Von Hegel gibt es bekanntlich den Satz, dass das Tragische an der Tragödie nicht ist, dass A Recht hat und B nicht, sondern dass beide Recht haben. Von Schneckerl Prohaska gibt es den folgenden Satz: "... Weil du oft sagst: gegen die haben wir keine Chance. Aber in Wahrheit rechnest du dir immer eine Chance aus!"
So weit eine solche Gegenüberstellung auch hergeholt scheint, Herbert Prohaska und Georg Wilhelm Friedrich Hegel haben mehr miteinander zu tun, als man zunächst glauben möchte. Die Tragik im Fußball liegt nämlich unter anderem auch darin, dass nicht immer der gewinnt, der gewinnen sollte. Gleichzeitig bezeichnet dieser Umstand die Hoffnung (für die Außenseiter) und die Angst (der Favoriten). Hoffnung und Angst treiben das runde Leder 90 Minuten lang zwischen A und B hin und her, die immer beide Recht haben.
Für Österreich hat das natürlich wieder bittere Folgen. Weil zunächst die Hoffnung die allergrößte war, und jetzt haben wir nicht einmal mehr Angst vor dem Ausscheiden, weil wir im Geiste (Hegel!) sowieso schon ausgeschieden sind. Unsere Chance ist jetzt eigentlich nur noch die, dass wir uns in unserer Grundbefindlichkeit der Erwartungslosigkeit suhlen können und urösterreichische Topoi abspielen können: "Warum immer wir?", "Die können ja sowieso nix.", "Zawos samma überhaupt dabei" etc.
Vollkommen fremd ist uns das, was die anderen kleinen Mannschaften auszeichnet (und eine solche sind wir - FIFA-Weltrangliste hin oder her): Froh sein, dabei sein zu dürfen und schauen, was geht. Sonst sind wir die Weltmeister des "Schauma moi", aber bei der Fußball-EM haben wir sogar das Schauen verlernt. Portugal - ein übermächtiger Gegner? Ohne Junuzovic und Dragovic eh keine Chance? Island viel zu stark? Ich würde sagen: Schauma moi!
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Weil wir vorher von der Tragödie gesprochen haben: Die große Faszination am Sport überhaupt, am Fußball aber im besonderen, ist, dass der Erfolg des einen die Schmach des anderen bedeutet. Nirgends wird das deutlicher als beim Fußball mit seinen wenigen Toren. Was viele Nicht-Fußball-Fans und Amerikaner an diesem uns so lieben Sport bemängeln, nämlich seine ihm scheinbar inhärente Langeweile aufgrund der meist wenigen Highlights, ist in Wahrheit der Zunder des Zurückhaltenden. Mir fällt nämlich spontan auch keine Sportart ein, in der, je höher die Spielklasse ist, desto weniger Punkte (= Tore) gemacht werden.
Bei dieser EM fällt auf, dass die wichtigen Tore alle sehr spät gemacht werden. Denn je später der Zeitpunkt, desto wichtiger natürlich das Tor! Das wissen vor allem die Franzosen, die mir nach zwei Spielen trotz aller Probleme wirklich gut gefallen. Da ist Herz dabei und ein bisschen Hirn auch, gepaart mit krassen Entscheidungen des Teamchefs Dechamps. Dann noch der einzige wirkliche EM-Held bisher, nämlich Payet, der jetzt bei zwei Toren hält. So wie Bale (zwei geniale Freistöße) und der Rumäne Stancu (zwei Elfmeter). Sind die Franzosen gerade dabei, sich in einen Groove zu spielen? Wenn ja, wäre es vielleicht schlecht, im dritten Spiel, das jetzt reine Formsache ist, die dritte Garnitur rauszuschicken, und stattdessen unbekümmert zu versuchen, mehr Tore früher im Spiel zu erzielen.
Und England? Zitterpartie gegen die wirklich guten Waliser, ebenfalls spätes (sehr spätes) Erlösungstor durch Sturridge. Zwei halbwegs gute Halbzeiten in zwei Spielen - das wird in der KO-Phase zu wenig sein. Und aufs Elfmeterschießen verlässt man sich als Engländer besser nicht!
Deutschland hat das typisch unbeeindruckende Spiel gegen Polen hinter sich gebracht, was erwartbar war und im Falle der Deutschen wie immer genau gar nichts aussagt. Auffällig war bei den Deutschen bisher sowieso nur Jogi Löw.
Heute sehen wir auch wieder den Europameister, dessen Ziel es zu sein scheint, den Gegner durch einkreisen im eigenen Strafraum zum Eigentor zu zwingen. Die Tiki-Taka-Revolution droht, ihre Kinder zu fressen. Irgendwann sind Abschlüsse eben auch gefragt.
Italien hat mich ebenfalls wieder überrascht, die gegen den Mitfavoriten Belgien ein taktisch solides Spiel gezeigt haben (in gewohnter italienischer Manier), zeitweise aber offensivfreudig auftraten und zwei wirklich schöne Tore geschossen haben. Die Schönheit schießt zwar keine Tore, sagt man, aber ganz außer acht lassen sollte man sie deswegen auch nicht, denn Schönheit macht sympathisch. (Siehe Holland bei der EM 2008!)
Belgien ist übrigens weder sportlich noch ästhetisch weg vom Fenster, da erhoffe ich mir noch einiges. Ins Achtelfinale zittern und dann ins Finale marschieren - diese Story gibt es ja auch immer wieder.
Beeindruckend sind auch bei diesem Turnier wieder die sogenannten Außenseiter, die allesamt wirkliche Qualitäten aufs Spielfeld bringen. Slowakei, Wales, die Ukraine und, ja, auch Ungarn sind würdige Teilnehmer dieser Endrunde und können zu den Stolpersteinen werden, die gerade in der EM-Geschichte oft auch sehr weit gekommen sind.
Nur die Russen wirken irgendwie abgemeldet- ein Status, den man schon am Gesicht ihres Trainers ablesen kann. Aber jede Tragödie hat auch ihre Bösewichte, verlogene Kammerdiener, eifersüchtige Nebenbuhler. Wieso sollte es im Fußball anders sein?
Welche Rolle Österreich in diesem Stück spielt? Schauma moi...
Hat in diesem Stück mit Sicherheit die Hosenrolle: Der älteste EM-Spieler aller Zeiten Gabor Kiraly (40).
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Freitag, 17. Juni 2016
Montag, 7. Juli 2014
Louis van Gaal - Wechselgott
Das Geheimnis eines guten Trainer ist es, Dinge zu tun, die keiner nachvollziehen kann, und just mit diesen Dingen erfolgreich zu sein. Louis van Gaal ist so ein Trainer.
NED - CRC 0:0 (4:3 n.E.)
Ich war schon wieder dabei, Louis van Gaal zu verfluchen. Schon wieder keine erkennbaren Offensivbemühungen über weite Strecken des Spiels. Kontrolle, Kontrolle und nochmals Kontrolle. Gegen den Underdog Costa Rica bewahrte man zwar die meiste Zeit über die Überhand, aber aufregend war es nicht. Die seltsame Strategie der Holländer scheint psychologisch geleitet: "Wenn wir gegen einen absoluten Außenseiter ein 0:0 halten, verhindern wir allzu geschäftige Aktivität seinerseits, weil der ja das Unentschieden als Erfolg verbuchen kann. Dann genügt uns ein spätes Tor und wir müssen uns nur noch kurze Zeit gegen verzweifelte Sturmläufe wehren, dann haben wir es geschafft." Und enstprechend plätscherte dann das Spiel dahin.
Kontrolle ist ja schön und gut, und in Hollands Fall auch wirksam: Schließlich gelang den Ticos der erste und einzige Torschuss erst in der Verlängerung. Wenn man dann aber weder zum Ende der Spielzeit noch in der Verlängerung ein Tor schießt, liefert man sich als Favorit der Gefahr aus, im Elfmeterschießen gegen einen Zwerg auszuscheiden. Natürlich hatte Costa Rica Glück, denn die Niederländer trafen drei Mal nur die Stange. Es schien auch irgendwie gerecht, dass es diesmal mit dem späten Tor nicht klappen wollte. Dabei darf man nicht vergessen, dass Costa Rica seinen Möglichkeiten entsprechend agierte und mit aller Kraft verteidigte. Und das machte die Mannschaft von Trainer Jorge Luis Pinto auch hervorragend.
Holland ließ das nervös werden, denn man wusste um die Klasse des gegnerischen Torwarts und um die bescheidene Klasse des eigenen. Van Gaal liebt keine Überraschungen, und daher brachte er Sekunden vor Ende der Verlängerung den Ersatztorman Tim Krul. Diese Einwechslung betitelte Oli Kahn nach dem Match als "größten Schwachsinn", den er je gesehen habe. Und tatsächlich war dieses einzigartige Kuriosum irgendwie schwachsinnig. Es ist eine dieser Aktionen, die sich nur im Nachhinein rechtfertigen lassen, und dann auch nur, wenn alles gut geht. Einen unaufgewärmten Tormann von der Bank in ein so wichtiges Elfmeterschießen zu schicken und dafür eine der drei Wechselmöglichkeiten zu verbrauchen, ist zumindest abenteuerlich. Tim Krul ist kein Elfmeterkiller - keine Statistik belegt das. Jasper Cillessen zwar auch nicht, der hätte sich aber zumindest die Chance verdient, zum Matchwinner zu werden. Er wusste natürlich vorher nichts davon. Tim Krul hingegen schon.
Tim Krul also geht zum Elfmeterschießen aufs Feld und raunzt vor jedem Schuss der Costa Ricaner den Schützen an. "Ich weiß, wohin du schießt!", schreit er ihnen entgegen und zeigt dabei auf seine Brust. Das sind Mätzchen der alten Schule. Eigentlich dachte ich, sowas macht keiner mehr. Warum es Tim Krul gemacht hat, ist fraglich. Einerseits natürlich zur Einschüchterung, und der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar, denn die Costa Ricaner sind alles, nur keine abgebrühten Vollprofis, die jede Woche ein so bedeutendes Spiel entscheiden müssen. Andererseits diente Kruls Gelaber vielleicht auch ihm selbst. Als Ersatztormann kommst du nicht einfach rein und hältst in einem WM-Viertelfinale zwei Elfmeter. Da musst du die wenige Zeit dazu nutzen, ein bisschen psychologisches Momentum zu bekommen. Krul hat das eben so gelöst.
Und tatsächlich hielt er zwei Elfmeter. So avancierte der kurz Eingesetzte zusammen mit seinem Trainer, dem Wechselgott van Gaal, zum Helden des Abends. Louis van Gaals Wechsel haben bis jetzt immer spielentscheidende Wirkung gehabt: Gegen Mexiko macht Huntelaar den Elfer. Gegen Chile treffen Fer und Depay - beide kamen von der Ersatzbank. Gegen Australien macht Depay den Siegtreffer - nach Einwechslung. Nur im ersten Spiel gegen Spanien war kein Wechsel nötig, um das Spiel zu entscheiden.
Man kann behaupten, dass das Zufall ist. Ich glaube es aber nicht, denn das niederländische Spiel zielt derzeit genau darauf ab, den Gegner einzulullen, um dann in der Schlussphase taktisch umzustellen und aggressive Angriffe zu fahren. Dass dann die jeweils neuen Spieler die Treffer machen, auf deren Rolle sich die verteidigende Mannschaft nur ungenügend einstellen konnte, ist kein Zufall. Und wenn das nicht klappt, dann wartet man eben bis zur 120. Minute und schickt dann einen neuen Keeper rein, der den Rest erledigt. Eine großartige Geschichte war das allemal.
Zudem sollte man nicht vergessen, wie gut die Elfmeter der Holländer geschossen waren, denn der eigentliche nominelle Elfmeterkiller stand bei Costa Rica im Tor!
Holland steht im Halbfinale und trifft dort auf einen alten Bekannten: Argentinien, gegen das es 1978 ein WM-Finale verlor, das sie eigentlich gewinnen hätten sollen. Argentinien hingegen hat den eigentlichen Weltmeister Belgien geschlagen und somit dafür gesorgt, dass die Halbfinalpaarungen sich lesen wie ein Who-is-who der größten Fußballnationen der letzten 50 Jahre. Dass hinter den großen Namen viel heiße Luft steckt, ist uns im Laufe des Turniers klar geworden. Nach dem ersten Spiel hätte ich Argentinien kein Halbfinale zugetraut - vor dem Turnier allerdings schon. Nach dem zweiten Spiel waren meine Zweifel noch größer und sie sind nie kleiner geworden. Jetzt stehen sie trotzdem dort, wo die Erwartungen vor dem Turnier sie eigentlich hingesetzt hätten: Im Halbfinale.
Wie das mit Deutschland und Brasilien ist, habe ich ja schon gesagt: Prinzipiell wäre ein Turniersieg beider Mannschaften irgendwie in Ordnung, wenn auch keine wirklich überzeugt hat. Brasilien hat natürlich nach dem Ausfall von Neymar (und der Sperre von Thiago Silva, die fast noch schlimmer ist) den Auftrag, den Finaleinzug trotzdem zu schaffen. Das gehört zu jeder guten Geschichte dazu. Dass Deutschland da jetzt als Bösewicht auftritt, passt nicht nur den Brasilianern gut ins Konzept. Die Deutschen betonen ein wenig zu viel, dass der Ausfall von Neymar tragisch ist, denn man hätte gerne gegen die allerbesten Brasilianer gespielt (jaja!). Währenddessen sucht Deutschland noch immer seinen WM-Helden, denn momentan sieht man noch auffällig viele mit Merkel-Masken im Publikum sitzen...
Auch, dass jetzt lauter Nicht-Überzeuger im Halbfinale stehen, macht die ganze Sache erst richtig gut: Denn jede mögliche Finalpaarung wäre für sich genommen ein Kracher, so wie die Halbfinalspiele auch schon Kracher sind. Spielerisch erwarten wir uns jetzt eh nichts mehr, weil Belgien, Frankreich und Kolumbien ja weg sind. Aber ich bin mir sicher, dass uns noch einige seltsame und bemerkenswerte Vorkommnisse bevorstehen!
Held des Tages:
Tim Krul, der Elfmeterkiller, der nie einer war, und jetzt doch einer ist. Eine denkwürdige Einwechslung!
Tragischer Held des Tages:
Sneijder, der es immer noch kann, und trotzdem zwei Mal nur das Aluminium traf.
Mittwoch, 2. Juli 2014
Soccer is so aberwitzig
Nach einer schläfrigen Partie von Argentinien fanden die Achtelfinalpartien mit der Verlängerung Belgien gg. USA einen mehr als würdigen Abschluss!
Ein Bild, das wir nicht mehr vergessen werden: Das Soldier Field in Chicago überströmt von fußballbegeisterten Amerikanern. Ja, richtig: fußballbegeistert. Nicht Football, sondern Soccer ist gemeint. Mit dieser WM ist der Sport im Mainstream angekommen, oder hat zumindest wieder einen ordentlichen Beachtungsschub erfahren. Und das lag vor allem an Jürgen Klinsmann, der das Team USA Tempofußball spielen ließ, wie man ihn bei diesem Turnier von keinem anderen Team gesehen hat. Dass es am Ende gegen eine technisch und taktisch überlegen europäische Mannschaft nicht gereicht hat, war vorherzusehen. Und trotzdem war auch dieses Ausscheiden der US-Amerikaner großes Drama. Denn sie haben den Belgiern nichts geschenkt, vor allem nicht Tim Howard, der nächste großartige Keeper dieses Turniers.
27 zu 9 Torschüsse zählte die Statistik für Belgien, und nach 90 Minuten konnten es wohl weder die Belgier noch die Amerikaner glauben, dass es immer noch 0:0 stand. Wieder hatte es Klinsmanns Team geschafft, gegen einen spielerisch übermächtigen Gegner den Schaden begrenzt zu halten. Selber konnte man nur selten gefährlich werden - aber wenn, dann brandgefährlich!
Die Belgier haben endlich gezeigt, wozu sie in der Lage sind. Dass es an der Chancenverwertung noch hapert, darüber darf man getrost hinweg sehen, denn sie haben das Spiel über 90 Minuten gemacht und die Amerikaner eigentlich nie wirklich mitspielen lassen. In der Verlängerung setzte es dann auch folgerichtig zwei Tore für die Roten Teufel; Team USA schien geschlagen. Doch Klinsmanns Mannen zeigten erneut, dass man den American Spirit nie unterschätzen darf und warfen alles nach vorne, was sie noch hatten. Tatsächlich reichte das, um die Belgier zu verunsichern und bald stand es 2:1. Clint Dempsey vergab sogar noch eine 100%ige, welche die Tausenden auf dem Soldier Field in Chicago und anderswo in den USA die Gesichter in ihre Hände vergraben ließen.
Soccer can be so aberwitzig! Wenn es dieses deutsche Wort noch nicht in den amerikanischen Sprachgebrauch geschafft hat, würde es mich nicht wundern, wenn es nach dem Belgien-Spiel geschähe. Es würde wohl reichen, spräche Klinsmann das Wort einmal aus. Die Verlängerung von Belgien gg. USA waren vielleicht die spannendsten 30 Minuten dieses Turniers bisher. Am Ende siegte der Favorit, der allmählich seinem Geheimfavoritenstatus gerecht zu werden scheint.
Man trifft jetzt auf Argentinien, das sich gegen eine destruktive Schweizer Nati mal wieder allzu schwer getan hat. Im Spiel gegen Belgien muss bei den Argentiniern etwas passieren. Wenn Belgien aber seine Chancen besser nutzt als gegen die USA, sehe ich die Albi-Celeste nicht im Halbfinale. Sorry, Messi.
Noch ein Wort zu Team Belgien: Es ist schon bezeichnend, auf welch hohem Niveau der belgische Fußball derzeit operiert, und wie die Einzelakteure zum richtigen Zeitpunkt zu glänzen beginnen. Das ist das Kennzeichen einer Turniermannschaft: Dass der wegen seiner bisher schwachen Leistung zuerst auf der Bank sitzende Lukaku eingewechselt wird und kurz danach das erste Tor vorbereitet und das zweite selber macht. Dass der Jungspund Kevin De Bruyne sich dieses Spiel ausgesucht hat, um vorzuführen, was er wirklich drauf hat. Dass der extrem junge Origi als Stürmer eine super Partie gespielt hat; dass Verthongen den bisher besten Außenverteidiger des Turniers gezeigt hat. Da läuft viel Gutes zusammen, und der Zenit wird wohl noch nicht überschritten sein...
Held des Tages:
Romelu Lukaku, ein Joker, wie er im Buche steht. Er brachte die Wende in Belgiens Spiel und hat sich wohl rehabilitiert.
Tragischer Held des Tages:
Erneut der Torwart der unterlegenen Mannschaft. Tim Howard, der Glatzkopf mit dem beeindruckenden Bart ist vielleicht hauptverantwortlich dafür, dass Belgien nicht schon zur Full Time als Sieger vom Platz gehen konnte. Respect the Keeper!
Dienstag, 1. Juli 2014
Alte Tugenden
Die Deutschen blieben nicht nur unter den Erwartungen, sie unterboten diese sogar noch. Trotzdem stehen sie irgendwie im Viertelfinale und gehören da auch irgendwie hin.
GER - ALG 2:1 (n.V.)
Zumindest ein Deutscher hat gestern Großes geleistet: Und das war Manuel Neuer, der beste Mann auf dem Platz. Der Tormann, der das gesamte hintere Drittel verteidigen muss, weil seine Vorderleute dazu schlichtweg nicht fähig sind. Einzige Ausnahme war Jerome Boateng, der seinen Job anständig gemacht hat. Wie zerfahren die deutschen Hintermänner auch nervlich sind, zeigte Mertesackers Ausraster gegenüber dem ZDF ("Glauben Sie, unter den letzten 16 ist eine Karnevalstruppe? Was wollen Sie? Wollen Sie eine erfolgreiche WM, oder wollen Sie ausscheiden?"). Auch bei Trainer Jogi Löw hörte man Ungewöhnliches: "Soll ich mich ärgern, dass wir die nächste Runde erreicht haben? Man kann nicht in allen Matches fantastisch spielen. Was erwarten Sie eigentlich?"
Ja, wozu eigentlich die Aufregung? Deutschland hat doch wie erwartet die nächste Runde erreicht und den krassen Außenseiter Algerien geschlagen? Dass es 120 Minuten gedauert hat, daran hat einerseits die algerische Mannschaft Schuld, die sich überhaupt nichts geschissen und den Deutschen richtig Angst gemacht hat. Andererseits waren es natürlich die haarsträubenden Ausflüge Neuers ("Was macht der da?!"), die ein paar algerische Großchancen im Keim erstickt haben. Neuer hat gezeigt, was ein moderner Torwart alles können muss - wenn seine Vorderleute übers Feld rumpeln wie in den Zeiten vor der großen Klinsmann'schen Tugendwende. Neuer hat Libero gespielt - so wie früher Beckenbauer.
Deutschland will seit Jahren wie Spanien spielen - viel Ballbesitz, kurze, flache Pässe und kaum Fouls. Gestern haben sie aber gewonnen wie zu Zeiten von Brehme und Völler. Daher die Rechtfertigungsgesten (Schürrle: "Egal wie, Hauptsache wir sind im Viertelfinale."). Das war nicht das große deutsche Spiel, an dem seit Jahren gefeilt wird! Das war das alte teutonische Durchgenudel. Schade eigentlich.
Und es waren nicht einmal die schwachen Einzelspieler (Götze, Özil, Mustafi), es war die ganze Mannschaft, die verunsichert wirkte. Einziger Lichtpunkt war Schürrle, der folgerichtig dann auch das Tor in der Verlängerung geschossen hat. Frag nicht wie! (Schürrle würde ja sagen: "Egal wie, Hauptsache wir sind im Viertelfinale"). Schürrle und Neuer, das bleibt vom deutschen Team, wenn man das lächerliche Match gegen Portugal abzieht, in dem Müller seine Tore gemacht hat. Götze, der nach seinem Zufallstreffer gegen Ghana gejubelt hat, als hätte er das Toreschießen erfunden, spielt den beleidigten Bub, der für solche Aufgaben noch nicht die nötige Reife mitbringt.
Man muss sich deswegen noch keine Sorgen um die deutsche Mannschaft machen. Wohl aber um den deutschen Fußball, der in den letzten Jahren eine so schöne Entwicklung genommen hat. Sollte sich während dieser WM herausstellen, dass mit dem Kämpferischen mehr zu machen ist als mit dem Spielerischen, ist zu befürchten, dass die Deutschen wieder zu den "hässlichen Gewinnern" werden, die sie einmal waren. (Holland ist übrigens auch auf dem besten Weg dazu!)
Schön waren trotzdem die Reaktionen der algerischen Fans nach dem Spiel, die gefeiert haben als hätten sie das Spiel gewonnen. Für Algerien war es ein Riesenerfolg ins Achtelfinale zu kommen. Und es war ein Riesenerfolg, das DFB-Team so fordern zu können. Aber trotz allem hieß der Gegner Deutschland. Und Deutschland scheidet nicht im Achtelfinale aus. Schon gar nicht gegen Algerien. Die Welt ist einfach so eingerichtet..
Wir wurden auch gestern wieder daran erinnert, dass ein Fußballfeld auch ein Schlachtfeld sein kann. In Erinnerung geblieben ist mir der Sprint übers halbe Spielfeld von Islam Slimani in der 118. Minute auf dem Weg zum Ausgleich. Kurz vorm Strafraum verliert er den Ball (wahrscheinlich an Neuer, es könnte aber auch Boateng gewesen sein) und fällt vornüber ins grüne Gras von Porto Allegre. Er liegt da wie erschossen, völlig entkräftet, wohl wissend, dass es wahrscheinlich seine letzte Aktion bei dieser WM war. Im Gegenzug nutzt Deutschland die Chance zum zweiten Treffer. Algerien ist geschlagen.
Algeriens Tor fällt in der Nachspielzeit der Verlängerung - ein ungünstiger Zeitpunkt für einen Anschlusstreffer. Aber es fällt just in dem Moment, als die deutschen Fans ihre schauerlichen "SIEG! SIEG!"-Rufe ertönen lassen. Insofern war das Tor nicht nur gerechtfertigte Ergebnis-Korrektur, sondern auch ein angenehmer Dämpfer für das teutonische Erwin-Rommel-Gedächtnisgebrüll. Die wahren Wüstenfüchse sind nämlich immer noch die Algerier!
Held des Tages:
Manuel Neuer, der beste Verteidiger des Turniers. Auch die beachtliche Leistung seines Gegenübers M'Bolhi und jene von Enyeama aus dem Nigeria-Spiel beweist einmal mehr die hohe Klasse der Torhüter in diesem Turnier.
![]() |
| Neuers Ballkontakte außerhalb des Strafraumes im Match gegen Algerien. Es waren 17! |
Tragischer Held des Tages:
Vincent Enyeama, der sich mit Händen und Füßen gegen Frankreich wehrte und doch nicht belohnt wurde. Trotzdem bleibt er der beste Tormann Afrikas.
Trottel des Tages:
Boris Kastner-Jirka und sein Witz nach der Halbzeitpause: "Der deutsche Teamarzt hatte in der Pause alle Hände voll zu tun. Viele Spieler litten an einer ... 'algerischen Reaktion'!"
Er wäre ja nicht gar so schlimm, wüsste man nicht genau, dass Kastner-Jirka den während der Pause irgendwo aus dem Internet geklaubt hat und ihn uns stolz als seinen eigenen präsentierte.
Montag, 30. Juni 2014
Ein kurzes und ein langes Spiel
Costa Rica hat es geschafft. Holland auch - irgendwie.
Wie grausam Fußball sein kann, haben wir vorgestern gesehen. Wie schiach Fußball sein kann, mussten wir gestern sehen. Schiach heißt hässlich, kann aber auch mehr sein als die bloße Abwesenheit der Ästhetik. Es kann auch grausam sein, ekelhaft und niederträchtig. Es kann aber einfach nur ein bisschen unschön sein. Gestern wurde das Adjektiv "schiach" in all seinen Spiel- und Bedeutungsformen dekliniert. Außerdem haben wir gelernt, dass Fußball nicht unbedingt 90 Minuten dauern muss. Manchmal kann das Spiel auch sehr viel kürzer sein - und oft auch sehr viel länger...
NED - MEX 2:1
Schön langsam komm ich dahinter, wie man Holland-Spiele anschauen kann. Erst einmal sollte man sich die erste Hälfte sparen. Da passiert eigentlich nie was, denn die Holländer haben sich darauf geeinigt, dass 45 Minuten für ein Fußballspiel vollkommen ausreichend sind. Tatsächlich habe ich mich bis gestern noch nie gefragt, ob man tatsächlich 90 Minuten Fußball spielen muss, oder ob nicht auch 60 reichen würden - oder gar 45 Minuten? Nehmen wir an, dass in einem Spiel im Schnitt drei Tore fallen, dann ist das ein Tor alle 30 Minuten. Viele Fußballspiele lassen diese 30 Minuten sehr lang erscheinen. Das sind dann auch jene, in denen vielleicht gar nicht drei Tore fallen, sondern nur eines - oder gar keines. 90 Minuten sind also zu lang, und das hat Louis van Gaal erkannt. Also gab er in den letzten Spielen seiner Mannschaft die Anweisung, die erste Hälfte runterzuspielen, möglichst kein Tor zu bekommen, aber auch nicht unbedingt eines zu schießen.
Das machte in der Hitze gestern sogar durchaus Sinn. Dass es da in der niederländischen Verteidigung zu teils haarsträubenden Szenen kam, ist eine andere Geschichte. Eine, die letztlich auch mit der durchaus verdienten Führung der Mexikaner in Minute 48 ihr vorläufiges Ende nahm. Denn nun war zweite Halbzeit und nun hatte man auch was zu tun, war bereit, das Heft in die Hand zu nehmen. Dass es erst in der 88. Minute zum Ausgleich kam, lag vor allem an Mexikos Tormann Ochoa, der erneut eine sensationelle Partie spielte.
Wer das Spiel bis dahin gesehen hatte, wusste, dass Holland an einer Verlängerung nur wenig interessiert war. Schließlich sind ja 90 Minuten schon zu viel; was soll man dann erst mit 120 anfangen? Mexiko hingegen schlief ein, war müde. Man hatte sich aufweichen lassen.
Also passierte, was passieren musste: Robben ließ sich im Strafraum fallen und bekam sogar einen Elfmeter, den Huntelaar halbtrocken verwandelte. Ich sag nicht, dass es kein Foul war. Aber wenn Robben fällt, ist es mittlerweile schon völlig egal, ob es ein Foul war oder nicht. Es kommt nur darauf an, ob die Schiedsrichter dem Gefoulten Glauben schenken. Und das tun sie immer weniger. Robben darf sich nicht beklagen, wenn er tatsächlich gefoult wird und keinen Elfmeter mehr bekommt. Der gestern ging aber in Ordnung - hatte aber trotzdem einen schiachen Beigeschmack. Egal - Holland ist weiter und Mexikos Trainer Herrera ist leider nicht mehr zu sehen. Der wittert inzwischen natürlich eine Verschwörung.
CRC - GRE 1:1 (5:3 n. E.)
Apropos schiacher Beigeschmack. Einen solchen hatte auch das Achtelfinale der Außenseiter Costa Rica gegen Griechenland. Das war ein Duell zweier Mannschaften, die, was die Wahrnehmung der Fans anbelangt, nicht unterschiedlicher sein können. Auf der einen Seite die Ticos, der Überraschungsgruppensieger der nominell schweren Gruppe mit drei Ex-Weltmeistern, der sympathische Mittelamerika-Kleinstaat mit den aufgeweckten Kerls, die mäßigen Fußball spielen; den aber dafür mit Herz und Leidenschaft. Auf der anderen Seite der ewige Buhmann Griechenland, der es mit destruktivem Fußball immer wieder in WM-Endrunden schafft. Diesmal sind sie sogar mit einem negativen Torverhältnis aufgestiegen. Dass dies auch noch durch einen ungerechtfertigten Elfmeter passiert war, machte sie natürlich nicht sympathischer.
Doch Sympathie zählt wenig auf dem Platz, und so sah es schwarz aus für die Ticos, die sich gegen die gewohnt gut stehenden Griechen sehr schwer taten. Costa Rica ging trotzdem in Führung, und weil ein Tor gegen Griechenland fast doppelt zählt, witterte man schon Morgenluft. Als dann Costa Ricas Duarte eine Viertelstunde nach dem Führungstreffer wegen wiederholten Foulspiels vom Platz gestellt wurde, und die Griechen aufgrund des Rückstandes anfingen, offensiv aktiver zu werden, musste man sich ein bisschen fürchten. Fürchten, dass jetzt wieder alles ganz anders kommen würde, dass wieder irgendein Elfmeter in letzter Sekunde die Griechen in die Verlängerung retten würde. Schließlich hatte Costa Rica zuvor einen Handelfmeter nicht bekommen.
Der Ausgleich fiel natürlich in der Nachspielzeit und plötzlich schien alles für Griechenland zu sprechen. Sie hatten gute Chancen gehabt, entgegen ihrer eigentlichen Spielphilosophie endlich auch mal was für die Offensive getan, und: sie machten den fitteren Eindruck. Könnte Costa Rica dem Druck stand halten und zu zehnt die Verlängerung überstehen? Daran, dass die Ticos selbst ja noch das Entscheidungstor machen konnten, dachte irgendwie überhaupt niemand mehr. Tatsächlich hatten die Griechen die besseren Möglichkeiten, aber irgendetwas schien hinter der sich nur noch übers Feld schleppenden Außenseiter-Mannschaft aus Costa Rica zu stehen. Irgendein höheres Prinzip hatte beschlossen, dass sie so nicht ausscheiden würden.
Und so kam es wieder zum Elfmeterschießen. Und obwohl man Costa Rica nicht mehr zutraute, dass seine Spieler überhaupt noch den Anlauf schaffen würden, war dieses Shoot-Out das genaue Gegenteil des gestrigen zwischen Chile und Brasilien. Jeder Schuss saß - da muss man beiden Mannschaften zu ihrer Nervenstärke gratulieren. Auch der Elfmeter von Gekas hätte vielleicht gesessen, wenn ihn nicht der an diesem Abend glänzende Navas unglaublich pariert hätte. Sein Teamkollege Umana verwertete den entscheidenden Elfer souverän und die vielen Cosa Ricanischen Fans auf den Tribünen in Recife brachen allesamt in Tränen aus. Das kollektive Weinen als Ausdruck des "pura vida" - es steht dem unbändigen Jubeltänzen der Niederländer beim verwerteten Elfmeter Huntelaars gegenüber. Die Ticos sind von der Situation überwältigt, die Niederländer einfach nur froh, dass es doch noch geklappt hat. Im nächsten Spiel treffen sie aufeinander, und da zeigt sich dann, ob die reine Euphorie mehr bewegen kann als die Abgeklärtheit einer Mannschaft, die nur 45 Minuten Fußball zu spielen bereit ist.
Held des Tages:
Keylor Navas, der Torhüter Costa Ricas, der nicht nur einen Elfmeter, sondern auch gefühlte 3 Hundertprozentige gehalten hat. Wäre Mexiko weitergekommen, müsste hier auch Ochoa stehen. Und so ist es ein wenig verwunderlich, dass diese bis jetzt sehr torreiche WM trotzdem auch eine WM der Torhüter ist (s. Julio Cesar gestern).
Tragischer Held des Tages:
Noch einmal eine Würdigung des großartigen Miguel Herreras, dessen heißblütige Jubelorgien untrennbar mit dieser WM verbunden bleiben werden.
Mittwoch, 25. Juni 2014
Fleisch und Knochen
Da ist ja wirklich alles dabe, bei dieser WM. Aber wie viel kann der Zuschauer überhaupt ertragen? Langsam wird's wahnsinnig...
Ich habe gegen Anfang dieser WM geschrieben, dass wir bald wissen werden, wer die Helden und Schurken dieses Turniers sein werden. Die letzten beiden Tage haben uns diesbezüglich einen sehr deutlichen Hinweis gegeben. Auch wenn wir dazu neigen, im Sinne einer dramatischen Inszenierung gerne Schwarz-weiß-Malerei zu betreiben: Ganz astreine Helden und Schurken produziert dieses Großereignis natürlich nicht. Und nach einer bisher atemberaubenden Vorrunde droht die WM ein allzu vorhersehbares Ende zu nehmen...
BRA - CAM 4:1
Das war also die große Neymar-Show. Und wie beeindruckend sie war! Nicht nur, dass der Manga-Neymar zwei Tore geschossen hat und jetzt wieder die Torschützenliste anführt. Nein, er hat auch deutlich gezeigt, dass ohne ihn bei Brasilien recht wenig geht. Der Stoff, aus dem Helden sind: Einer nimmt sich der Sache an, hat Mut und reißt die anderen mit. Tatsächlich hat Neymar gewirkt als wäre die WM für ihn eine einzige unbeschwerte Party. Er war gut drauf, ließ sich zu Scherzen hinreißen, posierte in der Halbzeitpause für Fotos auf dem Weg in die Kabine... Neymar, das WM-Maskottchen. Etwas besseres kann dem Turnier, vor allem aus brasilianischer Sicht, nicht passieren.
Und trotzdem bleibt ein fahler Beigeschmack. Irgendwie ist Neymar zu wenig "Fleisch und Knochen", wie Oli Kahn es in Bezug auf etwas ganz anderes formuliert hat (s.u.). Er ist tatsächlich ein Maskottchen, er sieht nicht nur so aus. Klar, er macht seine Tore. Aber die Abhängigkeit der Brasilianer (sowohl auf dem Platz als auch emotional) ist gefährlich. Siehe Argentinien, das ohne Messi überhaupt nicht funktioniert. Auch Messi hat bis jetzt "geliefert", ohne dass er gut gespielt hätte. Rein von den Ergebnissen her kann man weder Neymar noch Messi irgendeinen Vorwurf machen. Allein, es kommt mir alles zu wenig vor. Wenn aber Brasilien so weitermacht, dann werden sie Weltmeister, getragen von einer Welle der Begeisterung, wie nur Neymar sie auszulösen vermag. Und sonst werden sie halt Weltmeister der Herzen...
NED - CHI 2:0
Apropos Weltmeister der Herzen. Das ist Holland ja seit dem letzten WM-Finale nicht mehr. Und immer noch fällt dem ORF-Kommentator (ich glaube, es war Oliver Polzer - oder Boris Kastner-Jirka, ich kann die beiden Mickymaus-Stimmen eh nie auseinander halten) zu Nigel de Jong nichts anderes ein als irgendwas mit "Kung-Fu"-Attacke etc. Weil das ewige Herumreiten auf vorgefertigen Schemata nervt (de Jong ein übler Treter, Robben hat nur Einser-Schmäh etc.), schalte ich auf ZDF um und bin erleichtert, als keine zwei Minuten später der dortige Kommentator de Jongs Stellungsspiel und Übersicht lobt. Dass ein Sechser oft ein Raubein ist, ist geschenkt. Dass de Jong nicht immer die angenehmsten Fouls begeht, auch. Aber wenn einem zu diesem Spieler nicht mehr einfällt, dann bedient man Gemeinplätze und spielt Kronenzeitung.
Ansonsten haben die Niederländer wieder gezeigt, dass sie auch mit einem destruktiven Ansatz so gewinnen können, dass es aussieht, als hätten sie das Spiel tatsächlich dominiert. Eine Lehrstunde für alle zukünftigen Gegner von Chile war das allemal. Und Holland schlingert bei diesem Turnier irgendwo zwischen 2008 und 2010 umher, mit leichten 2012-Phasen. Soll heißen: Ein aufregendes, offensivbetontes Spiel nach vorne wechselt sich mit einem vorsichtigem, abwartendem Defensiv- und Kontergeplänkel ab, und dann und wann gibt es Phasen, in denen weder vorne noch hinten irgendwas zusammenläuft. Insofern ist Holland schwer einzuschätzen, obwohl sie bis jetzt die einzige Mannschaft mit drei Siegen ist. Vom Finale bis zum Ausscheiden im Achtelfinale ist jetzt alles drin!
ITA - URU 0:1
Ich habe weiter oben geschrieben, dass nun alles danach aussieht, dass diese WM ein allzu vorhersehbares Ende nimmt. Das Ausscheiden Italiens ist ein erstes Anzeichen dafür, denn tatsächlich scheint sich der prognostizierte Südamerika-Vorteil bemerkbar zu machen. Uruguay hat nach einem total versemmelten ersten Spiel und einem furiosen zweiten nun die Aufgabe gehabt, die italienische Abwehr zu knacken. Denn Italien hätte zum Weiterkommen nur ein Unentschieden benötigt, und schnell war klar, dass genau das ihr Ziel war: das 0:0 zu halten. Das war mir ein bisschen zu viel Italien, wie es früher einmal gewesen ist. Auch hier zu wenig "Fleisch und Knochen", mehr bröseliges Gerippe. Uruguay tat sich trotzdem schwer, bekam aber ein Geschenk vom Schiedsrichter, der Marchisio nach einem normalen Gelb-Foul mit der roten Karte bediente. Urs Meier und Oli Kahn in der Analyse der Situation: Nicht rot-würdig, weil nicht zur bisherigen Linie des Turniers passend, der Wichtigkeit des Spiels nicht angemessen, und überhaupt das Foul hatte "zu wenig Fleisch und Knochen" (Kahn).
Egal, Italien zu zehnt spielt wie Italien zu elft, wenn es nur verteidigen muss. Dass dann Suarez, nachdem er sich im Spiel gegen England zum Helden seines Landes gemacht hat, Chiellini in die Schulter beißt, und das natürlich niemand gesehen hat, ist typisch. Es erinnert mich an meine Kindheit und die vielen Wrestling-Matches, die man gesehen hat, von denen man glaubte, sie wären nicht inszeniert. Da lenkt der Manager des Bösewichts den Ringrichter ab, während der Bösewicht dem Guten einen Klappstuhl um die Ohren schlägt. Umgekehrt wird jede fragwürdige Aktion des Guten sofort vom Ringrichter abgemahnt. Meist endet es damit, dass beide Akteuere erschöpft am Boden liegen, samt Ringrichter, weil auch der bei irgendeiner Aktion bewusstlos geworden war, und der Gute versucht einen Pin, den der Ringrichter aber nicht zählen kann, weil er ja noch so benommen ist. Da kommt dann der Manager des Bösen mit Klappstuhl, schlägt ihm den Guten auf den Kopf, der Böse erwacht gleichzeitig mit dem Ringrichter aus der Bewusstlosigkeit, pinnt den Guten und der Kampf ist gewonnen. So, oder so ähnlich war es auch mit Suarez und Uruguay.
Italiens Ausscheiden ist traurig, weil immer noch die erste halbfinalreife Partie gegen England nachklingt. Und das betrifft beide Mannschaften. Italiens Ausscheiden geht aber auch in Ordnung, das haben die letzten beiden Partien gezeigt. Dass jetzt der Außenseiter Costa Rica und das grausige Uruguay weiter sind, ist hoffentlich keine Plotkonstruktion, die den Rest des Turniers halten wird. Denn letzt läuft diese WM Gefahr, zu kippen: Jetzt kann es so sein, dass immer die Mannschaft, die man sich zu seinem momentanen Favoriten erwählt hat, gegen eine Pfui-Mannschaft ausscheidet. Vorsicht also Frankreich, vorsicht Holland! Ich halte große Stücke auf euch!
Und am Ende steht Deutschland gegen Brasilien im Finale und sie revanchieren sich für die verpatzte Heim-WM vor 8 Jahren. Ein schweißtreibender Albtraum! Denn bei aller spielerischer Fragwürdigkeit, darf man nicht vergessen, dass Deutschland eines hat: Fleisch und Knochen!
Held der letzten zwei Tage:
Neymar, der Unbeschwerte. Nur, wenn er bis zum Schluss so weitermacht, kauf ich ihm den Schmäh ab.
Buhmann der letzten zwei Tage:
Luis Suarez, wer sonst? Die Hackfresse von Uruguay, der Beißer von Natal - ein Mensch aus Fleisch und Knochen, doch ohne jede Moral.
Montag, 23. Juni 2014
Das Schweigen im Regenwald
Zu später Stunde im Märchenregenwald von Manaus ereignete sich Bemerkenswertes!
Unter den Teams, die mir bisher am besten gefallen haben, finden sich einmal mehr die US-Amerikaner. Das ist einerseits überraschend, weil ich ihnen diesmal nicht so viel zugetraut hatte, was vor allem an den Gruppengegnern gelegen hat. Andererseits haben sie mich bisher bei jeder WM mitgerissen, weil sie, ungeachtet des Ergebnisses, das am Ende dastand, immer engagierten, aufregenden Tempo-Fußball gespielt haben: Popcorn-Soccer vom Feinsten also.
So war es auch gestern Nacht, als sie gegen die vom ersten Spiel angeschlagenen und etwas demoralisierten Portugiesen ran mussten. Für Portugal war ein Sieg mehr oder weniger Pflicht, und es sah auch so aus, als wäre diesmal mehr drin. Dabei agierte die Mannschaft wieder nicht überzeugend. Es machte sich trotzdem das Gefühl breit "Wir sind Portugal und deshalb gehören wir ins Achtelfinale. Egal, ob unser halber Kader verletzt und Cristiano Ronaldo nicht in Form ist!"
So kam es zu einem recht offenen Schlagabtausch, der vor allem durch die sehr frühe Führung Portugals (Nani, 3. Minute) rasch den Charakter einer Rapidviertelstunde bekam. Es fühlte sich ab Minute 5 an, als wären nur noch 5 Minuten zu spielen. Da wurde keine Zeit mit geduldigem Spielaufbau verschwendet. Mittlerweile bezweifle ich, ob Team USA den gegen stärkere Teams überhaupt draufhat. Die Bälle wurden von Zusi oder Beckerman nach vorn gespielt, wo sie abwechselnd den unermüdlichen und gestern ganz unglaublichen Jermaine Jones oder gleich Clint Dempsey fanden, der auch gerade zufällig das Turnier seines Lebens spielt. Gegen stärkere Teams würde so ein Spielansatz vielleicht nicht einmal Halbchancen kreieren, Portugal aber machte regelmäßig einen überranten Eindruck und wurde bei Ballgewinn in der eigenen Hälfte gnadenlos von Bradley, Jones oder dem aufgerückten Beasley attackiert.
Tempofußball war das, den in der Hitze von Manaus durchzustehen man nur den konditionell fittesten Teams zutrauen kann. Dass die USA über ein solches verfügen, haben sie schon im Ghana-Spiel bewiesen. Und weil ein solcher Einsatz belohnt wird, kam es wie es kommen musste, und Team USA glich durch ein tolles Tor von Jermaine Jones in der 64. Minute aus. Doch das reichte den Amerikanern nicht, und sie machten weiter wie bisher. Aber Portugal zeigte sich willens, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen zu halten und durch eine neuerliche Führung die Chance auf einen Aufstieg am Leben zu erhalten. Diese Chance verringerte sich drastisch, als der unglaubliche Dempsey in der 81. Minute zum 2:1 einschoss. Die USA jubelten, das Stadion, das zu einem Großteil mit amerikanischen Fans gefüllt war, stand Kopf. Trainer Jürgen Klinsmann hüpfte auf seine unnachahmlich bubenhafte Weise an der Seitenlinie auf und ab. Der zweite Sieg und damit der Fixaufstieg schienen schon sicher, Portugal hingegen befand sich auf dem langsamen Abstieg ins Tal der Tränen.
Und freilich, man fühlte sich gerecht behandelt vom Fußballgott, dessen eherne Gesetze das Glück des Tüchtigen und die Belohnung für unermüdlichen Einsatz kennen. Eines dieser ehernen Gesetze ist aber auch jenes, dass das Spiel erst dann vorbei ist, wenn der Schiedsrichter abpfeift. Und man konnte an Nanis Augen sehen, dass er heute noch nicht fertig war, dass sein Team noch nicht bereit war, aufzugeben. So stemmte sich Team USA die letzten 10 Minuten gegen in der Offensive wild rochierende Portugiesen, die nur noch ein Ziel hatten: Mit allen Mitteln zum Ausgleich zu kommen, um die Mini-Chance noch am Leben zu erhalten, doch nicht bereits nach der Vorrunde heimfahren zu müssen. 5 Minuten Nachspielzeit: Klinsmann immer wieder an der Seitenlinie mit weit aufgerissenen Augen - ein Weltschmerzgesicht von Cristiano Ronaldo, dem bis dato so wenig gelungen war. Klinsmann deutet seinem Team "Nach vorne, nach vorne!", er wollte Ballbesitz und Pressing.
Da tat sich plötzlich rechts ein Raum auf und C. Ronaldo bekam den Ball. Noch 30 Sekunden waren zu spielen, das würde wohl der letzte Angriff sein. USA in der Rückwärtsbewegung, Ronaldo rennt die Seitenlinie entlang, schlägt seine erste brauchbare Flanke des Tages, die den Kopf von Silvestre Varela findet: Tor!
Stille. Die Portugiesen, wissend, dass man mit diesem Treffer bloß das Allerallerschlimmste verhindert hat, trotten zum Anstoßkreis zurück, großartiger Torjubel bleibt aus. Klinsmann rauft sich die Haare und steht wie angewurzelt vor der Trainerbank. So nah war man dran!
Der Schiedsrichter pfeift an und pfeift auch gleich wieder ab - das Spiel ist vorbei, das Stadion in Manaus schweigt. Niemand kann fassen, was gerade passiert ist. Man glaubt bloß, von ferne Affen aus dem Regenwald verzweifelt in die Nachr kreischen zu hören. Die Amerikaner schleichen gequält übers Feld. Was wäre das gewesen! Sechs Punkte und Fixaufstieg! Die Energie, welche die Spieler seit Dempseys Führungstreffer befeuert hat, sie ist mit einem Schlag weg. Eine ausgeblasene Kerze, die nur 15. Minuten lang gebrannt hat.
Freilich, die Ausgangslage ist immer noch gut, denn sowohl Deutschland als auch den USA genügt jetzt ein Unentschieden. Und es ist nicht einmal so wichtig, ob man als erster oder zweiter aufsteigt, weil die drohenden Achtelfinalgegner Belgien oder Algerien heißen, von denen erstere immer noch nicht extrem überzeugt haben, und letztere halt eben doch Algerien sind.
Aber wie hart und aufregend Fußball sein kann, das haben uns die Amerikaner in beiden Spielen gezeigt. Und wie bitter das Spiel sein kann, wissen wir von Portugal. Diese Gruppe G hat es wirklich in sich, und ich bin froh, gestern doch so lange durchgehalten zu haben, weil dieses Match wohl eines sein wird, an das ich mich noch lange erinnern werde! Danke USA, danke Portugal!
Held des Tages:
Team USA als Ganzes. Fighting Spirit bis zum Gehtnichtmehr und durchwegs hohes Niveau fast aller Akteuere (Jones, Dempsey, Beasley, Bradley, Zusi, Beckerman und Howard waren top, Bedoya ein wenig enttäuschend und Geoff Cameron schaut 90 Minuten lang drein wie ein Psycho).
Die USA steigen in die Gruppe der beherzt-belohnten "Underdogs" aus der zweiten Reihe auf und finden sich in guter Gesellschaft mit Costa Rica, Kolumbien und Ghana wieder.
Buhmann des Tages:
Im Spiel gestern hat sich die Bezeichnung nicht wirklich jemand verdient. Außer vielleicht der Portugiese Eder, dessen Name schon Langweiliges verspricht, und der es auch unter Druck nicht schafft, ein notorisches Formtief zu überwinden. Im Gegensatz zum Beispiel zu Nani, der ja auch keine überragende Saison gespielt hat, oder auch Ronaldo, der als nicht-Fitter immer noch eine sehr gute Figur macht.
Samstag, 21. Juni 2014
Die Unwägbarkeiten eines Turniers
Wer dachte, die WM wird nach der ersten Runde in die bequemen Gefilde durchschnittlicher Unterhaltung zurückfallen, der hat sich geschnitten. Eigentlich wird's immer besser.
Auf nichts kann man sich verlassen bei dieser WM! Nicht mal auf Italien, und so lässt uns ein weiterer "Großer" nach Spiel zwei ein wenig ratlos zurück. Wie schon Brasilien, wie schon England, Spanien, Holland und Uruguay. Wir kratzen uns am Kopf und wissen nicht, wem wir als nächstem unser volles Vertrauen schenken sollen. Auf das Argentinien-Spiel warten wir noch, auf Deutschland eh auch. Und ehe wir uns versehen, kommen auf einmal die Franzosen daher und stehen nach zwei Spielen mit drei Punkten und einem Torverhältnis von 8:2 da. Aber alles der Reihe nach...
CRC - ITA 1:0
Tatsächlich haben die Ticos das eigentlich Unmögliche geschafft und stehen nach zwei Spielen als Sieger der im Vorhinein als sehr schwierig eingeschätzten Gruppe D fest. Bitte was? Costa Rica? Gegen drei Ex-Weltmeister? Gegen das grundsolide Italien, das neu erstarkte England und den WM-Vierten von Südafrika? Wer darauf gewettet hat, dem sei gratuliert, denn das hätten sich die Costa Ricaner wohl selbst nicht zugetraut.
Mehr als ich über die Ticos verwundert bin, bin ich von den Itakern enttäuscht. Zuerst habe ich mich gefreut, weil der im ersten Spiel eine so unglückliche Figur machende Paletta nicht dabei war. Dass sich Italien aber dann so steif und klobig präsentieren würde, war doch überraschend. Vielleicht war es der Schiss, gegen die furchtlosen Costa Ricaner zu viel zu riskieren?
Die "kleinen Teams", gegen die man technisch nicht auf Augenhöhe spielen kann, gegen die man sich aber taktisch einiges überlegen muss, und die am Ende immer den psychologischen Vorteil haben, das sind die vorläufigen Gewinner dieser WM. Das ist erstmal schön und gut so.
Die "Großen" aber wachsen mit ihren Aufgaben und spielen ihren besten Fußball immer dann, wenn es gegen die gefährlichsten Gegner geht und das Spiel am wichtigsten ist. Diesem Druck der Okkasion können am Ende Teams wie Costa Rica oder Kolumbien nicht standhalten. Das behaupte ich jetzt trotz des Wissens, dass es bei dieser WM noch jedes Mal anders gekommen ist als erwartet!
Die Gruppe D allerdings wird noch spannend. England ist einmal draußen, aber wer folgt Costa Rica ins Achtelfinale? Im direkten Duell, das ein praktisches Sechzehntelfinale ist, stehen sich jetzt zwei Teams gegenüber, die in zwei Spielen völlig unterschiedliche Seiten gezeigt haben: Uruguay und Italien. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass die Entscheidung um den Achtelfinalplatz etwas mit den Namen Balotelli und Suarez zu tun haben wird. Somit hat das Spiel jetzt schon einen bitteren Beigeschmack; es schmeckt ein wenig schandhaft und gefährlich. Wie die Luft vor einem Gewitter. Wie jener italienische Aperitiv, der den Namen Pirlo trägt. Ich behaupte: Das wird ein Knaller!
FRA - SUI 5:2
Interessant, wenn man sich die Statistiken zu diesem Spiel anschaut: Frankreich hatte weniger Ballbesitz, was nach der Überwindung von Tikitaka tendenziell als ein gutes Zeichen zu werten ist (s. Salzburg, s. Holland). Denn schließlich kommt es darauf an, was man mit dem Ball macht, wenn man ihn erstmal hat; ob man ihn in den eigenen Reihen herumschiebt, oder den Zug zum Tor sucht. Den suchte Frankreich, und während sich "Les Bleus" auf eine erfolgreiche WM-Kampagne eingroovten, wurde der Schweizer Stern engültig in der französischen Offensivmaschine zerrieben. Dabei schossen die Franzosen nur 5 Mal öfter als die Schweizer, dafür doppelt so oft aufs Tor. Das zeigt, dass die Schweiz oft nur aus Verlegenheit den Ball Richtung Tor holzten - ein Beweis auch für die funktionierende Defensivleistung der Franzosen. Die beiden Tore für die Schweiz fielen ja erst in den letzten 10 Minuten des Spiels, wo eh schon alles wurscht war.
5 Tore von 5 verschiedenen Spielern - auch das sind immer gute Nachrichten, denn es zeigt, dass Frankreich nicht von einem Benzema abhängig ist, obwohl dieser seine gute Form aus der Ligasaison in die WM hinüberretten konnte. War das erste Spiel der Blauen noch nicht aussagekräftig genug, weil es gegen den Gruppenaußenseiter Honduras ging, wird sich die wahre Größe der Franzosen kurioserweise im letzten Gruppenspiel gegen Ecuador zeigen. Da greift nämlich jener Effekt, den ich oben beschrieben habe. Frankreich hat sich nämlich nach nur zwei Spielen rehabilitiert und weiß sich jetzt wieder dort, wo es lange gewesen ist: Inmitten der großen europäischen Fußballnationen. Vielleicht ein bisschen hinter Deutschland, aber wie es momentan aussieht neben Italien und Holland, und sogar noch über England und Spanien. Ein schöner Platz ist das - jetzt nur nicht nervös werden!
Held des Tages:
Bryan Ruiz, der mit seinem Treffer gegen Italien nicht nur seiner eigenen Nation einen schönen Tag bescherte, sondern einer anderen (England) gleichzeitig das fixe WM-Aus garantierte. UND: Wir bekamen wieder mal ein bisschen Torlinientechnologie aus Deutschland zu sehen! Viel mehr kann man mit einem Tor nicht erreichen!
Buhmann des Tages:
Cassano, von dem ich dachte, Italien käme ganz ohne ihn aus. Er steht für die schmutzige Berlusconi-Ära. Eine zwielichtige und grausame Figur, nicht nur optisch sondern auch menschlich!
Freitag, 20. Juni 2014
Offenbarungen
Manchmal ist Fußball zum Weinen schön: Wie Spielfreude und Einzeltäter den WM-Tag wohlig machten.
Hochinterressante Duelle bot der gestrige WM-Tag - natürlich mit Ausnahme des Nachtspiels Japan gegen Griechenland. Ich glaube, ich werde am Ende der WM kein Spiel von Japan gesehen haben und auch nicht traurig darüber sein. Über die anderen Spiele gestern war ich aber höchst erfreut, weil sie Abwechslungsreiches und gleichermaßen Unerwartetes boten. So kam es beim Duell Elfenbeinküste gegen Kolumbien zu einem Aufeinandertreffen frisch und unbeschwert aufspielender Mannschaften. Das unglückliche England steht hingegen vor dem Aus, weil die Urus unerwartet wiedererstarkt sind. Schuld daran trägt nur ein Mann...
ENG - URU 1:2
Wer hätte das gedacht, dass der zwischenzeitliche WM-König Luis Suarez heißen würde? Neymar war okay, Messi hat bis jetzt eher enttäuscht, C. Ronaldo war nicht zu sehen. Und dann kommt Suarez im zweiten Spiel der garstigen Urus, die letztens noch so uninspiriert zu Werke gingen, dass man sie am liebsten ohne zweites und drittes Spiel nach Hause geschickt hätte, und macht mit zwei Toren alles klar. Und was für Tore waren das! Suarez zeigte damit in seinem ersten Spiel, dass er nicht nur Lausbub, sondern eben auch ein Top-Stürmer ist; einer, der den Unterschied machen kann. Sympathisch wird er mir deswegen nicht, aber seine Leistung erkenn ich gerne an, zumal sie von einem inspirierter auftretenden Team Uruguay getragen wurde. Uruguay ist vielleicht auch eine Mannschaft, die an ihren Aufgaben wächst.
England wiederum tut mir Leid. Das erste schwere Spiel gegen Italien, in dem man sich so gut verkauft hatte, ließ für Spiel zwei größere Hoffnungen zu. Gerade wegen der schwachen Leistung Uruguays gegen Costa Rica. Aber so sehr man sich auch mühte, es ging nichts rein. Trotzdem wird man das Spiel nicht vergessen, weil Wayne Rooney seinen ersten WM-Treffer überhaupt erzielte. Und fast glaubte man, es sei nicht nur sein erster, sondern gleichzeitig auch ein immens wichtiger, einer, der England hoffen lassen könnte. Jetzt aber steht England nach zwei Spielen mit 0 Punkten da und kann aus eigener Kraft nicht mehr weiterkommen. Ein Lichtblick: Bei der nächsten Euro wird mit England wieder zu rechnen sein. Und man spart sich erstmal das Elfmeterschießen...
COL - CIV 2:1
Auch das 18-Uhr-Spiel war eine Offenbarung. Kolumbien gegen Elfenbeinküste lautete das Duell, und dabei handelte es sich um zwei Mannschaften, die gern von Leuten gemocht werden, die was von Außenseitern halten. Das Stichwort lautet "unbeschwertes Spiel", denn ohne die Last von vielen Dekaden Fußball-Geschichte und der entsprechenden Erwartungshaltung von Fans und Volk spielt es sich für gewöhnlich leichter. Man hat nichts zu verlieren, aber eben auch nichts zu verschenken. So kommt es dann, dass Leute wie Cuadrado wie aufgezogen eine Sensations-Szene nach der anderen bieten. Da wird getrickst wie sonst nur in der Schülerliga oder auf der Spielkonsole. Es hilft natürlich auch, wenn man die Atmosphäre genießen kann, zum Beispiel wenn das ganze Stadion gelb ist und bei jedem Pass mitheult. So muss es auch gestern für die Chilenen gewesen sein, als nach dem letzten Ton der Nationalhymne das ganze Maracana-Stadion die zweite Strophe angestimmt hat. Für solche Momente lebt man als Fußballer - und das gilt vor allem für die "kleineren Nationen" mit Spielern, die vielleicht nicht jede Saison im Champions-League Halbfinale spielen.
Es hilft auch, wenn man, wie der Ivorer Serey Die, beim Abspielen der Nationalhymne zu weinen beginnt, weil man von der Situation überwältigt ist, sich dann extra reinhaut und eine Hammerpartie spielt. Oder wenn man, wie Gervinho, einfach wieder mal die ganze Verteidigung ausspielt, also ein Solo nach alter Schule macht, und dann auch noch trifft. Oder wenn man einen Ball in den Strafraum schlenzt, und damit nicht nur Abwehr sondern auch Mitspieler überrascht und dann der Fallrückzieher zu kurz kommt. Und manchmal hilft die alleinige Erscheinung des großen Drogbas eben auch nichts. Denn Kolumbien ist nicht Japan (was letztere spätestens in ihrem gestrigen Spiel gegen die Griechen bewiesen haben), und die Elfenbeinküste eben doch "nur" die zweitbeste afrikanische Mannschaft dieses Turniers, auch wenn sie momentan noch einen Sieg mehr haben als Ghana...
Held des Tages:
Nicht Suarez, dafür ist es noch zu früh. Er hat sich noch nicht rehabilitiert, obwohl das Trösten seines Liverpool-Teamkameraden Gerrard schon eine schöne Szene war.
Held hingegen war heute eindeutig Juan Cuadrado, der kaffeegedopte Mittelfeld-Wirbler von Kolumbien, der durch sein spektakuläres und unermüdliches Agieren nicht nur Mitspieler, sondern auch Fans verzückte.
Buhmann des Tages:
Wahrscheinlich irgendeiner aus dem Griechenland-Japan-Spiel. Für sonstige Buhmänner war gestern kein Platz!
Donnerstag, 19. Juni 2014
Das Glück, der Zufall und die Dummheit
Fußball ohne Zufall - das wäre reine Rechnerei. Und wer das Glück hat, hat dies immer auch zu rechtfertigen.
Das Glück, das haben immer die Dummen oder die Tüchtigen. Darauf kann sich der Volksmund noch nicht so recht einigen. Gestern hatten alle ein bisschen Glück und stellten sich dabei mal dumm, mal
tüchtig an. Also gibt auch der Fußball keine Antwort darauf, ob jetzt die Tüchtigen oder die Dummen die wirklich Glücklichen sind. Früher war es einfacher, da hatten im Fußball das Glück immer die Deutschen. Ob aus Dummheit oder Tüchtigkeit - darüber scheiden sich die Geister.
NED - AUS 3:2
Fast hätte ich jetzt 2:3 geschrieben, und bin da gar nicht so weit entfernt. Letztlich wäre auch ein 2:2, ein 4:2, ein 2:4 oder ein 3:3 möglich gewesen. Ja, es ist immer alles möglich. Aber so möglich wie gestern alles Denkbare war... Es hätte genauso gut sein können, dass ein Vogel dem Schiri ins Auge kackt und das Spiel abgebrochen werden muss und dann von zwei Fans im Elferschießen entschieden wird. Ok, da hätte das Fifa-Reglement vielleicht was dagegen, aber gerade das Fifa-Reglement löst den Wahlspruch der österreichischen Lotterien immer am besten ein: Alles ist möglich!
Holland also nach dem furiosen Auftritt gegen den nun schon fix Ex-Weltmeister Spanien mit der erwartet schweren Aufgabe gegen Australien: Schwer, weil die Erwartungen hoch waren; schwer aber auch, weil man schon im ersten Spiel sehen konnte, dass Australien Kampfgeist und Disziplin besitzt, zwei Attribute, die es jedem "Großen" schwer machen. Dass Holland - wie Argentinien in seinem ersten Spiel - mit fünf Defensiven auflief, war dumm. Und Dummheit wird im Fußball selten belohnt. Es gibt aber Ausnahmen, und deswegen machte Holland nach langem Schweinskick wie aus dem Nichts ein Tor. Ungerecht, weil eigentlich unverdient war diese Führung, und das dachten sich sicher auch die Australier. Also machten sie postwendend den Ausgleich, auf holländische Art: Flanke von hinten, Tor - so einfach ist das. 1:1, also eigentlich wieder 0:0.
So unerklärlich dieses Ausgleichstor war, so schön war es auch. Und eigentlich wars irgendwo auch Zufall. Schon die Flanke von Ryan McGowan fand mehr oder weniger glücklich den Fuß von Cahill. Ausgesehen hat es wie einstudiert - und muss doch, bedenkt man die fußballerische Klasse Australiens, eigentlich Zufall gewesen sein. Zufällig, aber gerecht! Weil das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun. Zufall, Glück und Gerechtigkeit sind ja aus dem Fußball nicht wegzudenken, obwohl sie mit dem Spiel an sich nichts zu tun haben. Sie sind da und nehmen Einfluss, obwohl man nie genau sagen kann, wie.
Die erste Halbzeit brachte jedenfalls spielerisch nichts, und doch stand am Ende ein 1:1 da.
In der zweiten Halbzeit hatte Holland einen anderen Plan. Louis van Gaal dachte sich, dass es vielleicht doch nicht so fesch ist, gegen einen Underdog feig ein Nicht-Spiel aufzuziehen und auf zufällige Treffer zu hoffen. Aber da hatten auch schon die Australier Glück und bekamen einen Elfer zugesprochen, der keiner war. Ungerecht! Aber auch wieder irgendwie gerecht, weil man sich den Führungstreffer doch verdient hatte. Die Tüchtigen eben... Nur, dass man auch wissen muss, dass das Glück ein Vogerl ist! Und kaum hatte man sich die Führung schenken lassen, musste man van Persie dabei zusehen, wie er dem Glück den Vogel zeigt und zum 2:2 ausgleicht. Perdauz!, dachte sich der Fußball-Fan, wie mag das wohl weitergehen?
Man hätte es bei einem 2:2 bewenden lassen, oder sich auf ein 3:3 einigen können. Stattdessen schenkt der Zufall Holland ein weiteres Tor. Einen halbherzigen Weitschuss von Memphis Depay vermochte der australische Keeper nicht zu halten und so stand es in der 68. Minute auf einmal 3:2. Dann ging es noch ein paar Minuten hin und her und als jemand, der diesem fußballerischen Wahnsinn bis jetzt zugesehen hat, wusste man, dass hier noch alles passieren kann. Schließlich ließen aber die Konditionsreserven der Australier nach und Niederlande spielte seinen zweiten Sieg nach Hause. Jetzt steht man fix im Achtelfinale mit zwei Siegen - vor sich ein Spiel um den ersten Gruppenplatz, um vielleicht Brasilien umgehen zu können. Wie das gegangen ist, weiß man nicht so recht.
Weil aber die Gruppe A nicht ohne die Gruppe B gedacht werden darf und umgekehrt, könnte man sowohl mit einem ersten als auch mit einem zweiten Platz auf die äußerst unangenehmen Kroaten treffen, die im ersten Spiel dem Titelfavoriten Brasilien das Leben schwer gemacht haben, und die sich gestern mit einem 4:0-Sieg gegen das desolate Kamerun richtig viel Selbstvertrauen für das letzte Spiel gegen Mexiko geholt haben. Überhaupt sind sowohl Brasilien als auch Mexiko unangenehme Achtelfinalgegner - und die Kroaten sowieso! Wie es derzeit aussieht, würde sich Holland vielleicht sogar gegen Brasilien leichter tun als gegen Kroatien. Vielleicht geht es im letzten Gruppenspiel ja auch darum, zu verlieren, um dem unangenehmeren Gegner zu entgehen. Wer das sein wird, steht freilich erst nach dem letzten Spiel der Gruppe A fest. Das ist spannend, und da ist noch viel Platz für Zufälle und Glück. Und auch für Dummheiten.
ESP - CHI 0:2
König Juan Carlos dankt ab, und auch die Furia Roja scheint Geschichte zu sein. An einem Punkt dachte ich mir: "Spanien liegt 0:1 hinten und Xavi sitzt auf der Ersatz-Bank", und da wusste ich, dass dies das sicherere Zeichen für den spanischen Untergang war als die 1:5 Niederlage gegen Holland letzte Woche. Chile hat gezeigt, dass sie den Erwartungen, die nach der letzten WM in sie gesetzt wurden, doch gerecht werden können (auch wenn dies vor dieser WM wieder keiner geglaubt hätte). Spanien hingegen ist raus. Ende, vorbei. Schlusspunkt im ehrwürdigen Maracana-Stadion. Am traurigsten ist, dass sie noch ein Spiel zu bestreiten haben - ein völlig überflüssiges gegen Australien, das sie nicht einmal verlieren dürfen. Wir verabschieden uns von diesem beeindruckenden Spanien, das die letzten Jahre den Fußball geprägt hat wie kein anderes Land; das zwei Mal Europa- und einmal Weltmeister geworden ist; das uns mit seinem Tiki-Taka zuerst verzaubert, und dann ganz schön genervt hat. Schön, dass wir das alles erleben durften! Danke Xavi, danke Iniesta, Puyol, Alonso, Casillas, Ramos, Pique und wie sie alle heißen! Man kann ihnen nur wünschen, dass sie beim nächsten Mal wieder zum engen Favoritenkreis zählen werden und nicht in die talentierte Mittelklasse abrutschen, wo sie vorher so lang gewesen sind.
Held des Tages:
Der Andre Agassi des Fußballs, Chiles Trainer Jorge Sampaoli. Keiner ist hemdsärmeliger als er, und schlauer sind auch nicht viele.
Buhmann des Tages:
Louis van Gaal für die erste Halbzeit seiner Mannschaft. Ein totaler, grauenhafter Irrweg, der Anklänge an Rehakles hatte. Mit Halbzeit zwei hat er den Kopf aus der Schlinge gezogen, aber ohne dem Glück der Dummen hätte es schlecht ausgesehen!
Dienstag, 17. Juni 2014
Über Effektivität
| Herzog will was sagen, allein er weiß nicht, was! |
Die USA üben sich in Effektivität, und Herzog wird dafür vom ORF gelobt. Ghana bleibt unglücklich aber fleißig. Und warum die WM auch im Großen gesehen sehr effektiv ist.
Ein unsympathischer Titel für einen Blog-Eintrag ist das schon. "Über Effektivität", das klingt nach einer ausholenden abstrakten Erörterung; da kann man sich nichts drunter vorstellen, das langweilt schon im Vorhinein, ja eigentlich ist das unbedingt zu vermeiden! Aber der Begriff Effektivität ist nunmal einer, der sich schwerlich ersetzen lässt; und weil das Thema hier eben jene Effektivität sein soll, hält sich schon der Titel ans Thema: Er erklärt kurz und bündig, worum es geht. Ohne Metaphern, ohne Ausweichen. Dass der Begriff ein abstrakter ist, kommt in diesem Fall nur gelegen. Es geht nämlich um zwei Arten der Effektivität: Die spielerische und die dramaturgische.
"Effektiv haben sie gespielt", hört man meist, wenn eine Mannschaft für das Spiel genau gar nichts getan, aber mit einem Tor Unterschied gewonnen hat. Es hört sich beschönigend an, als würde man den Gammelfußball in Schutz nehmen wollen. Und meistens ist mit dem Prädikat "effektiv" auch genau das erreicht. Denn es ist effektiv, wenn man Kräfte schont, nur das Nötigste macht, und am Ende drei Punkte aus dem Spiel mitnimmt. Effektiv ist aber selten schön. Effektivität hat keinen Platz für Fehler, für Ungereimtheiten und ist deshalb per se unspannend. Das spanische Spiel etwa war vielleicht oft im Ergebnis effektiv, die Spielgestaltung aber war es nicht: Ständig den Ball zirkulieren lassen, ständig hochkonzentriert, aufwändige Pass- und Laufwege bis am Ende endlich der Torerfolg stand. Aber auch das holländische Spiel ist nicht effektiv, weil es vom Versuch lebt. Es wird versucht, und wenn etwas gelingt, ist es großartig. Wenn es aber nicht gelingt, schlittert man ganz schnell in die Katastrophe. "Vorne mehr Tore schießen als hinten bekommen", das ist nicht effektiv, aber es ist aufregend! Es ist zumindest besser als "hinten nichts bekommen und vielleicht vorne eins reinmachen".
GHA - USA 1:2
Warum ich hier über Effektivität doziere? Weil das Team USA gestern ein höchst effektives Spiel abeliefert hat. Nach 30 Sekunden stand es 1:0 für die US-Boys, und dann reichte es, diese Führung 82 Minuten lang zu verteidigen. Die Möglichkeit eines späten Gegentreffers ist in dieser Rechnung immer mit drin. Meistens setzt man darauf, dass Frust und Müdigkeit den Gegner mürbe machen und so mit Fortdauer der Spielzeit die Wahrscheinlichkeit für ein Gegentor sinkt. Nicht so bei Ghana, die unbeirrt über 80 Minuten konstant auf das amerikanische Tor spielten (21 Schüsse waren es insgesamt am Schluss). Allein, es fehlte der letzte Kniff, ein bisschen Glück, bis Ayew in Minute 82 endlich endlich das 1:1 machte. Ich hätte zur Mitte der zweiten Halbzeit sogar noch auf einen Sieg Ghanas gewettet, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass das US-Team dem Ansturm so lange stand hält.
Doch vier Minuten später, die US-Amerikaner nahmen fast widerwillig wieder am Spielgeschehen teil, köpfte nach einem Eckball Team-Neuling Brooks zum 2:1 ein. Da tat mir Ghana Leid - wieder einmal wurde der Fleiß nicht belohnt. Für die USA war es das: Ein Tor in der 1. und eines in der 86. Minute waren genug für den zwischenzeitlich zweiten Platz in der Gruppe G. Unverdient? Jein, denn in der ersten Hälfte fand das Spiel doch in zwei Hälften statt. Da machten die Amerikaner noch mit und kamen auch zu einigen Chancen auf das 2:0. Nach der Halbzeit aber wurde nur noch verteidigt, und das ziemlich gut, weil spielerisch. Das ist kein Riegel-Holzen, das ist ein dynamisches und aktives Hintendrinstehen mit Anfälligkeit für Fehler. Die verstand Ghana zu wenig zu nutzen. Der Trost, dass Ghanas Tor eines der schönsten bisher war, wird den Afrikanern dennoch nur ein geringer sein.
Für Klinsmanns (und Andi Herzogs, wie der ORF nicht müde wurde zu betonen) Mannschaft war dieser Sieg wichtig, vor allem in Hinblick auf die schwache Leistung Portugals. Portugal kommt zerstört und geschwächt aus dem Auftaktspiel, aber auch die USA mussten drei Mal verletzungsbedingt wechseln, was freilich kein gutes Vorzeichen für die kommenden Spiele ist. Ghana kann im Prinzip nur noch auf irgendetwas nicht in ihrer Macht Liegendes hoffen, denn gegen Deutschland wird man sich nur schwerlich drei Punkte holen können.
Für mich persönlich ist es schade, dass Ghana und USA in einer so schweren Gruppe gelandet sind, da mir beide Mannschaften immer imponieren. Das sind Fußballnationen aus der dritten Reihe, knapp vor den Zwergen anzusiedeln, die aber spielen wie welche aus der ersten. Dieses Selbstbewusstsein wäre bei Kroatien, Bosnien oder Nigeria auch gut aufgehoben.
IRA - NIG 0:0
Dass in diesem Spiel insgesamt von beiden Mannschaften weniger Schüsse gekommen sind als in der eben besprochenen Partie, ist nicht verwunderlich. War dies doch die eigentlich "lang ersehnte" erste schlechte Partie dieser WM. Eine programmierte Fadesse zur Hauptabendzeit ist schon eine Frechheit. Nach den großartigen Partien der letzten Tage hatten wir aber die stille Hoffnung, diese Paarung zweier Halblustiger könnte sich doch zu einem ansehnlichen Schlagabtausch entwickeln. Weit gefehlt! Das war kein Fußballspiel, das war Sendezeitverschwendung! Das erste Unentschieden, das erste torlose obendrein, hat mir aber wenigstens Zeit gegeben, mich ein bisschen von den nervlichen Strapazen des Deutschland-Spiels zu erholen.
Und doch war es effektiv! Anstatt müde Partien gleichmäßig auf alle Gruppen aufzuteilen, hie und da ein Unentschieden einzustreuen oder ein glückliches 1:0, entschied sich diese Weltmeisterschaft, das alles in ein Spiel zu stecken, von dem sich sowieso keiner was erwartet hat. Clever, und wiederum sehr effektiv, wenn man es vom Dramaturgischen her betrachtet. Für die Gruppe F heißt das Unentschieden nämlich auch noch genau gar nichts, höchstens, dass sich Bosnien (rein spielerisch) Hoffnungen auf zumindest den dritten Platz machen darf.
Wenn meine Vermutung über die Effektivität stimmt, dann geht es heute munter weiter mit dem heiteren WM-Geballere. Auf dem Spielplan steht nämlich Mexiko gegen Brasilien (huch, wir sind schon einmal durch?) und der erste Auftritt des großen Geheimfavoriten Belgien, das sich gegen Algerien aufwärmen darf. Auch heute dürfen wir wieder früher ins Bett, weil zu später Stunde Russland gegen Südkorea spielt und wir, selbst wenn das ein tolles Spiel werden sollte, nicht allzu viel versäumen werden. Sag ich jetzt mal so. Weil die Gruppe H die Jammergruppe ist. Außer Belgien - aber das wissen ja eh alle.
Held des Tages:
Asamoah Gyan, der unermüdliche Rackerer, hat sich mit seiner Vorarbeit zum 1:1 für Ghana einmal mehr unsere Sympathien verdient. Er ist Afrikas bester Fußballer, auch wenn das objektiv nicht stimmen mag.
Buhmann des Tages:
Andi Herzog, der vom ORF gehypte Co-Trainer von Team-USA. Er hat eigentlich nichts gemacht, aber wenn er dafür vom ORF so gelobt wird, kann er ruhig an dieser Stelle genauso unbegründet Buhmann werden.
Mittwoch, 28. Mai 2014
Böse Vorzeichen
Über problematische Vögel und den Erwartungsdruck in theatralischer Hinsicht.
Wenn man in Zusammenhang mit der WM in Brasilien von "bösen Vorzeichen" spricht, meint man meist die Anti-FIFA-Proteste vor Ort. Dass nicht alle Brasilianer in ausgelassener Samba-Stimmung der Heim-WM entgegenfiebern, ist klar. Klar ist auch, dass nicht alles sexy sein wird, was rund um die WM (davor, während und danach) passiert. Ich möchte das alles aber so gut es geht ausblenden. Nicht, weil es nicht interessant oder wichtig wäre, sondern weil andere besser darüber Bescheid wissen und es zuviel verlangt wäre, sich als Blogger in Österreich anzumaßen, ein adäquates Abbild der Situation zeichnen zu können.
Die bösen Vorzeichen, die ich meine, haben etwas mit Mario Balotelli und Cristiano Ronaldo zu tun. Typen wie diese beiden polarisieren vor allem deswegen, weil man ihnen trotz ihrer unerträglichen Zurschaustellung ihres unermesslichen Egos das fußballerische Können nicht absprechen kann und darf. Jedes Mal wieder freut man sich auf eine WM und ihre Stars, fragt sich, wer überraschen und wer enttäuschen wird; gelgentlich regt man sich dann auch so richtig über den einen oder anderen auf. Manchmal treffen Held und Bösewicht sogar in einem Spiel aufeinander, wie es letztes Mal im Spiel Ghana gegen Uruguay der Fall war. Im Mittelpunkt der Aufregung steht ja meistens auch weniger die fußballerische Leistung als moralische Qualitäten bzw. Mängel. Wir erinnern uns an Frank Rijkaard vs. Rudi Völler, an Materazzi vs. Zidane - Geschichten, die ihre Spiele überdauern, ja dramatisch übersteigen.
Charaktere wie Cristiano Ronaldo und Mario Balotelli sind die Wunschkandidaten für solche Aktionen. Wobei ich Ronaldo für moralisch integrer halte als Balotelli. Aber darum geht es ja bei den beiden weniger. Vielmehr geht es um den Pfauen-Effekt, das Posen, die am Feld gelebte Selbstverherrlichung. Ronaldo setzte sich selbst ein Denkmal in dieser Championsleague-Saison. Er tat dies aber nicht nur mit seinem Toren, sondern vor allem, indem er einen eigentlich unbedeutenden Elfer im Finale verwandelte und dann den Balotelli machte.
Kleines Suchbildrätsel a la "Wer hat's erfunden?"
Ein Ego vom Formate eines Balotelli kann sowas natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Da aber gerade spielfrei ist, die Bühne des Weltfußballs also momentan nicht als Szene herhalten kann, hat sich Balotelli etwas anderes überlegt: Er ließ sich interviewen. Und zwar von ihm selbst. Hier das Ergebnis dieses skurillen Einfalls:
Das Schöne daran ist: Das ist alles nur ein Vorgeschmack auf die Pfauenauftritte, die uns in den kommenden Wochen erwarten! Und dass Balotelli und C. Ronaldo die Hauptakteure sein werden, ist nichtmal gesichert, ja sogar eher unwahrscheinlich. Denn die "üblichen Verdächtigen" schlagen selten zu, wenn Weltmeisterschaft gespielt wird. Wahrscheinlich weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, ihre Leistung im Team zu bringen - jene nämlich, die von ihnen erwartet wird.
Wir dürfen uns schon auf sonderbare Begebenheiten mit diversen Pfauen freuen, die unsere Hassliebe wieder ausreizen werden. Hoffentlich kommt dabei der Fußball nicht zu kurz!
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