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Freitag, 17. Juni 2016

Über die Hoffnung

Von Hegel gibt es bekanntlich den Satz, dass das Tragische an der Tragödie nicht ist, dass A Recht hat und B nicht, sondern dass beide Recht haben. Von Schneckerl Prohaska gibt es den folgenden Satz: "... Weil du oft sagst: gegen die haben wir keine Chance. Aber in Wahrheit rechnest du dir immer eine Chance aus!"

So weit eine solche Gegenüberstellung auch hergeholt scheint, Herbert Prohaska und Georg Wilhelm Friedrich Hegel haben mehr miteinander zu tun, als man zunächst glauben möchte. Die Tragik im Fußball liegt nämlich unter anderem auch darin, dass nicht immer der gewinnt, der gewinnen sollte. Gleichzeitig bezeichnet dieser Umstand die Hoffnung (für die Außenseiter) und die Angst (der Favoriten). Hoffnung und Angst treiben das runde Leder 90 Minuten lang zwischen A und B hin und her, die immer beide Recht haben.


Für Österreich hat das natürlich wieder bittere Folgen. Weil zunächst die Hoffnung die allergrößte war, und jetzt haben wir nicht einmal mehr Angst vor dem Ausscheiden, weil wir im Geiste (Hegel!) sowieso schon ausgeschieden sind. Unsere Chance ist jetzt eigentlich nur noch die, dass wir uns in unserer Grundbefindlichkeit der Erwartungslosigkeit suhlen können und urösterreichische Topoi abspielen können: "Warum immer wir?", "Die können ja sowieso nix.", "Zawos samma überhaupt dabei" etc.

Vollkommen fremd ist uns das, was die anderen kleinen Mannschaften auszeichnet (und eine solche sind wir - FIFA-Weltrangliste hin oder her): Froh sein, dabei sein zu dürfen und schauen, was geht. Sonst sind wir die Weltmeister des "Schauma moi", aber bei der Fußball-EM haben wir sogar das Schauen verlernt. Portugal - ein übermächtiger Gegner? Ohne Junuzovic und Dragovic eh keine Chance? Island viel zu stark? Ich würde sagen: Schauma moi!



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Weil wir vorher von der Tragödie gesprochen haben: Die große Faszination am Sport überhaupt, am Fußball aber im besonderen, ist, dass der Erfolg des einen die Schmach des anderen bedeutet. Nirgends wird das deutlicher als beim Fußball mit seinen wenigen Toren. Was viele Nicht-Fußball-Fans und Amerikaner an diesem uns so lieben Sport bemängeln, nämlich seine ihm scheinbar inhärente Langeweile aufgrund der meist wenigen Highlights, ist in Wahrheit der Zunder des Zurückhaltenden. Mir fällt nämlich spontan auch keine Sportart ein, in der, je höher die Spielklasse ist, desto weniger Punkte (= Tore) gemacht werden.


Bei dieser EM fällt auf, dass die wichtigen Tore alle sehr spät gemacht werden. Denn je später der Zeitpunkt, desto wichtiger natürlich das Tor! Das wissen vor allem die Franzosen, die mir nach zwei Spielen trotz aller Probleme wirklich gut gefallen. Da ist Herz dabei und ein bisschen Hirn auch, gepaart mit krassen Entscheidungen des Teamchefs Dechamps. Dann noch der einzige wirkliche EM-Held bisher, nämlich Payet, der jetzt bei zwei Toren hält. So wie Bale (zwei geniale Freistöße) und der Rumäne Stancu (zwei Elfmeter). Sind die Franzosen gerade dabei, sich in einen Groove zu spielen? Wenn ja, wäre es vielleicht schlecht, im dritten Spiel, das jetzt reine Formsache ist, die dritte Garnitur rauszuschicken, und stattdessen unbekümmert zu versuchen, mehr Tore früher im Spiel zu erzielen.


Und England? Zitterpartie gegen die wirklich guten Waliser, ebenfalls spätes (sehr spätes) Erlösungstor durch Sturridge. Zwei halbwegs gute Halbzeiten in zwei Spielen - das wird in der KO-Phase zu wenig sein. Und aufs Elfmeterschießen verlässt man sich als Engländer besser nicht!

Deutschland hat das typisch unbeeindruckende Spiel gegen Polen hinter sich gebracht, was erwartbar war und im Falle der Deutschen wie immer genau gar nichts aussagt. Auffällig war bei den Deutschen bisher sowieso nur Jogi Löw.

Heute sehen wir auch wieder den Europameister, dessen Ziel es zu sein scheint, den Gegner durch einkreisen im eigenen Strafraum zum Eigentor zu zwingen. Die Tiki-Taka-Revolution droht, ihre Kinder zu fressen. Irgendwann sind Abschlüsse eben auch gefragt.

Italien hat mich ebenfalls wieder überrascht, die gegen den Mitfavoriten Belgien ein taktisch solides Spiel gezeigt haben (in gewohnter italienischer Manier), zeitweise aber offensivfreudig auftraten und zwei wirklich schöne Tore geschossen haben. Die Schönheit schießt zwar keine Tore, sagt man, aber ganz außer acht lassen sollte man sie deswegen auch nicht, denn Schönheit macht sympathisch. (Siehe Holland bei der EM 2008!)

Belgien ist übrigens weder sportlich noch ästhetisch weg vom Fenster, da erhoffe ich mir noch einiges. Ins Achtelfinale zittern und dann ins Finale marschieren - diese Story gibt es ja auch immer wieder.


Beeindruckend sind auch bei diesem Turnier wieder die sogenannten Außenseiter, die allesamt wirkliche Qualitäten aufs Spielfeld bringen. Slowakei, Wales, die Ukraine und, ja, auch Ungarn sind würdige Teilnehmer dieser Endrunde und können zu den Stolpersteinen werden, die gerade in der EM-Geschichte oft auch sehr weit gekommen sind.

Nur die Russen wirken irgendwie abgemeldet- ein Status, den man schon am Gesicht ihres Trainers ablesen kann. Aber jede Tragödie hat auch ihre Bösewichte, verlogene Kammerdiener, eifersüchtige Nebenbuhler. Wieso sollte es im Fußball anders sein?


Welche Rolle Österreich in diesem Stück spielt? Schauma moi...









Hat in diesem Stück mit Sicherheit die Hosenrolle: Der älteste EM-Spieler aller Zeiten Gabor Kiraly (40).





Montag, 13. Juni 2016

Erste Brisen

Die EM hat Fahrt aufgenommen, und bevor sie zum großen Orkan wird, gilt es, sich die ersten Brisen, die einem schon um die Nase geweht sind, nochmal zu genießen:

Für Frankreich startete die EM mit viel Mühe - wie sich das für das Eröffnungsspiel gehört. Dass von den Rumänen letztlich doch nichts in Erinnerung bleibt, ist dem glänzenden Weitschuss von Dimitri Payet geschuldet, der die Gastgeber erlöst hat und stellvertretend für alle Franzosen - egal ob im Streik oder nicht - kurz danach in Freudentränen ausbrach, als er auf der Ersatzbank Platz nehmen durfte.
Frankreich spielte über kurze Strecken stark - ist aber von der Form vor zwei Jahren noch weit entfernt. Vielleicht täuscht aber die Last des Eröffnungsspiels über die wahren Qualitäten dieser Mannschaft hinweg, v.a. weil von Pogba und Griezmann noch viel zu wenig zu sehen war?

Das andere Team, das mir schon vor zwei Jahren gut gefallen hat, hat die beste erste Hälfte einer Mannschaft geboten, die es bisher zu sehen gab: England nämlich, die sich aus völlig unerfindlichen Gründen nach der Halbzeitpause dazu entschlossen, in der zweiten Hälfte nichts zu bringen. Dabei wäre die erste Hälfte so gut, so dynamisch, schnell und kreativ gewesen! Den Russen ist ja in der zweiten Hälfte ähnlich viel eingefallen wie in der ersten: nämlich gar nichts bis wenig. Trotzdem fühlte sich der Ausgleich in der Nachspielzeit irgendwie gerechtfertigt an. Und das darf aus englischer Sicht einfach nicht sein, will man dieses Jahr wieder ernst genommen werden! Den Russen empfehle ich Putin als Kabinenschreck, damit wenigstens die Angst vor dem Straflager ein wenig Motivation schürt, wo sonst nur augenscheinliches Desinteresse herrscht.

Kroatien macht dort weiter, wo es aufgehört hat, wenn auch mit einer ziemlich anderen Mannschaft. Trotzdem: das kroatische Spiel wird sich noch mausern (müssen), vor allem gegen die Spanier, die schon vor vier Jahren im letzten Gruppenspiel große Probleme mit den findigen Kroaten hatten (damals allerdings noch unter dem genialen Trainer Bilic). Das Spiel gegen die Türkei kam mit weniger blutenden Schädeln und Verletzten aus als dieselbe Begegnung bei der EM 2008 im Viertelfinale. Nur Corluka hielt sich an die Erwartungen und spielte schon bald mit blutendem Turban, und versuchte wohl so, die türkischen Spieler kulturell zu provozieren.
Diese revanchierten sich in der 41. Minute mit einer missglückten Kerze aus dem eigenen Strafraum, die der geniale Modric mit einem sensationellen Volleyschuss verwertete. Eigentlich hätte es auch 3:0 ausgehen können, aber die Kroaten sind bemüht darum, das bescheidene Balkanvolk darzustellen. Mal sehen, was denen noch zuzutrauen ist!

Am Abend dann der Weltmeister gegen die Ukraine: intensive erste Hälfte mit großen Chancen auf beiden Seiten. Sowohl Manuel Neuer als auch Andrij Pjatow reagierten in vielen Situationen großartig. Dass Deutschland trotzdem in Führung ging, war nicht nur zu erwarten, sondern auch irgendwie verdient. Trotzdem: so frech hatte die Ukrainer wohl niemand erwartet, und ihrem Agieren (man vergleiche dazu die Russen gegen England) war es geschuldet, dass wir die unterhaltsamsten 45 Minuten bisher geboten bekamen.
Deutschland hingegen ist nicht nur die "Turnier-Mannschaft", sondern auch jene, die gerne für bleibende Bilder sorgt. Diesmal waren es Boatengs spektakuläre Rettungsaktion, in der er eine ukrainische Großchance mit einem Fast-Eigentor vereitelte, das wiederum er selbst noch auf der Linie verhinderte. Wer's nicht gesehen hat, dem kann man's nicht erklären!
In der zweiten Hälfte lief generell weniger zusammen, man hätte sich da aus deutscher Sicht ein früheres 2:0 erwartet. Also wartete man, bis der Alt-Kapitän Schweinsteiger mit dem Grau-Färben der Schläfen fertig war und eingewechselt werden konnte. Wer das für einen bloßen Cameo-Auftritt hielt, wurde bald eines besseren belehrt: Aus einem Konter (die Ukrainer waren ja hinten natürlich schon offen wie ein Pavianarsch) flankt Özil genial dem Schweini vor die Haxn und der netzt doch tatsächlich nur wenige Augenblicke nach seiner Einwechslung- und kurz vor Schluss des Spiels - zum 2:0 Endstand ein. Auch so ein "memorable moment", von denen die Deutschen gleich zwei in einem Spiel fabriziert haben - womit es im Übrigen auch genug sein sollte!

Inzwischen spielt auch schon wieder der amtierende Europameister (ja, Spanien gibt es noch!) gegen die ehemaligen Dauer-Geheimfavoriten Tschechien. Also schnell wieder weg!


Samstag, 21. Juni 2014

Die Unwägbarkeiten eines Turniers

Wer dachte, die WM wird nach der ersten Runde in die bequemen Gefilde durchschnittlicher Unterhaltung zurückfallen, der hat sich geschnitten. Eigentlich wird's immer besser.


Auf nichts kann man sich verlassen bei dieser WM! Nicht mal auf Italien, und so lässt uns ein weiterer "Großer" nach Spiel zwei ein wenig ratlos zurück. Wie schon Brasilien, wie schon England, Spanien, Holland und Uruguay. Wir kratzen uns am Kopf und wissen nicht, wem wir als nächstem unser volles Vertrauen schenken sollen. Auf das Argentinien-Spiel warten wir noch, auf Deutschland eh auch. Und ehe wir uns versehen, kommen auf einmal die Franzosen daher und stehen nach zwei Spielen mit drei Punkten und einem Torverhältnis von 8:2 da. Aber alles der Reihe nach...

CRC - ITA 1:0


Tatsächlich haben die Ticos das eigentlich Unmögliche geschafft und stehen nach zwei Spielen als Sieger der im Vorhinein als sehr schwierig eingeschätzten Gruppe D fest. Bitte was? Costa Rica? Gegen drei Ex-Weltmeister? Gegen das grundsolide Italien, das neu erstarkte England und den WM-Vierten von Südafrika? Wer darauf gewettet hat, dem sei gratuliert, denn das hätten sich die Costa Ricaner wohl selbst nicht zugetraut.
Mehr als ich über die Ticos verwundert bin, bin ich von den Itakern enttäuscht. Zuerst habe ich mich gefreut, weil der im ersten Spiel eine so unglückliche Figur machende Paletta nicht dabei war. Dass sich Italien aber dann so steif und klobig präsentieren würde, war doch überraschend. Vielleicht war es der Schiss, gegen die furchtlosen Costa Ricaner zu viel zu riskieren?

Die "kleinen Teams", gegen die man technisch nicht auf Augenhöhe spielen kann, gegen die man sich aber taktisch einiges überlegen muss, und die am Ende immer den psychologischen Vorteil haben, das sind die vorläufigen Gewinner dieser WM. Das ist erstmal schön und gut so.
Die "Großen" aber wachsen mit ihren Aufgaben und spielen ihren besten Fußball immer dann, wenn es gegen die gefährlichsten Gegner geht und das Spiel am wichtigsten ist. Diesem Druck der Okkasion können am Ende Teams wie Costa Rica oder Kolumbien nicht standhalten. Das behaupte ich jetzt trotz des Wissens, dass es bei dieser WM noch jedes Mal anders gekommen ist als erwartet!

Die Gruppe D allerdings wird noch spannend. England ist einmal draußen, aber wer folgt Costa Rica ins Achtelfinale? Im direkten Duell, das ein praktisches Sechzehntelfinale ist, stehen sich jetzt zwei Teams gegenüber, die in zwei Spielen völlig unterschiedliche Seiten gezeigt haben: Uruguay und Italien. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass die Entscheidung um den Achtelfinalplatz etwas mit den Namen Balotelli und Suarez zu tun haben wird. Somit hat das Spiel jetzt schon einen bitteren Beigeschmack; es schmeckt ein wenig schandhaft und gefährlich. Wie die Luft vor einem Gewitter. Wie jener italienische Aperitiv, der den Namen Pirlo trägt. Ich behaupte: Das wird ein Knaller!


FRA - SUI 5:2


Interessant, wenn man sich die Statistiken zu diesem Spiel anschaut: Frankreich hatte weniger Ballbesitz, was nach der Überwindung von Tikitaka tendenziell als ein gutes Zeichen zu werten ist (s. Salzburg, s. Holland). Denn schließlich kommt es darauf an, was man mit dem Ball macht, wenn man ihn erstmal hat; ob man ihn in den eigenen Reihen herumschiebt, oder den Zug zum Tor sucht. Den suchte Frankreich, und während sich "Les Bleus" auf eine erfolgreiche WM-Kampagne eingroovten, wurde der Schweizer Stern engültig in der französischen Offensivmaschine zerrieben. Dabei schossen die Franzosen nur 5 Mal öfter als die Schweizer, dafür doppelt so oft aufs Tor. Das zeigt, dass die Schweiz oft nur aus Verlegenheit den Ball Richtung Tor holzten - ein Beweis auch für die funktionierende Defensivleistung der Franzosen. Die beiden Tore für die Schweiz fielen ja erst in den letzten 10 Minuten des Spiels, wo eh schon alles wurscht war.

5 Tore von 5 verschiedenen Spielern - auch das sind immer gute Nachrichten, denn es zeigt, dass Frankreich nicht von einem Benzema abhängig ist, obwohl dieser seine gute Form aus der Ligasaison in die WM hinüberretten konnte. War das erste Spiel der Blauen noch nicht aussagekräftig genug, weil es gegen den Gruppenaußenseiter Honduras ging, wird sich die wahre Größe der Franzosen kurioserweise im letzten Gruppenspiel gegen Ecuador zeigen. Da greift nämlich jener Effekt, den ich oben beschrieben habe. Frankreich hat sich nämlich nach nur zwei Spielen rehabilitiert und weiß sich jetzt wieder dort, wo es lange gewesen ist: Inmitten der großen europäischen Fußballnationen. Vielleicht ein bisschen hinter Deutschland, aber wie es momentan aussieht neben Italien und Holland, und sogar noch über England und Spanien. Ein schöner Platz ist das - jetzt nur nicht nervös werden!



Held des Tages:
Bryan Ruiz, der mit seinem Treffer gegen Italien nicht nur seiner eigenen Nation einen schönen Tag bescherte, sondern einer anderen (England) gleichzeitig das fixe WM-Aus garantierte. UND: Wir bekamen wieder mal ein bisschen Torlinientechnologie aus Deutschland zu sehen! Viel mehr kann man mit einem Tor nicht erreichen!

Buhmann des Tages:
Cassano, von dem ich dachte, Italien käme ganz ohne ihn aus. Er steht für die schmutzige Berlusconi-Ära. Eine zwielichtige und grausame Figur, nicht nur optisch sondern auch menschlich!

Freitag, 20. Juni 2014

Offenbarungen

Manchmal ist Fußball zum Weinen schön: Wie Spielfreude und Einzeltäter den WM-Tag wohlig machten.


Hochinterressante Duelle bot der gestrige WM-Tag - natürlich mit Ausnahme des Nachtspiels Japan gegen Griechenland. Ich glaube, ich werde am Ende der WM kein Spiel von Japan gesehen haben und auch nicht traurig darüber sein. Über die anderen Spiele gestern war ich aber höchst erfreut, weil sie Abwechslungsreiches und gleichermaßen Unerwartetes boten. So kam es beim Duell Elfenbeinküste gegen Kolumbien zu einem Aufeinandertreffen frisch und unbeschwert aufspielender Mannschaften. Das unglückliche England steht hingegen vor dem Aus, weil die Urus unerwartet wiedererstarkt sind. Schuld daran trägt nur ein Mann...

ENG - URU 1:2


Wer hätte das gedacht, dass der zwischenzeitliche WM-König Luis Suarez heißen würde? Neymar war okay, Messi hat bis jetzt eher enttäuscht, C. Ronaldo war nicht zu sehen. Und dann kommt Suarez im zweiten Spiel der garstigen Urus, die letztens noch so uninspiriert zu Werke gingen, dass man sie am liebsten ohne zweites und drittes Spiel nach Hause geschickt hätte, und macht mit zwei Toren alles klar. Und was für Tore waren das! Suarez zeigte damit in seinem ersten Spiel, dass er nicht nur Lausbub, sondern eben auch ein Top-Stürmer ist; einer, der den Unterschied machen kann. Sympathisch wird er mir deswegen nicht, aber seine Leistung erkenn ich gerne an, zumal sie von einem inspirierter auftretenden Team Uruguay getragen wurde. Uruguay ist vielleicht auch eine Mannschaft, die an ihren Aufgaben wächst.

England wiederum tut mir Leid. Das erste schwere Spiel gegen Italien, in dem man sich so gut verkauft hatte, ließ für Spiel zwei größere Hoffnungen zu. Gerade wegen der schwachen Leistung Uruguays gegen Costa Rica. Aber so sehr man sich auch mühte, es ging nichts rein. Trotzdem wird man das Spiel nicht vergessen, weil Wayne Rooney seinen ersten WM-Treffer überhaupt erzielte. Und fast glaubte man, es sei nicht nur sein erster, sondern gleichzeitig auch ein immens wichtiger, einer, der England hoffen lassen könnte. Jetzt aber steht England nach zwei Spielen mit 0 Punkten da und kann aus eigener Kraft nicht mehr weiterkommen. Ein Lichtblick: Bei der nächsten Euro wird mit England wieder zu rechnen sein. Und man spart sich erstmal das Elfmeterschießen...

COL - CIV 2:1


Auch das 18-Uhr-Spiel war eine Offenbarung. Kolumbien gegen Elfenbeinküste lautete das Duell, und dabei handelte es sich um zwei Mannschaften, die gern von Leuten gemocht werden, die was von Außenseitern halten. Das Stichwort lautet "unbeschwertes Spiel", denn ohne die Last von vielen Dekaden Fußball-Geschichte und der entsprechenden Erwartungshaltung von Fans und Volk spielt es sich für gewöhnlich leichter. Man hat nichts zu verlieren, aber eben auch nichts zu verschenken. So kommt es dann, dass Leute wie Cuadrado wie aufgezogen eine Sensations-Szene nach der anderen bieten. Da wird getrickst wie sonst nur in der Schülerliga oder auf der Spielkonsole. Es hilft natürlich auch, wenn man die Atmosphäre genießen kann, zum Beispiel wenn das ganze Stadion gelb ist und bei jedem Pass mitheult. So muss es auch gestern für die Chilenen gewesen sein, als nach dem letzten Ton der Nationalhymne das ganze Maracana-Stadion die zweite Strophe angestimmt hat. Für solche Momente lebt man als Fußballer - und das gilt vor allem für die "kleineren Nationen" mit Spielern, die vielleicht nicht jede Saison im Champions-League Halbfinale spielen.

Es hilft auch, wenn man, wie der Ivorer Serey Die, beim Abspielen der Nationalhymne zu weinen beginnt, weil man von der Situation überwältigt ist, sich dann extra reinhaut und eine Hammerpartie spielt. Oder wenn man, wie Gervinho, einfach wieder mal die ganze Verteidigung ausspielt, also ein Solo nach alter Schule macht, und dann auch noch trifft. Oder wenn man einen Ball in den Strafraum schlenzt, und damit nicht nur Abwehr sondern auch Mitspieler überrascht und dann der Fallrückzieher zu kurz kommt. Und manchmal hilft die alleinige Erscheinung des großen Drogbas eben auch nichts. Denn Kolumbien ist nicht Japan (was letztere spätestens in ihrem gestrigen Spiel gegen die Griechen bewiesen haben), und die Elfenbeinküste eben doch "nur" die zweitbeste afrikanische Mannschaft dieses Turniers, auch wenn sie momentan noch einen Sieg mehr haben als Ghana...


Held des Tages:
Nicht Suarez, dafür ist es noch zu früh. Er hat sich noch nicht rehabilitiert, obwohl das Trösten seines Liverpool-Teamkameraden Gerrard schon eine schöne Szene war.
Held hingegen war heute eindeutig Juan Cuadrado, der kaffeegedopte Mittelfeld-Wirbler von Kolumbien, der durch sein spektakuläres und unermüdliches Agieren nicht nur Mitspieler, sondern auch Fans verzückte.

Buhmann des Tages:
Wahrscheinlich irgendeiner aus dem Griechenland-Japan-Spiel. Für sonstige Buhmänner war gestern kein Platz!

Mittwoch, 18. Juni 2014

Zwischenrunde


Erste Runde geschafft und der Gastgeber wackelt zum ersten Mal.


Mit den gestrigen Spielen aus der Gruppe H haben wir den ersten Durchgang beendet und konnten uns ein Bild von allen Mannschaften machen. Von einigen ein besseres als von anderen, aber doch sind erste Tendenzen zu erkennen:
Von den großen Favoriten überraschten uns Spanien und Argentinien negativ. Den Spaniern gelang es nicht, gegen entfesselte Holländer auch nur irgendein Spiel aufzuziehen und Argentinien startete mit seltsamer Taktik in eine verschlafene erste Partie gegen einen Zwergenstaat. Von Deutschland haben wir wenig gesehen, aber das, was wir gesehen haben, war gewohnt gut und wird sich in den nächsten beiden Gruppenspielen wohl noch festigen müssen. Italien hat bisher am meisten überzeugt, denn sie haben gegen ein überraschend gefährliches England eine hervorragende Partie gespielt. Bei Brasilien tut man sich jetzt schon ein bisschen schwerer, da deren zweites Gruppenspiel gegen Mexiko gestern Abend einige Fragezeichen hinterließ.

BRA - MEX 0:0


Tatsächlich schafften es die Brasilianer nicht, Mexiko zu biegen. Dass Mexiko seinerseits zu Chancen kommen würde, war spätestens nach den ersten Spielen beider Mannschaften klar. Mexikos Trainer Herrera hat seine Mannschaft gegen Brasilien aber hervorragend eingestellt, besonders was die Bewachung Neymars betrifft. Das war nicht immer schön anzusehen, aber es war klug und letzten Endes sehr erfolgreich. Die Brasilianer sind aber vor allem an Mexikos Keeper Ochoa gescheitert, der eine glanzvolle Partie spielte und somit für seine Mannschaft das Optimum herausholte.

Wir haben das zweite 0:0, das aber um viele Klassen besser war als jenes zwischen Nigeria und dem Iran. Brasilien überraschte eigentlich nur frisettentechnisch, denn Dani Alves ergraute über Nacht (vor Schreck? Ich kann es mir nicht vorstellen) und bei Neymar war auch irgendwas anders. Aber da letzterer sowieso aussieht wie gezeichnet, macht das nicht so viel. Ich halte von Neymar ja nicht viel, das ist mir zu viel Hype bei vergleichsweise wenig Substanz. Und WM-Helden, das sind meistens immer die geworden, von denen man es sich eh nicht wirklich erwartet hatte.

Das Spiel gestern war ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man den großen Mannschaften mit viel taktischer Disziplin gehörige Probleme bereiten kann. Wie sich das heute im Falle Australiens gegen die Niederlande ausnimmt, werden wir ja sehen...

War da noch was? Aja, wieder ein Spiel von einer dieser asiatischen Mannschaften gegen die unsympathischen Russen. Hab ich mir gespart und werde wohl nicht der Einzige gewesen sein...


Held des Tages:
Guillermo Ochoa, an den ich mich erst gewöhnen muss (nicht nur frisürlich). Denn für mich gab und gibt es nur einen echten mexikanischen Torhüter. Und der heißt Jorge Campos!

Buhmann des Tages:
War sicher einer vom Spiel Russland gegen Südkorea. Ich habe es nicht gesehen, aber was macht das schon?


Was noch aufgetaucht ist: Joe Hart verlangt nach dem Pirlo'schen Wunderfreistoß nach dem Ball:




Sonntag, 15. Juni 2014

Pura vida

Der autistische Zauberer hielt wieder Audienz in einem programmierten Spitzenspiel. Die erste wirklich große Überraschung folgte der ersten großen Überraschung und ein märchenhaftes Costa Rica zerstört die unnötigen Urus. Wann wird diese WM endlich fad?


Es war ein unmenschlicher Tag, selbst für die beflissensten WM-Schauer. Denn das nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit beste Spiel (England gegen Italien) sollte erst um zwölf Uhr nachts zu sehen sein. Davor war man angehalten, sich mit Kolumbien gegen Griechenland und Costa Rica gegen Uruguay zu beschäftigen. Wir kennen diese WM jetzt drei Tage und mittlerweile wissen wir, dass sie uns keine Spiele schenkt, die nicht sehenswert wären. Aber wer dann noch Japan gegen Elfenbeinküste erlebt hat, muss sich einen Suchtvorwurf gefallen lassen.

COL - GRE 3:0

Doch auch gestern begeisterten selbst die "kleinen Spiele": Die beherzt auftretenden Kolumbianer verzückten nicht nur ihre Fans, die wiederum uns verzückten, sondern lösten ein, was mancher vorher schon für möglich gehalten hat: Dass hier die wahrscheinlich beste kolumbianische Mannschaft seit Jahren antritt. Griechenland ist ja nicht gerade als spielerischer Crowd-Pleaser bekannt und wenn so ein Team im ersten Spiel von einer erfrischenden, launig aufspielenden halb-exotischen Mannschaft aufgemischt wird, deren Fans vor Ort durch ihren einzigartigen Enthusiasmus jeden in Begeisterung versetzen, dann läuft etwas richtig!

Ich weiß nicht, ob man ihnen deswegen allzu viel zutrauen sollte. Aber sie surfen jetzt auf einer Welle, die sie selbst erzeugt haben. Denn Kolumbien verkörpert das, was Kamerun sein könnte, wenn ihnen nur das Fußballspiel ein wenig wichtiger wäre als interne Hahnenkämpfe und Selbstmitleid. Sie lassen sich tragen von der eigenen Begeisterung am Spiel und der ihrer Anhänger. Wir freuen uns schon auf den nächsten Auftritt dieser sympathisch aufspielenden Truppe aus der zweiten Reihe der südamerikanischen Teams, für die das heuer alle irgendwie eine Heim-WM werden könnte. Die Stimmung jedenfalls passt schon mal.

(Später hat in dieser Gruppe noch die Elfenbeinküste einen 0:1-Rückstand gegen Japan aufgeholt. Aber diese Partie dürften wohl nur ein paar Schichtarbeiter gesehen haben...)


URU - CRC 1:3

Nach der "ersten großen Überraschung", dem Kantersieg der Niederländer gegen Spanien, folgte tags darauf die "erste wirklich große Überraschung" - die Niederlage des WM-Vierten gegen den kompletten Außenseiter Costa Rica. Uruguay heißt heuer dauernd "der Weltmeister von 1950", was eigentlich lächerlich wäre, gäbe es da nicht die Geschichte mit dem Finale gegen Brasilien im Maracana-Stadion, die als  das große Trauma das brasilianische Fußballselbstverständnis quält. Aber der "Weltmeister von 1950" wird der Weltmeister von 1950 bleiben, denn die Gruppe D ist nicht nur nominell zu stark besetzt. Wer sich von Costa Rica so vorführen lässt, der hat große Mängel zu beseitigen! Das wird sich in den kommenden drei Spielen aber nicht bewerkstelligen lassen. Die Einschätzung, dass Uruguay weit von der Form von vor vier Jahren entfernt ist, hat sich als richtig erwiesen. Und das ist gut so.

Denn die unsympathischen Urus sind Faulenzer und Falschspieler. Ihr uninteressiertes und uninspiriertes Auftreten gipfelte im Sinnlosfoul von Perreira, der daraufhin die erste rote Karte des Turniers sah. Neben Suarez, den ich seit dem Spiel gegen Ghana hasse, und der sich nie mehr rehabilitiert hat, hab ich nun auch in Diego Lugano einen "Buhru" erkannt. Mit den gestern unsichtbaren Diego Forlan konnte ich ohnehin nie wirklich was anfangen, auch wenn er noch der Erträglichste der Urus war. Uruguays veritabler Höhenflug findet nach der nicht überzeugenden Qualifikation hier in Brasilien endgültig sein Ende, und das ist gut so.

Ein Märchen hingegen wurde für Costa Rica war. Die Ticos, deren Philosophie des "pura vida", des reinen Lebens, im Fußball so zum Ausdruck kommt, dass man die Außenseiterrolle genießt, weil man so in einer schweren Gruppe unbeschwert aufspielen kann, haben ein Ausrufezeichen gesetzt. Ich bezweifle, dass noch ein weiterer Glanzpunkt folgen wird, aber England und Italien haben gesehen, dass man sich keine müde Partie leisten kann gegen vermeintliche Fußballzwerge. Nicht bei dieser WM! Dass die Gefahr eines nachlässigen Auftretens aber gar nicht so groß ist, zeigten die beiden europäischen Mannschaften am Abend im "Rumble in the Jungle", im Amazonas-Stadion von Manaus.


ENG - ITA 1:2


Wieder war es Andrea Pirlo, dessen faszinierender Präsenz ich meine Blicke vor allem widmete; sieht er doch aus wie ein Magier, ein Druide, Naturgott des Schlenzers, Beherrscher des Raumes, der erst entsteht, weil er ihn kreiert. Freilich ist er auch ein Magier, und am besten wird sich gestern Joe Hart, der englische Torhüter daran erinnert haben. Denn es war Pirlo, der ihn in einem denkwürdigen Elfmeterschießen mit einem Schmäh düpiert hat, obwohl Hart eigentlich ihn (oder wie Schneckerl sagen würde: ihm) am Schmäh halten wollte. Aber nicht mit Pirlo, dem Allmächtigen!

Eigentlich sieht Andrea Pirlo aus wie ein Psycho; einer, der dich streichelt, während er dir langsam die Luft wegdrückt, und der dabei kaum merklich lächelt - aber nur mit dem Mund und nie mit den Augen! Pirlo, der das Aufwärmen vor dem Match als Masturbation für Konditionstrainer ansieht, trabt wie ein Hüftkranker über den Platz und beobachtet stoisch den Ball. Dann bekommt er ihn, dreht sich um und schlägt einen Pass in einen Raum, der vorher nicht da war. Jemand, der das zum ersten Mal sieht, muss sich vorkommen wie in der Matrix. Aber nicht nur, dass er den Pass perfekt und schlau spielt, er nimmt mit seinem Pass auch die folgende Aktion des Passempfängers vorweg. Ja, er spielt den Pass so, dass der Empfänger den Ball gar nicht anders annehmen kann als so, dass er mit dem nächsten Schritt genau das macht, was Pirlo mit ihm vorhatte. Es ist, als passte sich Pirlo selbst zu. Vielleicht lernt man sowas beim vielen Playstation spielen, denn genau so sieht es aus, wenn Pirlo spielt: Wie ein sauguter Playstation-Zocker, der mehrere Spieler gleichzeitig kontrolliert.

Ich weiß nicht, wie Pirlo reagiert, wenn er auf der Playstation ein Tor erzielt. Im wahren Match, bei der WM, jedenfalls passiert folgendes: In einem einstudierten Eckball-Trick steigt Pirlo aus dem Lauf über den auf ihn zurollenden Ball drüber und lässt ihn so zu Marchisio durch. Dabei folgen zwei bis drei englische Abwehrspieler dem Laufweg Pirlos und räumen so das Schussfeld für Marchisio, der draufhält und trifft. Für solche Aktionen muss es irgendeine geheime Tastenkombination geben, denn es sieht alles so natürlich und harmonisch aus, dass sich sogar der, der den Trick schon kennt, verarscht vorkommen muss. Beim Torjubel dann trottet Pirlo auf die Traube der Jubelnden zu und lässt sich hineinfallen wie ein Autist, der gelernt hat, dass man so ein Tor zu feiern hat. In seinem Gesicht aber regt sich nichts. Er schaut drein wie jemand, dem man erzählt, man habe im Fell seiner Katze eine Zecke gefunden.
Beeindruckend war auch eine andere Szene, in der Pirlo erneut genial zu Balotelli abspielt. Der versucht sich dann an einem saufrechen, aber eben auch sauguten Heber, der gerade noch weggeschlagen werden kann. Das sind Aktionen, die daran erinnern, was diese Mannschaft vor zwei Jahren bei der Euro gezeigt hat: Das Spiel der Kinder. Nicht Catenaccio, sondern Calcio!

Beeindruckend war aber auch diese junge englische Mannschaft. Vor allem Sterling und Sturridge, letzterer Schütze zum postwendenden Ausgleich nach Rooney-Flanke. Ersterer erinnert mit seiner Unbekümmertheit trotz jungen Alters an David Alaba. Rooney hingegen ist wieder einmal ein Schatten seiner selbst. (Bezeichnend war sein Eckball ins Toraus!) Und auch der alte Gerrard hat schon einmal bessere Zeiten gehabt, auch wenn er nach wie vor dem englischen Spiel vor allem in der Abwehr Stabilität gibt. Seine bezeichnende Szene: Beim Spielaufbau stolpert er über den Schiedsrichter; die Folge ist ein Ballverlust...

Es ist schön zu sehen, wie England blitzschnell über die Seiten kommt und dann mit hohen Bällen vors Tor den Abschluss sucht. Klassisches Kick and Rush sieht stumpfer aus; das ist eine moderne Variante davon, die enormen Druck auf die Außen des Gegners machen kann. Auch die Schüsse aus der zweiten Reihe (Henderson, Sterling) sind wie Erinnerungen an eine Zeit, in der Fußball noch weniger kompliziert war. Wenn England so weiter macht, wird es auch was mit dem Elfmeterschießen in der KO-Phase.


Italien agiert wieder erstaunlich abgeklärt. Es gibt kaum eine Spielsituation, in der die Italiener unsicher wirken. Einzige Ausnahme ist Gabriel Paletta, der fast zwei Elfer verschuldet hätte und einmal bei einer Rooney-Chance die Abseitsfalle aufgehoben hat. Er hat schütteres Haar und das werden auch bald die Italien-Fans haben, wenn sie ihm weiter bei solchen Aktionen zusehen müssen und zurecht ihre Haare raufen.


Im Großen und Ganzen war das ein richtig geiles Match von beiden Mannschaften. England hätte sich zwar den Ausgleich verdient, aber trotz Auftaktniederlage muss man sich um die Engländer keine Sorgen machen. Es waren unterschiedliche Ansätze zweier Mannschaften, die sich beim Aufeinandertreffen nicht gegenseitig aufheben oder zerstören. Es war eine weitere Einlösung eines großen Versprechens, das die Partie "England gegen Italien" immer war und immer sein wird.
Und es endete mit einem weiteren Streich des Magiers: Ein Pirlo-Freistoß fliegt über die Mauer, Tormann Hart bewegt sich in sein rechtes Eck. Aber just als er dorthin eilen will, scheint es sich der Ball anders zu überlegen und steuert auf das linke Eck zu. Er trifft dort nur die Latte. Pirlo blickt mit leeren Auge hinterher. Auf der Playstation hat das besser funktioniert...

Mittwoch, 11. Juni 2014

Exotisches

Manchmal ist Fußball wie guter Wein. Oft aber ist er auch wie schlechtes Bier. Irgendwo dazwischen - zwischen Italien und Japan - liegt der exotische Esprit der Gruppen C und D.


Hatte die Gruppe A schon einiges an Exotik zu bieten, schillert die Gruppe C in allen Farben: Die Teams aus Kolumbien, Griechenland, der Elfenbeinküste und Japan haben keine augenscheinlichen Gemeinsamkeiten. Auch fußballerisch sind sie mehr oder weniger nichts sagend. Umso mehr verwundert es da, dass Kolumbien den Gruppenkopf gibt, also nach Logik der Auslosung auf dem Papier die stärkste Mannschaft stellt. Tatsächlich wage ich aber zu behaupten, dass zwischen diesen vier Mannschaften kaum ein Klassenunterschied besteht. Hier wird sich jeder gegen jeden schwer tun, und am Ende werden die Griechen aufsteigen, weil sie in Summe ein Tor mehr geschossen als sie bekommen haben.

Das Team von Kolumbien wird diesmal relativ stark eingeschätzt. Ich kann mir vorstellen, dass Kolumbien es ins Achtelfinale schafft - die Gruppenauslosung allein macht dies wahrscheinlich. Aber ehrlich gesagt verbinde ich Kolumbien immer noch mit Carlos Valderrama und Andres Escobar. Der eine war der schillernde Star der Mannschaft von 1994, die aber über die Gruppenphase nicht hinauskam. Der andere war der unglückliche Eigentorschütze im Spiel gegen die USA, der dieses Missgeschick erschreckenderweise mit dem Leben bezahlen musste. Er wurde nach der WM in seiner Heimatstadt in einer Bar erschossen.
Auch wenn viele davon sprechen, dass Kolumbien wieder "Geheimfavorit" sei, muss das Team froh sein, wenn es die Gruppenphase übersteht. Geheimfavorit waren sie schon '94 - nach Aussage von Pelé. Und ansonsten war jedes Mal im Achtelfinale Schluss.

Japan und Griechenland sind beides Teams, die ärgerlichen Fußball spielen, und genau deswegen könnten sie sich in der Gruppe C durchsetzen. Kolumbien könnte wiederum der "falsche Heimvorteil" zugute kommen. Die Elfenbeinküste wird sich wieder selbst zerstören. Schade für den großartigen Didier Drogba, der nach der WM die Schuhe an den Nagel hängen will.
Ehrliches Bemühen zahlt sich in dieser Gruppe aber aus, denn im Achtelfinale warten schlagbare mögliche Gegner, denen es jedes Team in dieser Exotenansammlung schwer machen kann.

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Damit zu Gruppe D, in der uns schon am ersten Spieltag ein Klassiker erwartet. England gegen Italien - das spielte man in den 90ern in Kinderzimmern gegeneinander, denn im echten Leben gab's das Duell das letzte Mal bei der Euro 2012, da gewann Italien bzw. verlor England im Elfmeterschießen. Gut für die Engländer, dass es in der Vorrunde kein Elfmeterschießen gibt...

Italien hat sich bei der letzten Euro zu einer neuen Liebschaft von mir entwickelt. Auch wegen Andrea Pirlo. Ob sich das allerdings bei dieser WM fortsetzen wird, darf bezweifelt werden. Wir wollen jedenfalls wieder Calcio statt Catenaccio! Guten Rotwein statt Lambrusco in Kübeln! Obwohl Lambrusco in Kübeln ja auch Spaß machen kann, während ein schwerer Rotwein oft einschläfernd wirkt...

Beweisen müssen sich die Italiener weniger gegen England als gegen Uruguay. Die waren die große Überraschung vor vier Jahren, verloren letztlich im Spiel um Platz drei gegen Deutschland. Einzig der garstige Suarez bleibt unangenehm in Erinnerung.
Costa Rica, da lehne ich mich jetzt ganz weit aus dem Fenster, wird in dieser Gruppe keine Chance haben.

So ist diese Gruppe mit drei großen Namen besetzt, von denen aber momentan keiner auf Augenhöhe mit Brasilien, Argentinien oder Deutschland agiert. Einzig die Italiener haben als Deutschland-Schreck das Potenzial, den KO-Baum ein wenig zu rütteln. Allein, er wird dann schon sehr klein geworden sein, denn die beiden treffen frühestens und spätestens im Finale aufeinander...



Worauf wir uns freuen können:

Die Gruppe C bleibt wahrscheinlich sensationslos. Einzig überraschend souveräne Kolumbianer könnten uns ein bisschen Freude machen.
Freuen dürfen wir uns auf die Italiener, wenn sie wieder Calcio spielen. Auf Andrea Pirlo, den coolen Hund. Und vielleicht auf die Engländer, wenn sie plötzlich etwas finden, was sie die letzten Jahre gesucht haben: Ihre Identität als Mutterland des Fußballs.


Was wir lieber nicht sehen wollen:

Wenn sich die Griechenlandspiele wieder so ausnehmen wie in den letzten Jahren, bin ich geneigt, abzuschalten. Vor allem gegen solche Gegner.
Suarez wollen wir lieber auch nicht sehen. Oder er rehabilitiert sich mit irgendwas Sympathischen. Schwer zu glauben!