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Freitag, 17. Juni 2016

Über die Hoffnung

Von Hegel gibt es bekanntlich den Satz, dass das Tragische an der Tragödie nicht ist, dass A Recht hat und B nicht, sondern dass beide Recht haben. Von Schneckerl Prohaska gibt es den folgenden Satz: "... Weil du oft sagst: gegen die haben wir keine Chance. Aber in Wahrheit rechnest du dir immer eine Chance aus!"

So weit eine solche Gegenüberstellung auch hergeholt scheint, Herbert Prohaska und Georg Wilhelm Friedrich Hegel haben mehr miteinander zu tun, als man zunächst glauben möchte. Die Tragik im Fußball liegt nämlich unter anderem auch darin, dass nicht immer der gewinnt, der gewinnen sollte. Gleichzeitig bezeichnet dieser Umstand die Hoffnung (für die Außenseiter) und die Angst (der Favoriten). Hoffnung und Angst treiben das runde Leder 90 Minuten lang zwischen A und B hin und her, die immer beide Recht haben.


Für Österreich hat das natürlich wieder bittere Folgen. Weil zunächst die Hoffnung die allergrößte war, und jetzt haben wir nicht einmal mehr Angst vor dem Ausscheiden, weil wir im Geiste (Hegel!) sowieso schon ausgeschieden sind. Unsere Chance ist jetzt eigentlich nur noch die, dass wir uns in unserer Grundbefindlichkeit der Erwartungslosigkeit suhlen können und urösterreichische Topoi abspielen können: "Warum immer wir?", "Die können ja sowieso nix.", "Zawos samma überhaupt dabei" etc.

Vollkommen fremd ist uns das, was die anderen kleinen Mannschaften auszeichnet (und eine solche sind wir - FIFA-Weltrangliste hin oder her): Froh sein, dabei sein zu dürfen und schauen, was geht. Sonst sind wir die Weltmeister des "Schauma moi", aber bei der Fußball-EM haben wir sogar das Schauen verlernt. Portugal - ein übermächtiger Gegner? Ohne Junuzovic und Dragovic eh keine Chance? Island viel zu stark? Ich würde sagen: Schauma moi!



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Weil wir vorher von der Tragödie gesprochen haben: Die große Faszination am Sport überhaupt, am Fußball aber im besonderen, ist, dass der Erfolg des einen die Schmach des anderen bedeutet. Nirgends wird das deutlicher als beim Fußball mit seinen wenigen Toren. Was viele Nicht-Fußball-Fans und Amerikaner an diesem uns so lieben Sport bemängeln, nämlich seine ihm scheinbar inhärente Langeweile aufgrund der meist wenigen Highlights, ist in Wahrheit der Zunder des Zurückhaltenden. Mir fällt nämlich spontan auch keine Sportart ein, in der, je höher die Spielklasse ist, desto weniger Punkte (= Tore) gemacht werden.


Bei dieser EM fällt auf, dass die wichtigen Tore alle sehr spät gemacht werden. Denn je später der Zeitpunkt, desto wichtiger natürlich das Tor! Das wissen vor allem die Franzosen, die mir nach zwei Spielen trotz aller Probleme wirklich gut gefallen. Da ist Herz dabei und ein bisschen Hirn auch, gepaart mit krassen Entscheidungen des Teamchefs Dechamps. Dann noch der einzige wirkliche EM-Held bisher, nämlich Payet, der jetzt bei zwei Toren hält. So wie Bale (zwei geniale Freistöße) und der Rumäne Stancu (zwei Elfmeter). Sind die Franzosen gerade dabei, sich in einen Groove zu spielen? Wenn ja, wäre es vielleicht schlecht, im dritten Spiel, das jetzt reine Formsache ist, die dritte Garnitur rauszuschicken, und stattdessen unbekümmert zu versuchen, mehr Tore früher im Spiel zu erzielen.


Und England? Zitterpartie gegen die wirklich guten Waliser, ebenfalls spätes (sehr spätes) Erlösungstor durch Sturridge. Zwei halbwegs gute Halbzeiten in zwei Spielen - das wird in der KO-Phase zu wenig sein. Und aufs Elfmeterschießen verlässt man sich als Engländer besser nicht!

Deutschland hat das typisch unbeeindruckende Spiel gegen Polen hinter sich gebracht, was erwartbar war und im Falle der Deutschen wie immer genau gar nichts aussagt. Auffällig war bei den Deutschen bisher sowieso nur Jogi Löw.

Heute sehen wir auch wieder den Europameister, dessen Ziel es zu sein scheint, den Gegner durch einkreisen im eigenen Strafraum zum Eigentor zu zwingen. Die Tiki-Taka-Revolution droht, ihre Kinder zu fressen. Irgendwann sind Abschlüsse eben auch gefragt.

Italien hat mich ebenfalls wieder überrascht, die gegen den Mitfavoriten Belgien ein taktisch solides Spiel gezeigt haben (in gewohnter italienischer Manier), zeitweise aber offensivfreudig auftraten und zwei wirklich schöne Tore geschossen haben. Die Schönheit schießt zwar keine Tore, sagt man, aber ganz außer acht lassen sollte man sie deswegen auch nicht, denn Schönheit macht sympathisch. (Siehe Holland bei der EM 2008!)

Belgien ist übrigens weder sportlich noch ästhetisch weg vom Fenster, da erhoffe ich mir noch einiges. Ins Achtelfinale zittern und dann ins Finale marschieren - diese Story gibt es ja auch immer wieder.


Beeindruckend sind auch bei diesem Turnier wieder die sogenannten Außenseiter, die allesamt wirkliche Qualitäten aufs Spielfeld bringen. Slowakei, Wales, die Ukraine und, ja, auch Ungarn sind würdige Teilnehmer dieser Endrunde und können zu den Stolpersteinen werden, die gerade in der EM-Geschichte oft auch sehr weit gekommen sind.

Nur die Russen wirken irgendwie abgemeldet- ein Status, den man schon am Gesicht ihres Trainers ablesen kann. Aber jede Tragödie hat auch ihre Bösewichte, verlogene Kammerdiener, eifersüchtige Nebenbuhler. Wieso sollte es im Fußball anders sein?


Welche Rolle Österreich in diesem Stück spielt? Schauma moi...









Hat in diesem Stück mit Sicherheit die Hosenrolle: Der älteste EM-Spieler aller Zeiten Gabor Kiraly (40).





Samstag, 21. Juni 2014

Die Unwägbarkeiten eines Turniers

Wer dachte, die WM wird nach der ersten Runde in die bequemen Gefilde durchschnittlicher Unterhaltung zurückfallen, der hat sich geschnitten. Eigentlich wird's immer besser.


Auf nichts kann man sich verlassen bei dieser WM! Nicht mal auf Italien, und so lässt uns ein weiterer "Großer" nach Spiel zwei ein wenig ratlos zurück. Wie schon Brasilien, wie schon England, Spanien, Holland und Uruguay. Wir kratzen uns am Kopf und wissen nicht, wem wir als nächstem unser volles Vertrauen schenken sollen. Auf das Argentinien-Spiel warten wir noch, auf Deutschland eh auch. Und ehe wir uns versehen, kommen auf einmal die Franzosen daher und stehen nach zwei Spielen mit drei Punkten und einem Torverhältnis von 8:2 da. Aber alles der Reihe nach...

CRC - ITA 1:0


Tatsächlich haben die Ticos das eigentlich Unmögliche geschafft und stehen nach zwei Spielen als Sieger der im Vorhinein als sehr schwierig eingeschätzten Gruppe D fest. Bitte was? Costa Rica? Gegen drei Ex-Weltmeister? Gegen das grundsolide Italien, das neu erstarkte England und den WM-Vierten von Südafrika? Wer darauf gewettet hat, dem sei gratuliert, denn das hätten sich die Costa Ricaner wohl selbst nicht zugetraut.
Mehr als ich über die Ticos verwundert bin, bin ich von den Itakern enttäuscht. Zuerst habe ich mich gefreut, weil der im ersten Spiel eine so unglückliche Figur machende Paletta nicht dabei war. Dass sich Italien aber dann so steif und klobig präsentieren würde, war doch überraschend. Vielleicht war es der Schiss, gegen die furchtlosen Costa Ricaner zu viel zu riskieren?

Die "kleinen Teams", gegen die man technisch nicht auf Augenhöhe spielen kann, gegen die man sich aber taktisch einiges überlegen muss, und die am Ende immer den psychologischen Vorteil haben, das sind die vorläufigen Gewinner dieser WM. Das ist erstmal schön und gut so.
Die "Großen" aber wachsen mit ihren Aufgaben und spielen ihren besten Fußball immer dann, wenn es gegen die gefährlichsten Gegner geht und das Spiel am wichtigsten ist. Diesem Druck der Okkasion können am Ende Teams wie Costa Rica oder Kolumbien nicht standhalten. Das behaupte ich jetzt trotz des Wissens, dass es bei dieser WM noch jedes Mal anders gekommen ist als erwartet!

Die Gruppe D allerdings wird noch spannend. England ist einmal draußen, aber wer folgt Costa Rica ins Achtelfinale? Im direkten Duell, das ein praktisches Sechzehntelfinale ist, stehen sich jetzt zwei Teams gegenüber, die in zwei Spielen völlig unterschiedliche Seiten gezeigt haben: Uruguay und Italien. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass die Entscheidung um den Achtelfinalplatz etwas mit den Namen Balotelli und Suarez zu tun haben wird. Somit hat das Spiel jetzt schon einen bitteren Beigeschmack; es schmeckt ein wenig schandhaft und gefährlich. Wie die Luft vor einem Gewitter. Wie jener italienische Aperitiv, der den Namen Pirlo trägt. Ich behaupte: Das wird ein Knaller!


FRA - SUI 5:2


Interessant, wenn man sich die Statistiken zu diesem Spiel anschaut: Frankreich hatte weniger Ballbesitz, was nach der Überwindung von Tikitaka tendenziell als ein gutes Zeichen zu werten ist (s. Salzburg, s. Holland). Denn schließlich kommt es darauf an, was man mit dem Ball macht, wenn man ihn erstmal hat; ob man ihn in den eigenen Reihen herumschiebt, oder den Zug zum Tor sucht. Den suchte Frankreich, und während sich "Les Bleus" auf eine erfolgreiche WM-Kampagne eingroovten, wurde der Schweizer Stern engültig in der französischen Offensivmaschine zerrieben. Dabei schossen die Franzosen nur 5 Mal öfter als die Schweizer, dafür doppelt so oft aufs Tor. Das zeigt, dass die Schweiz oft nur aus Verlegenheit den Ball Richtung Tor holzten - ein Beweis auch für die funktionierende Defensivleistung der Franzosen. Die beiden Tore für die Schweiz fielen ja erst in den letzten 10 Minuten des Spiels, wo eh schon alles wurscht war.

5 Tore von 5 verschiedenen Spielern - auch das sind immer gute Nachrichten, denn es zeigt, dass Frankreich nicht von einem Benzema abhängig ist, obwohl dieser seine gute Form aus der Ligasaison in die WM hinüberretten konnte. War das erste Spiel der Blauen noch nicht aussagekräftig genug, weil es gegen den Gruppenaußenseiter Honduras ging, wird sich die wahre Größe der Franzosen kurioserweise im letzten Gruppenspiel gegen Ecuador zeigen. Da greift nämlich jener Effekt, den ich oben beschrieben habe. Frankreich hat sich nämlich nach nur zwei Spielen rehabilitiert und weiß sich jetzt wieder dort, wo es lange gewesen ist: Inmitten der großen europäischen Fußballnationen. Vielleicht ein bisschen hinter Deutschland, aber wie es momentan aussieht neben Italien und Holland, und sogar noch über England und Spanien. Ein schöner Platz ist das - jetzt nur nicht nervös werden!



Held des Tages:
Bryan Ruiz, der mit seinem Treffer gegen Italien nicht nur seiner eigenen Nation einen schönen Tag bescherte, sondern einer anderen (England) gleichzeitig das fixe WM-Aus garantierte. UND: Wir bekamen wieder mal ein bisschen Torlinientechnologie aus Deutschland zu sehen! Viel mehr kann man mit einem Tor nicht erreichen!

Buhmann des Tages:
Cassano, von dem ich dachte, Italien käme ganz ohne ihn aus. Er steht für die schmutzige Berlusconi-Ära. Eine zwielichtige und grausame Figur, nicht nur optisch sondern auch menschlich!

Donnerstag, 19. Juni 2014

Das Glück, der Zufall und die Dummheit

Fußball ohne Zufall - das wäre reine Rechnerei. Und wer das Glück hat, hat dies immer auch zu rechtfertigen.


Das Glück, das haben immer die Dummen oder die Tüchtigen. Darauf kann sich der Volksmund noch nicht so recht einigen. Gestern hatten alle ein bisschen Glück und stellten sich dabei mal dumm, mal
tüchtig an. Also gibt auch der Fußball keine Antwort darauf, ob jetzt die Tüchtigen oder die Dummen die wirklich Glücklichen sind. Früher war es einfacher, da hatten im Fußball das Glück immer die Deutschen. Ob aus Dummheit oder Tüchtigkeit - darüber scheiden sich die Geister.

NED - AUS 3:2


Fast hätte ich jetzt 2:3 geschrieben, und bin da gar nicht so weit entfernt. Letztlich wäre auch ein 2:2, ein 4:2, ein 2:4 oder ein 3:3 möglich gewesen. Ja, es ist immer alles möglich. Aber so möglich wie gestern alles Denkbare war... Es hätte genauso gut sein können, dass ein Vogel dem Schiri ins Auge kackt und das Spiel abgebrochen werden muss und dann von zwei Fans im Elferschießen entschieden wird. Ok, da hätte das Fifa-Reglement vielleicht was dagegen, aber gerade das Fifa-Reglement löst den Wahlspruch der österreichischen Lotterien immer am besten ein: Alles ist möglich!

Holland also nach dem furiosen Auftritt gegen den nun schon fix Ex-Weltmeister Spanien mit der erwartet schweren Aufgabe gegen Australien: Schwer, weil die Erwartungen hoch waren; schwer aber auch, weil man schon im ersten Spiel sehen konnte, dass Australien Kampfgeist und Disziplin besitzt, zwei Attribute, die es jedem "Großen" schwer machen. Dass Holland - wie Argentinien in seinem ersten Spiel - mit fünf Defensiven auflief, war dumm. Und Dummheit wird im Fußball selten belohnt. Es gibt aber Ausnahmen, und deswegen machte Holland nach langem Schweinskick wie aus dem Nichts ein Tor. Ungerecht, weil eigentlich unverdient war diese Führung, und das dachten sich sicher auch die Australier. Also machten sie postwendend den Ausgleich, auf holländische Art: Flanke von hinten, Tor  - so einfach ist das. 1:1, also eigentlich wieder 0:0.

So unerklärlich dieses Ausgleichstor war, so schön war es auch. Und eigentlich wars irgendwo auch Zufall. Schon die Flanke von Ryan McGowan fand mehr oder weniger glücklich den Fuß von Cahill. Ausgesehen hat es wie einstudiert - und muss doch, bedenkt man die fußballerische Klasse Australiens, eigentlich Zufall gewesen sein. Zufällig, aber gerecht! Weil das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun. Zufall, Glück und Gerechtigkeit sind ja aus dem Fußball nicht wegzudenken, obwohl sie mit dem Spiel an sich nichts zu tun haben. Sie sind da und nehmen Einfluss, obwohl man nie genau sagen kann, wie.
Die erste Halbzeit brachte jedenfalls spielerisch nichts, und doch stand am Ende ein 1:1 da.

In der zweiten Halbzeit hatte Holland einen anderen Plan. Louis van Gaal dachte sich, dass es vielleicht doch nicht so fesch ist, gegen einen Underdog feig ein Nicht-Spiel aufzuziehen und auf zufällige Treffer zu hoffen. Aber da hatten auch schon die Australier Glück und bekamen einen Elfer zugesprochen, der keiner war. Ungerecht! Aber auch wieder irgendwie gerecht, weil man sich den Führungstreffer doch verdient hatte. Die Tüchtigen eben... Nur, dass man auch wissen muss, dass das Glück ein Vogerl ist! Und kaum hatte man sich die Führung schenken lassen, musste man van Persie dabei zusehen, wie er dem Glück den Vogel zeigt und zum 2:2 ausgleicht. Perdauz!, dachte sich der Fußball-Fan, wie mag das wohl weitergehen?

Man hätte es bei einem 2:2 bewenden lassen, oder sich auf ein 3:3 einigen können. Stattdessen schenkt der Zufall Holland ein weiteres Tor. Einen halbherzigen Weitschuss von Memphis Depay vermochte der australische Keeper nicht zu halten und so stand es in der 68. Minute auf einmal 3:2. Dann ging es noch ein paar Minuten hin und her und als jemand, der diesem fußballerischen Wahnsinn bis jetzt zugesehen hat, wusste man, dass hier noch alles passieren kann. Schließlich ließen aber die Konditionsreserven der Australier nach und Niederlande spielte seinen zweiten Sieg nach Hause. Jetzt steht man fix im Achtelfinale mit zwei Siegen - vor sich ein Spiel um den ersten Gruppenplatz, um vielleicht Brasilien umgehen zu können. Wie das gegangen ist, weiß man nicht so recht.

Weil aber die Gruppe A nicht ohne die Gruppe B gedacht werden darf und umgekehrt, könnte man sowohl mit einem ersten als auch mit einem zweiten Platz auf die äußerst unangenehmen Kroaten treffen, die im ersten Spiel dem Titelfavoriten Brasilien das Leben schwer gemacht haben, und die sich gestern mit einem 4:0-Sieg gegen das desolate Kamerun richtig viel Selbstvertrauen für das letzte Spiel gegen Mexiko geholt haben. Überhaupt sind sowohl Brasilien als auch Mexiko unangenehme Achtelfinalgegner - und die Kroaten sowieso! Wie es derzeit aussieht, würde sich Holland vielleicht sogar gegen Brasilien leichter tun als gegen Kroatien. Vielleicht geht es im letzten Gruppenspiel ja auch darum, zu verlieren, um dem unangenehmeren Gegner zu entgehen. Wer das sein wird, steht freilich erst nach dem letzten Spiel der Gruppe A fest. Das ist spannend, und da ist noch viel Platz für Zufälle und Glück. Und auch für Dummheiten.


ESP - CHI 0:2


König Juan Carlos dankt ab, und auch die Furia Roja scheint Geschichte zu sein. An einem Punkt dachte ich mir: "Spanien liegt 0:1 hinten und Xavi sitzt auf der Ersatz-Bank", und da wusste ich, dass dies das sicherere Zeichen für den spanischen Untergang war als die 1:5 Niederlage gegen Holland letzte Woche. Chile hat gezeigt, dass sie den Erwartungen, die nach der letzten WM in sie gesetzt wurden, doch gerecht werden können (auch wenn dies vor dieser WM wieder keiner geglaubt hätte). Spanien hingegen ist raus. Ende, vorbei. Schlusspunkt im ehrwürdigen Maracana-Stadion. Am traurigsten ist, dass sie noch ein Spiel zu bestreiten haben - ein völlig überflüssiges gegen Australien, das sie nicht einmal verlieren dürfen. Wir verabschieden uns von diesem beeindruckenden Spanien, das die letzten Jahre den Fußball geprägt hat wie kein anderes Land; das zwei Mal Europa- und einmal Weltmeister geworden ist; das uns mit seinem Tiki-Taka zuerst verzaubert, und dann ganz schön genervt hat. Schön, dass wir das alles erleben durften! Danke Xavi, danke Iniesta, Puyol, Alonso, Casillas, Ramos, Pique und wie sie alle heißen! Man kann ihnen nur wünschen, dass sie beim nächsten Mal wieder zum engen Favoritenkreis zählen werden und nicht in die talentierte Mittelklasse abrutschen, wo sie vorher so lang gewesen sind.


Held des Tages:

Der Andre Agassi des Fußballs, Chiles Trainer Jorge Sampaoli. Keiner ist hemdsärmeliger als er, und schlauer sind auch nicht viele.


Buhmann des Tages:

Louis van Gaal für die erste Halbzeit seiner Mannschaft. Ein totaler, grauenhafter Irrweg, der Anklänge an Rehakles hatte. Mit Halbzeit zwei hat er den Kopf aus der Schlinge gezogen, aber ohne dem Glück der Dummen hätte es schlecht ausgesehen!

Dienstag, 17. Juni 2014

Deutschland, deine Fans

Ich hab das Thema hier schon einmal behandelt, mach das aber jetzt wieder, bevor es zu spät ist! Wie es um den deutschen Fußballfan bestellt ist, und warum der Fußball da gar nichts dafür kann.


Wenn mich ein Deutscher fragt, wem denn die Österreicher die Daumen drücken bei der Fußball-WM, dann ist das eine hinterlistige Frage. Und sie ist eine hundsgemeine obendrein. Denn erstens feixt da der Deutsche still in sich hinein, weil Österreich natürlich nicht dabei ist; manche haben sogar die Frechheit zu fragen: "Spielt Österreich denn mit?" Sie wissen es ganz genau!
Zweitens überprüft der Deutsche mit solchen Fragen die Gesinnung des Österreichers. Solidarisiert er sich mit der "Nationalelf", flüchtet er also unter den strahlenden Fußballhimmel des großen Nachbarn? Oder ist er ein grantiger Miesmacher, der den Deutschen nix gönnt, wohinter der Deutsche dann natürlich Eifersucht vermutet. Daran kann er sich dann wieder ergötzen, der Deutsche am leidenden Österreicher.

Ich antworte jedenfalls gerne diplomatisch und sage, dass wir uns "schwer tun" mit dem deutschen Fußball, und dass es ganz darauf an komme. Worauf es denn ankomme, fragt dann der Neugierige. "Wenn sie die bessere Mannschaft waren, dann freuen wir uns natürlich auch für die Deutschen", lüge ich dann gekonnt. Denn in Wahrheit müsste ich sagen: "Es kommt ganz darauf an, wie ihr mit eurem Erfolg umgeht!"
Heute im Frühstücksfernsehen habe ich ihn wieder gesehen, den Schlander, der mit Fahne und Schminkgesicht betrunken vor der Kamera herumhüpft, vollkommen außer sich, obwohl vermutlich schon viele Stunden nach dem Spiel, und dauernd ungläubig "Vier zu null! Vier zu null!" in die Kamera brüllt und dabei hysterisch lacht. Er freut sich also, der junge Mann; alles klar.

Die Freude über den deutschen Erfolg ist aber immer so verkrampft und inszeniert wie hier. Deswegen kennt sie auch kein Maß. Es gibt kein "war okay, gut gespielt, aber Portugal nicht gut" etc. Das kommt nur vom DFB selber, vom Trainer, von den Spielern. Die haben das gelernt. Die Fans nicht. Die Fans müssen sich freuen. Der Deutsche freut sich, weil es sein Recht und seine Pflicht ist. Das Recht hat er erworben durch den Sieg seiner Mannschaft, die Pflicht erlegt er sich quasi selber auf. Er pocht auf sein Recht zum Jubel. Das macht das ganze so verkrampft, das macht den Jubel so suspekt. Vor allem, weil das unverkrampfte Umgehen mit der eigenen Nationalität und das Bejubeln derselben immer noch nicht vereinbar ist. Ein Deutscher, der eine Fahne schwenkt - das ist eigentlich jedem egal. Nur die Deutschen selbst sehen sich ungern dabei zu, weil sie sich davor fürchten, dass irgendeiner dem Jubelnden ein Hitlerbärtchen unter die Nase malen könnte.

Vielleicht ist es so zu erklären, dass man im Jubel von sich selbst ablenkt und alle Energie auf Müller, Jogi, Schweini und wie sie alle heißen konzentriert. Man deutet hin auf die Elf, die in Adiletten in der Kabine steht, die arme Kanzlerin Merkel inmitten schwitzender Fußballer. Deutschland, Juchee! Der Hurra-Piefke stakst brav durch die Straßen, verkleidet pflichtbewusst seine Seitenspiegel mit schwarz-rot-gold, und tanzt zu Stefan Raab, Oliver Pocher, den Toten Hosen oder sonst irgendwelchen Vertretern deutscher Unterhaltungs-Unkultur. Das nervt, weil es ihm keiner glaubt, dass er sich wirklich freut. Eigentlich will er es nur allen gezeigt haben. Wieder mal die Besten, wieder mal obenauf. Ich fahr Mercedes, Opel, BMW, Audi und VW gleichzeitig und unser Müller ist der Beste! Deutscher Jubel ist ohne Übermaß nicht zu bekommen.

Der Unterschied zu anderen Nationen ist etwas schwerer zu vermitteln. Einerseits gibt es da jene, die ihre Begeisterung aus reinem Nationalstolz speisen. Das sind zum Beispiel die südosteuropäischen Jungnationen (Kroatien, Bosnien und Herzegovina), aber auch die Amerikaner oder die Russen. Die anderen ziehen ihre Begeisterung aus einer reichen und ausgiebig 365 Tage im Jahr gelebten Alltag-Fußballkultur. Dazu gehören zum Beispiel England oder Italien.
Für manche ist der Fußball die einzige Möglichkeit, überhaupt einmal wahrgenommen zu werden. Und so macht es die Menschen glücklich, ihre besten Fußballer im Fernsehen zu sehen und zu wissen, dass die ganze Welt sie auch sieht. Das betrifft meist Kleinstaaten und die sogenannten Exoten. Die Südamerikaner wiederum lieben es, ihre Lebensfreude zu zelebrieren und das öffentlich zur Schau zu stellen. Fußball gehört auch hier zum Alltag, wenn er auch hier weniger intellektuelle (wie in Europa) sondern eine sozial-identifikatorische Bedeutung hat.

Deutschland steht in dieser Riege irgendwie allein da. Ein Artikel in den Salzburger Nachrichten behauptete letztens, dass jede Mannschaft bei dieser WM einen Spitznamen für ihre Nationalmannschaft hat - alle außer die Deutschen. Das müsste man jetzt durchdeklinieren um es zu überprüfen, aber ich glaube es auch so. Deutschland ist keine Fußballnation im klassischen Sinne. Fußball stiftet hier keine Identität und ist auch nicht unbedingt im Alltag integriert. Er wird professionell betrieben, es gibt das richtige Umfeld, um großartige Spieler heranwachsen zu lassen. Deutschland ist auch eine erfolgreiches Land, sowohl mit der Nationalmannschaft als auch auf Vereinsebene. Aber Deutschland braucht den Fußball nicht, sie haben ihn nicht erfunden, sie haben ihn nie revolutioniert, sie sehen sich auch nicht als Fußballer, sondern in erster Linie als Ingenieure. Das mag jetzt ein Vorurteil sein, aber wenn man einen Italiener fragt, was Italien ausmache, kommt "Calcio" wohl ziemlich weit vorne.

Deutschland ist überall gut, weil der organisierte Sport genügend Talente hat und fördern kann. Freilich, Fußball mag die populärste Sportart sein, aber das ist er in den meisten Ländern. Weil eben Deutschland dieser Sport nicht ureigen ist, er aber die Macht hat, ein ganzes Volk in Jubelstimmung zu versetzen (eben durch seine Breitenwirksamkeit), ist er den Deutschen irgendwie unangenehm. Daher kann der Deutsche nicht wirklich entspannt jubeln und daher kommt es zur unnötigen Übertreibung. Die Leidenschaft fehlt, der Stolz ist da. Und stolz auf sein Land zu sein, das wurde den Deutschen verboten. Daher gibt es jetzt Schlander und Hurrapiefkes, die den Stolz auf "Jogis Buben" über die Unterhaltungskultur ausleben.

Die Lösung für alle Österreicher und andere, die sich an dem Getue stoßen, liegt darin, zu erkennen, dass das ja mit dem Fußball im Grunde nichts zu tun hat. Es hat ja auch niemand Schuld daran, dass es so gekommen ist. (Außer vielleicht Stefan Raab und Konsorten). Unser Problem ist die geographische, sprachliche und vielleicht auch historische Nähe zu Deutschland. Eigentlich schaue ich nämlich gern ARD oder ZDF, weil der österreichische WM-Firlefanz heuer wirklich unter aller Sau ist. Am Tag eines Deutschlandspiels aber meide ich diese Sender, nicht weil die Vorberichterstattung zu viel auf die deutsche Mannschaft eingeht, sondern weil eben auch dauernd diese Schlander auftreten. Und vielleicht auch, weil man befürchtet der deutsche Kommentator würde sich beim 4:0 ein bisschen zu viel freuen. Das ist die Kommentatorenvariante von C. Ronaldos Nach-einem-unbedeutenden-Elfmeter-Tor-das-Trikot-ausziehen-und-Posen.

Es ist also eh einfach: Sich am deutschen Fußball erfreuen, so er denn erfreuenswert ist, und den Rest nicht einmal ignorieren. Im Übrigen würde das alles, was ich oben über die Deutschen und ihr Verhältnis zum Fußball geschrieben habe, genauso für Österreich gelten. Gott sei Dank müssen wir nicht darüber nachdenken, wie wir uns verhalten würden, hätten wir eine erfolgreiche Mannschaft (die übrigens auch keinen Spitznamen hat). Stattdessen schauen wir die Deutschland-Spiele lieber auf ORF, schalten aber natürlich sofort um, wenn Deutschland in Rückstand gerät!

Samstag, 14. Juni 2014

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer

Getty Images

Fußball am Schirm, Bier im Schädel und Hoffnung im Herzen: Es ist Weltmeisterschaft. Und wie!


Jetzt haben wir unseren ersten ganz großen Knüller! Niemand hat es erwartet, aber es ist doch so gekommen. Es ist der Anfang einer ganz großen Geschichte und zugleich der Beginn vom Ende einer anderen großen Geschichte: Mexiko besiegt Kamerun! Wer hätte das gedacht? ... Ach so, das war nicht die große Sensation? Da war noch was anderes? Immer schön der Reihe nach!

MEX - CAM 1:0


Die vom Pech verfolgten Mexikaner schienen zunächst vom Pech verfolgt zu bleiben. Immerhin mussten sie drei Tore schießen, um eines zugesprochen zu bekommen. Es ist eben eine WM, bei der die weltbesten Fußballer gegen mittel- bis unterklassige Schiedsrichter spielen. Aber da jammern nie was hilft, und die Mexikaner das wissen, haben sie einfach weitergespielt. Und sie wurden mit einem Sieg belohnt, der Traum vom Aufstieg lebt, und vor Spanien im Achtelfinale muss man sich jetzt auch noch nicht arg fürchten.

Kamerun ist eine seltsame Mannschaft. Eine Ansammlung von wirklich guten Fußballern, bei denen aber am und abseits des Platzes nie wirklich viel zusammenläuft. Da werden Badewannen voller Potenzial ins Meer gekippt. An der Seitenlinie steht ein deutscher Trainer, der als Afrikaner-Versteher gilt. Trotzdem sieht er im Sturzregen von Natal aus wie Adolf Hitler im April '45. Hilf-, glück- und freudloses Kamerun - wir können die 30 Jahre alten Bilder vom tanzenden Roger Milla nicht mehr sehen! Reiß' dich zusammen und zeig uns dein Herz! "Beherzt" nämlich nennt man Auftritte vermeintlicher Kleinmannschaften wie Mexiko. Mexiko war auch beherzt. Kamerun hingegen wirkte vom Regen genervt und lustlos.


ESP - NED 1:5


Fast wär mir beim Tippen des Fünfers nochmal eine Freudenträne auf die Tastatur getropft. Ich kann es heute immer noch nicht glauben, was ich da gestern gesehen habe! Das war wie Holland 2008 - ein lustvolles, aufregendes Spiel, eines, das Laune machte. Nicht nur bei Holland-Fans, sondern auch bei allen anderen (außer den spanischen versteht sich). Man ahnte erst Böses, als Schiedsrichter Rizzoli Spanien einen Strafstoß schenkte, dachte, es sei nun das dritte Spiel mit der dritten folgenschweren Fehlentscheidung bei dieser WM. Dann kam aber alles anders, denn dann kam Robin van Persie und dieser Robin flog, er flog wie ein Vogel, wie eine Schwalbe, einem Ball entgegen, und der flog dann über Iker Casillas hinweg ins Tor und es stand 1:1 und man wusste: So schnell ist das heute nicht vorbei!

Großartig agierten Snijder und Robben im Mittelfeld, und was der unglaubliche Daley Blind über die linke Seite bringt, das erinnert an die Zeiten von Gio van Bronckhorst, dem letzten großen auf dieser Position. Unschlagbar ist aber Holland nicht, auch das hat man gesehen. Das waren sie auch nie und das war und ist der Reiz dieser Mannschaft: Das Taumeln zwischen Genie und Wahnsinn, das Heiß-kalt-Spiel, das nichts für schwache Nerven ist. Hollands Überdrüber-Fußball ist nie ohne Angst vor der Katastrophe zu haben. Deswegen taugt Oranje als Objekt der Leidenschaft so viel mehr als Spanien, Deutschland oder auch Brasilien. Hollands Spiel ist unabgeschlossen, löchrig, es lebt vom Momentum, von der Befindlichkeit der Mannschaft und auch von dem, was der Gegner zulässt. Es ist aufregend in jeder Hinsicht!

Was aber war das für ein Spanien? Denn wenn wir uns ehrlich sind, hat Holland aus spanischer Sicht da kein großartiges Spiel aufgezogen. Es waren immer nur lange Bälle nach vorne oder Flanken von der Seite - nichts Unausrechenbares, nichts, gegen das man nichts unternehmen könnte. Die Furia Roja wankt, ist angezählt. Gefallen ist sie noch lange nicht... Aber vielleicht lässt sich das Spiel besser als ein denkwürdiger Moment verstehen. Der Moment, als sich Holland für das verlorene Finale revanchierte und mit einem 5:1 den langsamen Niedergang des unglaublichen spanischen Fußballwunders einläutete.

Denn was uns bei aller Euphorie auch klar sein muss: Wer Holland jetzt als Weltmeister handelt, hat 2008 nicht zugeschaut. Und am besten fasst die Situation sowieso Robin van Persie selbst zusammen, wenn er sagt: "Es ist einfach unglaublich, unerklärlich, unbeschreiblich. Das ist ein Traum für unser ganzes Land. Aber es sind auch nur drei Punkte, das ist die Realität."
Wichtig ist aber: Holland ist aufgewacht, traut sich wieder was zu, wird wieder von der Begeisterung getragen. Das braucht diese Mannschaft, das braucht diese WM!

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Gestern habe ich geschrieben: Wenn es so weitergeht, dann Prost Mahlzeit! Und es ist so weitergegangen, die WM hat auch am zweiten Tag gehalten, was das Eröffnungsspiel versprochen hat: Drama, Emotion und Überraschung. Holland und Chile stehen jeweils mit 3 Punkten da, über Spanien staunt die ganze Welt. Mexiko hat gegen Wasser und Willkür gekämpft und gewonnen. Und im Nachtspiel haben die Australier gegen Chile gezeigt, dass sie auch technisch und taktisch überlegenen Mannschaften unangenehm werden können. Vorsicht Holland, Vorsicht Spanien!

4 Spiele liegen hinter uns, noch kein Unentschieden, noch kein torloses. Und heute Nacht spielt Italien gegen England - Fußballherz, was willst du mehr?



Held des Tages:

Da nehme ich Robin van Persie, denn er hat zwei Tore gemacht, wovon das erste von der Marke "Traumtor" war. Arjen Robben in Ehren, aber ich halte ihn immer noch für einen grausigen Egoisten, und kann seinem Verhalten auf dem Platz einfach nichts abgewinnen. Fußballerisch ist das natürlich eine andere Geschichte...


Buhmann des Tages:

Wenn ich jetzt jedes Mal den Schiedsrichter (oder einen Schiedsrichter) nehme, wird's fad. Also entscheide ich mich für Samuel Eto'o stellvertretend für Team Kamerun. Eine Szene war symptomatisch: Eto'o fordert einen Eckball, bekommt ihn aber nicht. Nicht, dass Eto'o der einzige Fußballer der Welt wäre, der bei einem Schiedsrichter irgendwas einfordert; schließlich ist das Teil des fußballerischen Theaterapparates. Aber bei ihm wirkt es tatsächlich so, als erwarte er, dass ihm der Schiedsrichter gehorcht. Das ist echt zu viel verlangt, lieber Samuel!


Tragischer Held des Tages:

Giovani Dos Santos hat zwei Tore geschossen, aber nirgendwo wird er als Torschütze aufscheinen. Nie wird er seinen Enkeln erzählen können, dass er während der WM für ein paar Stunden mit dem großen Neymar gleichziehen konnte und gemeinsam mit ihm auf Platz eins der Torschützenliste gestanden hat. Denn seine beiden Tore wurden zu Unrecht aberkannt. Er kann sich nur damit trösten, dass Mexiko trotzdem gewonnen hat. Trotz seiner beiden Tore, die nicht in die WM-Annalen eingehen.

Mittwoch, 28. Mai 2014

Böse Vorzeichen

 Über problematische Vögel und den Erwartungsdruck in theatralischer Hinsicht.


Wenn man in Zusammenhang mit der WM in Brasilien von "bösen Vorzeichen" spricht, meint man meist die Anti-FIFA-Proteste vor Ort. Dass nicht alle Brasilianer in ausgelassener Samba-Stimmung der Heim-WM entgegenfiebern, ist klar. Klar ist auch, dass nicht alles sexy sein wird, was rund um die WM (davor, während und danach) passiert. Ich möchte das alles aber so gut es geht ausblenden. Nicht, weil es nicht interessant oder wichtig wäre, sondern weil andere besser darüber Bescheid wissen und es zuviel verlangt wäre, sich als Blogger in Österreich anzumaßen, ein adäquates Abbild der Situation zeichnen zu können.

Die bösen Vorzeichen, die ich meine, haben etwas mit Mario Balotelli und Cristiano Ronaldo zu tun. Typen wie diese beiden polarisieren vor allem deswegen, weil man ihnen trotz ihrer unerträglichen Zurschaustellung ihres unermesslichen Egos das fußballerische Können nicht absprechen kann und darf. Jedes Mal wieder freut man sich auf eine WM und ihre Stars, fragt sich, wer überraschen und wer enttäuschen wird; gelgentlich regt man sich dann auch so richtig über den einen oder anderen auf. Manchmal treffen Held und Bösewicht sogar in einem Spiel aufeinander, wie es letztes Mal im Spiel Ghana gegen Uruguay der Fall war. Im Mittelpunkt der Aufregung steht ja meistens auch weniger die fußballerische Leistung als moralische Qualitäten bzw. Mängel. Wir erinnern uns an Frank Rijkaard vs. Rudi Völler, an Materazzi vs. Zidane - Geschichten, die ihre Spiele überdauern, ja dramatisch übersteigen.

Charaktere wie Cristiano Ronaldo und Mario Balotelli sind die Wunschkandidaten für solche Aktionen. Wobei ich Ronaldo für moralisch integrer halte als Balotelli. Aber darum geht es ja bei den beiden weniger. Vielmehr geht es um den Pfauen-Effekt, das Posen, die am Feld gelebte Selbstverherrlichung. Ronaldo setzte sich selbst ein Denkmal in dieser Championsleague-Saison. Er tat dies aber nicht nur mit seinem Toren, sondern vor allem, indem er einen eigentlich unbedeutenden Elfer im Finale verwandelte und dann den Balotelli machte.

Kleines Suchbildrätsel a la "Wer hat's erfunden?"

Ein Ego vom Formate eines Balotelli kann sowas natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Da aber gerade spielfrei ist, die Bühne des Weltfußballs also momentan nicht als Szene herhalten kann, hat sich Balotelli etwas anderes überlegt: Er ließ sich interviewen. Und zwar von ihm selbst. Hier das Ergebnis dieses skurillen Einfalls:


Das Schöne daran ist: Das ist alles nur ein Vorgeschmack auf die Pfauenauftritte, die uns in den kommenden Wochen erwarten! Und dass Balotelli und C. Ronaldo die Hauptakteure sein werden, ist nichtmal gesichert, ja sogar eher unwahrscheinlich. Denn die "üblichen Verdächtigen" schlagen selten zu, wenn Weltmeisterschaft gespielt wird. Wahrscheinlich weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, ihre Leistung im Team zu bringen - jene nämlich, die von ihnen erwartet wird.

Wir dürfen uns schon auf sonderbare Begebenheiten mit diversen Pfauen freuen, die unsere Hassliebe wieder ausreizen werden. Hoffentlich kommt dabei der Fußball nicht zu kurz!