundert es auch nicht, wenn die herausragenden Leistungen nicht von Robben und Messi erbracht wurden, sondern von Hollands Zentralverteidiger Ron Vlaar, der da hinten alles gesaugt hat, was an Angriffsbemühungen Argentiniens durch den niederländischen Abwehrwall durchdrang, und dem argentinischen Tormann Sergio Romero, der im Elfmeterschießen den Tim Krul machte. Tim Krul, der holländische Ersatztormann, der das Elferschießen gegen die Costa Ricaner zu einem Happening gemacht hatte, der aber diesmal auf der Ersatzbank bleiben musste. Denn Wechselgott van Gaal brachte sowohl de Jong als auch van Persie von Beginn an, die beide nicht fit waren und durch Clasie bzw. Huntelaar ersetzt wurden. Bruno Martins Indi musste aufgrund einer Gelbverwarnung Drayl Janmaat weichen, und so war das Wechselkontingent erschöpft - Tim Krul konnte nicht erneut zum Elfmeterkiller werden.

Ob Krul aber die Argentinier ähnlich beeindruckt hätte wie zuvor die Ticos, darf bezweifelt werden. Zwei Elfmeterschießen in Folge zu gewinnen, damit wäre überdies ein Finaleinzug auch nicht zu rechtfertigen gewesen. Holland muss froh sein, mit dieser Spielweise überhaupt so weit gekommen zu sein. 20 Minuten Offensivwillen pro Partie - das darf nicht auch noch mit einem WM-Finale belohnt werden.

"Trots" heißt 'stolz' auf Niederländisch. Ob die Niederländer so stolz sein können - ich weiß es nicht. Beachtlich war der Semifinaleinzug auf jeden Fall, weil unerwartet. Auf der anderen Seite des Stolzes steht der Trotz:

Denn was ist mit Argentinien? Mit der Albi-Celeste ist eine Mannschaft ins Finale eingezogen, die das gesamte Turnier über mit Unauffälligkeit "geglänzt" hat. Das argentinische Spiel wird von einem Trotzdem regiert. Das bedeutende Narrativ bisher war ein Messi, der zwar weit von seiner Idealform entfernt war, aber trotzdem immer spielentscheidend eingegriffen hat. Zwar hat keiner mit ihnen im Finale gerechnet, nun sind sie aber trotzdem da. Es ist eine Verwandtschaft zum deutschen Team zu erkennen, zumindest was die medialen Erwartungshaltungen an die DFB-Elf im Verhältnis zu den tatsächlichen Entsprechungen am Feld betrifft. Das Nicht-Spiel gegen die USA und die Zitterpartie gegen Algerien stehen im Zentrum dieses Bildes vom deutschen Team, das nicht zu sich findet. Überwunden wurde das dann mit Willens-Fußball gegen Frankreich und dem fulminanten Halbfinale gegen Brasilien, nach dem auffälligerweise niemand Parallelen zur Auftaktpartie gegen das desolate Portugal zog. Vielleicht, weil der Sieg gegen Brasilien im vorletzten Spiel des Turniers so viel wichtiger war. Vielleicht, weil die Mannschaftsentwicklung in den letzten Spielen so weit vorangeschritten ist, dass man nun weiß, wie und warum man sich diesen Sieg verdient hat.

Das soll heißen, dass Deutschland die gefestigtere Mannschaft ist. Nicht nur, was die Harmonie zwischen den Akteuren betrifft, sondern auch die gemeinsame Erfahrung, die man bei diesem Turnier gemacht hat. Psychologisch gesehen haben die Deutschen nämlich mehr durchzustehen gehabt als die Argentinier. Das bringt ihnen für das Finale den entscheidenden Vorteil, zusätzlich zu dem, dass man gegen Argentinien bisher gute Erfahrungen gemacht hat.

Die Argentinier wären ungeliebte Weltmeister. Nicht nur, weil sie den Titel in Brasilien holen würden. Mir fällt auch immer noch kein Argument dafür ein, dass Argentinien Weltmeister sein sollte. - Messi allein reicht nicht. Freilich, ein Spieler wie dieser verdient sich auch einen WM-Titel, ja es wäre schade, würde er keinen bekommen. Andererseits waren seine Leistungen in der Nationalmannschaft immer schon eher am bescheideneren Ende anzusiedeln. Messi ist mehr Spanier als Argentinier, er wurde bei Barcelona spielerisch sozialisiert und ist dort auch noch am besten aufgehoben. Bis jetzt musste er nie den Beweis antreten, dass er in einem anderen Team genauso funktioniert. Wie schwierig es ist, eine Nationalmannschaft um so einen Spieler herum aufzubauen, sah man vor vier Jahren und man sieht es auch dieses Mal.

Diese Aufgabe fiel Alejandro Sabello zu, einem nicht sonderlich großartigen Coach, der bis jetzt vor allem damit aufgefallen war, dass er sich von Lavezzi mit einer Trinkflasche bespritzen ließ, und einmal fast umgefallen wäre. Sabello ist bisher mit dem verhaltenen Spiel, das auf ein Messi-Wunder zu hoffen scheint, ganz gut gefahren. Die grauenhaft feige Aufstellung in der ersten Halbzeit des Spiels gegen Bosnien, konnte er aber nie wieder gut machen. Auch, wenn es heißt, er habe in Hälfte zwei auf Zuruf von Messi umgestellt. Sabello ist kein Weltmeistertrainer und ein Titel wäre auch für ihn nicht gerechtfertigt.

So bleibt uns einzig das Klangvolle, das dieses Finale hat, der Name: Deutschland gegen Argentinien. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Denn einerseits wäre Deutschland der würdigere und logischere Weltmeister, auf der anderen Seite fürchte ich mich vor zwei Dingen: Einen neuerlichen Kantersieg, den ich aber für unwahrscheinlich halte, weil das einen Freifahrtschein zum schlechten Benehmen bedeuten würde. Das andere, vor dem ich mich fürchte, wäre ein unverdienter Weltmeister Argentinien. Ein charmeloser, den dieses Turnier nicht verdient hat.

Inzwischen begnügen wir uns mit dem traurigen Spiel um Platz 3, das immer noch nicht abgeschafft wurde. Brasilien noch einmal auf den Platz zu zwingen, das grenzt an Perversion. Insofern wünsche ich der Selecao einen Sieg, der nichts besser machen würde. Und auch nicht würdiger. Aber erträglicher als eine zweite Niederlage wäre es allemal.
Ich bin gespannt, ob Holland sich im letzten Spiel nochmal zutraut so zu spielen, wie man es eigentlich immer könnte. Schließlich geht es ja um nichts, wie van Gaal immer betont...


Montag, 7. Juli 2014

Louis van Gaal - Wechselgott

Das Geheimnis eines guten Trainer ist es, Dinge zu tun, die keiner nachvollziehen kann, und just mit diesen Dingen erfolgreich zu sein. Louis van Gaal ist so ein Trainer. 

 

NED - CRC 0:0 (4:3 n.E.)


Ich war schon wieder dabei, Louis van Gaal zu verfluchen. Schon wieder keine erkennbaren Offensivbemühungen über weite Strecken des Spiels. Kontrolle, Kontrolle und nochmals Kontrolle. Gegen den Underdog Costa Rica bewahrte man zwar die meiste Zeit über die Überhand, aber aufregend war es nicht. Die seltsame Strategie der Holländer scheint psychologisch geleitet: "Wenn wir gegen einen absoluten Außenseiter ein 0:0 halten, verhindern wir allzu geschäftige Aktivität seinerseits, weil der ja das Unentschieden als Erfolg verbuchen kann. Dann genügt uns ein spätes Tor und wir müssen uns nur noch kurze Zeit gegen verzweifelte Sturmläufe wehren, dann haben wir es geschafft." Und enstprechend plätscherte dann das Spiel dahin.

Kontrolle ist ja schön und gut, und in Hollands Fall auch wirksam: Schließlich gelang den Ticos der erste und einzige Torschuss erst in der Verlängerung. Wenn man dann aber weder zum Ende der Spielzeit noch in der Verlängerung ein Tor schießt, liefert man sich als Favorit der Gefahr aus, im Elfmeterschießen gegen einen Zwerg auszuscheiden. Natürlich hatte Costa Rica Glück, denn die Niederländer trafen drei Mal nur die Stange. Es schien auch irgendwie gerecht, dass es diesmal mit dem späten Tor nicht klappen wollte. Dabei darf man nicht vergessen, dass Costa Rica seinen Möglichkeiten entsprechend agierte und mit aller Kraft verteidigte. Und das machte die Mannschaft von Trainer Jorge Luis Pinto auch hervorragend.

Holland ließ das nervös werden, denn man wusste um die Klasse des gegnerischen Torwarts und um die bescheidene Klasse des eigenen. Van Gaal liebt keine Überraschungen, und daher brachte er Sekunden vor Ende der Verlängerung den Ersatztorman Tim Krul. Diese Einwechslung betitelte Oli Kahn nach dem Match als "größten Schwachsinn", den er je gesehen habe. Und tatsächlich war dieses einzigartige Kuriosum irgendwie schwachsinnig. Es ist eine dieser Aktionen, die sich nur im Nachhinein rechtfertigen lassen, und dann auch nur, wenn alles gut geht. Einen unaufgewärmten Tormann von der Bank in ein so wichtiges Elfmeterschießen zu schicken und dafür eine der drei Wechselmöglichkeiten zu verbrauchen, ist zumindest abenteuerlich. Tim Krul ist kein Elfmeterkiller - keine Statistik belegt das. Jasper Cillessen zwar auch nicht, der hätte sich aber zumindest die Chance verdient, zum Matchwinner zu werden. Er wusste natürlich vorher nichts davon. Tim Krul hingegen schon.

Tim Krul also geht zum Elfmeterschießen aufs Feld und raunzt vor jedem Schuss der Costa Ricaner den Schützen an. "Ich weiß, wohin du schießt!", schreit er ihnen entgegen und zeigt dabei auf seine Brust. Das sind Mätzchen der alten Schule. Eigentlich dachte ich, sowas macht keiner mehr. Warum es Tim Krul gemacht hat, ist fraglich. Einerseits natürlich zur Einschüchterung, und der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar, denn die Costa Ricaner sind alles, nur keine abgebrühten Vollprofis, die jede Woche ein so bedeutendes Spiel entscheiden müssen. Andererseits diente Kruls Gelaber vielleicht auch ihm selbst. Als Ersatztormann kommst du nicht einfach rein und hältst in einem WM-Viertelfinale zwei Elfmeter. Da musst du die wenige Zeit dazu nutzen, ein bisschen psychologisches Momentum zu bekommen. Krul hat das eben so gelöst.
Und tatsächlich hielt er zwei Elfmeter. So avancierte der kurz Eingesetzte zusammen mit seinem Trainer, dem Wechselgott van Gaal, zum Helden des Abends. Louis van Gaals Wechsel haben bis jetzt immer spielentscheidende Wirkung gehabt: Gegen Mexiko macht Huntelaar den Elfer. Gegen Chile treffen Fer und Depay - beide kamen von der Ersatzbank. Gegen Australien macht Depay den Siegtreffer - nach Einwechslung. Nur im ersten Spiel gegen Spanien war kein Wechsel nötig, um das Spiel zu entscheiden.

Man kann behaupten, dass das Zufall ist. Ich glaube es aber nicht, denn das niederländische Spiel zielt derzeit genau darauf ab, den Gegner einzulullen, um dann in der Schlussphase taktisch umzustellen und aggressive Angriffe zu fahren. Dass dann die jeweils neuen Spieler die Treffer machen, auf deren Rolle sich die verteidigende Mannschaft nur ungenügend einstellen konnte, ist kein Zufall. Und wenn das nicht klappt, dann wartet man eben bis zur 120. Minute und schickt dann einen neuen Keeper rein, der den Rest erledigt. Eine großartige Geschichte war das allemal.
Zudem sollte man nicht vergessen, wie gut die Elfmeter der Holländer geschossen waren, denn der eigentliche nominelle Elfmeterkiller stand bei Costa Rica im Tor!

Holland steht im Halbfinale und trifft dort auf einen alten Bekannten: Argentinien, gegen das es 1978 ein WM-Finale verlor, das sie eigentlich gewinnen hätten sollen. Argentinien hingegen hat den eigentlichen Weltmeister Belgien geschlagen und somit dafür gesorgt, dass die Halbfinalpaarungen sich lesen wie ein Who-is-who der größten Fußballnationen der letzten 50 Jahre. Dass hinter den großen Namen viel heiße Luft steckt, ist uns im Laufe des Turniers klar geworden. Nach dem ersten Spiel hätte ich Argentinien kein Halbfinale zugetraut - vor dem Turnier allerdings schon. Nach dem zweiten Spiel waren meine Zweifel noch größer und sie sind nie kleiner geworden. Jetzt stehen sie trotzdem dort, wo die Erwartungen vor dem Turnier sie eigentlich hingesetzt hätten: Im Halbfinale.

Wie das mit Deutschland und Brasilien ist, habe ich ja schon gesagt: Prinzipiell wäre ein Turniersieg beider Mannschaften irgendwie in Ordnung, wenn auch keine wirklich überzeugt hat. Brasilien hat natürlich nach dem Ausfall von Neymar (und der Sperre von Thiago Silva, die fast noch schlimmer ist) den Auftrag, den Finaleinzug trotzdem zu schaffen. Das gehört zu jeder guten Geschichte dazu. Dass Deutschland da jetzt als Bösewicht auftritt, passt nicht nur den Brasilianern gut ins Konzept. Die Deutschen betonen ein wenig zu viel, dass der Ausfall von Neymar tragisch ist, denn man hätte gerne gegen die allerbesten Brasilianer gespielt (jaja!). Währenddessen sucht Deutschland noch immer seinen WM-Helden, denn momentan sieht man noch auffällig viele mit Merkel-Masken im Publikum sitzen...

Auch, dass jetzt lauter Nicht-Überzeuger im Halbfinale stehen, macht die ganze Sache erst richtig gut: Denn jede mögliche Finalpaarung wäre für sich genommen ein Kracher, so wie die Halbfinalspiele auch schon Kracher sind. Spielerisch erwarten wir uns jetzt eh nichts mehr, weil Belgien, Frankreich und Kolumbien ja weg sind. Aber ich bin mir sicher, dass uns noch einige seltsame und bemerkenswerte Vorkommnisse bevorstehen!

Held des Tages:
Tim Krul, der Elfmeterkiller, der nie einer war, und jetzt doch einer ist. Eine denkwürdige Einwechslung!

Tragischer Held des Tages:
Sneijder, der es immer noch kann, und trotzdem zwei Mal nur das Aluminium traf.

Montag, 30. Juni 2014

Ein kurzes und ein langes Spiel

Costa Rica hat es geschafft. Holland auch - irgendwie.


Wie grausam Fußball sein kann, haben wir vorgestern gesehen. Wie schiach Fußball sein kann, mussten wir gestern sehen. Schiach heißt hässlich, kann aber auch mehr sein als die bloße Abwesenheit der Ästhetik. Es kann auch grausam sein, ekelhaft und niederträchtig. Es kann aber einfach nur ein bisschen unschön sein. Gestern wurde das Adjektiv "schiach" in all seinen Spiel- und Bedeutungsformen dekliniert. Außerdem haben wir gelernt, dass Fußball nicht unbedingt 90 Minuten dauern muss. Manchmal kann das Spiel auch sehr viel kürzer sein - und oft auch sehr viel länger...

NED - MEX 2:1


Schön langsam komm ich dahinter, wie man Holland-Spiele anschauen kann. Erst einmal sollte man sich die erste Hälfte sparen. Da passiert eigentlich nie was, denn die Holländer haben sich darauf geeinigt, dass 45 Minuten für ein Fußballspiel vollkommen ausreichend sind. Tatsächlich habe ich mich bis gestern noch nie gefragt, ob man tatsächlich 90 Minuten Fußball spielen muss, oder ob nicht auch 60 reichen würden - oder gar 45 Minuten? Nehmen wir an, dass in einem Spiel im Schnitt drei Tore fallen, dann ist das ein Tor alle 30 Minuten. Viele Fußballspiele lassen diese 30 Minuten sehr lang erscheinen. Das sind dann auch jene, in denen vielleicht gar nicht drei Tore fallen, sondern nur eines - oder gar keines. 90 Minuten sind also zu lang, und das hat Louis van Gaal erkannt. Also gab er in den letzten Spielen seiner Mannschaft die Anweisung, die erste Hälfte runterzuspielen, möglichst kein Tor zu bekommen, aber auch nicht unbedingt eines zu schießen.

Das machte in der Hitze gestern sogar durchaus Sinn. Dass es da in der niederländischen Verteidigung zu teils haarsträubenden Szenen kam, ist eine andere Geschichte. Eine, die letztlich auch mit der durchaus verdienten Führung der Mexikaner in Minute 48 ihr vorläufiges Ende nahm. Denn nun war zweite Halbzeit und nun hatte man auch was zu tun, war bereit, das Heft in die Hand zu nehmen. Dass es erst in der 88. Minute zum Ausgleich kam, lag vor allem an Mexikos Tormann Ochoa, der erneut eine sensationelle Partie spielte.
Wer das Spiel bis dahin gesehen hatte, wusste, dass Holland an einer Verlängerung nur wenig interessiert war. Schließlich sind ja 90 Minuten schon zu viel; was soll man dann erst mit 120 anfangen? Mexiko hingegen schlief ein, war müde. Man hatte sich aufweichen lassen.

Also passierte, was passieren musste: Robben ließ sich im Strafraum fallen und bekam sogar einen Elfmeter, den Huntelaar halbtrocken verwandelte. Ich sag nicht, dass es kein Foul war. Aber wenn Robben fällt, ist es mittlerweile schon völlig egal, ob es ein Foul war oder nicht. Es kommt nur darauf an, ob die Schiedsrichter dem Gefoulten Glauben schenken. Und das tun sie immer weniger. Robben darf sich nicht beklagen, wenn er tatsächlich gefoult wird und keinen Elfmeter mehr bekommt. Der gestern ging aber in Ordnung - hatte aber trotzdem einen schiachen Beigeschmack. Egal - Holland ist weiter und Mexikos Trainer Herrera ist leider nicht mehr zu sehen. Der wittert inzwischen natürlich eine Verschwörung.


CRC - GRE 1:1 (5:3 n. E.)


Apropos schiacher Beigeschmack. Einen solchen hatte auch das Achtelfinale der Außenseiter Costa Rica gegen Griechenland. Das war ein Duell zweier Mannschaften, die, was die Wahrnehmung der Fans anbelangt, nicht unterschiedlicher sein können. Auf der einen Seite die Ticos, der Überraschungsgruppensieger der nominell schweren Gruppe mit drei Ex-Weltmeistern, der sympathische Mittelamerika-Kleinstaat mit den aufgeweckten Kerls, die mäßigen Fußball spielen; den aber dafür mit Herz und Leidenschaft. Auf der anderen Seite der ewige Buhmann Griechenland, der es mit destruktivem Fußball immer wieder in WM-Endrunden schafft. Diesmal sind sie sogar mit einem negativen Torverhältnis aufgestiegen. Dass dies auch noch durch einen ungerechtfertigten Elfmeter passiert war, machte sie natürlich nicht sympathischer.

Doch Sympathie zählt wenig auf dem Platz, und so sah es schwarz aus für die Ticos, die sich gegen die gewohnt gut stehenden Griechen sehr schwer taten. Costa Rica ging trotzdem in Führung, und weil ein Tor gegen Griechenland fast doppelt zählt, witterte man schon Morgenluft. Als dann Costa Ricas Duarte eine Viertelstunde nach dem Führungstreffer wegen wiederholten Foulspiels vom Platz gestellt wurde, und die Griechen aufgrund des Rückstandes anfingen, offensiv aktiver zu werden, musste man sich ein bisschen fürchten. Fürchten, dass jetzt wieder alles ganz anders kommen würde, dass wieder irgendein Elfmeter in letzter Sekunde die Griechen in die Verlängerung retten würde. Schließlich hatte Costa Rica zuvor einen Handelfmeter nicht bekommen.

Der Ausgleich fiel natürlich in der Nachspielzeit und plötzlich schien alles für Griechenland zu sprechen. Sie hatten gute Chancen gehabt, entgegen ihrer eigentlichen Spielphilosophie endlich auch mal was für die Offensive getan, und: sie machten den fitteren Eindruck. Könnte Costa Rica dem Druck stand halten und zu zehnt die Verlängerung überstehen? Daran, dass die Ticos selbst ja noch das Entscheidungstor machen konnten, dachte irgendwie überhaupt niemand mehr. Tatsächlich hatten die Griechen die besseren Möglichkeiten, aber irgendetwas schien hinter der sich nur noch übers Feld schleppenden Außenseiter-Mannschaft aus Costa Rica zu stehen. Irgendein höheres Prinzip hatte beschlossen, dass sie so nicht ausscheiden würden.

Und so kam es wieder zum Elfmeterschießen. Und obwohl man Costa Rica nicht mehr zutraute, dass seine Spieler überhaupt noch den Anlauf schaffen würden, war dieses Shoot-Out das genaue Gegenteil des gestrigen zwischen Chile und Brasilien. Jeder Schuss saß - da muss man beiden Mannschaften zu ihrer Nervenstärke gratulieren. Auch der Elfmeter von Gekas hätte vielleicht gesessen, wenn ihn nicht der an diesem Abend glänzende Navas unglaublich pariert hätte. Sein Teamkollege Umana verwertete den entscheidenden Elfer souverän und die vielen Cosa Ricanischen Fans auf den Tribünen in Recife brachen allesamt in Tränen aus. Das kollektive Weinen als Ausdruck des "pura vida" - es steht dem unbändigen Jubeltänzen der Niederländer beim verwerteten Elfmeter Huntelaars gegenüber. Die Ticos sind von der Situation überwältigt, die Niederländer einfach nur froh, dass es doch noch geklappt hat. Im nächsten Spiel treffen sie aufeinander, und da zeigt sich dann, ob die reine Euphorie mehr bewegen kann als die Abgeklärtheit einer Mannschaft, die nur 45 Minuten Fußball zu spielen bereit ist.


Held des Tages:
Keylor Navas, der Torhüter Costa Ricas, der nicht nur einen Elfmeter, sondern auch gefühlte 3 Hundertprozentige gehalten hat. Wäre Mexiko weitergekommen, müsste hier auch Ochoa stehen. Und so ist es ein wenig verwunderlich, dass diese bis jetzt sehr torreiche WM trotzdem auch eine WM der Torhüter ist (s. Julio Cesar gestern).

Tragischer Held des Tages:
Noch einmal eine Würdigung des großartigen Miguel Herreras, dessen heißblütige Jubelorgien untrennbar mit dieser WM verbunden bleiben werden.

Donnerstag, 26. Juni 2014

Letzte Runde

Die Vorrunde neigt sich dem Ende zu. Die noch ausstehenden Entscheidungen sind unter "Eh schon wurscht" zu verbuchen. Da lohnt ein Blick auf die schon feststehenden Achtelfinalpartien!


Das Spiel Argentinien gegen Nigeria habe ich nur zur Hälfte gesehen. Also ich habe in Summe vielleicht 10 Minuten versäumt. Allerdings handelte es sich jeweils um die Anfangsphasen der Halbzeiten. Also habe ich von insgesamt fünf Toren nur eines gesehen. Das war das Freistoßtor von Messi kurz vor der Halbzeit. Großartig hineingezirkelt war das. Vor allem, weil nur wenige Minuten davor Messi den genau gleichen Freistoß geschossen hat, den Enyeama noch sensationell halten konnte. Beim zweiten mal war es eben dann ein Tor. Und fast hätte ich das auch nicht gesehen, weil ich dazu neige, mir Nachspielzeiten in der ersten Halbzeit zu sparen. Seit den letzten Spielen dieser WM bin ich da ein bisschen vorsichtiger geworden und werde es in Zukunft weiterhin sein! Aber auch was die Beginnzeiten betrifft, muss ich besser aufpassen. Das "Abtasten" funktioniert in Brasilien ein bisschen anders: Da schießt man erstmal ein Tor und schaut dann weiter. Und während man noch schaut, bekommt man auch schon wieder eines. Gut, ein 1:1 ist ungefähr ein 0:0, also passt das schon. Nichts versäumt, außer halt die Tore.


Argentinien scheint erwacht zu sein. Zumindest traute man sich zu, auch ein Weilchen ohne Lionel Messi zu spielen. Der Floh ist in eigenartiger Verfassung. Er hat bis jetzt kein besonders gutes Turnier gespielt, seine Mannschaft hält aber trotzdem bei drei Siegen und er selbst hat vier Tore in drei Spielen erzielt. Also rein von den Zahlen her gibt's nichts zu meckern. Hat er also doch ein gutes Turnier gespielt? Habe ich es nach der ersten Runde noch für vollkommen unmöglich gehalten, Argentinien im Finale zu sehen, kann jetzt schon wieder alles passieren.
Zu meckern gibt es auch nichts bei der Schweiz, die mit einem souveränen 3:0-Sieg gegen den Gruppenaußenseiter Honduras ins Achtelfinale eingezogen ist. Und Nigeria hat es trotz knapper Niederlage auch geschafft. Läuft ja alles wunderbar, und während wir die Gruppenphase langsam aber sicher hinter uns lassen und uns mit Wohlwollen an sie erinnern, wissen wir schon über die ersten Achtelfinalpartien Bescheid...


Da treffen zum Beispiel Costa Rica und Griechenland aufeinander. Hand hoch, wer darauf gewettet hat, dass es eines der beiden Teams ins Viertelfinale schafft! Ich wünsche jedenfalls Costa Rica alles Gute; sollte kein Turnier-Bammel einsetzen, müsste es gegen die Griechen klappen. Kann auch ein mühsames Unentschieden mit Elfmeterschießen werden, ich wünsche es uns aber nicht! Nicht wegen des Elferschießens, sondern wegen der 120 Minuten davor.

Argentinien trifft auf die Schweiz, das wird für beide Teams schwierig. Da aber Argentinien momentan im Aufwind und die Schweiz an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angekommen ist, wage ich keine andere Prognose als den relativ sicheren Sieg der Albiceleste. Messi schlurft 90 Minuten herum, macht aber trotzdem irgendwie drei Tore und wird wieder Man of the Match.

Die Niederlande ist die Mannschaft mit den bisher meisten erzielten Toren in diesem Turnier. Es könnte sein, dass sich dieser Trend fortsetzt, doch im Achtelfinale wartet ein harter Brocken: Mexiko. Allein das Duell der Coaches, van Gaal gegen Herrera, ist sein Geld wert. Ich hätte gerne eine Kamera, die das ganze Spiel nur die Trainerbänke filmt und die Reaktionen der beiden einfängt. (Ein Spiel in strömendem Regen würde noch für zusätzliche Dramatik sorgen.) Es gibt für dieses Spiel drei wahrscheinliche Varianten: Holland gewinnt knapp und glücklich, Holland gewinnt überzeugend und überraschend deutlich, oder Holland scheidet im Elfmeterschießen aus, weil der großartige mexikanische Tormann Ochoa seinem Heldenstatus gerecht wird. Zuckerl für den, der weiterkommt: Es wartet der Sieger aus Griechenland gg. Costa Rica!

Die Mannschaft mit den zweitmeisten Toren ist ... - na? Richtig: Kolumbien! Die dürfen im Achtelfinale gegen die bösen Urus ran. Ein hervorragendes Duell schon allein deshalb, weil hier ein Geheimfavorit der Herzen auf die große Buhmannschaft trifft - so verhält es sich zumindest in meiner Welt. Habe ich bisher Kolumbien wohlwollend verfolgt, so werde ich (nur für dieses eine Spiel) zum glühenden Verehrer der Cafetieros. Schon allein deswegen, weil Kolumbien jetzt die Mannschaft ist, zu deren Nationalhymne ich meinen tiefen Schluck Espresso trinken werde. So wie ich es bis jetzt - ich gestehe - bei den Italienern gemacht habe und nun nicht mehr tun kann.

Was sehe ich da noch? Brasilien gegen Chile! Das hatten wir ja vor vier Jahren schon mal. Da siegte Brasilien klar mit 3:0. Chile galt vielen damals als die Entdeckung des Turniers, und sie haben es wirklich geschafft, diesen Nimbus in dieses Turnier herüber zu retten. Ob es diesmal besser ausgeht für die Chilenen? Ich wage es zu bezweifeln, aber auf ein erneutes 3:0 würde ich nicht wetten wollen, denn wer gegen Kamerun ein Tor kassiert, der kassiert gegen Chile mindestens zwei!

Frankreich gegen Nigeria heißt eine weitere Achtelfinalpaarung, die bereits fest steht. Eigentlich spricht nichts gegen ein Weiterkommen der Franzosen, dafür war ihr Auftreten bisher zu souverän. Aber ja, auch Nigeria hat sich gebessert; ein Sieg gegen Frankreich wäre trotzdem eine Überraschung. Noch einmal der nigerianische Tormann Enyeama, noch einmal sein hysterisches Gekreische bei jedem gegenerischen Angriff!


Fürwahr: eine sehr südamerikanische WM ist das geworden. Das obere Viertel des Playoff-Baums ist gar nur mit südamerikanischen Mannschaften besetzt. Das heißt, dass mindestens eine davon im Halbfinale steht. Das heißt aber auch, dass drei davon vorher ausscheiden. Also eigentlich heißt das recht wenig. Wer geht uns überhaupt ab? Freilich, die Italiener hätten wir schon gebraucht, und die Engländer hätten sich zumindest das Achtelfinale und ein Ausscheiden im Elferschießen verdient gehabt. Portugal ist unglücklich ausgeschieden und auch sie gehen uns ab, weil es eine absolut KO-taugliche Mannschaft ist. Spanien, der amtierende Weltmeister, hätte es sich rein vom Papier her verdient, glorreicher auszuscheiden.

Aber weinen wir nicht jenen nach, die uns kein Fußballgott mehr zurückbringen kann. Erfreuen wir uns an wiedererstarkten Franzosen, den Immer-noch-Geheimfavoriten Belgien und den Überraschungsmannschaften aus Kolumbien und Costa Rica, die da auch ein bisschen mitmischen wollen. Und was wir uns von den USA erwarten dürfen, wissen wir spätestens nach dem heutigen Spiel gegen Deutschland!

Mittwoch, 25. Juni 2014

Fleisch und Knochen

Da ist ja wirklich alles dabe, bei dieser WM. Aber wie viel kann der Zuschauer überhaupt ertragen? Langsam wird's wahnsinnig...


Ich habe gegen Anfang dieser WM geschrieben, dass wir bald wissen werden, wer die Helden und Schurken dieses Turniers sein werden. Die letzten beiden Tage haben uns diesbezüglich einen sehr deutlichen Hinweis gegeben. Auch wenn wir dazu neigen, im Sinne einer dramatischen Inszenierung gerne Schwarz-weiß-Malerei zu betreiben: Ganz astreine Helden und Schurken produziert dieses Großereignis natürlich nicht. Und nach einer bisher atemberaubenden Vorrunde droht die WM ein allzu vorhersehbares Ende zu nehmen...


BRA - CAM 4:1


Das war also die große Neymar-Show. Und wie beeindruckend sie war! Nicht nur, dass der Manga-Neymar zwei Tore geschossen hat und jetzt wieder die Torschützenliste anführt. Nein, er hat auch deutlich gezeigt, dass ohne ihn bei Brasilien recht wenig geht. Der Stoff, aus dem Helden sind: Einer nimmt sich der Sache an, hat Mut und reißt die anderen mit. Tatsächlich hat Neymar gewirkt als wäre die WM für ihn eine einzige unbeschwerte Party. Er war gut drauf, ließ sich zu Scherzen hinreißen, posierte in der Halbzeitpause für Fotos auf dem Weg in die Kabine... Neymar, das WM-Maskottchen. Etwas besseres kann dem Turnier, vor allem aus brasilianischer Sicht, nicht passieren.

Und trotzdem bleibt ein fahler Beigeschmack. Irgendwie ist Neymar zu wenig "Fleisch und Knochen", wie Oli Kahn es in Bezug auf etwas ganz anderes formuliert hat (s.u.). Er ist tatsächlich ein Maskottchen, er sieht nicht nur so aus. Klar, er macht seine Tore. Aber die Abhängigkeit der Brasilianer (sowohl auf dem Platz als auch emotional) ist gefährlich. Siehe Argentinien, das ohne Messi überhaupt nicht funktioniert. Auch Messi hat bis jetzt "geliefert", ohne dass er gut gespielt hätte. Rein von den Ergebnissen her kann man weder Neymar noch Messi irgendeinen Vorwurf machen. Allein, es kommt mir alles zu wenig vor. Wenn aber Brasilien so weitermacht, dann werden sie Weltmeister, getragen von einer Welle der Begeisterung, wie nur Neymar sie auszulösen vermag. Und sonst werden sie halt Weltmeister der Herzen...


NED - CHI 2:0


Apropos Weltmeister der Herzen. Das ist Holland ja seit dem letzten WM-Finale nicht mehr. Und immer noch fällt dem ORF-Kommentator (ich glaube, es war Oliver Polzer - oder Boris Kastner-Jirka, ich kann die beiden Mickymaus-Stimmen eh nie auseinander halten) zu Nigel de Jong nichts anderes ein als irgendwas mit "Kung-Fu"-Attacke etc. Weil das ewige Herumreiten auf vorgefertigen Schemata nervt (de Jong ein übler Treter, Robben hat nur Einser-Schmäh etc.), schalte ich auf ZDF um und bin erleichtert, als keine zwei Minuten später der dortige Kommentator de Jongs Stellungsspiel und Übersicht lobt. Dass ein Sechser oft ein Raubein ist, ist geschenkt. Dass de Jong nicht immer die angenehmsten Fouls begeht, auch. Aber wenn einem zu diesem Spieler nicht mehr einfällt, dann bedient man Gemeinplätze und spielt Kronenzeitung.

Ansonsten haben die Niederländer wieder gezeigt, dass sie auch mit einem destruktiven Ansatz so gewinnen können, dass es aussieht, als hätten sie das Spiel tatsächlich dominiert. Eine Lehrstunde für alle zukünftigen Gegner von Chile war das allemal. Und Holland schlingert bei diesem Turnier irgendwo zwischen 2008 und 2010 umher, mit leichten 2012-Phasen. Soll heißen: Ein aufregendes, offensivbetontes Spiel nach vorne wechselt sich mit einem vorsichtigem, abwartendem Defensiv- und Kontergeplänkel ab, und dann und wann gibt es Phasen, in denen weder vorne noch hinten irgendwas zusammenläuft. Insofern ist Holland schwer einzuschätzen, obwohl sie bis jetzt die einzige Mannschaft mit drei Siegen ist. Vom Finale bis zum Ausscheiden im Achtelfinale ist jetzt alles drin!


ITA - URU 0:1


Ich habe weiter oben geschrieben, dass nun alles danach aussieht, dass diese WM ein allzu vorhersehbares Ende nimmt. Das Ausscheiden Italiens ist ein erstes Anzeichen dafür, denn tatsächlich scheint sich der prognostizierte Südamerika-Vorteil bemerkbar zu machen. Uruguay hat nach einem total versemmelten ersten Spiel und einem furiosen zweiten nun die Aufgabe gehabt, die italienische Abwehr zu knacken. Denn Italien hätte zum Weiterkommen nur ein Unentschieden benötigt, und schnell war klar, dass genau das ihr Ziel war: das 0:0 zu halten. Das war mir ein bisschen zu viel Italien, wie es früher einmal gewesen ist. Auch hier zu wenig "Fleisch und Knochen", mehr bröseliges Gerippe. Uruguay tat sich trotzdem schwer, bekam aber ein Geschenk vom Schiedsrichter, der Marchisio nach einem normalen Gelb-Foul mit der roten Karte bediente. Urs Meier und Oli Kahn in der Analyse der Situation: Nicht rot-würdig, weil nicht zur bisherigen Linie des Turniers passend, der Wichtigkeit des Spiels nicht angemessen, und überhaupt das Foul hatte "zu wenig Fleisch und Knochen" (Kahn).

Egal, Italien zu zehnt spielt wie Italien zu elft, wenn es nur verteidigen muss. Dass dann Suarez, nachdem er sich im Spiel gegen England zum Helden seines Landes gemacht hat, Chiellini in die Schulter beißt, und das natürlich niemand gesehen hat, ist typisch. Es erinnert mich an meine Kindheit und die vielen Wrestling-Matches, die man gesehen hat, von denen man glaubte, sie wären nicht inszeniert. Da lenkt der Manager des Bösewichts den Ringrichter ab, während der Bösewicht dem Guten einen Klappstuhl um die Ohren schlägt. Umgekehrt wird jede fragwürdige Aktion des Guten sofort vom Ringrichter abgemahnt. Meist endet es damit, dass beide Akteuere erschöpft am Boden liegen, samt Ringrichter, weil auch der bei irgendeiner Aktion bewusstlos geworden war, und der Gute versucht einen Pin, den der Ringrichter aber nicht zählen kann, weil er ja noch so benommen ist. Da kommt dann der Manager des Bösen mit Klappstuhl, schlägt ihm den Guten auf den Kopf, der Böse erwacht gleichzeitig mit dem Ringrichter aus der Bewusstlosigkeit, pinnt den Guten und der Kampf ist gewonnen. So, oder so ähnlich war es auch mit Suarez und Uruguay.


Italiens Ausscheiden ist traurig, weil immer noch die erste halbfinalreife Partie gegen England nachklingt. Und das betrifft beide Mannschaften. Italiens Ausscheiden geht aber auch in Ordnung, das haben die letzten beiden Partien gezeigt. Dass jetzt der Außenseiter Costa Rica und das grausige Uruguay weiter sind, ist hoffentlich keine Plotkonstruktion, die den Rest des Turniers halten wird. Denn letzt läuft diese WM Gefahr, zu kippen: Jetzt kann es so sein, dass immer die Mannschaft, die man sich zu seinem momentanen Favoriten erwählt hat, gegen eine Pfui-Mannschaft ausscheidet. Vorsicht also Frankreich, vorsicht Holland! Ich halte große Stücke auf euch!
Und am Ende steht Deutschland gegen Brasilien im Finale und sie revanchieren sich für die verpatzte Heim-WM vor 8 Jahren. Ein schweißtreibender Albtraum! Denn bei aller spielerischer Fragwürdigkeit, darf man nicht vergessen, dass Deutschland eines hat: Fleisch und Knochen!



Held der letzten zwei Tage:
Neymar, der Unbeschwerte. Nur, wenn er bis zum Schluss so weitermacht, kauf ich ihm den Schmäh ab.

Buhmann der letzten zwei Tage:
Luis Suarez, wer sonst? Die Hackfresse von Uruguay, der Beißer von Natal - ein Mensch aus Fleisch und Knochen, doch ohne jede Moral.

Donnerstag, 19. Juni 2014

Das Glück, der Zufall und die Dummheit

Fußball ohne Zufall - das wäre reine Rechnerei. Und wer das Glück hat, hat dies immer auch zu rechtfertigen.


Das Glück, das haben immer die Dummen oder die Tüchtigen. Darauf kann sich der Volksmund noch nicht so recht einigen. Gestern hatten alle ein bisschen Glück und stellten sich dabei mal dumm, mal
tüchtig an. Also gibt auch der Fußball keine Antwort darauf, ob jetzt die Tüchtigen oder die Dummen die wirklich Glücklichen sind. Früher war es einfacher, da hatten im Fußball das Glück immer die Deutschen. Ob aus Dummheit oder Tüchtigkeit - darüber scheiden sich die Geister.

NED - AUS 3:2


Fast hätte ich jetzt 2:3 geschrieben, und bin da gar nicht so weit entfernt. Letztlich wäre auch ein 2:2, ein 4:2, ein 2:4 oder ein 3:3 möglich gewesen. Ja, es ist immer alles möglich. Aber so möglich wie gestern alles Denkbare war... Es hätte genauso gut sein können, dass ein Vogel dem Schiri ins Auge kackt und das Spiel abgebrochen werden muss und dann von zwei Fans im Elferschießen entschieden wird. Ok, da hätte das Fifa-Reglement vielleicht was dagegen, aber gerade das Fifa-Reglement löst den Wahlspruch der österreichischen Lotterien immer am besten ein: Alles ist möglich!

Holland also nach dem furiosen Auftritt gegen den nun schon fix Ex-Weltmeister Spanien mit der erwartet schweren Aufgabe gegen Australien: Schwer, weil die Erwartungen hoch waren; schwer aber auch, weil man schon im ersten Spiel sehen konnte, dass Australien Kampfgeist und Disziplin besitzt, zwei Attribute, die es jedem "Großen" schwer machen. Dass Holland - wie Argentinien in seinem ersten Spiel - mit fünf Defensiven auflief, war dumm. Und Dummheit wird im Fußball selten belohnt. Es gibt aber Ausnahmen, und deswegen machte Holland nach langem Schweinskick wie aus dem Nichts ein Tor. Ungerecht, weil eigentlich unverdient war diese Führung, und das dachten sich sicher auch die Australier. Also machten sie postwendend den Ausgleich, auf holländische Art: Flanke von hinten, Tor  - so einfach ist das. 1:1, also eigentlich wieder 0:0.

So unerklärlich dieses Ausgleichstor war, so schön war es auch. Und eigentlich wars irgendwo auch Zufall. Schon die Flanke von Ryan McGowan fand mehr oder weniger glücklich den Fuß von Cahill. Ausgesehen hat es wie einstudiert - und muss doch, bedenkt man die fußballerische Klasse Australiens, eigentlich Zufall gewesen sein. Zufällig, aber gerecht! Weil das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun. Zufall, Glück und Gerechtigkeit sind ja aus dem Fußball nicht wegzudenken, obwohl sie mit dem Spiel an sich nichts zu tun haben. Sie sind da und nehmen Einfluss, obwohl man nie genau sagen kann, wie.
Die erste Halbzeit brachte jedenfalls spielerisch nichts, und doch stand am Ende ein 1:1 da.

In der zweiten Halbzeit hatte Holland einen anderen Plan. Louis van Gaal dachte sich, dass es vielleicht doch nicht so fesch ist, gegen einen Underdog feig ein Nicht-Spiel aufzuziehen und auf zufällige Treffer zu hoffen. Aber da hatten auch schon die Australier Glück und bekamen einen Elfer zugesprochen, der keiner war. Ungerecht! Aber auch wieder irgendwie gerecht, weil man sich den Führungstreffer doch verdient hatte. Die Tüchtigen eben... Nur, dass man auch wissen muss, dass das Glück ein Vogerl ist! Und kaum hatte man sich die Führung schenken lassen, musste man van Persie dabei zusehen, wie er dem Glück den Vogel zeigt und zum 2:2 ausgleicht. Perdauz!, dachte sich der Fußball-Fan, wie mag das wohl weitergehen?

Man hätte es bei einem 2:2 bewenden lassen, oder sich auf ein 3:3 einigen können. Stattdessen schenkt der Zufall Holland ein weiteres Tor. Einen halbherzigen Weitschuss von Memphis Depay vermochte der australische Keeper nicht zu halten und so stand es in der 68. Minute auf einmal 3:2. Dann ging es noch ein paar Minuten hin und her und als jemand, der diesem fußballerischen Wahnsinn bis jetzt zugesehen hat, wusste man, dass hier noch alles passieren kann. Schließlich ließen aber die Konditionsreserven der Australier nach und Niederlande spielte seinen zweiten Sieg nach Hause. Jetzt steht man fix im Achtelfinale mit zwei Siegen - vor sich ein Spiel um den ersten Gruppenplatz, um vielleicht Brasilien umgehen zu können. Wie das gegangen ist, weiß man nicht so recht.

Weil aber die Gruppe A nicht ohne die Gruppe B gedacht werden darf und umgekehrt, könnte man sowohl mit einem ersten als auch mit einem zweiten Platz auf die äußerst unangenehmen Kroaten treffen, die im ersten Spiel dem Titelfavoriten Brasilien das Leben schwer gemacht haben, und die sich gestern mit einem 4:0-Sieg gegen das desolate Kamerun richtig viel Selbstvertrauen für das letzte Spiel gegen Mexiko geholt haben. Überhaupt sind sowohl Brasilien als auch Mexiko unangenehme Achtelfinalgegner - und die Kroaten sowieso! Wie es derzeit aussieht, würde sich Holland vielleicht sogar gegen Brasilien leichter tun als gegen Kroatien. Vielleicht geht es im letzten Gruppenspiel ja auch darum, zu verlieren, um dem unangenehmeren Gegner zu entgehen. Wer das sein wird, steht freilich erst nach dem letzten Spiel der Gruppe A fest. Das ist spannend, und da ist noch viel Platz für Zufälle und Glück. Und auch für Dummheiten.


ESP - CHI 0:2


König Juan Carlos dankt ab, und auch die Furia Roja scheint Geschichte zu sein. An einem Punkt dachte ich mir: "Spanien liegt 0:1 hinten und Xavi sitzt auf der Ersatz-Bank", und da wusste ich, dass dies das sicherere Zeichen für den spanischen Untergang war als die 1:5 Niederlage gegen Holland letzte Woche. Chile hat gezeigt, dass sie den Erwartungen, die nach der letzten WM in sie gesetzt wurden, doch gerecht werden können (auch wenn dies vor dieser WM wieder keiner geglaubt hätte). Spanien hingegen ist raus. Ende, vorbei. Schlusspunkt im ehrwürdigen Maracana-Stadion. Am traurigsten ist, dass sie noch ein Spiel zu bestreiten haben - ein völlig überflüssiges gegen Australien, das sie nicht einmal verlieren dürfen. Wir verabschieden uns von diesem beeindruckenden Spanien, das die letzten Jahre den Fußball geprägt hat wie kein anderes Land; das zwei Mal Europa- und einmal Weltmeister geworden ist; das uns mit seinem Tiki-Taka zuerst verzaubert, und dann ganz schön genervt hat. Schön, dass wir das alles erleben durften! Danke Xavi, danke Iniesta, Puyol, Alonso, Casillas, Ramos, Pique und wie sie alle heißen! Man kann ihnen nur wünschen, dass sie beim nächsten Mal wieder zum engen Favoritenkreis zählen werden und nicht in die talentierte Mittelklasse abrutschen, wo sie vorher so lang gewesen sind.


Held des Tages:

Der Andre Agassi des Fußballs, Chiles Trainer Jorge Sampaoli. Keiner ist hemdsärmeliger als er, und schlauer sind auch nicht viele.


Buhmann des Tages:

Louis van Gaal für die erste Halbzeit seiner Mannschaft. Ein totaler, grauenhafter Irrweg, der Anklänge an Rehakles hatte. Mit Halbzeit zwei hat er den Kopf aus der Schlinge gezogen, aber ohne dem Glück der Dummen hätte es schlecht ausgesehen!

Mittwoch, 18. Juni 2014

Zwischenrunde


Erste Runde geschafft und der Gastgeber wackelt zum ersten Mal.


Mit den gestrigen Spielen aus der Gruppe H haben wir den ersten Durchgang beendet und konnten uns ein Bild von allen Mannschaften machen. Von einigen ein besseres als von anderen, aber doch sind erste Tendenzen zu erkennen:
Von den großen Favoriten überraschten uns Spanien und Argentinien negativ. Den Spaniern gelang es nicht, gegen entfesselte Holländer auch nur irgendein Spiel aufzuziehen und Argentinien startete mit seltsamer Taktik in eine verschlafene erste Partie gegen einen Zwergenstaat. Von Deutschland haben wir wenig gesehen, aber das, was wir gesehen haben, war gewohnt gut und wird sich in den nächsten beiden Gruppenspielen wohl noch festigen müssen. Italien hat bisher am meisten überzeugt, denn sie haben gegen ein überraschend gefährliches England eine hervorragende Partie gespielt. Bei Brasilien tut man sich jetzt schon ein bisschen schwerer, da deren zweites Gruppenspiel gegen Mexiko gestern Abend einige Fragezeichen hinterließ.

BRA - MEX 0:0


Tatsächlich schafften es die Brasilianer nicht, Mexiko zu biegen. Dass Mexiko seinerseits zu Chancen kommen würde, war spätestens nach den ersten Spielen beider Mannschaften klar. Mexikos Trainer Herrera hat seine Mannschaft gegen Brasilien aber hervorragend eingestellt, besonders was die Bewachung Neymars betrifft. Das war nicht immer schön anzusehen, aber es war klug und letzten Endes sehr erfolgreich. Die Brasilianer sind aber vor allem an Mexikos Keeper Ochoa gescheitert, der eine glanzvolle Partie spielte und somit für seine Mannschaft das Optimum herausholte.

Wir haben das zweite 0:0, das aber um viele Klassen besser war als jenes zwischen Nigeria und dem Iran. Brasilien überraschte eigentlich nur frisettentechnisch, denn Dani Alves ergraute über Nacht (vor Schreck? Ich kann es mir nicht vorstellen) und bei Neymar war auch irgendwas anders. Aber da letzterer sowieso aussieht wie gezeichnet, macht das nicht so viel. Ich halte von Neymar ja nicht viel, das ist mir zu viel Hype bei vergleichsweise wenig Substanz. Und WM-Helden, das sind meistens immer die geworden, von denen man es sich eh nicht wirklich erwartet hatte.

Das Spiel gestern war ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man den großen Mannschaften mit viel taktischer Disziplin gehörige Probleme bereiten kann. Wie sich das heute im Falle Australiens gegen die Niederlande ausnimmt, werden wir ja sehen...

War da noch was? Aja, wieder ein Spiel von einer dieser asiatischen Mannschaften gegen die unsympathischen Russen. Hab ich mir gespart und werde wohl nicht der Einzige gewesen sein...


Held des Tages:
Guillermo Ochoa, an den ich mich erst gewöhnen muss (nicht nur frisürlich). Denn für mich gab und gibt es nur einen echten mexikanischen Torhüter. Und der heißt Jorge Campos!

Buhmann des Tages:
War sicher einer vom Spiel Russland gegen Südkorea. Ich habe es nicht gesehen, aber was macht das schon?


Was noch aufgetaucht ist: Joe Hart verlangt nach dem Pirlo'schen Wunderfreistoß nach dem Ball:




Samstag, 14. Juni 2014

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer

Getty Images

Fußball am Schirm, Bier im Schädel und Hoffnung im Herzen: Es ist Weltmeisterschaft. Und wie!


Jetzt haben wir unseren ersten ganz großen Knüller! Niemand hat es erwartet, aber es ist doch so gekommen. Es ist der Anfang einer ganz großen Geschichte und zugleich der Beginn vom Ende einer anderen großen Geschichte: Mexiko besiegt Kamerun! Wer hätte das gedacht? ... Ach so, das war nicht die große Sensation? Da war noch was anderes? Immer schön der Reihe nach!

MEX - CAM 1:0


Die vom Pech verfolgten Mexikaner schienen zunächst vom Pech verfolgt zu bleiben. Immerhin mussten sie drei Tore schießen, um eines zugesprochen zu bekommen. Es ist eben eine WM, bei der die weltbesten Fußballer gegen mittel- bis unterklassige Schiedsrichter spielen. Aber da jammern nie was hilft, und die Mexikaner das wissen, haben sie einfach weitergespielt. Und sie wurden mit einem Sieg belohnt, der Traum vom Aufstieg lebt, und vor Spanien im Achtelfinale muss man sich jetzt auch noch nicht arg fürchten.

Kamerun ist eine seltsame Mannschaft. Eine Ansammlung von wirklich guten Fußballern, bei denen aber am und abseits des Platzes nie wirklich viel zusammenläuft. Da werden Badewannen voller Potenzial ins Meer gekippt. An der Seitenlinie steht ein deutscher Trainer, der als Afrikaner-Versteher gilt. Trotzdem sieht er im Sturzregen von Natal aus wie Adolf Hitler im April '45. Hilf-, glück- und freudloses Kamerun - wir können die 30 Jahre alten Bilder vom tanzenden Roger Milla nicht mehr sehen! Reiß' dich zusammen und zeig uns dein Herz! "Beherzt" nämlich nennt man Auftritte vermeintlicher Kleinmannschaften wie Mexiko. Mexiko war auch beherzt. Kamerun hingegen wirkte vom Regen genervt und lustlos.


ESP - NED 1:5


Fast wär mir beim Tippen des Fünfers nochmal eine Freudenträne auf die Tastatur getropft. Ich kann es heute immer noch nicht glauben, was ich da gestern gesehen habe! Das war wie Holland 2008 - ein lustvolles, aufregendes Spiel, eines, das Laune machte. Nicht nur bei Holland-Fans, sondern auch bei allen anderen (außer den spanischen versteht sich). Man ahnte erst Böses, als Schiedsrichter Rizzoli Spanien einen Strafstoß schenkte, dachte, es sei nun das dritte Spiel mit der dritten folgenschweren Fehlentscheidung bei dieser WM. Dann kam aber alles anders, denn dann kam Robin van Persie und dieser Robin flog, er flog wie ein Vogel, wie eine Schwalbe, einem Ball entgegen, und der flog dann über Iker Casillas hinweg ins Tor und es stand 1:1 und man wusste: So schnell ist das heute nicht vorbei!

Großartig agierten Snijder und Robben im Mittelfeld, und was der unglaubliche Daley Blind über die linke Seite bringt, das erinnert an die Zeiten von Gio van Bronckhorst, dem letzten großen auf dieser Position. Unschlagbar ist aber Holland nicht, auch das hat man gesehen. Das waren sie auch nie und das war und ist der Reiz dieser Mannschaft: Das Taumeln zwischen Genie und Wahnsinn, das Heiß-kalt-Spiel, das nichts für schwache Nerven ist. Hollands Überdrüber-Fußball ist nie ohne Angst vor der Katastrophe zu haben. Deswegen taugt Oranje als Objekt der Leidenschaft so viel mehr als Spanien, Deutschland oder auch Brasilien. Hollands Spiel ist unabgeschlossen, löchrig, es lebt vom Momentum, von der Befindlichkeit der Mannschaft und auch von dem, was der Gegner zulässt. Es ist aufregend in jeder Hinsicht!

Was aber war das für ein Spanien? Denn wenn wir uns ehrlich sind, hat Holland aus spanischer Sicht da kein großartiges Spiel aufgezogen. Es waren immer nur lange Bälle nach vorne oder Flanken von der Seite - nichts Unausrechenbares, nichts, gegen das man nichts unternehmen könnte. Die Furia Roja wankt, ist angezählt. Gefallen ist sie noch lange nicht... Aber vielleicht lässt sich das Spiel besser als ein denkwürdiger Moment verstehen. Der Moment, als sich Holland für das verlorene Finale revanchierte und mit einem 5:1 den langsamen Niedergang des unglaublichen spanischen Fußballwunders einläutete.

Denn was uns bei aller Euphorie auch klar sein muss: Wer Holland jetzt als Weltmeister handelt, hat 2008 nicht zugeschaut. Und am besten fasst die Situation sowieso Robin van Persie selbst zusammen, wenn er sagt: "Es ist einfach unglaublich, unerklärlich, unbeschreiblich. Das ist ein Traum für unser ganzes Land. Aber es sind auch nur drei Punkte, das ist die Realität."
Wichtig ist aber: Holland ist aufgewacht, traut sich wieder was zu, wird wieder von der Begeisterung getragen. Das braucht diese Mannschaft, das braucht diese WM!

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Gestern habe ich geschrieben: Wenn es so weitergeht, dann Prost Mahlzeit! Und es ist so weitergegangen, die WM hat auch am zweiten Tag gehalten, was das Eröffnungsspiel versprochen hat: Drama, Emotion und Überraschung. Holland und Chile stehen jeweils mit 3 Punkten da, über Spanien staunt die ganze Welt. Mexiko hat gegen Wasser und Willkür gekämpft und gewonnen. Und im Nachtspiel haben die Australier gegen Chile gezeigt, dass sie auch technisch und taktisch überlegenen Mannschaften unangenehm werden können. Vorsicht Holland, Vorsicht Spanien!

4 Spiele liegen hinter uns, noch kein Unentschieden, noch kein torloses. Und heute Nacht spielt Italien gegen England - Fußballherz, was willst du mehr?



Held des Tages:

Da nehme ich Robin van Persie, denn er hat zwei Tore gemacht, wovon das erste von der Marke "Traumtor" war. Arjen Robben in Ehren, aber ich halte ihn immer noch für einen grausigen Egoisten, und kann seinem Verhalten auf dem Platz einfach nichts abgewinnen. Fußballerisch ist das natürlich eine andere Geschichte...


Buhmann des Tages:

Wenn ich jetzt jedes Mal den Schiedsrichter (oder einen Schiedsrichter) nehme, wird's fad. Also entscheide ich mich für Samuel Eto'o stellvertretend für Team Kamerun. Eine Szene war symptomatisch: Eto'o fordert einen Eckball, bekommt ihn aber nicht. Nicht, dass Eto'o der einzige Fußballer der Welt wäre, der bei einem Schiedsrichter irgendwas einfordert; schließlich ist das Teil des fußballerischen Theaterapparates. Aber bei ihm wirkt es tatsächlich so, als erwarte er, dass ihm der Schiedsrichter gehorcht. Das ist echt zu viel verlangt, lieber Samuel!


Tragischer Held des Tages:

Giovani Dos Santos hat zwei Tore geschossen, aber nirgendwo wird er als Torschütze aufscheinen. Nie wird er seinen Enkeln erzählen können, dass er während der WM für ein paar Stunden mit dem großen Neymar gleichziehen konnte und gemeinsam mit ihm auf Platz eins der Torschützenliste gestanden hat. Denn seine beiden Tore wurden zu Unrecht aberkannt. Er kann sich nur damit trösten, dass Mexiko trotzdem gewonnen hat. Trotz seiner beiden Tore, die nicht in die WM-Annalen eingehen.

Dienstag, 10. Juni 2014

Die drei ???

Unter welchen unwahrscheinlichen Umständen ein Auftrittsverbot von André Rieu und DJ Ötzi erwirkt werden könnte. Und warum man ganz ohne Fragezeichen in der Gruppe B nicht auskommen wird.


Jede WM hat ihre "Todesgruppe", und auch wenn eine solche Bezeichnung immer ein wenig zu dramatisch anmutet: Die Gruppe B ist heuer diese Todesgruppe.
Ich habe gestern vermerkt, dass die Gruppe A nicht ohne die Gruppe B gedacht werden kann, da dort alle außer Brasilien zu schwach sind, um im Achtelfinale gegen Spanien bestehen zu können. In der Gruppe B verhält es sich spiegelverkehrt, denn obwohl mit Spanien und den Niederlanden die programmierten Fixaufsteiger bekannt zu sein scheinen, ist alles in Wahrheit etwas komplizierter.

Ja, Spanien und Niederlande waren die Finalisten der letzten WM. Aber wie bei allen Mannschaften hat sich seitdem sehr viel (oder gefährlich wenig) getan. Ja, Chile war das große Überraschungsteam der letzten WM: Nach einer vor allem taktisch fulminanten Vorrunde, scheiterten sie jedoch klar im Achtelfinale gegen Brasilien. Chile, das war aufregender Fußball, da stürmten teilweise gefühlte 16 Spieler auf das gegnerische Tor. Dennoch fehlten die Treffer. Das Torverhältnis nach der Vorrunde war 3:2, und gegen Brasilien setzte es ein 0:3.
Doch hinter Chile steht ein Fragezeichen, denn es fehlt der geniale Coach Bielsa und die Fitness von Juventus-Star Arturo Vidal ist schwer einzuschätzen. Der hat sich noch Anfang Mai einer Knieoperation unterziehen müssen. Trotzdem gilt: Um die Leistung Chiles dreht sich die ganze Gruppe B bzw. zumindest die Frage, wer Gruppenzweiter wird - und dann gegen Brasilien antreten darf.

Die Niederländer sind das nächste Fragezeichen. Mein Lieblingsteam zeigte vor vier Jahren eine weniger eindrucksvolle Leistung als bei der Euro 2008, kam aber mit Disziplin und dem starken Spiel in der richtigen Runde ins Finale. Dort verstolperte Arjen Robben in der 64. Minute den Weltmeisterpokal, was ich damals in Maastricht vor einer Freiluft-Bühne erleben musste, auf der noch einen Tag zuvor André Rieu mit DJ Ötzi zusammen aufgetreten war. Kein gutes Vorzeichen! Falls Holland heuer wieder ins Finale kommen sollte, bitte ich die Gemeinde Maastricht dieses Event abzusagen. Aber dahin ist der Weg weit...
Louis van Gaal hat übernommen. Das ist eigentlich kein schlechter Mann, aber ob er der Richtige für den Job ist, ist fraglich. Schließlich weiß er schon jetzt, dass seine Verpflichtung nach der WM beendet sein wird. Ihm folgt dann nämlich der große Guus Hiddink.
Ansonsten ist Team Niederlande ungefähr so wie immer, nur dass die üblichen Stars rund um Wesley Sneijder und Arjen Robben eben älter geworden sind. Jung und unerfahren ist hingegen die Defensiv-Abteilung, aber über die hat sich in Holland seit dem grimmigen Jaap Stam niemand so richtig Gedanken gemacht.
Der große Favorit sind sie diesmal nicht. Und es wird vor allem von der ersten Partie abhängen, wie sich die Niederlande in diese WM einspielen. Da geht es ausgerechnet gegen den Finalgegner von vor vier Jahren, und der ist amtierender Welt- und Europameister und heißt Spanien.

Die Furia Roja ist auch in die Jahre gekommen. Und auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, weil uns 6 Jahre Tiki-Taka genug sind - sie sind wieder einmal Mitfavorit! Eine schwere Gruppe in der Vorrunde hat bei den Spaniern höchstens den Effekt, dass sie im Achtelfinale noch selbstbewusster und gefährlicher auftreten, als sie es ohnehin schon tun würden. Für sie ist klar: Der Gruppensieg muss her, sonst kommt es zu einem verfrühten Treffen mit Brasilien, und das will man sich bitteschön für später aufheben. Mexiko, Kroatien oder Kamerun als Achtelfinalgegner klingt doch schon wesentlich attraktiver.
Trotzdem male ich auch hier ein zartes Fragezeichen mit Bleistift hinter die rot-gelben Iberer. Denn was ein inspiriertes Holland oder ein entfesseltes Chile vollbringen können, dem kann kein Kurzpass-Spiel etwas entgegensetzen. In Wahrheit hat schon die Eröffnungspartie gegen Holland Gruppenendspiel-Charakter. Sollte dieses Spiel nicht unentschieden ausgehen, darf man ruhig schon eine Tendenz erkennen.

Wer war noch? Achja, die sympathischen Socceroos aus Australien. Sie sind der Gruppendritte der Herzen, die Pechvögel von 2010, aber ganz klar der Außenseiter mit Aufstiegschancen, die sich nur bei einem Totalausfall der Holländer oder Chilenen zart von der Null in Richtung Eins bewegen. Und sollte der Fußballgott ein paar betrunkene Tage haben und sich einen Jux aus der Gruppe B machen wollen, selbst dann werden sie im Achtelfinale erbarmungslos den Brasilianern zum Fraß vorgeworfen. Macht aber alles nix, denn die Australier sind als bemühte Außenseiter immer schon sympathisch gewesen. Und je übermächtiger der Gegner, desto weniger kann man verlieren. Da kommt dann der Spaß nicht zu kurz, und so dürfte diese WM-Endrunde für die Underdogs aus Down Under zumindest ein denkwürdiges Erlebnis werden.

Wo ist jetzt das Spiegelverkehrte der Gruppe A? Also: In der Gruppe A haben wir einen klaren Favoriten und drei Fragezeichen. In der Gruppe B haben wir (nach menschlichem Ermessen) einen klaren Gruppenletzten und dann drei Teams, denen so ziemlich alles zuzutrauen ist. Denn auch wenn Spanien die besten Karten hat, ist es ja nicht gesagt, dass die WM 2014 nicht der Anfang vom spanischen Untergang sein könnte. Und vielleicht ist den Holländern gerade dann alles zuzutrauen, wenn ihnen eigentlich nichts zuzutrauen ist. Und Chile? Schließlich spielt man in Südamerika, und vielleicht ist Chile der unangenehmste Gegner aus der zweiten Reihe für Top-Teams wie Spanien und Holland. Wir werden sehen, wer die Todesgruppe überlebt. Ein Sieg wäre lohnend, denn als Zweiter wartet ja schon im Achtelfinale der Gastgeber.


Worauf wir uns freuen können:

Auf so ziemlich alles in dieser Gruppe: Das Auftaktspiel Spanien gegen Holland ist vielleicht ein zu programmierter Knaller, um wirklich gut zu werden; aber selbst schallgedämpft wird das eine absolut sehenswerte Begegnung. Chile wird den beiden sehr unangenehm werden, und gegen Australien gilt es, sich keine Blöße zu geben. Die Chilenen müssen im Grunde nur aufpassen, nicht gegen Australien zu verlieren, dann ist alles möglich. Mit drei Punkten aus dem ersten Spiel könnten sie bereits die Gruppenführung übernehmen und dann heißt es auch für Spanien und Holland Gas geben!


Was wir lieber nicht sehen wollen:

Ein Holland, das an die Vorstellung der letzten Euro anknüpft. Die Nation und der Sport als Ganzes haben sich ein besseres Fußball-Holland verdient als jenes Team, das seinen Anfang im grauslichen WM-Finale vor 4 Jahren genommen hat. Wir wollen auch eigentlich Nigel de Jong nicht mehr sehen (er ist aber dabei).
Wir wollen kein Tiki-Taka-Drübergefahre sehen. Das würde heißen, dass alle anderen Teams ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Zumindest hat der spanische Teamchef Vincente del Bosque mal irgendwas davon gesagt, dass man auch den Abschluss suchen müsse. Welch weise Worte!