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Mittwoch, 22. Juni 2016

Was wir jetzt brauchen

Wir brauchen Glück.
Man könnte sagen, wir hätten gegen Portugal schon unser ganzes Glück aufgebraucht. Man könnte aber auch sagen, dass es eher so war, dass Portugal viel Pech hatte und wir gar nicht so viel Glück gebraucht haben. Und unser Pech, das haben wir im ersten Spiel schon entsprechend gehabt. Es könnte also ein ganz normales Match werden, das wir mit ein bisschen Glück gewinnen können.
Erste Vorzeichen gibt es ja schon: Der Achtelfinalgegner wäre jetzt überraschenderweise Kroatien statt Spanien!

Wir brauchen Alaba.
Alabas größte Leistungen bringt er dann, wenn er nicht gut spielt. Erst dann schrillen nämlich bei den anderen 10 Österreichern die Alarmglocken und sie rufen ihre allerbeste Leistung ab. Das trifft vor allem auf Arnautovic zu. Der kann dann, wenn es sein muss, sogar hervorragend Defensivaufgaben lösen, wie gegen Portugal zu sehen war. Und wenn Alaba gut in Form ist, dann ist eh alles okay. Fehlt Alaba, weil er das Vertrauen von seinen 8 Millionen Teamchefs nicht mehr hat, dann verunsichert das den Rest der Mannschaft und sie traut sich gar nix mehr zu. Dann sind wir so weit wie wir vor 8 Jahren schon mal waren. Das wäre schade.

Wir brauchen Grant.
Das hoffnungsfrohe Österreich gibt es nicht. Hat es nie gegeben. Wir schöpfen unsere Zuversicht aus dem Grant gegen die anderen, gegen das große Ganze. Der Grant ist unser Rückzugsort, wenn es mal nicht so läuft - und es läuft in unseren Augen sehr oft "mal nicht so". Und aus dem Grant kann in Österreich Großes wachsen.
Wir können grantig sein, dass wir eine gute Quali gespielt haben und uns ausgerechnet jetzt die Luft ausgeht, nichts mehr so zusammengeht wie vorher, die Leistungsträger verletzt oder außer Form sind. Wir können grantig sein, weil wir das deutsche Frühstücksfernsehen aufdrehen und sehen, wie sich die Deutschen schon wieder wegen eines 1:0 gegen Nordirland abfeiern. Gründe haben wir genug - und der Grant gibt uns die Kraft!

Wir brauchen Besonnenheit.
Sollten wir heute verlieren, dann ist das schade, aber nicht das Ende der Welt. Vielleicht wird es sich so anfühlen, aber wenn wir uns ehrlich sind, haben wir es im Vorfeld mit dem Jubel schon ordentlich übertrieben. Aber bei uns gibt es nunmal nur den Juchiza und den Grant - tertium non datur, würde der Lateiner sagen: Ein Drittes gibt es nicht.
Sollten wir heute gewinnen, sind wir freilich auch gegen die hervorragenden Kroaten krasser Außenseiter. Und wenn wir dann im Achtelfinale ausscheiden, wär es trotzdem ein Erfolg gewesen. Dem würde zwar im Vorhinein jeder zustimmen, aber wenn es dann soweit ist, ist wieder "olles Oasch".
Nur wenn wir besonnen mit den Ergebnissen unserer Fußball-Nationalmannschaft umgehen lernen, werden wir auch in Zukunft Freude an diesem Sport haben.

Wir brauchen ein Tor.
Egal, was passiert. Wenn wir torlos aus dem Turnier ausscheiden, dann wäre das schon ein unwürdiger Abschied. Wir müssen scoren, müssen diesen Vastic-Elfer von 2008 endlich einen Kumpanen beiseite stellen, damit wir sagen können: Wir haben zumindest bei jeder EM-Teilnahme ein Tor geschossen. Der Vastic-Elfer braucht einen Alaba-Freistoß, einen Hinteregger-Gewaltschuss oder einen Arnautovic-Fersler, damit er sich nicht so alleine fühlt. Und wir brauchen das Tor, damit wir aufsteigen und zumindest für ganz kurze Zeit unser Grant verfliegt!

Österreichs bisher einziges Tor bei einer EM. Der Vastic-Elfer gegen Polen

Freitag, 17. Juni 2016

Über die Hoffnung

Von Hegel gibt es bekanntlich den Satz, dass das Tragische an der Tragödie nicht ist, dass A Recht hat und B nicht, sondern dass beide Recht haben. Von Schneckerl Prohaska gibt es den folgenden Satz: "... Weil du oft sagst: gegen die haben wir keine Chance. Aber in Wahrheit rechnest du dir immer eine Chance aus!"

So weit eine solche Gegenüberstellung auch hergeholt scheint, Herbert Prohaska und Georg Wilhelm Friedrich Hegel haben mehr miteinander zu tun, als man zunächst glauben möchte. Die Tragik im Fußball liegt nämlich unter anderem auch darin, dass nicht immer der gewinnt, der gewinnen sollte. Gleichzeitig bezeichnet dieser Umstand die Hoffnung (für die Außenseiter) und die Angst (der Favoriten). Hoffnung und Angst treiben das runde Leder 90 Minuten lang zwischen A und B hin und her, die immer beide Recht haben.


Für Österreich hat das natürlich wieder bittere Folgen. Weil zunächst die Hoffnung die allergrößte war, und jetzt haben wir nicht einmal mehr Angst vor dem Ausscheiden, weil wir im Geiste (Hegel!) sowieso schon ausgeschieden sind. Unsere Chance ist jetzt eigentlich nur noch die, dass wir uns in unserer Grundbefindlichkeit der Erwartungslosigkeit suhlen können und urösterreichische Topoi abspielen können: "Warum immer wir?", "Die können ja sowieso nix.", "Zawos samma überhaupt dabei" etc.

Vollkommen fremd ist uns das, was die anderen kleinen Mannschaften auszeichnet (und eine solche sind wir - FIFA-Weltrangliste hin oder her): Froh sein, dabei sein zu dürfen und schauen, was geht. Sonst sind wir die Weltmeister des "Schauma moi", aber bei der Fußball-EM haben wir sogar das Schauen verlernt. Portugal - ein übermächtiger Gegner? Ohne Junuzovic und Dragovic eh keine Chance? Island viel zu stark? Ich würde sagen: Schauma moi!



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Weil wir vorher von der Tragödie gesprochen haben: Die große Faszination am Sport überhaupt, am Fußball aber im besonderen, ist, dass der Erfolg des einen die Schmach des anderen bedeutet. Nirgends wird das deutlicher als beim Fußball mit seinen wenigen Toren. Was viele Nicht-Fußball-Fans und Amerikaner an diesem uns so lieben Sport bemängeln, nämlich seine ihm scheinbar inhärente Langeweile aufgrund der meist wenigen Highlights, ist in Wahrheit der Zunder des Zurückhaltenden. Mir fällt nämlich spontan auch keine Sportart ein, in der, je höher die Spielklasse ist, desto weniger Punkte (= Tore) gemacht werden.


Bei dieser EM fällt auf, dass die wichtigen Tore alle sehr spät gemacht werden. Denn je später der Zeitpunkt, desto wichtiger natürlich das Tor! Das wissen vor allem die Franzosen, die mir nach zwei Spielen trotz aller Probleme wirklich gut gefallen. Da ist Herz dabei und ein bisschen Hirn auch, gepaart mit krassen Entscheidungen des Teamchefs Dechamps. Dann noch der einzige wirkliche EM-Held bisher, nämlich Payet, der jetzt bei zwei Toren hält. So wie Bale (zwei geniale Freistöße) und der Rumäne Stancu (zwei Elfmeter). Sind die Franzosen gerade dabei, sich in einen Groove zu spielen? Wenn ja, wäre es vielleicht schlecht, im dritten Spiel, das jetzt reine Formsache ist, die dritte Garnitur rauszuschicken, und stattdessen unbekümmert zu versuchen, mehr Tore früher im Spiel zu erzielen.


Und England? Zitterpartie gegen die wirklich guten Waliser, ebenfalls spätes (sehr spätes) Erlösungstor durch Sturridge. Zwei halbwegs gute Halbzeiten in zwei Spielen - das wird in der KO-Phase zu wenig sein. Und aufs Elfmeterschießen verlässt man sich als Engländer besser nicht!

Deutschland hat das typisch unbeeindruckende Spiel gegen Polen hinter sich gebracht, was erwartbar war und im Falle der Deutschen wie immer genau gar nichts aussagt. Auffällig war bei den Deutschen bisher sowieso nur Jogi Löw.

Heute sehen wir auch wieder den Europameister, dessen Ziel es zu sein scheint, den Gegner durch einkreisen im eigenen Strafraum zum Eigentor zu zwingen. Die Tiki-Taka-Revolution droht, ihre Kinder zu fressen. Irgendwann sind Abschlüsse eben auch gefragt.

Italien hat mich ebenfalls wieder überrascht, die gegen den Mitfavoriten Belgien ein taktisch solides Spiel gezeigt haben (in gewohnter italienischer Manier), zeitweise aber offensivfreudig auftraten und zwei wirklich schöne Tore geschossen haben. Die Schönheit schießt zwar keine Tore, sagt man, aber ganz außer acht lassen sollte man sie deswegen auch nicht, denn Schönheit macht sympathisch. (Siehe Holland bei der EM 2008!)

Belgien ist übrigens weder sportlich noch ästhetisch weg vom Fenster, da erhoffe ich mir noch einiges. Ins Achtelfinale zittern und dann ins Finale marschieren - diese Story gibt es ja auch immer wieder.


Beeindruckend sind auch bei diesem Turnier wieder die sogenannten Außenseiter, die allesamt wirkliche Qualitäten aufs Spielfeld bringen. Slowakei, Wales, die Ukraine und, ja, auch Ungarn sind würdige Teilnehmer dieser Endrunde und können zu den Stolpersteinen werden, die gerade in der EM-Geschichte oft auch sehr weit gekommen sind.

Nur die Russen wirken irgendwie abgemeldet- ein Status, den man schon am Gesicht ihres Trainers ablesen kann. Aber jede Tragödie hat auch ihre Bösewichte, verlogene Kammerdiener, eifersüchtige Nebenbuhler. Wieso sollte es im Fußball anders sein?


Welche Rolle Österreich in diesem Stück spielt? Schauma moi...









Hat in diesem Stück mit Sicherheit die Hosenrolle: Der älteste EM-Spieler aller Zeiten Gabor Kiraly (40).





Donnerstag, 19. Juni 2014

Das Glück, der Zufall und die Dummheit

Fußball ohne Zufall - das wäre reine Rechnerei. Und wer das Glück hat, hat dies immer auch zu rechtfertigen.


Das Glück, das haben immer die Dummen oder die Tüchtigen. Darauf kann sich der Volksmund noch nicht so recht einigen. Gestern hatten alle ein bisschen Glück und stellten sich dabei mal dumm, mal
tüchtig an. Also gibt auch der Fußball keine Antwort darauf, ob jetzt die Tüchtigen oder die Dummen die wirklich Glücklichen sind. Früher war es einfacher, da hatten im Fußball das Glück immer die Deutschen. Ob aus Dummheit oder Tüchtigkeit - darüber scheiden sich die Geister.

NED - AUS 3:2


Fast hätte ich jetzt 2:3 geschrieben, und bin da gar nicht so weit entfernt. Letztlich wäre auch ein 2:2, ein 4:2, ein 2:4 oder ein 3:3 möglich gewesen. Ja, es ist immer alles möglich. Aber so möglich wie gestern alles Denkbare war... Es hätte genauso gut sein können, dass ein Vogel dem Schiri ins Auge kackt und das Spiel abgebrochen werden muss und dann von zwei Fans im Elferschießen entschieden wird. Ok, da hätte das Fifa-Reglement vielleicht was dagegen, aber gerade das Fifa-Reglement löst den Wahlspruch der österreichischen Lotterien immer am besten ein: Alles ist möglich!

Holland also nach dem furiosen Auftritt gegen den nun schon fix Ex-Weltmeister Spanien mit der erwartet schweren Aufgabe gegen Australien: Schwer, weil die Erwartungen hoch waren; schwer aber auch, weil man schon im ersten Spiel sehen konnte, dass Australien Kampfgeist und Disziplin besitzt, zwei Attribute, die es jedem "Großen" schwer machen. Dass Holland - wie Argentinien in seinem ersten Spiel - mit fünf Defensiven auflief, war dumm. Und Dummheit wird im Fußball selten belohnt. Es gibt aber Ausnahmen, und deswegen machte Holland nach langem Schweinskick wie aus dem Nichts ein Tor. Ungerecht, weil eigentlich unverdient war diese Führung, und das dachten sich sicher auch die Australier. Also machten sie postwendend den Ausgleich, auf holländische Art: Flanke von hinten, Tor  - so einfach ist das. 1:1, also eigentlich wieder 0:0.

So unerklärlich dieses Ausgleichstor war, so schön war es auch. Und eigentlich wars irgendwo auch Zufall. Schon die Flanke von Ryan McGowan fand mehr oder weniger glücklich den Fuß von Cahill. Ausgesehen hat es wie einstudiert - und muss doch, bedenkt man die fußballerische Klasse Australiens, eigentlich Zufall gewesen sein. Zufällig, aber gerecht! Weil das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun. Zufall, Glück und Gerechtigkeit sind ja aus dem Fußball nicht wegzudenken, obwohl sie mit dem Spiel an sich nichts zu tun haben. Sie sind da und nehmen Einfluss, obwohl man nie genau sagen kann, wie.
Die erste Halbzeit brachte jedenfalls spielerisch nichts, und doch stand am Ende ein 1:1 da.

In der zweiten Halbzeit hatte Holland einen anderen Plan. Louis van Gaal dachte sich, dass es vielleicht doch nicht so fesch ist, gegen einen Underdog feig ein Nicht-Spiel aufzuziehen und auf zufällige Treffer zu hoffen. Aber da hatten auch schon die Australier Glück und bekamen einen Elfer zugesprochen, der keiner war. Ungerecht! Aber auch wieder irgendwie gerecht, weil man sich den Führungstreffer doch verdient hatte. Die Tüchtigen eben... Nur, dass man auch wissen muss, dass das Glück ein Vogerl ist! Und kaum hatte man sich die Führung schenken lassen, musste man van Persie dabei zusehen, wie er dem Glück den Vogel zeigt und zum 2:2 ausgleicht. Perdauz!, dachte sich der Fußball-Fan, wie mag das wohl weitergehen?

Man hätte es bei einem 2:2 bewenden lassen, oder sich auf ein 3:3 einigen können. Stattdessen schenkt der Zufall Holland ein weiteres Tor. Einen halbherzigen Weitschuss von Memphis Depay vermochte der australische Keeper nicht zu halten und so stand es in der 68. Minute auf einmal 3:2. Dann ging es noch ein paar Minuten hin und her und als jemand, der diesem fußballerischen Wahnsinn bis jetzt zugesehen hat, wusste man, dass hier noch alles passieren kann. Schließlich ließen aber die Konditionsreserven der Australier nach und Niederlande spielte seinen zweiten Sieg nach Hause. Jetzt steht man fix im Achtelfinale mit zwei Siegen - vor sich ein Spiel um den ersten Gruppenplatz, um vielleicht Brasilien umgehen zu können. Wie das gegangen ist, weiß man nicht so recht.

Weil aber die Gruppe A nicht ohne die Gruppe B gedacht werden darf und umgekehrt, könnte man sowohl mit einem ersten als auch mit einem zweiten Platz auf die äußerst unangenehmen Kroaten treffen, die im ersten Spiel dem Titelfavoriten Brasilien das Leben schwer gemacht haben, und die sich gestern mit einem 4:0-Sieg gegen das desolate Kamerun richtig viel Selbstvertrauen für das letzte Spiel gegen Mexiko geholt haben. Überhaupt sind sowohl Brasilien als auch Mexiko unangenehme Achtelfinalgegner - und die Kroaten sowieso! Wie es derzeit aussieht, würde sich Holland vielleicht sogar gegen Brasilien leichter tun als gegen Kroatien. Vielleicht geht es im letzten Gruppenspiel ja auch darum, zu verlieren, um dem unangenehmeren Gegner zu entgehen. Wer das sein wird, steht freilich erst nach dem letzten Spiel der Gruppe A fest. Das ist spannend, und da ist noch viel Platz für Zufälle und Glück. Und auch für Dummheiten.


ESP - CHI 0:2


König Juan Carlos dankt ab, und auch die Furia Roja scheint Geschichte zu sein. An einem Punkt dachte ich mir: "Spanien liegt 0:1 hinten und Xavi sitzt auf der Ersatz-Bank", und da wusste ich, dass dies das sicherere Zeichen für den spanischen Untergang war als die 1:5 Niederlage gegen Holland letzte Woche. Chile hat gezeigt, dass sie den Erwartungen, die nach der letzten WM in sie gesetzt wurden, doch gerecht werden können (auch wenn dies vor dieser WM wieder keiner geglaubt hätte). Spanien hingegen ist raus. Ende, vorbei. Schlusspunkt im ehrwürdigen Maracana-Stadion. Am traurigsten ist, dass sie noch ein Spiel zu bestreiten haben - ein völlig überflüssiges gegen Australien, das sie nicht einmal verlieren dürfen. Wir verabschieden uns von diesem beeindruckenden Spanien, das die letzten Jahre den Fußball geprägt hat wie kein anderes Land; das zwei Mal Europa- und einmal Weltmeister geworden ist; das uns mit seinem Tiki-Taka zuerst verzaubert, und dann ganz schön genervt hat. Schön, dass wir das alles erleben durften! Danke Xavi, danke Iniesta, Puyol, Alonso, Casillas, Ramos, Pique und wie sie alle heißen! Man kann ihnen nur wünschen, dass sie beim nächsten Mal wieder zum engen Favoritenkreis zählen werden und nicht in die talentierte Mittelklasse abrutschen, wo sie vorher so lang gewesen sind.


Held des Tages:

Der Andre Agassi des Fußballs, Chiles Trainer Jorge Sampaoli. Keiner ist hemdsärmeliger als er, und schlauer sind auch nicht viele.


Buhmann des Tages:

Louis van Gaal für die erste Halbzeit seiner Mannschaft. Ein totaler, grauenhafter Irrweg, der Anklänge an Rehakles hatte. Mit Halbzeit zwei hat er den Kopf aus der Schlinge gezogen, aber ohne dem Glück der Dummen hätte es schlecht ausgesehen!

Dienstag, 10. Juni 2014

Die drei ???

Unter welchen unwahrscheinlichen Umständen ein Auftrittsverbot von André Rieu und DJ Ötzi erwirkt werden könnte. Und warum man ganz ohne Fragezeichen in der Gruppe B nicht auskommen wird.


Jede WM hat ihre "Todesgruppe", und auch wenn eine solche Bezeichnung immer ein wenig zu dramatisch anmutet: Die Gruppe B ist heuer diese Todesgruppe.
Ich habe gestern vermerkt, dass die Gruppe A nicht ohne die Gruppe B gedacht werden kann, da dort alle außer Brasilien zu schwach sind, um im Achtelfinale gegen Spanien bestehen zu können. In der Gruppe B verhält es sich spiegelverkehrt, denn obwohl mit Spanien und den Niederlanden die programmierten Fixaufsteiger bekannt zu sein scheinen, ist alles in Wahrheit etwas komplizierter.

Ja, Spanien und Niederlande waren die Finalisten der letzten WM. Aber wie bei allen Mannschaften hat sich seitdem sehr viel (oder gefährlich wenig) getan. Ja, Chile war das große Überraschungsteam der letzten WM: Nach einer vor allem taktisch fulminanten Vorrunde, scheiterten sie jedoch klar im Achtelfinale gegen Brasilien. Chile, das war aufregender Fußball, da stürmten teilweise gefühlte 16 Spieler auf das gegnerische Tor. Dennoch fehlten die Treffer. Das Torverhältnis nach der Vorrunde war 3:2, und gegen Brasilien setzte es ein 0:3.
Doch hinter Chile steht ein Fragezeichen, denn es fehlt der geniale Coach Bielsa und die Fitness von Juventus-Star Arturo Vidal ist schwer einzuschätzen. Der hat sich noch Anfang Mai einer Knieoperation unterziehen müssen. Trotzdem gilt: Um die Leistung Chiles dreht sich die ganze Gruppe B bzw. zumindest die Frage, wer Gruppenzweiter wird - und dann gegen Brasilien antreten darf.

Die Niederländer sind das nächste Fragezeichen. Mein Lieblingsteam zeigte vor vier Jahren eine weniger eindrucksvolle Leistung als bei der Euro 2008, kam aber mit Disziplin und dem starken Spiel in der richtigen Runde ins Finale. Dort verstolperte Arjen Robben in der 64. Minute den Weltmeisterpokal, was ich damals in Maastricht vor einer Freiluft-Bühne erleben musste, auf der noch einen Tag zuvor André Rieu mit DJ Ötzi zusammen aufgetreten war. Kein gutes Vorzeichen! Falls Holland heuer wieder ins Finale kommen sollte, bitte ich die Gemeinde Maastricht dieses Event abzusagen. Aber dahin ist der Weg weit...
Louis van Gaal hat übernommen. Das ist eigentlich kein schlechter Mann, aber ob er der Richtige für den Job ist, ist fraglich. Schließlich weiß er schon jetzt, dass seine Verpflichtung nach der WM beendet sein wird. Ihm folgt dann nämlich der große Guus Hiddink.
Ansonsten ist Team Niederlande ungefähr so wie immer, nur dass die üblichen Stars rund um Wesley Sneijder und Arjen Robben eben älter geworden sind. Jung und unerfahren ist hingegen die Defensiv-Abteilung, aber über die hat sich in Holland seit dem grimmigen Jaap Stam niemand so richtig Gedanken gemacht.
Der große Favorit sind sie diesmal nicht. Und es wird vor allem von der ersten Partie abhängen, wie sich die Niederlande in diese WM einspielen. Da geht es ausgerechnet gegen den Finalgegner von vor vier Jahren, und der ist amtierender Welt- und Europameister und heißt Spanien.

Die Furia Roja ist auch in die Jahre gekommen. Und auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, weil uns 6 Jahre Tiki-Taka genug sind - sie sind wieder einmal Mitfavorit! Eine schwere Gruppe in der Vorrunde hat bei den Spaniern höchstens den Effekt, dass sie im Achtelfinale noch selbstbewusster und gefährlicher auftreten, als sie es ohnehin schon tun würden. Für sie ist klar: Der Gruppensieg muss her, sonst kommt es zu einem verfrühten Treffen mit Brasilien, und das will man sich bitteschön für später aufheben. Mexiko, Kroatien oder Kamerun als Achtelfinalgegner klingt doch schon wesentlich attraktiver.
Trotzdem male ich auch hier ein zartes Fragezeichen mit Bleistift hinter die rot-gelben Iberer. Denn was ein inspiriertes Holland oder ein entfesseltes Chile vollbringen können, dem kann kein Kurzpass-Spiel etwas entgegensetzen. In Wahrheit hat schon die Eröffnungspartie gegen Holland Gruppenendspiel-Charakter. Sollte dieses Spiel nicht unentschieden ausgehen, darf man ruhig schon eine Tendenz erkennen.

Wer war noch? Achja, die sympathischen Socceroos aus Australien. Sie sind der Gruppendritte der Herzen, die Pechvögel von 2010, aber ganz klar der Außenseiter mit Aufstiegschancen, die sich nur bei einem Totalausfall der Holländer oder Chilenen zart von der Null in Richtung Eins bewegen. Und sollte der Fußballgott ein paar betrunkene Tage haben und sich einen Jux aus der Gruppe B machen wollen, selbst dann werden sie im Achtelfinale erbarmungslos den Brasilianern zum Fraß vorgeworfen. Macht aber alles nix, denn die Australier sind als bemühte Außenseiter immer schon sympathisch gewesen. Und je übermächtiger der Gegner, desto weniger kann man verlieren. Da kommt dann der Spaß nicht zu kurz, und so dürfte diese WM-Endrunde für die Underdogs aus Down Under zumindest ein denkwürdiges Erlebnis werden.

Wo ist jetzt das Spiegelverkehrte der Gruppe A? Also: In der Gruppe A haben wir einen klaren Favoriten und drei Fragezeichen. In der Gruppe B haben wir (nach menschlichem Ermessen) einen klaren Gruppenletzten und dann drei Teams, denen so ziemlich alles zuzutrauen ist. Denn auch wenn Spanien die besten Karten hat, ist es ja nicht gesagt, dass die WM 2014 nicht der Anfang vom spanischen Untergang sein könnte. Und vielleicht ist den Holländern gerade dann alles zuzutrauen, wenn ihnen eigentlich nichts zuzutrauen ist. Und Chile? Schließlich spielt man in Südamerika, und vielleicht ist Chile der unangenehmste Gegner aus der zweiten Reihe für Top-Teams wie Spanien und Holland. Wir werden sehen, wer die Todesgruppe überlebt. Ein Sieg wäre lohnend, denn als Zweiter wartet ja schon im Achtelfinale der Gastgeber.


Worauf wir uns freuen können:

Auf so ziemlich alles in dieser Gruppe: Das Auftaktspiel Spanien gegen Holland ist vielleicht ein zu programmierter Knaller, um wirklich gut zu werden; aber selbst schallgedämpft wird das eine absolut sehenswerte Begegnung. Chile wird den beiden sehr unangenehm werden, und gegen Australien gilt es, sich keine Blöße zu geben. Die Chilenen müssen im Grunde nur aufpassen, nicht gegen Australien zu verlieren, dann ist alles möglich. Mit drei Punkten aus dem ersten Spiel könnten sie bereits die Gruppenführung übernehmen und dann heißt es auch für Spanien und Holland Gas geben!


Was wir lieber nicht sehen wollen:

Ein Holland, das an die Vorstellung der letzten Euro anknüpft. Die Nation und der Sport als Ganzes haben sich ein besseres Fußball-Holland verdient als jenes Team, das seinen Anfang im grauslichen WM-Finale vor 4 Jahren genommen hat. Wir wollen auch eigentlich Nigel de Jong nicht mehr sehen (er ist aber dabei).
Wir wollen kein Tiki-Taka-Drübergefahre sehen. Das würde heißen, dass alle anderen Teams ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Zumindest hat der spanische Teamchef Vincente del Bosque mal irgendwas davon gesagt, dass man auch den Abschluss suchen müsse. Welch weise Worte!