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Dienstag, 8. Juli 2014

Abgesang auf den Zwergerlgarten


Jetzt reden alle nur mehr von den Favoriten. Die Mannschaften, die Würze in die WM gebracht haben, sind nun alle weg. Zeit also, sie nochmal kurz hochleben zu lassen...



Nacheinander implodieren bei dieser WM die Storylines: Zuerst schien es das Turnier der Außenseiter zu werden, vor allem, nachdem sich Italien und Spanien nach der Vorrunde verabschiedet haben, und mit Kolumbien, Costa Rica, Algerien und den USA durchaus überraschende Achtelfinalkandidaten erwuchsen. Dann gab es noch Chile, Belgien und Frankreich, die nach einer guten Vorrunde bereit für mehr zu sein schienen.

Doch plötzlich entschied sich der große Fußballgott, alle Überraschungs-Hoffnungen im Keim zu ersticken, und so kamen alle Gruppenersten der Vorrunde ins Viertelfinale, wo sich dann letztlich die Favoriten am Papier allesamt durchsetzten. Wie das geschehen ist, interessiert spätestens jetzt keinen mehr, denn die Halbfinalpaarungen sind das, was man sich schon am Anfang erwartet hätte: Zwei südamerikanische und zwei europäische Mannschaften. Gut, Holland hätte vorher wohl keiner wirklich auf dem Papier gehabt, aber immerhin steht hier der Vizeweltmeister erneut im Halbfinale - so überraschend ist das dann auch wieder nicht.

Das zeigt, dass alles nichts zu helfen scheint: Gegen die "großen Nationen" ist kein Kraut gewachsen. Und bevor die üblichen Verdächtigen den Titel unter sich ausmachen, hier ein kleiner Abgesang auf die Zwergerl und Sitzriesen dieses Turniers:

Algerien:
Die Mannschaft, die am besten gezeigt hat, was man mit purem Willen und strenger Taktik leisten kann. Der Last-Minute-Aufstieg gegen die uninspirierten Russen war ein kleines Highlight in der Vorrunde. Denn nach einer anständigen Partie gegen Belgien wusste man, dass hier keine Gaudi-Truppe am Werk ist, sondern eine Mannschaft, die es versteht, das meiste aus ihrem Potenzial zu machen. Im Spiel gegen Deutschland hat sich die Fußballwelt dann wohl doch zu viel erwartet - und das beinahe zu Recht. Ich würde gerne sagen: Beim nächsten Mal klappt es dann. Aber nein, das sage ich jetzt nicht!

Belgien:
Der Geheimfavorit. Selten wurde dieses Wort so überstrapaziert wie im Bezug auf die belgische Mannschaft. Dabei hielten sie uns lange hin. Als es dann soweit war, und der Geheimfavorit endlich aufspielte, in einem Match gegen die USA, das vielleicht jenes mit der besten Verlängerung des Turniers war, war man entsetzt, wie viele Torchancen dieser Geheimfavorit liegen ließ. Und dann war es auch schon vorbei, und man scheiterte an abgebrühten Argentiniern. Schade, allzu viel hat man nicht gesehen von den Belgiern. Wir dürfen uns aber sicher auf die nächste Europameisterschaft mit den Roten Teufeln freuen!

Kolumbien:
Für mich die Mannschaft des Turniers. Ihr zuzusehen hat einfach immer Spaß gemacht. Entweder waren es die Bilder der wunderbaren Fans, oder das inspirierte Spiel von Akteuren wie Cuadrado oder James Rodriguez - Kolumbien bot Action und Spielwitz. Dass der große Star Falcao gar nicht so arg gefehlt hat, wie zunächst befürchtet wurde, spricht für die Mannschaft, die sich nicht auf einen Wunderknaben verlässt, sondern konzentriert, diszipliniert - aber vor allem inspiriert (immer wieder dieses Wort!) ihr Spiel macht und sich von großen Namen überhaupt nicht einschüchtern lässt (siehe das Match gegen Brasilien). Gerne wieder, gerne mehr!

Ghana:
Sie mögen zwar von der Papierform her nicht die beste afrikanische Mannschaft sein, und in diesem Turnier haben sie auch nicht am besten von allen Teams aus Afrika abgeschnitten, aber Ghana hat sich zu einem Team gemausert, mit dem immer zu rechnen ist. Anders als die Teams von Kamerun oder der Elfenbeinküste zeigen die Ghanaer weniger Anfälligkeiten für Hahnenkämpfe und vergessen am Feld nicht, worum es eigentlich geht: nämlich um Fußball. Ich befürchte, dass dieses Ghana nur ein kleiner Stern auf Zeit ist. Aber die Mannschaften von 2010 und 2014 werden wir nicht vergessen, weil sie uns unglaubliche Matches geliefert haben!

Costa Rica:
Unglaublich war auch die Mannschaft aus Costa Rica. Noch einmal: Zuerst setzen sich die Ticos in einer Gruppe mit Italien, Uruguay und England als Gruppenerster durch und erreichen danach das Viertelfinale. Zwei Mal zwingt die defensiv unglaublich gut agierende Elf ihre Gegner ins Elfmeterschießen. Einmal die europäischen Defensivmeister aus Griechenland und einmal die Holländer. Somit beendet Costa Rica diese Weltmeisterschaft ungeschlagen und fährt erhobenen Hauptes nach Hause. Jorge Luis Pinto ist jetzt schon der Coach des Turniers, und die Ticos können sich nach diesem Erfolg nun wieder dem "pura vida" widmen. Das war großartig, das war die große Überraschung!

USA:
Ich habe diese Mannschaft schon genug über den grünen Klee gelobt. Vielleicht auch oft zu Unrecht. Trotzdem: Die Amerikaner sind mir ans Herz gewachsen. Sie sind keine großartigen Fußballer, aber sie zeigen immer Leidenschaft, geben nie auf und halten nichts von Hinten-rein-Stellen. Sie sind eines der wenigen Teams, das sich traut, einfach das zu spielen, was es glaubt zu können. Das hatten sie auch schon vor vier Jahren getan, und jetzt taten sie es wieder - mit wachsender Begeisterung. Letzteres ist auch Jürgen Klinsmanns Verdienst, der vielleicht als der Mann, der Soccer salonfähig gemacht hat, in die amerikanische Sportgeschichte eingehen wird. Ich behaupte, wir sind gerade Zeuge der Geburt des amerikanischen Fußballwunders. Nicht, dass sie schon in vier Jahren zu den Favoriten gehören werden; aber wenn die Amerikaner einmal etwas für sich entdeckt haben, dann wollen sie auch die Besten darin werden...

Wem von diesen "Zwergerln" wir auch beim nächsten Mal wieder zujubeln werden können, ist ungewiss. Vielleicht schafft es die eine oder andere Nation sich zu etablieren, vielleicht ist die eine oder andere das nächste Mal schon gar nicht mehr dabei. Dann wird es aber andere geben. Denn ohne diese Mannschaften ist eine WM so schal und leer wie Computerschach. Dass dieses Turnier so aufregend war, lag nicht zuletzt an diesen Teams aus der zweiten und dritten Reihe: Eigentliche Zwerge, die für ein Turnier ins Riesenhafte wachsen können.

PS: Freilich, das waren jetzt nicht die ganz kleinen Zwergerl wie Iran, Honduras oder Südkorea. Aber bevor wir uns über die unterhalten, wünsche ich mir von ihnen, dass sie beim nächsten Mal auch was Erzählenswertes abliefern, anstatt nur brav ihrer Außenseiterrolle zu entsprechen.


Montag, 7. Juli 2014

Ein Echo

Ein schmerzhafter Ausfall und ein einfaches Freistoßtor und schon haben wir das erste Klassiker-Halbfinale dastehen. Von Tiki-Taka ist nun weit und breit nichts mehr zu sehen.

 

GER - FRA 1:0




Es macht sich bemerkbar: Spielerisch überlegene Mannschaften kommen auch diesmal nicht zum Zug. So hat die deutsche Mannschaft die Franzosen gestern vor allem durch körperliche Überlegenheit in der Abwehr in Schach halten können. Deutsche Chancen fanden sich vor allem nach Kontern (Schlussphase) bzw. eben bei Standardsituationen. Nach so einer fiel auch das einzige Tor. Der gestern wieder enorm spielende Mats Hummels traf schön per Kopf zum 1:0 - und dabei blieb es auch.


Die Franzosen waren bei dieser WM die spielerisch überzeugendste Mannschaft. Das zeigte sich vor allem in den ersten beiden Gruppenspielen beeindruckend. Das dritte betritt man mit kompletter B-Ganitur, und im Achtelfinale tat man sich gegen inspirierte Nigerianer sichtlich schwer. Dass Frankreich gegen Deutschland sein schnelles Kombinationsspiel aufziehen konnte, überraschte doch ein wenig. Letztlich aber waren es die vielen in die vorderen Reihen gespielten hohen Bälle, die immer wieder zu Ballverlusten führten, weil man zweikampftechnisch eben fast immer das Nachsehen hatte. Mehr Kombinationsspiel - schnelle Passstaffetten und Laufarbeit - wäre vielleicht zielführender gewesen. Bei solchen Aktionen spielte man das deutsche Mittelfeld immer wieder schwindlig.



Gratulation an die deutsche Mannschaft, die nach der zweifelhaften Partie gegen Algerien wieder zu alter Stärke zurückfand. Alt deswegen, weil das allseits gelobte deutsche Angriffsspiel gestern wieder dem traditionelleren Ansatz von Mauern und Kontern weichen musste. Vielleicht liegt es daran, dass die großen Akteure des Klinsmann'schen bzw. Löw'schen Tikitakas deutscher Prägung bei diesem Turnier bisher hinter den Erwartungen geblieben sind. Das betrifft etwa Mesüt Özil, aber auch Sami Khedira, die beide noch vor vier Jahren als das beste Kreativmittelfeld neben den Spaniern galten.

Vielleicht liegt es aber auch an dem deutlichen Scheitern des spanischen Systems, dass man sich jetzt selbst auch nicht mehr zutraut, etwas Ähnliches zu spielen. Man hat mitverfolgt wie TikiTaka zu Grabe getragen wurde; just von einer Mannschaft, die ihren spielerischen Ansatz vor vier Jahren in einem denkwürdigen WM-Finale selbst beerdigt hat. Holland nämlich spielt nur noch kreativen Offensivfußball, wenn es wirklich wirklich muss. Ansonsten herrscht auch hier der Defensivgedanke. Das ist - wie im Falle Deutschland - zwar nicht schändlich, aber schade.



BRA - COL 2:0



Auch Brasilien hat erkannt, dass das juego bonito immer dann dem Ergebnisfußball weichen muss, wenn es in die heiße Phase geht. So sah man gestern gegen Kolumbien, das seinerseits auf das ruppige brasilianische Spiel zu reagieren versuchte, eine hart geführte aber doch gute Partie mit vielen Fouls, die teilweise nicht entsprechend (nämlich früh genug) sanktioniert wurden. Der harte Ansatz zeigt eine Kultur der Spielzerstörung (oder zumindest Spielverhinderung), die auf mangelndem Selbstbewusstsein beruht. Dass ein solcher Ansatz, den Holland im Finale von 2010 schon verfolgt hatte, letztlich nicht belohnt wurde, ist irgendwie gerecht. Auch wenn ich es damals natürlich gerne anders gesehen hätte. Brasilien und Holland könnten auch anders - deswegen ist das schade.


Das Endergebnis stimmt natürlich trotzdem, sowohl auf dem Papier als auch nach dem Spielverlauf. Die zunehmend verkrampft agierende Heimmannschaft steht zu Recht im Halbfinale und trifft dort auf Deutschland. Bezeichnend, dass in beiden Partien, die Tore allesamt von Innenverteidigern erzielt wurden - und aus Standardsituationen. Wir können uns auf ein zerfahrenes Match einstellen, an dessen Ende vielleicht sogar ein Elfmeterschießen steht. Das heißt, solange nicht Julio Cesar in der regulären Spielzeit ein Schnitzer passiert. Das gab es ja auch schonmal…


—


Dass so oft die Mannschaft mit dem geringeren Unterhaltungswert gewinnt, macht den Fußball suspekt. Vielleicht ist es dieser Umstand, der das amerikanische Unbehagen dem Soccer gegenüber erklären könnte. Fußball ist nicht gerecht, das habe ich an anderer Stelle schon mal geschrieben. Gerechtigkeit ist keine Kategorie, weil das mit dem Fußballgott, auch wenn er sich anscheinend logisch herleiten lässt, nicht funktioniert. Weil eben nicht immer die bessere Mannschaft gewinnt, oder zumindest die Mannschaft, der wir den Sieg aus verschiedenen Gründen eher gönnen würden, ist Fußball oft höchst unbefriedigend.

Wenn Deutschland, Brasilien oder Holland Weltmeister werden sollten, dann muss man andere Kategorien zur Rechtfertigung bemühen. Deutschland, weil es sich nach all den Jahren wirklich neuartigen deutschen Fußballs einen großen Titel verdient hätte. Dass dieser just bei jenem Turnier folgen würde, bei dem man beginnt, die großen Innovationen wieder ad acta zu legen, wäre natürlich traurig. Aber im Prinzip würde sich Deutschland belohnen für den Mut, eine neue Art Fußball spielen zu wollen.

Brasilien ginge als Eh-immer-Favorit und vor allem als Gastgeber des Turniers auch in Ordnung. Man wird sich in wenigen Jahren eh nur an Neymar erinnern können. Hoffentlich nicht mit der Storyline, dass der große Star im Viertelfinale niedergestreckt wurde und nie mehr zum Einsatz kam.

Holland verdient den Titel seit den 1970ern, und auch wenn von voetbal totaal nicht mehr viel übrig ist, gehört die Niederlande auf die Liste der WM-Titelträger. Genauso wie England. Einfach, weil es irgendwie passt. So nah wie vor vier Jahren sind sie dem Titel zuvor noch nie gekommen (außer 1978). Robben hatte ihn schließlich auf dem Fuß. Wenn es heuer klappen sollte, dann akzeptiert man das, weil Holland wieder am Ende einer großen Generation steht. Es sind noch einige Akteure der großen Niederländischen Mannschaften von 2008 und 2010 dabei: Robben, Sneijder, Van Persie, Kuijt. Diese Fußballer hätten sich einen Titel verdient. Was dieses Turnier anbelangt, geht es darum, dass die Holländer in ihrem Auftaktspiel die Zeitenwende herbeigeführt zu haben scheinen: Tiki-Taka ist ein Wort, das zu einem Echo taugt. Es hallt nach - über alle Kontinente hinweg auf vereins- wie auch auf internationaler Ebene. Aber in Wahrheit haben es immer nur die Spanier gespielt; nur sie haben die Fähigkeit dazu gehabt, nur sie das Personal. Sollte Holland Weltmeister werden, dann haben sie den Titel aus jetziger Sicht allein für die Komplett-Demontage der spanischen Elf verdient. Und für den Symbolcharakter, den dieses Spiel hatte.


Es bleiben noch Argentinien und Belgien. Und für die beiden gilt, was ich oben geschrieben habe genauso: Belgien sollte sich eigentlich durchsetzen - sie haben, ähnlich wie die Franzosen, einen Spielansatz, der auf Kreativität und technisch wie auch taktischem Geschickt beruht. Wie gut so ein belgisches Spiel aussehen kann, das sahen wir gegen die USA. Es bleibt nur zu hoffen, dass ein ähnliches Spiel gegen einen Verhinderungsansatz, wie er bisweilen sogar von Argentinien gespielt wird, erfolgreich sein könnte. Für die Belgier spricht, dass die Mannschaft gefestigter wirkt als jene der Franzosen, und dass sie es auch körperlich mit Dreschern aufnehmen können. Gegen sie spricht die relative Unerfahrenheit, wenn es um die Endphase internationaler Turniere geht bzw. einfach der Umstand, dass sie Belgien sind und nicht Deutschland, Holland, Brasilien oder Argentinien.

Einen großen Namen zu tragen wird vom psychologischen her mit Fortdauer des Turnieres immer wichtiger. Auch, ob man schon einmal Weltmeister war. Deswegen würde auch Holland in einem Finale gegen Deutschland oder Brasilien in dieser Hinsicht einen gewissen Nachteil haben - und Belgien sowieso.


Der Weltmeister kann eigentlich nur Belgien heißen. Aber weil Fußball eben nicht gerecht ist und sich schon gar nicht ausrechnen lässt, wird er höchstwahrscheinlich nicht Belgien heißen. Dennoch lassen sich, wie oben angedeutet, für jede Mannschaft (außer Argentinien und Costa Rica) recht gute Gründe dafür finden, dass ein Titel doch in Ordnung ginge. Wir werden diese Gründe brauchen; Rationalisierung nennt man das in der Küchenpsychologie. Sie macht schmerzvolle Erfahrungen erträglicher, weil wir uns diese erklärlich machen können.



Held des Tages:

Gab es heute nicht wirklich einen. Vielleicht einmal mehr Neuer, der in der 94. Mit einem tollen Reflex den deutschen Sieg rettete.

Sonntag, 29. Juni 2014

Ein neuer Held - und ein tragischer

Auch die KO-Phase beginnt furios: Mit einem Fast-Ausscheiden des Gastgebers im Elfmeterschießen und dem Tor des Turniers von einem, der das Zeug hat, der große Held des Turniers zu werden..

 

BRA - CHI 1:1 (3:2 i. E.)


Ein seltsamer Tag für Mauricio Pinilla war das gestern. 87 Minuten lang verfolgte er das Spiel von der Ersatzbank aus, kam dann für Vidal und wusste zu dem Zeitpunkt schon, dass er wohl noch ein bisschen länger als 5 Minuten am Feld stehen würde. Da stand es 1:1 und beide Mannschaften wirkten, als wären sie mit dem Kopf schon in der Verlängerung. Dass er aber eine Minute vor Schluss Chile fast ins Viertelfinale schießen würde, hätte er wohl selbst nicht gedacht. Noch weniger, dass er dann nur wenige Minuten später den ersten Elfmeter für sein Team verschießen würde. Aber der Reihe nach...
In der Verlängerung tat Brasilien eigentlich mehr fürs Spiel, man wollte natürlich kein Elferschießen riskieren. Alles, nur das nicht! Nicht den kleinen Vorteil, den man vor der Partie auf dem Papier hatte, mit einem Unentschieden nach 120 Minuten dem Zufall schenken! Denn Brasiliens Torhüter Julio Cesar hatte Recht, als er nach dem Spiel meinte, dass es ein "sehr kompliziertes" Match gewesen war.

Kompliziert wird für Brasilien jetzt jedes Spiel werden, denn wie groß der Druck tatsächlich ist, davon bekam man erst gestern Abend eine wirkliche Ahnung, als es dann soweit war und die Kapitäne der beiden Mannschaften sich zum Münzwurf vor dem Elfmeterschießen im Mittelkreis einfanden. Die Münze verdeutlichte allen Zusehern die Tragweite des Moments: Brasilien steht kurz davor, bei der Heim-WM bereits im Achtelfinale auszuscheiden - und das im Elfmeterschießen, der zufälligsten aller Fußballgrausamkeiten.
Die Grausamkeit musste Pinilla in aller Härte erfahren, als er, der noch Minuten zuvor Aluminium getroffen und so seinem Team fast den Aufstieg geschenkt hatte, seinen Schuss nicht an Keeper Julio Cesar vorbei bekam. Vermutlich wollte er den Ball dieses Mal vom Pfosten fernhalten und vergaß dabei auf den Weltklassetorwart vor ihm. Nur wenig wird ihn trösten, dass er nicht der einzige war, der für Chile verschossen hat. Auch den Schuss von Alexis Sanchez konnte Cesar parieren, nachdem Brasiliens Willian (der Willi mit dem N) jämmerlich am Tor vorbeigeschossen hatte.

Solche Elfmeterschießen haben es in sich, wo mehr Schüsse vergeben als verwandelt werden. Sie sind meist der extrem hohen Anspannung geschuldet und heizen die Dramatik an, weil sie das normale Kräfteverhältnis zugunsten des Tormanns verschieben, und das Tor plötzlich kleiner wird, während die Tormänner ins Riesenhafte wachsen. Den Ball von 11 Metern Entfernung in ein 7,32 mal 2,44 Meter großes Tor zu schießen, wird zu einer Mammutaufgabe. Gemeistert haben diese gestern nur David Luiz, Marcelo, Aranguiz, Diaz und Neymar. Am Ende schoss Gonzalo Jara an den Pfosten - der zweite Chilene, der gestern sicher nicht gut geschlafen hat.
Aus der chilenische Traum, auch diesmal scheitert man an Brasilien, und auch wenn es diesmal mehr weh tut als noch vor vier Jahren, müssen wir doch irgendwie froh sein, die Gastgeber nicht jetzt schon verloren zu haben.

COL-URU 2:0



Während wir uns fragen, ob sich für eine Mannschaft überhaupt eine Turnierform feststellen lässt, oder ob einfach jedes Spiel eine völlig neue Ausgangssituation schafft (Brasilien lässt so etwas vermuten), hat sich in den Hinterzimmern dieser Fußball-WM ein neuer Held ins Rampenlicht gespielt. Dieser heißt James Rodriguez und hat bis jetzt bei jedem Spiel getroffen. Gestern gegen die zu Recht ausgeschiedenen Urus sogar zwei Mal. Sein erstes wird wohl das schönste Tor der WM gewesen sein, und das zweite fixierte für die erneut so freudvoll aufspielenden Cafeteros nicht nur den Aufstieg ins Viertelfinale, sondern hob Rodriguez auch an die Spitze der Torschützenliste, wo er momentan allein thront. Er, dessen Marktwert sich nach den letzten Spielen um ein Vielfaches erhöht haben wird. Er, der zusammen mit seinem Teamkollegen Cuadrado für das neue Kolumbien steht, für eine Mannschaft, die sogar die glorreichen Zeiten von Carlos Valderrama vergessen lässt, weil hier Zusehen einfach Spaß macht.
Dass die neuen südamerikanischen Stars die ausgediente Gammel-Mannschaft Uruguays aus dem Turnier geworfen hat, lässt uns zufrieden zurück.

Wenn nun heute abend die anderen Jungstars die andere Gammel-Mannschaft auch noch heimschicken würde, wäre ja wieder alles in Ordnung. (Damit meine ich übrigens nicht Mexiko und die Niederlande..)

Das erste Viertelfinale hießt Brasilien gegen Kolumbien und wenn alles, was wir bis jetzt von beiden Mannschaften gesehen haben, nicht ein vollkommen falsches Bild malt, wird das ein richtiger Kracher! Und das Duell heißt auch: Neymar gegen Rodriguez!


Held des Tages:
James Rodriguez - ein Name wie aus einem Drogenfilm. Er ist jetzt schon der Held dieser WM, weil ihn (und auch seine Mannschaft) vorher niemand auf der Rechnung gehabt hat. Neymar hin, Neymar her.

Tragische Figur des Tages:
Buhmänner sollte es ab der KO-Phase ja keine mehr geben. Dafür gibt es mehr tragische Figuren. Die erste dieser Art ist Mauricio Pinilla, dessen Lattentreffer kurz vor Schluss für ihn und Chile schmerzhaft ist; der uns aber vor einem vorzeitigen Brasilien-Aus bewahrt hat. Man sagt ja immer, dass es dem Turnier nicht gut tut, wenn der Gastgeber zu früh ausscheidet (vor allem, wenn er Mitfavorit ist).
Danke Chile, einmal mehr! Aber dein Ausscheiden ist diesmal zu verschmerzen, weil es jetzt dieses Kolumbien gibt, das die exotischen Sehnsüchte mitteleuropäischer Fußballfans nährt.

Donnerstag, 26. Juni 2014

Letzte Runde

Die Vorrunde neigt sich dem Ende zu. Die noch ausstehenden Entscheidungen sind unter "Eh schon wurscht" zu verbuchen. Da lohnt ein Blick auf die schon feststehenden Achtelfinalpartien!


Das Spiel Argentinien gegen Nigeria habe ich nur zur Hälfte gesehen. Also ich habe in Summe vielleicht 10 Minuten versäumt. Allerdings handelte es sich jeweils um die Anfangsphasen der Halbzeiten. Also habe ich von insgesamt fünf Toren nur eines gesehen. Das war das Freistoßtor von Messi kurz vor der Halbzeit. Großartig hineingezirkelt war das. Vor allem, weil nur wenige Minuten davor Messi den genau gleichen Freistoß geschossen hat, den Enyeama noch sensationell halten konnte. Beim zweiten mal war es eben dann ein Tor. Und fast hätte ich das auch nicht gesehen, weil ich dazu neige, mir Nachspielzeiten in der ersten Halbzeit zu sparen. Seit den letzten Spielen dieser WM bin ich da ein bisschen vorsichtiger geworden und werde es in Zukunft weiterhin sein! Aber auch was die Beginnzeiten betrifft, muss ich besser aufpassen. Das "Abtasten" funktioniert in Brasilien ein bisschen anders: Da schießt man erstmal ein Tor und schaut dann weiter. Und während man noch schaut, bekommt man auch schon wieder eines. Gut, ein 1:1 ist ungefähr ein 0:0, also passt das schon. Nichts versäumt, außer halt die Tore.


Argentinien scheint erwacht zu sein. Zumindest traute man sich zu, auch ein Weilchen ohne Lionel Messi zu spielen. Der Floh ist in eigenartiger Verfassung. Er hat bis jetzt kein besonders gutes Turnier gespielt, seine Mannschaft hält aber trotzdem bei drei Siegen und er selbst hat vier Tore in drei Spielen erzielt. Also rein von den Zahlen her gibt's nichts zu meckern. Hat er also doch ein gutes Turnier gespielt? Habe ich es nach der ersten Runde noch für vollkommen unmöglich gehalten, Argentinien im Finale zu sehen, kann jetzt schon wieder alles passieren.
Zu meckern gibt es auch nichts bei der Schweiz, die mit einem souveränen 3:0-Sieg gegen den Gruppenaußenseiter Honduras ins Achtelfinale eingezogen ist. Und Nigeria hat es trotz knapper Niederlage auch geschafft. Läuft ja alles wunderbar, und während wir die Gruppenphase langsam aber sicher hinter uns lassen und uns mit Wohlwollen an sie erinnern, wissen wir schon über die ersten Achtelfinalpartien Bescheid...


Da treffen zum Beispiel Costa Rica und Griechenland aufeinander. Hand hoch, wer darauf gewettet hat, dass es eines der beiden Teams ins Viertelfinale schafft! Ich wünsche jedenfalls Costa Rica alles Gute; sollte kein Turnier-Bammel einsetzen, müsste es gegen die Griechen klappen. Kann auch ein mühsames Unentschieden mit Elfmeterschießen werden, ich wünsche es uns aber nicht! Nicht wegen des Elferschießens, sondern wegen der 120 Minuten davor.

Argentinien trifft auf die Schweiz, das wird für beide Teams schwierig. Da aber Argentinien momentan im Aufwind und die Schweiz an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angekommen ist, wage ich keine andere Prognose als den relativ sicheren Sieg der Albiceleste. Messi schlurft 90 Minuten herum, macht aber trotzdem irgendwie drei Tore und wird wieder Man of the Match.

Die Niederlande ist die Mannschaft mit den bisher meisten erzielten Toren in diesem Turnier. Es könnte sein, dass sich dieser Trend fortsetzt, doch im Achtelfinale wartet ein harter Brocken: Mexiko. Allein das Duell der Coaches, van Gaal gegen Herrera, ist sein Geld wert. Ich hätte gerne eine Kamera, die das ganze Spiel nur die Trainerbänke filmt und die Reaktionen der beiden einfängt. (Ein Spiel in strömendem Regen würde noch für zusätzliche Dramatik sorgen.) Es gibt für dieses Spiel drei wahrscheinliche Varianten: Holland gewinnt knapp und glücklich, Holland gewinnt überzeugend und überraschend deutlich, oder Holland scheidet im Elfmeterschießen aus, weil der großartige mexikanische Tormann Ochoa seinem Heldenstatus gerecht wird. Zuckerl für den, der weiterkommt: Es wartet der Sieger aus Griechenland gg. Costa Rica!

Die Mannschaft mit den zweitmeisten Toren ist ... - na? Richtig: Kolumbien! Die dürfen im Achtelfinale gegen die bösen Urus ran. Ein hervorragendes Duell schon allein deshalb, weil hier ein Geheimfavorit der Herzen auf die große Buhmannschaft trifft - so verhält es sich zumindest in meiner Welt. Habe ich bisher Kolumbien wohlwollend verfolgt, so werde ich (nur für dieses eine Spiel) zum glühenden Verehrer der Cafetieros. Schon allein deswegen, weil Kolumbien jetzt die Mannschaft ist, zu deren Nationalhymne ich meinen tiefen Schluck Espresso trinken werde. So wie ich es bis jetzt - ich gestehe - bei den Italienern gemacht habe und nun nicht mehr tun kann.

Was sehe ich da noch? Brasilien gegen Chile! Das hatten wir ja vor vier Jahren schon mal. Da siegte Brasilien klar mit 3:0. Chile galt vielen damals als die Entdeckung des Turniers, und sie haben es wirklich geschafft, diesen Nimbus in dieses Turnier herüber zu retten. Ob es diesmal besser ausgeht für die Chilenen? Ich wage es zu bezweifeln, aber auf ein erneutes 3:0 würde ich nicht wetten wollen, denn wer gegen Kamerun ein Tor kassiert, der kassiert gegen Chile mindestens zwei!

Frankreich gegen Nigeria heißt eine weitere Achtelfinalpaarung, die bereits fest steht. Eigentlich spricht nichts gegen ein Weiterkommen der Franzosen, dafür war ihr Auftreten bisher zu souverän. Aber ja, auch Nigeria hat sich gebessert; ein Sieg gegen Frankreich wäre trotzdem eine Überraschung. Noch einmal der nigerianische Tormann Enyeama, noch einmal sein hysterisches Gekreische bei jedem gegenerischen Angriff!


Fürwahr: eine sehr südamerikanische WM ist das geworden. Das obere Viertel des Playoff-Baums ist gar nur mit südamerikanischen Mannschaften besetzt. Das heißt, dass mindestens eine davon im Halbfinale steht. Das heißt aber auch, dass drei davon vorher ausscheiden. Also eigentlich heißt das recht wenig. Wer geht uns überhaupt ab? Freilich, die Italiener hätten wir schon gebraucht, und die Engländer hätten sich zumindest das Achtelfinale und ein Ausscheiden im Elferschießen verdient gehabt. Portugal ist unglücklich ausgeschieden und auch sie gehen uns ab, weil es eine absolut KO-taugliche Mannschaft ist. Spanien, der amtierende Weltmeister, hätte es sich rein vom Papier her verdient, glorreicher auszuscheiden.

Aber weinen wir nicht jenen nach, die uns kein Fußballgott mehr zurückbringen kann. Erfreuen wir uns an wiedererstarkten Franzosen, den Immer-noch-Geheimfavoriten Belgien und den Überraschungsmannschaften aus Kolumbien und Costa Rica, die da auch ein bisschen mitmischen wollen. Und was wir uns von den USA erwarten dürfen, wissen wir spätestens nach dem heutigen Spiel gegen Deutschland!

Freitag, 20. Juni 2014

Offenbarungen

Manchmal ist Fußball zum Weinen schön: Wie Spielfreude und Einzeltäter den WM-Tag wohlig machten.


Hochinterressante Duelle bot der gestrige WM-Tag - natürlich mit Ausnahme des Nachtspiels Japan gegen Griechenland. Ich glaube, ich werde am Ende der WM kein Spiel von Japan gesehen haben und auch nicht traurig darüber sein. Über die anderen Spiele gestern war ich aber höchst erfreut, weil sie Abwechslungsreiches und gleichermaßen Unerwartetes boten. So kam es beim Duell Elfenbeinküste gegen Kolumbien zu einem Aufeinandertreffen frisch und unbeschwert aufspielender Mannschaften. Das unglückliche England steht hingegen vor dem Aus, weil die Urus unerwartet wiedererstarkt sind. Schuld daran trägt nur ein Mann...

ENG - URU 1:2


Wer hätte das gedacht, dass der zwischenzeitliche WM-König Luis Suarez heißen würde? Neymar war okay, Messi hat bis jetzt eher enttäuscht, C. Ronaldo war nicht zu sehen. Und dann kommt Suarez im zweiten Spiel der garstigen Urus, die letztens noch so uninspiriert zu Werke gingen, dass man sie am liebsten ohne zweites und drittes Spiel nach Hause geschickt hätte, und macht mit zwei Toren alles klar. Und was für Tore waren das! Suarez zeigte damit in seinem ersten Spiel, dass er nicht nur Lausbub, sondern eben auch ein Top-Stürmer ist; einer, der den Unterschied machen kann. Sympathisch wird er mir deswegen nicht, aber seine Leistung erkenn ich gerne an, zumal sie von einem inspirierter auftretenden Team Uruguay getragen wurde. Uruguay ist vielleicht auch eine Mannschaft, die an ihren Aufgaben wächst.

England wiederum tut mir Leid. Das erste schwere Spiel gegen Italien, in dem man sich so gut verkauft hatte, ließ für Spiel zwei größere Hoffnungen zu. Gerade wegen der schwachen Leistung Uruguays gegen Costa Rica. Aber so sehr man sich auch mühte, es ging nichts rein. Trotzdem wird man das Spiel nicht vergessen, weil Wayne Rooney seinen ersten WM-Treffer überhaupt erzielte. Und fast glaubte man, es sei nicht nur sein erster, sondern gleichzeitig auch ein immens wichtiger, einer, der England hoffen lassen könnte. Jetzt aber steht England nach zwei Spielen mit 0 Punkten da und kann aus eigener Kraft nicht mehr weiterkommen. Ein Lichtblick: Bei der nächsten Euro wird mit England wieder zu rechnen sein. Und man spart sich erstmal das Elfmeterschießen...

COL - CIV 2:1


Auch das 18-Uhr-Spiel war eine Offenbarung. Kolumbien gegen Elfenbeinküste lautete das Duell, und dabei handelte es sich um zwei Mannschaften, die gern von Leuten gemocht werden, die was von Außenseitern halten. Das Stichwort lautet "unbeschwertes Spiel", denn ohne die Last von vielen Dekaden Fußball-Geschichte und der entsprechenden Erwartungshaltung von Fans und Volk spielt es sich für gewöhnlich leichter. Man hat nichts zu verlieren, aber eben auch nichts zu verschenken. So kommt es dann, dass Leute wie Cuadrado wie aufgezogen eine Sensations-Szene nach der anderen bieten. Da wird getrickst wie sonst nur in der Schülerliga oder auf der Spielkonsole. Es hilft natürlich auch, wenn man die Atmosphäre genießen kann, zum Beispiel wenn das ganze Stadion gelb ist und bei jedem Pass mitheult. So muss es auch gestern für die Chilenen gewesen sein, als nach dem letzten Ton der Nationalhymne das ganze Maracana-Stadion die zweite Strophe angestimmt hat. Für solche Momente lebt man als Fußballer - und das gilt vor allem für die "kleineren Nationen" mit Spielern, die vielleicht nicht jede Saison im Champions-League Halbfinale spielen.

Es hilft auch, wenn man, wie der Ivorer Serey Die, beim Abspielen der Nationalhymne zu weinen beginnt, weil man von der Situation überwältigt ist, sich dann extra reinhaut und eine Hammerpartie spielt. Oder wenn man, wie Gervinho, einfach wieder mal die ganze Verteidigung ausspielt, also ein Solo nach alter Schule macht, und dann auch noch trifft. Oder wenn man einen Ball in den Strafraum schlenzt, und damit nicht nur Abwehr sondern auch Mitspieler überrascht und dann der Fallrückzieher zu kurz kommt. Und manchmal hilft die alleinige Erscheinung des großen Drogbas eben auch nichts. Denn Kolumbien ist nicht Japan (was letztere spätestens in ihrem gestrigen Spiel gegen die Griechen bewiesen haben), und die Elfenbeinküste eben doch "nur" die zweitbeste afrikanische Mannschaft dieses Turniers, auch wenn sie momentan noch einen Sieg mehr haben als Ghana...


Held des Tages:
Nicht Suarez, dafür ist es noch zu früh. Er hat sich noch nicht rehabilitiert, obwohl das Trösten seines Liverpool-Teamkameraden Gerrard schon eine schöne Szene war.
Held hingegen war heute eindeutig Juan Cuadrado, der kaffeegedopte Mittelfeld-Wirbler von Kolumbien, der durch sein spektakuläres und unermüdliches Agieren nicht nur Mitspieler, sondern auch Fans verzückte.

Buhmann des Tages:
Wahrscheinlich irgendeiner aus dem Griechenland-Japan-Spiel. Für sonstige Buhmänner war gestern kein Platz!

Sonntag, 15. Juni 2014

Pura vida

Der autistische Zauberer hielt wieder Audienz in einem programmierten Spitzenspiel. Die erste wirklich große Überraschung folgte der ersten großen Überraschung und ein märchenhaftes Costa Rica zerstört die unnötigen Urus. Wann wird diese WM endlich fad?


Es war ein unmenschlicher Tag, selbst für die beflissensten WM-Schauer. Denn das nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit beste Spiel (England gegen Italien) sollte erst um zwölf Uhr nachts zu sehen sein. Davor war man angehalten, sich mit Kolumbien gegen Griechenland und Costa Rica gegen Uruguay zu beschäftigen. Wir kennen diese WM jetzt drei Tage und mittlerweile wissen wir, dass sie uns keine Spiele schenkt, die nicht sehenswert wären. Aber wer dann noch Japan gegen Elfenbeinküste erlebt hat, muss sich einen Suchtvorwurf gefallen lassen.

COL - GRE 3:0

Doch auch gestern begeisterten selbst die "kleinen Spiele": Die beherzt auftretenden Kolumbianer verzückten nicht nur ihre Fans, die wiederum uns verzückten, sondern lösten ein, was mancher vorher schon für möglich gehalten hat: Dass hier die wahrscheinlich beste kolumbianische Mannschaft seit Jahren antritt. Griechenland ist ja nicht gerade als spielerischer Crowd-Pleaser bekannt und wenn so ein Team im ersten Spiel von einer erfrischenden, launig aufspielenden halb-exotischen Mannschaft aufgemischt wird, deren Fans vor Ort durch ihren einzigartigen Enthusiasmus jeden in Begeisterung versetzen, dann läuft etwas richtig!

Ich weiß nicht, ob man ihnen deswegen allzu viel zutrauen sollte. Aber sie surfen jetzt auf einer Welle, die sie selbst erzeugt haben. Denn Kolumbien verkörpert das, was Kamerun sein könnte, wenn ihnen nur das Fußballspiel ein wenig wichtiger wäre als interne Hahnenkämpfe und Selbstmitleid. Sie lassen sich tragen von der eigenen Begeisterung am Spiel und der ihrer Anhänger. Wir freuen uns schon auf den nächsten Auftritt dieser sympathisch aufspielenden Truppe aus der zweiten Reihe der südamerikanischen Teams, für die das heuer alle irgendwie eine Heim-WM werden könnte. Die Stimmung jedenfalls passt schon mal.

(Später hat in dieser Gruppe noch die Elfenbeinküste einen 0:1-Rückstand gegen Japan aufgeholt. Aber diese Partie dürften wohl nur ein paar Schichtarbeiter gesehen haben...)


URU - CRC 1:3

Nach der "ersten großen Überraschung", dem Kantersieg der Niederländer gegen Spanien, folgte tags darauf die "erste wirklich große Überraschung" - die Niederlage des WM-Vierten gegen den kompletten Außenseiter Costa Rica. Uruguay heißt heuer dauernd "der Weltmeister von 1950", was eigentlich lächerlich wäre, gäbe es da nicht die Geschichte mit dem Finale gegen Brasilien im Maracana-Stadion, die als  das große Trauma das brasilianische Fußballselbstverständnis quält. Aber der "Weltmeister von 1950" wird der Weltmeister von 1950 bleiben, denn die Gruppe D ist nicht nur nominell zu stark besetzt. Wer sich von Costa Rica so vorführen lässt, der hat große Mängel zu beseitigen! Das wird sich in den kommenden drei Spielen aber nicht bewerkstelligen lassen. Die Einschätzung, dass Uruguay weit von der Form von vor vier Jahren entfernt ist, hat sich als richtig erwiesen. Und das ist gut so.

Denn die unsympathischen Urus sind Faulenzer und Falschspieler. Ihr uninteressiertes und uninspiriertes Auftreten gipfelte im Sinnlosfoul von Perreira, der daraufhin die erste rote Karte des Turniers sah. Neben Suarez, den ich seit dem Spiel gegen Ghana hasse, und der sich nie mehr rehabilitiert hat, hab ich nun auch in Diego Lugano einen "Buhru" erkannt. Mit den gestern unsichtbaren Diego Forlan konnte ich ohnehin nie wirklich was anfangen, auch wenn er noch der Erträglichste der Urus war. Uruguays veritabler Höhenflug findet nach der nicht überzeugenden Qualifikation hier in Brasilien endgültig sein Ende, und das ist gut so.

Ein Märchen hingegen wurde für Costa Rica war. Die Ticos, deren Philosophie des "pura vida", des reinen Lebens, im Fußball so zum Ausdruck kommt, dass man die Außenseiterrolle genießt, weil man so in einer schweren Gruppe unbeschwert aufspielen kann, haben ein Ausrufezeichen gesetzt. Ich bezweifle, dass noch ein weiterer Glanzpunkt folgen wird, aber England und Italien haben gesehen, dass man sich keine müde Partie leisten kann gegen vermeintliche Fußballzwerge. Nicht bei dieser WM! Dass die Gefahr eines nachlässigen Auftretens aber gar nicht so groß ist, zeigten die beiden europäischen Mannschaften am Abend im "Rumble in the Jungle", im Amazonas-Stadion von Manaus.


ENG - ITA 1:2


Wieder war es Andrea Pirlo, dessen faszinierender Präsenz ich meine Blicke vor allem widmete; sieht er doch aus wie ein Magier, ein Druide, Naturgott des Schlenzers, Beherrscher des Raumes, der erst entsteht, weil er ihn kreiert. Freilich ist er auch ein Magier, und am besten wird sich gestern Joe Hart, der englische Torhüter daran erinnert haben. Denn es war Pirlo, der ihn in einem denkwürdigen Elfmeterschießen mit einem Schmäh düpiert hat, obwohl Hart eigentlich ihn (oder wie Schneckerl sagen würde: ihm) am Schmäh halten wollte. Aber nicht mit Pirlo, dem Allmächtigen!

Eigentlich sieht Andrea Pirlo aus wie ein Psycho; einer, der dich streichelt, während er dir langsam die Luft wegdrückt, und der dabei kaum merklich lächelt - aber nur mit dem Mund und nie mit den Augen! Pirlo, der das Aufwärmen vor dem Match als Masturbation für Konditionstrainer ansieht, trabt wie ein Hüftkranker über den Platz und beobachtet stoisch den Ball. Dann bekommt er ihn, dreht sich um und schlägt einen Pass in einen Raum, der vorher nicht da war. Jemand, der das zum ersten Mal sieht, muss sich vorkommen wie in der Matrix. Aber nicht nur, dass er den Pass perfekt und schlau spielt, er nimmt mit seinem Pass auch die folgende Aktion des Passempfängers vorweg. Ja, er spielt den Pass so, dass der Empfänger den Ball gar nicht anders annehmen kann als so, dass er mit dem nächsten Schritt genau das macht, was Pirlo mit ihm vorhatte. Es ist, als passte sich Pirlo selbst zu. Vielleicht lernt man sowas beim vielen Playstation spielen, denn genau so sieht es aus, wenn Pirlo spielt: Wie ein sauguter Playstation-Zocker, der mehrere Spieler gleichzeitig kontrolliert.

Ich weiß nicht, wie Pirlo reagiert, wenn er auf der Playstation ein Tor erzielt. Im wahren Match, bei der WM, jedenfalls passiert folgendes: In einem einstudierten Eckball-Trick steigt Pirlo aus dem Lauf über den auf ihn zurollenden Ball drüber und lässt ihn so zu Marchisio durch. Dabei folgen zwei bis drei englische Abwehrspieler dem Laufweg Pirlos und räumen so das Schussfeld für Marchisio, der draufhält und trifft. Für solche Aktionen muss es irgendeine geheime Tastenkombination geben, denn es sieht alles so natürlich und harmonisch aus, dass sich sogar der, der den Trick schon kennt, verarscht vorkommen muss. Beim Torjubel dann trottet Pirlo auf die Traube der Jubelnden zu und lässt sich hineinfallen wie ein Autist, der gelernt hat, dass man so ein Tor zu feiern hat. In seinem Gesicht aber regt sich nichts. Er schaut drein wie jemand, dem man erzählt, man habe im Fell seiner Katze eine Zecke gefunden.
Beeindruckend war auch eine andere Szene, in der Pirlo erneut genial zu Balotelli abspielt. Der versucht sich dann an einem saufrechen, aber eben auch sauguten Heber, der gerade noch weggeschlagen werden kann. Das sind Aktionen, die daran erinnern, was diese Mannschaft vor zwei Jahren bei der Euro gezeigt hat: Das Spiel der Kinder. Nicht Catenaccio, sondern Calcio!

Beeindruckend war aber auch diese junge englische Mannschaft. Vor allem Sterling und Sturridge, letzterer Schütze zum postwendenden Ausgleich nach Rooney-Flanke. Ersterer erinnert mit seiner Unbekümmertheit trotz jungen Alters an David Alaba. Rooney hingegen ist wieder einmal ein Schatten seiner selbst. (Bezeichnend war sein Eckball ins Toraus!) Und auch der alte Gerrard hat schon einmal bessere Zeiten gehabt, auch wenn er nach wie vor dem englischen Spiel vor allem in der Abwehr Stabilität gibt. Seine bezeichnende Szene: Beim Spielaufbau stolpert er über den Schiedsrichter; die Folge ist ein Ballverlust...

Es ist schön zu sehen, wie England blitzschnell über die Seiten kommt und dann mit hohen Bällen vors Tor den Abschluss sucht. Klassisches Kick and Rush sieht stumpfer aus; das ist eine moderne Variante davon, die enormen Druck auf die Außen des Gegners machen kann. Auch die Schüsse aus der zweiten Reihe (Henderson, Sterling) sind wie Erinnerungen an eine Zeit, in der Fußball noch weniger kompliziert war. Wenn England so weiter macht, wird es auch was mit dem Elfmeterschießen in der KO-Phase.


Italien agiert wieder erstaunlich abgeklärt. Es gibt kaum eine Spielsituation, in der die Italiener unsicher wirken. Einzige Ausnahme ist Gabriel Paletta, der fast zwei Elfer verschuldet hätte und einmal bei einer Rooney-Chance die Abseitsfalle aufgehoben hat. Er hat schütteres Haar und das werden auch bald die Italien-Fans haben, wenn sie ihm weiter bei solchen Aktionen zusehen müssen und zurecht ihre Haare raufen.


Im Großen und Ganzen war das ein richtig geiles Match von beiden Mannschaften. England hätte sich zwar den Ausgleich verdient, aber trotz Auftaktniederlage muss man sich um die Engländer keine Sorgen machen. Es waren unterschiedliche Ansätze zweier Mannschaften, die sich beim Aufeinandertreffen nicht gegenseitig aufheben oder zerstören. Es war eine weitere Einlösung eines großen Versprechens, das die Partie "England gegen Italien" immer war und immer sein wird.
Und es endete mit einem weiteren Streich des Magiers: Ein Pirlo-Freistoß fliegt über die Mauer, Tormann Hart bewegt sich in sein rechtes Eck. Aber just als er dorthin eilen will, scheint es sich der Ball anders zu überlegen und steuert auf das linke Eck zu. Er trifft dort nur die Latte. Pirlo blickt mit leeren Auge hinterher. Auf der Playstation hat das besser funktioniert...

Mittwoch, 11. Juni 2014

Exotisches

Manchmal ist Fußball wie guter Wein. Oft aber ist er auch wie schlechtes Bier. Irgendwo dazwischen - zwischen Italien und Japan - liegt der exotische Esprit der Gruppen C und D.


Hatte die Gruppe A schon einiges an Exotik zu bieten, schillert die Gruppe C in allen Farben: Die Teams aus Kolumbien, Griechenland, der Elfenbeinküste und Japan haben keine augenscheinlichen Gemeinsamkeiten. Auch fußballerisch sind sie mehr oder weniger nichts sagend. Umso mehr verwundert es da, dass Kolumbien den Gruppenkopf gibt, also nach Logik der Auslosung auf dem Papier die stärkste Mannschaft stellt. Tatsächlich wage ich aber zu behaupten, dass zwischen diesen vier Mannschaften kaum ein Klassenunterschied besteht. Hier wird sich jeder gegen jeden schwer tun, und am Ende werden die Griechen aufsteigen, weil sie in Summe ein Tor mehr geschossen als sie bekommen haben.

Das Team von Kolumbien wird diesmal relativ stark eingeschätzt. Ich kann mir vorstellen, dass Kolumbien es ins Achtelfinale schafft - die Gruppenauslosung allein macht dies wahrscheinlich. Aber ehrlich gesagt verbinde ich Kolumbien immer noch mit Carlos Valderrama und Andres Escobar. Der eine war der schillernde Star der Mannschaft von 1994, die aber über die Gruppenphase nicht hinauskam. Der andere war der unglückliche Eigentorschütze im Spiel gegen die USA, der dieses Missgeschick erschreckenderweise mit dem Leben bezahlen musste. Er wurde nach der WM in seiner Heimatstadt in einer Bar erschossen.
Auch wenn viele davon sprechen, dass Kolumbien wieder "Geheimfavorit" sei, muss das Team froh sein, wenn es die Gruppenphase übersteht. Geheimfavorit waren sie schon '94 - nach Aussage von Pelé. Und ansonsten war jedes Mal im Achtelfinale Schluss.

Japan und Griechenland sind beides Teams, die ärgerlichen Fußball spielen, und genau deswegen könnten sie sich in der Gruppe C durchsetzen. Kolumbien könnte wiederum der "falsche Heimvorteil" zugute kommen. Die Elfenbeinküste wird sich wieder selbst zerstören. Schade für den großartigen Didier Drogba, der nach der WM die Schuhe an den Nagel hängen will.
Ehrliches Bemühen zahlt sich in dieser Gruppe aber aus, denn im Achtelfinale warten schlagbare mögliche Gegner, denen es jedes Team in dieser Exotenansammlung schwer machen kann.

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Damit zu Gruppe D, in der uns schon am ersten Spieltag ein Klassiker erwartet. England gegen Italien - das spielte man in den 90ern in Kinderzimmern gegeneinander, denn im echten Leben gab's das Duell das letzte Mal bei der Euro 2012, da gewann Italien bzw. verlor England im Elfmeterschießen. Gut für die Engländer, dass es in der Vorrunde kein Elfmeterschießen gibt...

Italien hat sich bei der letzten Euro zu einer neuen Liebschaft von mir entwickelt. Auch wegen Andrea Pirlo. Ob sich das allerdings bei dieser WM fortsetzen wird, darf bezweifelt werden. Wir wollen jedenfalls wieder Calcio statt Catenaccio! Guten Rotwein statt Lambrusco in Kübeln! Obwohl Lambrusco in Kübeln ja auch Spaß machen kann, während ein schwerer Rotwein oft einschläfernd wirkt...

Beweisen müssen sich die Italiener weniger gegen England als gegen Uruguay. Die waren die große Überraschung vor vier Jahren, verloren letztlich im Spiel um Platz drei gegen Deutschland. Einzig der garstige Suarez bleibt unangenehm in Erinnerung.
Costa Rica, da lehne ich mich jetzt ganz weit aus dem Fenster, wird in dieser Gruppe keine Chance haben.

So ist diese Gruppe mit drei großen Namen besetzt, von denen aber momentan keiner auf Augenhöhe mit Brasilien, Argentinien oder Deutschland agiert. Einzig die Italiener haben als Deutschland-Schreck das Potenzial, den KO-Baum ein wenig zu rütteln. Allein, er wird dann schon sehr klein geworden sein, denn die beiden treffen frühestens und spätestens im Finale aufeinander...



Worauf wir uns freuen können:

Die Gruppe C bleibt wahrscheinlich sensationslos. Einzig überraschend souveräne Kolumbianer könnten uns ein bisschen Freude machen.
Freuen dürfen wir uns auf die Italiener, wenn sie wieder Calcio spielen. Auf Andrea Pirlo, den coolen Hund. Und vielleicht auf die Engländer, wenn sie plötzlich etwas finden, was sie die letzten Jahre gesucht haben: Ihre Identität als Mutterland des Fußballs.


Was wir lieber nicht sehen wollen:

Wenn sich die Griechenlandspiele wieder so ausnehmen wie in den letzten Jahren, bin ich geneigt, abzuschalten. Vor allem gegen solche Gegner.
Suarez wollen wir lieber auch nicht sehen. Oder er rehabilitiert sich mit irgendwas Sympathischen. Schwer zu glauben!