Posts mit dem Label italien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label italien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 12. Juli 2016

Nachschuss: Verdiente Europameister?

Es ist unfair, alles miteinander. Aber das ist egal, weil Fairness kennt der Fußball nicht. Gerechtigkeit auch nicht. Denn dann wäre Portugal schon vor 12 Jahren Europameister geworden und nicht erst jetzt. Portugal, das Brasilien Europas, das bekannt gwesen ist für einen soliden Kader ohne große Namen aber mit viel Spielfreude und Leidenschaft. Sie sind bekannt für das schönste Rot, das es je auf Fußballtrikots geschafft hat. Und sie sind bekannt für Cristiano Ronaldo, den besten Fußballer der Welt. Er hat es nun geschafft, ihm ist das gelungen, was Messi nicht gelungen ist: Den großen Titel mit der Nationalmannschaft zu holen. Und es ist Portugals erster großer Titel.

Der Europameistertitel für Portugal ist ziemlich gleich entstanden wie der WM-Titel für Deutschland. Nur noch extremer, in Euro-Manier. Europameisterschaften werden nämlich gerne mal von Außenseitern gewonnen. Deswegen ist der Erfolg von Island oder Wales eh gar nicht so überraschend. Überraschend ist vielmehr, dass es diesmal der ewige Geheimfavorit war. Denn die Euro gewinnen entweder Außenseiter oder Favoriten. Die Geheimfavoriten spielen bei den Euros eher die Rolle der Enttäuschenden, siehe Belgien. Aber Portugal, das, wie in jedem Turnier, als Geheimfavorit gestartet war, rutschte zusehends in die Rolle des Underperformers. Schon nach dem Spiel gegen Österreich wunderte man sich, was denn diesmal mit Portugal los sei. Dann das Spiel gegen Ungarn. Drei schöne Tore, wie portugiesisch! Leider hinten auch drei bekommen, sei's drum, bei dieser EM scheiden nur die schlechtesten Gruppendritten aus. (Wenn man die Regel so formuliert, wird es übrigens ganz klar, was bei diesem Turnier nicht gestimmt hat: Du musst richtig schlecht sein, um nicht ins Achtelfinale zu kommen. Nicht nur Nordirland-schlecht, sondern Russland-schlecht, Schweden-schlecht oder gar Österreich-schlecht!)

Dann kommt man mit Tugenden ins Finale, die man bisher nur von Italien oder auch Deutschland kannte. Taktisch diszipliniertes Spiel, sogar tendenziell defensiv angelegt, aber vor allem vorsichtig. So, jetzt haben sie uns enttäuscht, die Portugiesen. Sie spielen keinen westiberischen Hurra-Stil mehr, und dieser Ronaldo, der ist also doch ein ganz schlechter und für gar nichts gut. Wie ungerecht, dass so eine Mannschaft ins Finale kommt! Hätte man Portugal vor dem Turnier ins Finale getippt, hätte man höchstens zustimmendes Kopfnicken geerntet: "Jaja, Portugal! Immer gefährlich! Geheimfavorit!" Und dann standen sie tatsächlich im Finale und jeder meinte nur: "Schwach, nur Unentschieden gespielt! Nur hinten drin gestanden! Ronaldo sowieso schlecht!" Da hatte man vielfach schon vergessen, dass Portugal nominell eigentlich die zu favorisierende Mannschaft gewesen wäre - in ihrer Hälfte des Playoff-Baumes nämlich.

Das eigentliche Skandalon dieser EM ist, dass Italien gegen Deutschland verloren hat. In einem der furchtbarsten Elfmeterschießen, das ich je miterleben musste. "Wieder einmal Glück gehabt, die Deutschen!", hätte man sich denken können. Stattdessen beschworen die Deutschen nach dem Aus gegen Frankreich ihr Pech, und inszenierten sich als Opfer der fußballgöttischen Ungerechtigkeit, anstatt zu erkennen, dass gegen Italien schon hätte Schluss sein müssen. Logischer- und auch gerechterweise!
Und Frankreich? Großartige Mannschaft, die es genauso verdient gehabt hätte, das Turnier zu gewinnen. Nominell vielleicht das stärkste Team dieser Euro, mit Glanzmomenten von Payet in den ersten beiden Spielen, dann kam Griezmann, der große Star dieser Euro; und in deren Schatten mächtige Aufblitzer von Sissoko, Coman, Pogba und Konsorten. Fußballherz, was willst du eigentlich mehr als dieses Frankreich?

Europameister werden zum Beispiel. Doch das sind die geworden, die es sich in den letzten 12 Jahren am meisten verdient haben. Sie werden Europameister, weil sie es vorher nicht geworden sind. So wie Deutschland erst 2014 die Versprechen eingelöst hat, die seit dem Sommermärchen von 2006 bestanden. Portugal ist verdienter Europameister. Das wird einem aber nur klar, wenn man über diese EM hinausblickt. Portugal musste in die Geschichte eingehen und diesen Titel holen. So wie Holland 1988 Europameister werden musste, weil sie 1974 und 1978 nicht Weltmeister geworden waren. Das ist vielleicht doch die fußballerische Gerechtigkeit: Dass Nationen, die sich um den Fußball verdient gemacht haben, irgendwann doch belohnt werden.

Und CR7? Er ist nun doch der beste Fußballer der Welt, ob man ihn mag oder nicht. Dass sich allerdings die mediale Berichterstattung nur um ihn dreht, als hätte er den Titel im Alleingang geholt, ist lächerlich. Nicht nur, weil er kein besonders tolles Turnier gespielt hat, und im Finale so gut wie gar nicht anwesend war (außer in der Coachingzone), sondern auch, weil dieses Ronaldo-Abfeiern Portugals Triumph alles Würdige nimmt. Nämlich auch viel von dem, was vor diesem Turnier passiert ist. Das ist schade. Aber Ronaldo wird das wurscht sein. Mir eh auch, so wie mir diese ganze EM eigentlich recht wurscht war.

Genießt still im Schatten von CR7: Fernando Santos

Freitag, 17. Juni 2016

Über die Hoffnung

Von Hegel gibt es bekanntlich den Satz, dass das Tragische an der Tragödie nicht ist, dass A Recht hat und B nicht, sondern dass beide Recht haben. Von Schneckerl Prohaska gibt es den folgenden Satz: "... Weil du oft sagst: gegen die haben wir keine Chance. Aber in Wahrheit rechnest du dir immer eine Chance aus!"

So weit eine solche Gegenüberstellung auch hergeholt scheint, Herbert Prohaska und Georg Wilhelm Friedrich Hegel haben mehr miteinander zu tun, als man zunächst glauben möchte. Die Tragik im Fußball liegt nämlich unter anderem auch darin, dass nicht immer der gewinnt, der gewinnen sollte. Gleichzeitig bezeichnet dieser Umstand die Hoffnung (für die Außenseiter) und die Angst (der Favoriten). Hoffnung und Angst treiben das runde Leder 90 Minuten lang zwischen A und B hin und her, die immer beide Recht haben.


Für Österreich hat das natürlich wieder bittere Folgen. Weil zunächst die Hoffnung die allergrößte war, und jetzt haben wir nicht einmal mehr Angst vor dem Ausscheiden, weil wir im Geiste (Hegel!) sowieso schon ausgeschieden sind. Unsere Chance ist jetzt eigentlich nur noch die, dass wir uns in unserer Grundbefindlichkeit der Erwartungslosigkeit suhlen können und urösterreichische Topoi abspielen können: "Warum immer wir?", "Die können ja sowieso nix.", "Zawos samma überhaupt dabei" etc.

Vollkommen fremd ist uns das, was die anderen kleinen Mannschaften auszeichnet (und eine solche sind wir - FIFA-Weltrangliste hin oder her): Froh sein, dabei sein zu dürfen und schauen, was geht. Sonst sind wir die Weltmeister des "Schauma moi", aber bei der Fußball-EM haben wir sogar das Schauen verlernt. Portugal - ein übermächtiger Gegner? Ohne Junuzovic und Dragovic eh keine Chance? Island viel zu stark? Ich würde sagen: Schauma moi!



--



Weil wir vorher von der Tragödie gesprochen haben: Die große Faszination am Sport überhaupt, am Fußball aber im besonderen, ist, dass der Erfolg des einen die Schmach des anderen bedeutet. Nirgends wird das deutlicher als beim Fußball mit seinen wenigen Toren. Was viele Nicht-Fußball-Fans und Amerikaner an diesem uns so lieben Sport bemängeln, nämlich seine ihm scheinbar inhärente Langeweile aufgrund der meist wenigen Highlights, ist in Wahrheit der Zunder des Zurückhaltenden. Mir fällt nämlich spontan auch keine Sportart ein, in der, je höher die Spielklasse ist, desto weniger Punkte (= Tore) gemacht werden.


Bei dieser EM fällt auf, dass die wichtigen Tore alle sehr spät gemacht werden. Denn je später der Zeitpunkt, desto wichtiger natürlich das Tor! Das wissen vor allem die Franzosen, die mir nach zwei Spielen trotz aller Probleme wirklich gut gefallen. Da ist Herz dabei und ein bisschen Hirn auch, gepaart mit krassen Entscheidungen des Teamchefs Dechamps. Dann noch der einzige wirkliche EM-Held bisher, nämlich Payet, der jetzt bei zwei Toren hält. So wie Bale (zwei geniale Freistöße) und der Rumäne Stancu (zwei Elfmeter). Sind die Franzosen gerade dabei, sich in einen Groove zu spielen? Wenn ja, wäre es vielleicht schlecht, im dritten Spiel, das jetzt reine Formsache ist, die dritte Garnitur rauszuschicken, und stattdessen unbekümmert zu versuchen, mehr Tore früher im Spiel zu erzielen.


Und England? Zitterpartie gegen die wirklich guten Waliser, ebenfalls spätes (sehr spätes) Erlösungstor durch Sturridge. Zwei halbwegs gute Halbzeiten in zwei Spielen - das wird in der KO-Phase zu wenig sein. Und aufs Elfmeterschießen verlässt man sich als Engländer besser nicht!

Deutschland hat das typisch unbeeindruckende Spiel gegen Polen hinter sich gebracht, was erwartbar war und im Falle der Deutschen wie immer genau gar nichts aussagt. Auffällig war bei den Deutschen bisher sowieso nur Jogi Löw.

Heute sehen wir auch wieder den Europameister, dessen Ziel es zu sein scheint, den Gegner durch einkreisen im eigenen Strafraum zum Eigentor zu zwingen. Die Tiki-Taka-Revolution droht, ihre Kinder zu fressen. Irgendwann sind Abschlüsse eben auch gefragt.

Italien hat mich ebenfalls wieder überrascht, die gegen den Mitfavoriten Belgien ein taktisch solides Spiel gezeigt haben (in gewohnter italienischer Manier), zeitweise aber offensivfreudig auftraten und zwei wirklich schöne Tore geschossen haben. Die Schönheit schießt zwar keine Tore, sagt man, aber ganz außer acht lassen sollte man sie deswegen auch nicht, denn Schönheit macht sympathisch. (Siehe Holland bei der EM 2008!)

Belgien ist übrigens weder sportlich noch ästhetisch weg vom Fenster, da erhoffe ich mir noch einiges. Ins Achtelfinale zittern und dann ins Finale marschieren - diese Story gibt es ja auch immer wieder.


Beeindruckend sind auch bei diesem Turnier wieder die sogenannten Außenseiter, die allesamt wirkliche Qualitäten aufs Spielfeld bringen. Slowakei, Wales, die Ukraine und, ja, auch Ungarn sind würdige Teilnehmer dieser Endrunde und können zu den Stolpersteinen werden, die gerade in der EM-Geschichte oft auch sehr weit gekommen sind.

Nur die Russen wirken irgendwie abgemeldet- ein Status, den man schon am Gesicht ihres Trainers ablesen kann. Aber jede Tragödie hat auch ihre Bösewichte, verlogene Kammerdiener, eifersüchtige Nebenbuhler. Wieso sollte es im Fußball anders sein?


Welche Rolle Österreich in diesem Stück spielt? Schauma moi...









Hat in diesem Stück mit Sicherheit die Hosenrolle: Der älteste EM-Spieler aller Zeiten Gabor Kiraly (40).





Donnerstag, 26. Juni 2014

Letzte Runde

Die Vorrunde neigt sich dem Ende zu. Die noch ausstehenden Entscheidungen sind unter "Eh schon wurscht" zu verbuchen. Da lohnt ein Blick auf die schon feststehenden Achtelfinalpartien!


Das Spiel Argentinien gegen Nigeria habe ich nur zur Hälfte gesehen. Also ich habe in Summe vielleicht 10 Minuten versäumt. Allerdings handelte es sich jeweils um die Anfangsphasen der Halbzeiten. Also habe ich von insgesamt fünf Toren nur eines gesehen. Das war das Freistoßtor von Messi kurz vor der Halbzeit. Großartig hineingezirkelt war das. Vor allem, weil nur wenige Minuten davor Messi den genau gleichen Freistoß geschossen hat, den Enyeama noch sensationell halten konnte. Beim zweiten mal war es eben dann ein Tor. Und fast hätte ich das auch nicht gesehen, weil ich dazu neige, mir Nachspielzeiten in der ersten Halbzeit zu sparen. Seit den letzten Spielen dieser WM bin ich da ein bisschen vorsichtiger geworden und werde es in Zukunft weiterhin sein! Aber auch was die Beginnzeiten betrifft, muss ich besser aufpassen. Das "Abtasten" funktioniert in Brasilien ein bisschen anders: Da schießt man erstmal ein Tor und schaut dann weiter. Und während man noch schaut, bekommt man auch schon wieder eines. Gut, ein 1:1 ist ungefähr ein 0:0, also passt das schon. Nichts versäumt, außer halt die Tore.


Argentinien scheint erwacht zu sein. Zumindest traute man sich zu, auch ein Weilchen ohne Lionel Messi zu spielen. Der Floh ist in eigenartiger Verfassung. Er hat bis jetzt kein besonders gutes Turnier gespielt, seine Mannschaft hält aber trotzdem bei drei Siegen und er selbst hat vier Tore in drei Spielen erzielt. Also rein von den Zahlen her gibt's nichts zu meckern. Hat er also doch ein gutes Turnier gespielt? Habe ich es nach der ersten Runde noch für vollkommen unmöglich gehalten, Argentinien im Finale zu sehen, kann jetzt schon wieder alles passieren.
Zu meckern gibt es auch nichts bei der Schweiz, die mit einem souveränen 3:0-Sieg gegen den Gruppenaußenseiter Honduras ins Achtelfinale eingezogen ist. Und Nigeria hat es trotz knapper Niederlage auch geschafft. Läuft ja alles wunderbar, und während wir die Gruppenphase langsam aber sicher hinter uns lassen und uns mit Wohlwollen an sie erinnern, wissen wir schon über die ersten Achtelfinalpartien Bescheid...


Da treffen zum Beispiel Costa Rica und Griechenland aufeinander. Hand hoch, wer darauf gewettet hat, dass es eines der beiden Teams ins Viertelfinale schafft! Ich wünsche jedenfalls Costa Rica alles Gute; sollte kein Turnier-Bammel einsetzen, müsste es gegen die Griechen klappen. Kann auch ein mühsames Unentschieden mit Elfmeterschießen werden, ich wünsche es uns aber nicht! Nicht wegen des Elferschießens, sondern wegen der 120 Minuten davor.

Argentinien trifft auf die Schweiz, das wird für beide Teams schwierig. Da aber Argentinien momentan im Aufwind und die Schweiz an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angekommen ist, wage ich keine andere Prognose als den relativ sicheren Sieg der Albiceleste. Messi schlurft 90 Minuten herum, macht aber trotzdem irgendwie drei Tore und wird wieder Man of the Match.

Die Niederlande ist die Mannschaft mit den bisher meisten erzielten Toren in diesem Turnier. Es könnte sein, dass sich dieser Trend fortsetzt, doch im Achtelfinale wartet ein harter Brocken: Mexiko. Allein das Duell der Coaches, van Gaal gegen Herrera, ist sein Geld wert. Ich hätte gerne eine Kamera, die das ganze Spiel nur die Trainerbänke filmt und die Reaktionen der beiden einfängt. (Ein Spiel in strömendem Regen würde noch für zusätzliche Dramatik sorgen.) Es gibt für dieses Spiel drei wahrscheinliche Varianten: Holland gewinnt knapp und glücklich, Holland gewinnt überzeugend und überraschend deutlich, oder Holland scheidet im Elfmeterschießen aus, weil der großartige mexikanische Tormann Ochoa seinem Heldenstatus gerecht wird. Zuckerl für den, der weiterkommt: Es wartet der Sieger aus Griechenland gg. Costa Rica!

Die Mannschaft mit den zweitmeisten Toren ist ... - na? Richtig: Kolumbien! Die dürfen im Achtelfinale gegen die bösen Urus ran. Ein hervorragendes Duell schon allein deshalb, weil hier ein Geheimfavorit der Herzen auf die große Buhmannschaft trifft - so verhält es sich zumindest in meiner Welt. Habe ich bisher Kolumbien wohlwollend verfolgt, so werde ich (nur für dieses eine Spiel) zum glühenden Verehrer der Cafetieros. Schon allein deswegen, weil Kolumbien jetzt die Mannschaft ist, zu deren Nationalhymne ich meinen tiefen Schluck Espresso trinken werde. So wie ich es bis jetzt - ich gestehe - bei den Italienern gemacht habe und nun nicht mehr tun kann.

Was sehe ich da noch? Brasilien gegen Chile! Das hatten wir ja vor vier Jahren schon mal. Da siegte Brasilien klar mit 3:0. Chile galt vielen damals als die Entdeckung des Turniers, und sie haben es wirklich geschafft, diesen Nimbus in dieses Turnier herüber zu retten. Ob es diesmal besser ausgeht für die Chilenen? Ich wage es zu bezweifeln, aber auf ein erneutes 3:0 würde ich nicht wetten wollen, denn wer gegen Kamerun ein Tor kassiert, der kassiert gegen Chile mindestens zwei!

Frankreich gegen Nigeria heißt eine weitere Achtelfinalpaarung, die bereits fest steht. Eigentlich spricht nichts gegen ein Weiterkommen der Franzosen, dafür war ihr Auftreten bisher zu souverän. Aber ja, auch Nigeria hat sich gebessert; ein Sieg gegen Frankreich wäre trotzdem eine Überraschung. Noch einmal der nigerianische Tormann Enyeama, noch einmal sein hysterisches Gekreische bei jedem gegenerischen Angriff!


Fürwahr: eine sehr südamerikanische WM ist das geworden. Das obere Viertel des Playoff-Baums ist gar nur mit südamerikanischen Mannschaften besetzt. Das heißt, dass mindestens eine davon im Halbfinale steht. Das heißt aber auch, dass drei davon vorher ausscheiden. Also eigentlich heißt das recht wenig. Wer geht uns überhaupt ab? Freilich, die Italiener hätten wir schon gebraucht, und die Engländer hätten sich zumindest das Achtelfinale und ein Ausscheiden im Elferschießen verdient gehabt. Portugal ist unglücklich ausgeschieden und auch sie gehen uns ab, weil es eine absolut KO-taugliche Mannschaft ist. Spanien, der amtierende Weltmeister, hätte es sich rein vom Papier her verdient, glorreicher auszuscheiden.

Aber weinen wir nicht jenen nach, die uns kein Fußballgott mehr zurückbringen kann. Erfreuen wir uns an wiedererstarkten Franzosen, den Immer-noch-Geheimfavoriten Belgien und den Überraschungsmannschaften aus Kolumbien und Costa Rica, die da auch ein bisschen mitmischen wollen. Und was wir uns von den USA erwarten dürfen, wissen wir spätestens nach dem heutigen Spiel gegen Deutschland!

Mittwoch, 25. Juni 2014

Fleisch und Knochen

Da ist ja wirklich alles dabe, bei dieser WM. Aber wie viel kann der Zuschauer überhaupt ertragen? Langsam wird's wahnsinnig...


Ich habe gegen Anfang dieser WM geschrieben, dass wir bald wissen werden, wer die Helden und Schurken dieses Turniers sein werden. Die letzten beiden Tage haben uns diesbezüglich einen sehr deutlichen Hinweis gegeben. Auch wenn wir dazu neigen, im Sinne einer dramatischen Inszenierung gerne Schwarz-weiß-Malerei zu betreiben: Ganz astreine Helden und Schurken produziert dieses Großereignis natürlich nicht. Und nach einer bisher atemberaubenden Vorrunde droht die WM ein allzu vorhersehbares Ende zu nehmen...


BRA - CAM 4:1


Das war also die große Neymar-Show. Und wie beeindruckend sie war! Nicht nur, dass der Manga-Neymar zwei Tore geschossen hat und jetzt wieder die Torschützenliste anführt. Nein, er hat auch deutlich gezeigt, dass ohne ihn bei Brasilien recht wenig geht. Der Stoff, aus dem Helden sind: Einer nimmt sich der Sache an, hat Mut und reißt die anderen mit. Tatsächlich hat Neymar gewirkt als wäre die WM für ihn eine einzige unbeschwerte Party. Er war gut drauf, ließ sich zu Scherzen hinreißen, posierte in der Halbzeitpause für Fotos auf dem Weg in die Kabine... Neymar, das WM-Maskottchen. Etwas besseres kann dem Turnier, vor allem aus brasilianischer Sicht, nicht passieren.

Und trotzdem bleibt ein fahler Beigeschmack. Irgendwie ist Neymar zu wenig "Fleisch und Knochen", wie Oli Kahn es in Bezug auf etwas ganz anderes formuliert hat (s.u.). Er ist tatsächlich ein Maskottchen, er sieht nicht nur so aus. Klar, er macht seine Tore. Aber die Abhängigkeit der Brasilianer (sowohl auf dem Platz als auch emotional) ist gefährlich. Siehe Argentinien, das ohne Messi überhaupt nicht funktioniert. Auch Messi hat bis jetzt "geliefert", ohne dass er gut gespielt hätte. Rein von den Ergebnissen her kann man weder Neymar noch Messi irgendeinen Vorwurf machen. Allein, es kommt mir alles zu wenig vor. Wenn aber Brasilien so weitermacht, dann werden sie Weltmeister, getragen von einer Welle der Begeisterung, wie nur Neymar sie auszulösen vermag. Und sonst werden sie halt Weltmeister der Herzen...


NED - CHI 2:0


Apropos Weltmeister der Herzen. Das ist Holland ja seit dem letzten WM-Finale nicht mehr. Und immer noch fällt dem ORF-Kommentator (ich glaube, es war Oliver Polzer - oder Boris Kastner-Jirka, ich kann die beiden Mickymaus-Stimmen eh nie auseinander halten) zu Nigel de Jong nichts anderes ein als irgendwas mit "Kung-Fu"-Attacke etc. Weil das ewige Herumreiten auf vorgefertigen Schemata nervt (de Jong ein übler Treter, Robben hat nur Einser-Schmäh etc.), schalte ich auf ZDF um und bin erleichtert, als keine zwei Minuten später der dortige Kommentator de Jongs Stellungsspiel und Übersicht lobt. Dass ein Sechser oft ein Raubein ist, ist geschenkt. Dass de Jong nicht immer die angenehmsten Fouls begeht, auch. Aber wenn einem zu diesem Spieler nicht mehr einfällt, dann bedient man Gemeinplätze und spielt Kronenzeitung.

Ansonsten haben die Niederländer wieder gezeigt, dass sie auch mit einem destruktiven Ansatz so gewinnen können, dass es aussieht, als hätten sie das Spiel tatsächlich dominiert. Eine Lehrstunde für alle zukünftigen Gegner von Chile war das allemal. Und Holland schlingert bei diesem Turnier irgendwo zwischen 2008 und 2010 umher, mit leichten 2012-Phasen. Soll heißen: Ein aufregendes, offensivbetontes Spiel nach vorne wechselt sich mit einem vorsichtigem, abwartendem Defensiv- und Kontergeplänkel ab, und dann und wann gibt es Phasen, in denen weder vorne noch hinten irgendwas zusammenläuft. Insofern ist Holland schwer einzuschätzen, obwohl sie bis jetzt die einzige Mannschaft mit drei Siegen ist. Vom Finale bis zum Ausscheiden im Achtelfinale ist jetzt alles drin!


ITA - URU 0:1


Ich habe weiter oben geschrieben, dass nun alles danach aussieht, dass diese WM ein allzu vorhersehbares Ende nimmt. Das Ausscheiden Italiens ist ein erstes Anzeichen dafür, denn tatsächlich scheint sich der prognostizierte Südamerika-Vorteil bemerkbar zu machen. Uruguay hat nach einem total versemmelten ersten Spiel und einem furiosen zweiten nun die Aufgabe gehabt, die italienische Abwehr zu knacken. Denn Italien hätte zum Weiterkommen nur ein Unentschieden benötigt, und schnell war klar, dass genau das ihr Ziel war: das 0:0 zu halten. Das war mir ein bisschen zu viel Italien, wie es früher einmal gewesen ist. Auch hier zu wenig "Fleisch und Knochen", mehr bröseliges Gerippe. Uruguay tat sich trotzdem schwer, bekam aber ein Geschenk vom Schiedsrichter, der Marchisio nach einem normalen Gelb-Foul mit der roten Karte bediente. Urs Meier und Oli Kahn in der Analyse der Situation: Nicht rot-würdig, weil nicht zur bisherigen Linie des Turniers passend, der Wichtigkeit des Spiels nicht angemessen, und überhaupt das Foul hatte "zu wenig Fleisch und Knochen" (Kahn).

Egal, Italien zu zehnt spielt wie Italien zu elft, wenn es nur verteidigen muss. Dass dann Suarez, nachdem er sich im Spiel gegen England zum Helden seines Landes gemacht hat, Chiellini in die Schulter beißt, und das natürlich niemand gesehen hat, ist typisch. Es erinnert mich an meine Kindheit und die vielen Wrestling-Matches, die man gesehen hat, von denen man glaubte, sie wären nicht inszeniert. Da lenkt der Manager des Bösewichts den Ringrichter ab, während der Bösewicht dem Guten einen Klappstuhl um die Ohren schlägt. Umgekehrt wird jede fragwürdige Aktion des Guten sofort vom Ringrichter abgemahnt. Meist endet es damit, dass beide Akteuere erschöpft am Boden liegen, samt Ringrichter, weil auch der bei irgendeiner Aktion bewusstlos geworden war, und der Gute versucht einen Pin, den der Ringrichter aber nicht zählen kann, weil er ja noch so benommen ist. Da kommt dann der Manager des Bösen mit Klappstuhl, schlägt ihm den Guten auf den Kopf, der Böse erwacht gleichzeitig mit dem Ringrichter aus der Bewusstlosigkeit, pinnt den Guten und der Kampf ist gewonnen. So, oder so ähnlich war es auch mit Suarez und Uruguay.


Italiens Ausscheiden ist traurig, weil immer noch die erste halbfinalreife Partie gegen England nachklingt. Und das betrifft beide Mannschaften. Italiens Ausscheiden geht aber auch in Ordnung, das haben die letzten beiden Partien gezeigt. Dass jetzt der Außenseiter Costa Rica und das grausige Uruguay weiter sind, ist hoffentlich keine Plotkonstruktion, die den Rest des Turniers halten wird. Denn letzt läuft diese WM Gefahr, zu kippen: Jetzt kann es so sein, dass immer die Mannschaft, die man sich zu seinem momentanen Favoriten erwählt hat, gegen eine Pfui-Mannschaft ausscheidet. Vorsicht also Frankreich, vorsicht Holland! Ich halte große Stücke auf euch!
Und am Ende steht Deutschland gegen Brasilien im Finale und sie revanchieren sich für die verpatzte Heim-WM vor 8 Jahren. Ein schweißtreibender Albtraum! Denn bei aller spielerischer Fragwürdigkeit, darf man nicht vergessen, dass Deutschland eines hat: Fleisch und Knochen!



Held der letzten zwei Tage:
Neymar, der Unbeschwerte. Nur, wenn er bis zum Schluss so weitermacht, kauf ich ihm den Schmäh ab.

Buhmann der letzten zwei Tage:
Luis Suarez, wer sonst? Die Hackfresse von Uruguay, der Beißer von Natal - ein Mensch aus Fleisch und Knochen, doch ohne jede Moral.

Samstag, 21. Juni 2014

Die Unwägbarkeiten eines Turniers

Wer dachte, die WM wird nach der ersten Runde in die bequemen Gefilde durchschnittlicher Unterhaltung zurückfallen, der hat sich geschnitten. Eigentlich wird's immer besser.


Auf nichts kann man sich verlassen bei dieser WM! Nicht mal auf Italien, und so lässt uns ein weiterer "Großer" nach Spiel zwei ein wenig ratlos zurück. Wie schon Brasilien, wie schon England, Spanien, Holland und Uruguay. Wir kratzen uns am Kopf und wissen nicht, wem wir als nächstem unser volles Vertrauen schenken sollen. Auf das Argentinien-Spiel warten wir noch, auf Deutschland eh auch. Und ehe wir uns versehen, kommen auf einmal die Franzosen daher und stehen nach zwei Spielen mit drei Punkten und einem Torverhältnis von 8:2 da. Aber alles der Reihe nach...

CRC - ITA 1:0


Tatsächlich haben die Ticos das eigentlich Unmögliche geschafft und stehen nach zwei Spielen als Sieger der im Vorhinein als sehr schwierig eingeschätzten Gruppe D fest. Bitte was? Costa Rica? Gegen drei Ex-Weltmeister? Gegen das grundsolide Italien, das neu erstarkte England und den WM-Vierten von Südafrika? Wer darauf gewettet hat, dem sei gratuliert, denn das hätten sich die Costa Ricaner wohl selbst nicht zugetraut.
Mehr als ich über die Ticos verwundert bin, bin ich von den Itakern enttäuscht. Zuerst habe ich mich gefreut, weil der im ersten Spiel eine so unglückliche Figur machende Paletta nicht dabei war. Dass sich Italien aber dann so steif und klobig präsentieren würde, war doch überraschend. Vielleicht war es der Schiss, gegen die furchtlosen Costa Ricaner zu viel zu riskieren?

Die "kleinen Teams", gegen die man technisch nicht auf Augenhöhe spielen kann, gegen die man sich aber taktisch einiges überlegen muss, und die am Ende immer den psychologischen Vorteil haben, das sind die vorläufigen Gewinner dieser WM. Das ist erstmal schön und gut so.
Die "Großen" aber wachsen mit ihren Aufgaben und spielen ihren besten Fußball immer dann, wenn es gegen die gefährlichsten Gegner geht und das Spiel am wichtigsten ist. Diesem Druck der Okkasion können am Ende Teams wie Costa Rica oder Kolumbien nicht standhalten. Das behaupte ich jetzt trotz des Wissens, dass es bei dieser WM noch jedes Mal anders gekommen ist als erwartet!

Die Gruppe D allerdings wird noch spannend. England ist einmal draußen, aber wer folgt Costa Rica ins Achtelfinale? Im direkten Duell, das ein praktisches Sechzehntelfinale ist, stehen sich jetzt zwei Teams gegenüber, die in zwei Spielen völlig unterschiedliche Seiten gezeigt haben: Uruguay und Italien. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass die Entscheidung um den Achtelfinalplatz etwas mit den Namen Balotelli und Suarez zu tun haben wird. Somit hat das Spiel jetzt schon einen bitteren Beigeschmack; es schmeckt ein wenig schandhaft und gefährlich. Wie die Luft vor einem Gewitter. Wie jener italienische Aperitiv, der den Namen Pirlo trägt. Ich behaupte: Das wird ein Knaller!


FRA - SUI 5:2


Interessant, wenn man sich die Statistiken zu diesem Spiel anschaut: Frankreich hatte weniger Ballbesitz, was nach der Überwindung von Tikitaka tendenziell als ein gutes Zeichen zu werten ist (s. Salzburg, s. Holland). Denn schließlich kommt es darauf an, was man mit dem Ball macht, wenn man ihn erstmal hat; ob man ihn in den eigenen Reihen herumschiebt, oder den Zug zum Tor sucht. Den suchte Frankreich, und während sich "Les Bleus" auf eine erfolgreiche WM-Kampagne eingroovten, wurde der Schweizer Stern engültig in der französischen Offensivmaschine zerrieben. Dabei schossen die Franzosen nur 5 Mal öfter als die Schweizer, dafür doppelt so oft aufs Tor. Das zeigt, dass die Schweiz oft nur aus Verlegenheit den Ball Richtung Tor holzten - ein Beweis auch für die funktionierende Defensivleistung der Franzosen. Die beiden Tore für die Schweiz fielen ja erst in den letzten 10 Minuten des Spiels, wo eh schon alles wurscht war.

5 Tore von 5 verschiedenen Spielern - auch das sind immer gute Nachrichten, denn es zeigt, dass Frankreich nicht von einem Benzema abhängig ist, obwohl dieser seine gute Form aus der Ligasaison in die WM hinüberretten konnte. War das erste Spiel der Blauen noch nicht aussagekräftig genug, weil es gegen den Gruppenaußenseiter Honduras ging, wird sich die wahre Größe der Franzosen kurioserweise im letzten Gruppenspiel gegen Ecuador zeigen. Da greift nämlich jener Effekt, den ich oben beschrieben habe. Frankreich hat sich nämlich nach nur zwei Spielen rehabilitiert und weiß sich jetzt wieder dort, wo es lange gewesen ist: Inmitten der großen europäischen Fußballnationen. Vielleicht ein bisschen hinter Deutschland, aber wie es momentan aussieht neben Italien und Holland, und sogar noch über England und Spanien. Ein schöner Platz ist das - jetzt nur nicht nervös werden!



Held des Tages:
Bryan Ruiz, der mit seinem Treffer gegen Italien nicht nur seiner eigenen Nation einen schönen Tag bescherte, sondern einer anderen (England) gleichzeitig das fixe WM-Aus garantierte. UND: Wir bekamen wieder mal ein bisschen Torlinientechnologie aus Deutschland zu sehen! Viel mehr kann man mit einem Tor nicht erreichen!

Buhmann des Tages:
Cassano, von dem ich dachte, Italien käme ganz ohne ihn aus. Er steht für die schmutzige Berlusconi-Ära. Eine zwielichtige und grausame Figur, nicht nur optisch sondern auch menschlich!

Mittwoch, 18. Juni 2014

Zwischenrunde


Erste Runde geschafft und der Gastgeber wackelt zum ersten Mal.


Mit den gestrigen Spielen aus der Gruppe H haben wir den ersten Durchgang beendet und konnten uns ein Bild von allen Mannschaften machen. Von einigen ein besseres als von anderen, aber doch sind erste Tendenzen zu erkennen:
Von den großen Favoriten überraschten uns Spanien und Argentinien negativ. Den Spaniern gelang es nicht, gegen entfesselte Holländer auch nur irgendein Spiel aufzuziehen und Argentinien startete mit seltsamer Taktik in eine verschlafene erste Partie gegen einen Zwergenstaat. Von Deutschland haben wir wenig gesehen, aber das, was wir gesehen haben, war gewohnt gut und wird sich in den nächsten beiden Gruppenspielen wohl noch festigen müssen. Italien hat bisher am meisten überzeugt, denn sie haben gegen ein überraschend gefährliches England eine hervorragende Partie gespielt. Bei Brasilien tut man sich jetzt schon ein bisschen schwerer, da deren zweites Gruppenspiel gegen Mexiko gestern Abend einige Fragezeichen hinterließ.

BRA - MEX 0:0


Tatsächlich schafften es die Brasilianer nicht, Mexiko zu biegen. Dass Mexiko seinerseits zu Chancen kommen würde, war spätestens nach den ersten Spielen beider Mannschaften klar. Mexikos Trainer Herrera hat seine Mannschaft gegen Brasilien aber hervorragend eingestellt, besonders was die Bewachung Neymars betrifft. Das war nicht immer schön anzusehen, aber es war klug und letzten Endes sehr erfolgreich. Die Brasilianer sind aber vor allem an Mexikos Keeper Ochoa gescheitert, der eine glanzvolle Partie spielte und somit für seine Mannschaft das Optimum herausholte.

Wir haben das zweite 0:0, das aber um viele Klassen besser war als jenes zwischen Nigeria und dem Iran. Brasilien überraschte eigentlich nur frisettentechnisch, denn Dani Alves ergraute über Nacht (vor Schreck? Ich kann es mir nicht vorstellen) und bei Neymar war auch irgendwas anders. Aber da letzterer sowieso aussieht wie gezeichnet, macht das nicht so viel. Ich halte von Neymar ja nicht viel, das ist mir zu viel Hype bei vergleichsweise wenig Substanz. Und WM-Helden, das sind meistens immer die geworden, von denen man es sich eh nicht wirklich erwartet hatte.

Das Spiel gestern war ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man den großen Mannschaften mit viel taktischer Disziplin gehörige Probleme bereiten kann. Wie sich das heute im Falle Australiens gegen die Niederlande ausnimmt, werden wir ja sehen...

War da noch was? Aja, wieder ein Spiel von einer dieser asiatischen Mannschaften gegen die unsympathischen Russen. Hab ich mir gespart und werde wohl nicht der Einzige gewesen sein...


Held des Tages:
Guillermo Ochoa, an den ich mich erst gewöhnen muss (nicht nur frisürlich). Denn für mich gab und gibt es nur einen echten mexikanischen Torhüter. Und der heißt Jorge Campos!

Buhmann des Tages:
War sicher einer vom Spiel Russland gegen Südkorea. Ich habe es nicht gesehen, aber was macht das schon?


Was noch aufgetaucht ist: Joe Hart verlangt nach dem Pirlo'schen Wunderfreistoß nach dem Ball:




Sonntag, 15. Juni 2014

Pura vida

Der autistische Zauberer hielt wieder Audienz in einem programmierten Spitzenspiel. Die erste wirklich große Überraschung folgte der ersten großen Überraschung und ein märchenhaftes Costa Rica zerstört die unnötigen Urus. Wann wird diese WM endlich fad?


Es war ein unmenschlicher Tag, selbst für die beflissensten WM-Schauer. Denn das nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit beste Spiel (England gegen Italien) sollte erst um zwölf Uhr nachts zu sehen sein. Davor war man angehalten, sich mit Kolumbien gegen Griechenland und Costa Rica gegen Uruguay zu beschäftigen. Wir kennen diese WM jetzt drei Tage und mittlerweile wissen wir, dass sie uns keine Spiele schenkt, die nicht sehenswert wären. Aber wer dann noch Japan gegen Elfenbeinküste erlebt hat, muss sich einen Suchtvorwurf gefallen lassen.

COL - GRE 3:0

Doch auch gestern begeisterten selbst die "kleinen Spiele": Die beherzt auftretenden Kolumbianer verzückten nicht nur ihre Fans, die wiederum uns verzückten, sondern lösten ein, was mancher vorher schon für möglich gehalten hat: Dass hier die wahrscheinlich beste kolumbianische Mannschaft seit Jahren antritt. Griechenland ist ja nicht gerade als spielerischer Crowd-Pleaser bekannt und wenn so ein Team im ersten Spiel von einer erfrischenden, launig aufspielenden halb-exotischen Mannschaft aufgemischt wird, deren Fans vor Ort durch ihren einzigartigen Enthusiasmus jeden in Begeisterung versetzen, dann läuft etwas richtig!

Ich weiß nicht, ob man ihnen deswegen allzu viel zutrauen sollte. Aber sie surfen jetzt auf einer Welle, die sie selbst erzeugt haben. Denn Kolumbien verkörpert das, was Kamerun sein könnte, wenn ihnen nur das Fußballspiel ein wenig wichtiger wäre als interne Hahnenkämpfe und Selbstmitleid. Sie lassen sich tragen von der eigenen Begeisterung am Spiel und der ihrer Anhänger. Wir freuen uns schon auf den nächsten Auftritt dieser sympathisch aufspielenden Truppe aus der zweiten Reihe der südamerikanischen Teams, für die das heuer alle irgendwie eine Heim-WM werden könnte. Die Stimmung jedenfalls passt schon mal.

(Später hat in dieser Gruppe noch die Elfenbeinküste einen 0:1-Rückstand gegen Japan aufgeholt. Aber diese Partie dürften wohl nur ein paar Schichtarbeiter gesehen haben...)


URU - CRC 1:3

Nach der "ersten großen Überraschung", dem Kantersieg der Niederländer gegen Spanien, folgte tags darauf die "erste wirklich große Überraschung" - die Niederlage des WM-Vierten gegen den kompletten Außenseiter Costa Rica. Uruguay heißt heuer dauernd "der Weltmeister von 1950", was eigentlich lächerlich wäre, gäbe es da nicht die Geschichte mit dem Finale gegen Brasilien im Maracana-Stadion, die als  das große Trauma das brasilianische Fußballselbstverständnis quält. Aber der "Weltmeister von 1950" wird der Weltmeister von 1950 bleiben, denn die Gruppe D ist nicht nur nominell zu stark besetzt. Wer sich von Costa Rica so vorführen lässt, der hat große Mängel zu beseitigen! Das wird sich in den kommenden drei Spielen aber nicht bewerkstelligen lassen. Die Einschätzung, dass Uruguay weit von der Form von vor vier Jahren entfernt ist, hat sich als richtig erwiesen. Und das ist gut so.

Denn die unsympathischen Urus sind Faulenzer und Falschspieler. Ihr uninteressiertes und uninspiriertes Auftreten gipfelte im Sinnlosfoul von Perreira, der daraufhin die erste rote Karte des Turniers sah. Neben Suarez, den ich seit dem Spiel gegen Ghana hasse, und der sich nie mehr rehabilitiert hat, hab ich nun auch in Diego Lugano einen "Buhru" erkannt. Mit den gestern unsichtbaren Diego Forlan konnte ich ohnehin nie wirklich was anfangen, auch wenn er noch der Erträglichste der Urus war. Uruguays veritabler Höhenflug findet nach der nicht überzeugenden Qualifikation hier in Brasilien endgültig sein Ende, und das ist gut so.

Ein Märchen hingegen wurde für Costa Rica war. Die Ticos, deren Philosophie des "pura vida", des reinen Lebens, im Fußball so zum Ausdruck kommt, dass man die Außenseiterrolle genießt, weil man so in einer schweren Gruppe unbeschwert aufspielen kann, haben ein Ausrufezeichen gesetzt. Ich bezweifle, dass noch ein weiterer Glanzpunkt folgen wird, aber England und Italien haben gesehen, dass man sich keine müde Partie leisten kann gegen vermeintliche Fußballzwerge. Nicht bei dieser WM! Dass die Gefahr eines nachlässigen Auftretens aber gar nicht so groß ist, zeigten die beiden europäischen Mannschaften am Abend im "Rumble in the Jungle", im Amazonas-Stadion von Manaus.


ENG - ITA 1:2


Wieder war es Andrea Pirlo, dessen faszinierender Präsenz ich meine Blicke vor allem widmete; sieht er doch aus wie ein Magier, ein Druide, Naturgott des Schlenzers, Beherrscher des Raumes, der erst entsteht, weil er ihn kreiert. Freilich ist er auch ein Magier, und am besten wird sich gestern Joe Hart, der englische Torhüter daran erinnert haben. Denn es war Pirlo, der ihn in einem denkwürdigen Elfmeterschießen mit einem Schmäh düpiert hat, obwohl Hart eigentlich ihn (oder wie Schneckerl sagen würde: ihm) am Schmäh halten wollte. Aber nicht mit Pirlo, dem Allmächtigen!

Eigentlich sieht Andrea Pirlo aus wie ein Psycho; einer, der dich streichelt, während er dir langsam die Luft wegdrückt, und der dabei kaum merklich lächelt - aber nur mit dem Mund und nie mit den Augen! Pirlo, der das Aufwärmen vor dem Match als Masturbation für Konditionstrainer ansieht, trabt wie ein Hüftkranker über den Platz und beobachtet stoisch den Ball. Dann bekommt er ihn, dreht sich um und schlägt einen Pass in einen Raum, der vorher nicht da war. Jemand, der das zum ersten Mal sieht, muss sich vorkommen wie in der Matrix. Aber nicht nur, dass er den Pass perfekt und schlau spielt, er nimmt mit seinem Pass auch die folgende Aktion des Passempfängers vorweg. Ja, er spielt den Pass so, dass der Empfänger den Ball gar nicht anders annehmen kann als so, dass er mit dem nächsten Schritt genau das macht, was Pirlo mit ihm vorhatte. Es ist, als passte sich Pirlo selbst zu. Vielleicht lernt man sowas beim vielen Playstation spielen, denn genau so sieht es aus, wenn Pirlo spielt: Wie ein sauguter Playstation-Zocker, der mehrere Spieler gleichzeitig kontrolliert.

Ich weiß nicht, wie Pirlo reagiert, wenn er auf der Playstation ein Tor erzielt. Im wahren Match, bei der WM, jedenfalls passiert folgendes: In einem einstudierten Eckball-Trick steigt Pirlo aus dem Lauf über den auf ihn zurollenden Ball drüber und lässt ihn so zu Marchisio durch. Dabei folgen zwei bis drei englische Abwehrspieler dem Laufweg Pirlos und räumen so das Schussfeld für Marchisio, der draufhält und trifft. Für solche Aktionen muss es irgendeine geheime Tastenkombination geben, denn es sieht alles so natürlich und harmonisch aus, dass sich sogar der, der den Trick schon kennt, verarscht vorkommen muss. Beim Torjubel dann trottet Pirlo auf die Traube der Jubelnden zu und lässt sich hineinfallen wie ein Autist, der gelernt hat, dass man so ein Tor zu feiern hat. In seinem Gesicht aber regt sich nichts. Er schaut drein wie jemand, dem man erzählt, man habe im Fell seiner Katze eine Zecke gefunden.
Beeindruckend war auch eine andere Szene, in der Pirlo erneut genial zu Balotelli abspielt. Der versucht sich dann an einem saufrechen, aber eben auch sauguten Heber, der gerade noch weggeschlagen werden kann. Das sind Aktionen, die daran erinnern, was diese Mannschaft vor zwei Jahren bei der Euro gezeigt hat: Das Spiel der Kinder. Nicht Catenaccio, sondern Calcio!

Beeindruckend war aber auch diese junge englische Mannschaft. Vor allem Sterling und Sturridge, letzterer Schütze zum postwendenden Ausgleich nach Rooney-Flanke. Ersterer erinnert mit seiner Unbekümmertheit trotz jungen Alters an David Alaba. Rooney hingegen ist wieder einmal ein Schatten seiner selbst. (Bezeichnend war sein Eckball ins Toraus!) Und auch der alte Gerrard hat schon einmal bessere Zeiten gehabt, auch wenn er nach wie vor dem englischen Spiel vor allem in der Abwehr Stabilität gibt. Seine bezeichnende Szene: Beim Spielaufbau stolpert er über den Schiedsrichter; die Folge ist ein Ballverlust...

Es ist schön zu sehen, wie England blitzschnell über die Seiten kommt und dann mit hohen Bällen vors Tor den Abschluss sucht. Klassisches Kick and Rush sieht stumpfer aus; das ist eine moderne Variante davon, die enormen Druck auf die Außen des Gegners machen kann. Auch die Schüsse aus der zweiten Reihe (Henderson, Sterling) sind wie Erinnerungen an eine Zeit, in der Fußball noch weniger kompliziert war. Wenn England so weiter macht, wird es auch was mit dem Elfmeterschießen in der KO-Phase.


Italien agiert wieder erstaunlich abgeklärt. Es gibt kaum eine Spielsituation, in der die Italiener unsicher wirken. Einzige Ausnahme ist Gabriel Paletta, der fast zwei Elfer verschuldet hätte und einmal bei einer Rooney-Chance die Abseitsfalle aufgehoben hat. Er hat schütteres Haar und das werden auch bald die Italien-Fans haben, wenn sie ihm weiter bei solchen Aktionen zusehen müssen und zurecht ihre Haare raufen.


Im Großen und Ganzen war das ein richtig geiles Match von beiden Mannschaften. England hätte sich zwar den Ausgleich verdient, aber trotz Auftaktniederlage muss man sich um die Engländer keine Sorgen machen. Es waren unterschiedliche Ansätze zweier Mannschaften, die sich beim Aufeinandertreffen nicht gegenseitig aufheben oder zerstören. Es war eine weitere Einlösung eines großen Versprechens, das die Partie "England gegen Italien" immer war und immer sein wird.
Und es endete mit einem weiteren Streich des Magiers: Ein Pirlo-Freistoß fliegt über die Mauer, Tormann Hart bewegt sich in sein rechtes Eck. Aber just als er dorthin eilen will, scheint es sich der Ball anders zu überlegen und steuert auf das linke Eck zu. Er trifft dort nur die Latte. Pirlo blickt mit leeren Auge hinterher. Auf der Playstation hat das besser funktioniert...

Mittwoch, 11. Juni 2014

Exotisches

Manchmal ist Fußball wie guter Wein. Oft aber ist er auch wie schlechtes Bier. Irgendwo dazwischen - zwischen Italien und Japan - liegt der exotische Esprit der Gruppen C und D.


Hatte die Gruppe A schon einiges an Exotik zu bieten, schillert die Gruppe C in allen Farben: Die Teams aus Kolumbien, Griechenland, der Elfenbeinküste und Japan haben keine augenscheinlichen Gemeinsamkeiten. Auch fußballerisch sind sie mehr oder weniger nichts sagend. Umso mehr verwundert es da, dass Kolumbien den Gruppenkopf gibt, also nach Logik der Auslosung auf dem Papier die stärkste Mannschaft stellt. Tatsächlich wage ich aber zu behaupten, dass zwischen diesen vier Mannschaften kaum ein Klassenunterschied besteht. Hier wird sich jeder gegen jeden schwer tun, und am Ende werden die Griechen aufsteigen, weil sie in Summe ein Tor mehr geschossen als sie bekommen haben.

Das Team von Kolumbien wird diesmal relativ stark eingeschätzt. Ich kann mir vorstellen, dass Kolumbien es ins Achtelfinale schafft - die Gruppenauslosung allein macht dies wahrscheinlich. Aber ehrlich gesagt verbinde ich Kolumbien immer noch mit Carlos Valderrama und Andres Escobar. Der eine war der schillernde Star der Mannschaft von 1994, die aber über die Gruppenphase nicht hinauskam. Der andere war der unglückliche Eigentorschütze im Spiel gegen die USA, der dieses Missgeschick erschreckenderweise mit dem Leben bezahlen musste. Er wurde nach der WM in seiner Heimatstadt in einer Bar erschossen.
Auch wenn viele davon sprechen, dass Kolumbien wieder "Geheimfavorit" sei, muss das Team froh sein, wenn es die Gruppenphase übersteht. Geheimfavorit waren sie schon '94 - nach Aussage von Pelé. Und ansonsten war jedes Mal im Achtelfinale Schluss.

Japan und Griechenland sind beides Teams, die ärgerlichen Fußball spielen, und genau deswegen könnten sie sich in der Gruppe C durchsetzen. Kolumbien könnte wiederum der "falsche Heimvorteil" zugute kommen. Die Elfenbeinküste wird sich wieder selbst zerstören. Schade für den großartigen Didier Drogba, der nach der WM die Schuhe an den Nagel hängen will.
Ehrliches Bemühen zahlt sich in dieser Gruppe aber aus, denn im Achtelfinale warten schlagbare mögliche Gegner, denen es jedes Team in dieser Exotenansammlung schwer machen kann.

--

Damit zu Gruppe D, in der uns schon am ersten Spieltag ein Klassiker erwartet. England gegen Italien - das spielte man in den 90ern in Kinderzimmern gegeneinander, denn im echten Leben gab's das Duell das letzte Mal bei der Euro 2012, da gewann Italien bzw. verlor England im Elfmeterschießen. Gut für die Engländer, dass es in der Vorrunde kein Elfmeterschießen gibt...

Italien hat sich bei der letzten Euro zu einer neuen Liebschaft von mir entwickelt. Auch wegen Andrea Pirlo. Ob sich das allerdings bei dieser WM fortsetzen wird, darf bezweifelt werden. Wir wollen jedenfalls wieder Calcio statt Catenaccio! Guten Rotwein statt Lambrusco in Kübeln! Obwohl Lambrusco in Kübeln ja auch Spaß machen kann, während ein schwerer Rotwein oft einschläfernd wirkt...

Beweisen müssen sich die Italiener weniger gegen England als gegen Uruguay. Die waren die große Überraschung vor vier Jahren, verloren letztlich im Spiel um Platz drei gegen Deutschland. Einzig der garstige Suarez bleibt unangenehm in Erinnerung.
Costa Rica, da lehne ich mich jetzt ganz weit aus dem Fenster, wird in dieser Gruppe keine Chance haben.

So ist diese Gruppe mit drei großen Namen besetzt, von denen aber momentan keiner auf Augenhöhe mit Brasilien, Argentinien oder Deutschland agiert. Einzig die Italiener haben als Deutschland-Schreck das Potenzial, den KO-Baum ein wenig zu rütteln. Allein, er wird dann schon sehr klein geworden sein, denn die beiden treffen frühestens und spätestens im Finale aufeinander...



Worauf wir uns freuen können:

Die Gruppe C bleibt wahrscheinlich sensationslos. Einzig überraschend souveräne Kolumbianer könnten uns ein bisschen Freude machen.
Freuen dürfen wir uns auf die Italiener, wenn sie wieder Calcio spielen. Auf Andrea Pirlo, den coolen Hund. Und vielleicht auf die Engländer, wenn sie plötzlich etwas finden, was sie die letzten Jahre gesucht haben: Ihre Identität als Mutterland des Fußballs.


Was wir lieber nicht sehen wollen:

Wenn sich die Griechenlandspiele wieder so ausnehmen wie in den letzten Jahren, bin ich geneigt, abzuschalten. Vor allem gegen solche Gegner.
Suarez wollen wir lieber auch nicht sehen. Oder er rehabilitiert sich mit irgendwas Sympathischen. Schwer zu glauben!