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Dienstag, 8. Juli 2014

Abgesang auf den Zwergerlgarten


Jetzt reden alle nur mehr von den Favoriten. Die Mannschaften, die Würze in die WM gebracht haben, sind nun alle weg. Zeit also, sie nochmal kurz hochleben zu lassen...



Nacheinander implodieren bei dieser WM die Storylines: Zuerst schien es das Turnier der Außenseiter zu werden, vor allem, nachdem sich Italien und Spanien nach der Vorrunde verabschiedet haben, und mit Kolumbien, Costa Rica, Algerien und den USA durchaus überraschende Achtelfinalkandidaten erwuchsen. Dann gab es noch Chile, Belgien und Frankreich, die nach einer guten Vorrunde bereit für mehr zu sein schienen.

Doch plötzlich entschied sich der große Fußballgott, alle Überraschungs-Hoffnungen im Keim zu ersticken, und so kamen alle Gruppenersten der Vorrunde ins Viertelfinale, wo sich dann letztlich die Favoriten am Papier allesamt durchsetzten. Wie das geschehen ist, interessiert spätestens jetzt keinen mehr, denn die Halbfinalpaarungen sind das, was man sich schon am Anfang erwartet hätte: Zwei südamerikanische und zwei europäische Mannschaften. Gut, Holland hätte vorher wohl keiner wirklich auf dem Papier gehabt, aber immerhin steht hier der Vizeweltmeister erneut im Halbfinale - so überraschend ist das dann auch wieder nicht.

Das zeigt, dass alles nichts zu helfen scheint: Gegen die "großen Nationen" ist kein Kraut gewachsen. Und bevor die üblichen Verdächtigen den Titel unter sich ausmachen, hier ein kleiner Abgesang auf die Zwergerl und Sitzriesen dieses Turniers:

Algerien:
Die Mannschaft, die am besten gezeigt hat, was man mit purem Willen und strenger Taktik leisten kann. Der Last-Minute-Aufstieg gegen die uninspirierten Russen war ein kleines Highlight in der Vorrunde. Denn nach einer anständigen Partie gegen Belgien wusste man, dass hier keine Gaudi-Truppe am Werk ist, sondern eine Mannschaft, die es versteht, das meiste aus ihrem Potenzial zu machen. Im Spiel gegen Deutschland hat sich die Fußballwelt dann wohl doch zu viel erwartet - und das beinahe zu Recht. Ich würde gerne sagen: Beim nächsten Mal klappt es dann. Aber nein, das sage ich jetzt nicht!

Belgien:
Der Geheimfavorit. Selten wurde dieses Wort so überstrapaziert wie im Bezug auf die belgische Mannschaft. Dabei hielten sie uns lange hin. Als es dann soweit war, und der Geheimfavorit endlich aufspielte, in einem Match gegen die USA, das vielleicht jenes mit der besten Verlängerung des Turniers war, war man entsetzt, wie viele Torchancen dieser Geheimfavorit liegen ließ. Und dann war es auch schon vorbei, und man scheiterte an abgebrühten Argentiniern. Schade, allzu viel hat man nicht gesehen von den Belgiern. Wir dürfen uns aber sicher auf die nächste Europameisterschaft mit den Roten Teufeln freuen!

Kolumbien:
Für mich die Mannschaft des Turniers. Ihr zuzusehen hat einfach immer Spaß gemacht. Entweder waren es die Bilder der wunderbaren Fans, oder das inspirierte Spiel von Akteuren wie Cuadrado oder James Rodriguez - Kolumbien bot Action und Spielwitz. Dass der große Star Falcao gar nicht so arg gefehlt hat, wie zunächst befürchtet wurde, spricht für die Mannschaft, die sich nicht auf einen Wunderknaben verlässt, sondern konzentriert, diszipliniert - aber vor allem inspiriert (immer wieder dieses Wort!) ihr Spiel macht und sich von großen Namen überhaupt nicht einschüchtern lässt (siehe das Match gegen Brasilien). Gerne wieder, gerne mehr!

Ghana:
Sie mögen zwar von der Papierform her nicht die beste afrikanische Mannschaft sein, und in diesem Turnier haben sie auch nicht am besten von allen Teams aus Afrika abgeschnitten, aber Ghana hat sich zu einem Team gemausert, mit dem immer zu rechnen ist. Anders als die Teams von Kamerun oder der Elfenbeinküste zeigen die Ghanaer weniger Anfälligkeiten für Hahnenkämpfe und vergessen am Feld nicht, worum es eigentlich geht: nämlich um Fußball. Ich befürchte, dass dieses Ghana nur ein kleiner Stern auf Zeit ist. Aber die Mannschaften von 2010 und 2014 werden wir nicht vergessen, weil sie uns unglaubliche Matches geliefert haben!

Costa Rica:
Unglaublich war auch die Mannschaft aus Costa Rica. Noch einmal: Zuerst setzen sich die Ticos in einer Gruppe mit Italien, Uruguay und England als Gruppenerster durch und erreichen danach das Viertelfinale. Zwei Mal zwingt die defensiv unglaublich gut agierende Elf ihre Gegner ins Elfmeterschießen. Einmal die europäischen Defensivmeister aus Griechenland und einmal die Holländer. Somit beendet Costa Rica diese Weltmeisterschaft ungeschlagen und fährt erhobenen Hauptes nach Hause. Jorge Luis Pinto ist jetzt schon der Coach des Turniers, und die Ticos können sich nach diesem Erfolg nun wieder dem "pura vida" widmen. Das war großartig, das war die große Überraschung!

USA:
Ich habe diese Mannschaft schon genug über den grünen Klee gelobt. Vielleicht auch oft zu Unrecht. Trotzdem: Die Amerikaner sind mir ans Herz gewachsen. Sie sind keine großartigen Fußballer, aber sie zeigen immer Leidenschaft, geben nie auf und halten nichts von Hinten-rein-Stellen. Sie sind eines der wenigen Teams, das sich traut, einfach das zu spielen, was es glaubt zu können. Das hatten sie auch schon vor vier Jahren getan, und jetzt taten sie es wieder - mit wachsender Begeisterung. Letzteres ist auch Jürgen Klinsmanns Verdienst, der vielleicht als der Mann, der Soccer salonfähig gemacht hat, in die amerikanische Sportgeschichte eingehen wird. Ich behaupte, wir sind gerade Zeuge der Geburt des amerikanischen Fußballwunders. Nicht, dass sie schon in vier Jahren zu den Favoriten gehören werden; aber wenn die Amerikaner einmal etwas für sich entdeckt haben, dann wollen sie auch die Besten darin werden...

Wem von diesen "Zwergerln" wir auch beim nächsten Mal wieder zujubeln werden können, ist ungewiss. Vielleicht schafft es die eine oder andere Nation sich zu etablieren, vielleicht ist die eine oder andere das nächste Mal schon gar nicht mehr dabei. Dann wird es aber andere geben. Denn ohne diese Mannschaften ist eine WM so schal und leer wie Computerschach. Dass dieses Turnier so aufregend war, lag nicht zuletzt an diesen Teams aus der zweiten und dritten Reihe: Eigentliche Zwerge, die für ein Turnier ins Riesenhafte wachsen können.

PS: Freilich, das waren jetzt nicht die ganz kleinen Zwergerl wie Iran, Honduras oder Südkorea. Aber bevor wir uns über die unterhalten, wünsche ich mir von ihnen, dass sie beim nächsten Mal auch was Erzählenswertes abliefern, anstatt nur brav ihrer Außenseiterrolle zu entsprechen.


Freitag, 20. Juni 2014

Offenbarungen

Manchmal ist Fußball zum Weinen schön: Wie Spielfreude und Einzeltäter den WM-Tag wohlig machten.


Hochinterressante Duelle bot der gestrige WM-Tag - natürlich mit Ausnahme des Nachtspiels Japan gegen Griechenland. Ich glaube, ich werde am Ende der WM kein Spiel von Japan gesehen haben und auch nicht traurig darüber sein. Über die anderen Spiele gestern war ich aber höchst erfreut, weil sie Abwechslungsreiches und gleichermaßen Unerwartetes boten. So kam es beim Duell Elfenbeinküste gegen Kolumbien zu einem Aufeinandertreffen frisch und unbeschwert aufspielender Mannschaften. Das unglückliche England steht hingegen vor dem Aus, weil die Urus unerwartet wiedererstarkt sind. Schuld daran trägt nur ein Mann...

ENG - URU 1:2


Wer hätte das gedacht, dass der zwischenzeitliche WM-König Luis Suarez heißen würde? Neymar war okay, Messi hat bis jetzt eher enttäuscht, C. Ronaldo war nicht zu sehen. Und dann kommt Suarez im zweiten Spiel der garstigen Urus, die letztens noch so uninspiriert zu Werke gingen, dass man sie am liebsten ohne zweites und drittes Spiel nach Hause geschickt hätte, und macht mit zwei Toren alles klar. Und was für Tore waren das! Suarez zeigte damit in seinem ersten Spiel, dass er nicht nur Lausbub, sondern eben auch ein Top-Stürmer ist; einer, der den Unterschied machen kann. Sympathisch wird er mir deswegen nicht, aber seine Leistung erkenn ich gerne an, zumal sie von einem inspirierter auftretenden Team Uruguay getragen wurde. Uruguay ist vielleicht auch eine Mannschaft, die an ihren Aufgaben wächst.

England wiederum tut mir Leid. Das erste schwere Spiel gegen Italien, in dem man sich so gut verkauft hatte, ließ für Spiel zwei größere Hoffnungen zu. Gerade wegen der schwachen Leistung Uruguays gegen Costa Rica. Aber so sehr man sich auch mühte, es ging nichts rein. Trotzdem wird man das Spiel nicht vergessen, weil Wayne Rooney seinen ersten WM-Treffer überhaupt erzielte. Und fast glaubte man, es sei nicht nur sein erster, sondern gleichzeitig auch ein immens wichtiger, einer, der England hoffen lassen könnte. Jetzt aber steht England nach zwei Spielen mit 0 Punkten da und kann aus eigener Kraft nicht mehr weiterkommen. Ein Lichtblick: Bei der nächsten Euro wird mit England wieder zu rechnen sein. Und man spart sich erstmal das Elfmeterschießen...

COL - CIV 2:1


Auch das 18-Uhr-Spiel war eine Offenbarung. Kolumbien gegen Elfenbeinküste lautete das Duell, und dabei handelte es sich um zwei Mannschaften, die gern von Leuten gemocht werden, die was von Außenseitern halten. Das Stichwort lautet "unbeschwertes Spiel", denn ohne die Last von vielen Dekaden Fußball-Geschichte und der entsprechenden Erwartungshaltung von Fans und Volk spielt es sich für gewöhnlich leichter. Man hat nichts zu verlieren, aber eben auch nichts zu verschenken. So kommt es dann, dass Leute wie Cuadrado wie aufgezogen eine Sensations-Szene nach der anderen bieten. Da wird getrickst wie sonst nur in der Schülerliga oder auf der Spielkonsole. Es hilft natürlich auch, wenn man die Atmosphäre genießen kann, zum Beispiel wenn das ganze Stadion gelb ist und bei jedem Pass mitheult. So muss es auch gestern für die Chilenen gewesen sein, als nach dem letzten Ton der Nationalhymne das ganze Maracana-Stadion die zweite Strophe angestimmt hat. Für solche Momente lebt man als Fußballer - und das gilt vor allem für die "kleineren Nationen" mit Spielern, die vielleicht nicht jede Saison im Champions-League Halbfinale spielen.

Es hilft auch, wenn man, wie der Ivorer Serey Die, beim Abspielen der Nationalhymne zu weinen beginnt, weil man von der Situation überwältigt ist, sich dann extra reinhaut und eine Hammerpartie spielt. Oder wenn man, wie Gervinho, einfach wieder mal die ganze Verteidigung ausspielt, also ein Solo nach alter Schule macht, und dann auch noch trifft. Oder wenn man einen Ball in den Strafraum schlenzt, und damit nicht nur Abwehr sondern auch Mitspieler überrascht und dann der Fallrückzieher zu kurz kommt. Und manchmal hilft die alleinige Erscheinung des großen Drogbas eben auch nichts. Denn Kolumbien ist nicht Japan (was letztere spätestens in ihrem gestrigen Spiel gegen die Griechen bewiesen haben), und die Elfenbeinküste eben doch "nur" die zweitbeste afrikanische Mannschaft dieses Turniers, auch wenn sie momentan noch einen Sieg mehr haben als Ghana...


Held des Tages:
Nicht Suarez, dafür ist es noch zu früh. Er hat sich noch nicht rehabilitiert, obwohl das Trösten seines Liverpool-Teamkameraden Gerrard schon eine schöne Szene war.
Held hingegen war heute eindeutig Juan Cuadrado, der kaffeegedopte Mittelfeld-Wirbler von Kolumbien, der durch sein spektakuläres und unermüdliches Agieren nicht nur Mitspieler, sondern auch Fans verzückte.

Buhmann des Tages:
Wahrscheinlich irgendeiner aus dem Griechenland-Japan-Spiel. Für sonstige Buhmänner war gestern kein Platz!

Dienstag, 17. Juni 2014

Deutschland, deine Fans

Ich hab das Thema hier schon einmal behandelt, mach das aber jetzt wieder, bevor es zu spät ist! Wie es um den deutschen Fußballfan bestellt ist, und warum der Fußball da gar nichts dafür kann.


Wenn mich ein Deutscher fragt, wem denn die Österreicher die Daumen drücken bei der Fußball-WM, dann ist das eine hinterlistige Frage. Und sie ist eine hundsgemeine obendrein. Denn erstens feixt da der Deutsche still in sich hinein, weil Österreich natürlich nicht dabei ist; manche haben sogar die Frechheit zu fragen: "Spielt Österreich denn mit?" Sie wissen es ganz genau!
Zweitens überprüft der Deutsche mit solchen Fragen die Gesinnung des Österreichers. Solidarisiert er sich mit der "Nationalelf", flüchtet er also unter den strahlenden Fußballhimmel des großen Nachbarn? Oder ist er ein grantiger Miesmacher, der den Deutschen nix gönnt, wohinter der Deutsche dann natürlich Eifersucht vermutet. Daran kann er sich dann wieder ergötzen, der Deutsche am leidenden Österreicher.

Ich antworte jedenfalls gerne diplomatisch und sage, dass wir uns "schwer tun" mit dem deutschen Fußball, und dass es ganz darauf an komme. Worauf es denn ankomme, fragt dann der Neugierige. "Wenn sie die bessere Mannschaft waren, dann freuen wir uns natürlich auch für die Deutschen", lüge ich dann gekonnt. Denn in Wahrheit müsste ich sagen: "Es kommt ganz darauf an, wie ihr mit eurem Erfolg umgeht!"
Heute im Frühstücksfernsehen habe ich ihn wieder gesehen, den Schlander, der mit Fahne und Schminkgesicht betrunken vor der Kamera herumhüpft, vollkommen außer sich, obwohl vermutlich schon viele Stunden nach dem Spiel, und dauernd ungläubig "Vier zu null! Vier zu null!" in die Kamera brüllt und dabei hysterisch lacht. Er freut sich also, der junge Mann; alles klar.

Die Freude über den deutschen Erfolg ist aber immer so verkrampft und inszeniert wie hier. Deswegen kennt sie auch kein Maß. Es gibt kein "war okay, gut gespielt, aber Portugal nicht gut" etc. Das kommt nur vom DFB selber, vom Trainer, von den Spielern. Die haben das gelernt. Die Fans nicht. Die Fans müssen sich freuen. Der Deutsche freut sich, weil es sein Recht und seine Pflicht ist. Das Recht hat er erworben durch den Sieg seiner Mannschaft, die Pflicht erlegt er sich quasi selber auf. Er pocht auf sein Recht zum Jubel. Das macht das ganze so verkrampft, das macht den Jubel so suspekt. Vor allem, weil das unverkrampfte Umgehen mit der eigenen Nationalität und das Bejubeln derselben immer noch nicht vereinbar ist. Ein Deutscher, der eine Fahne schwenkt - das ist eigentlich jedem egal. Nur die Deutschen selbst sehen sich ungern dabei zu, weil sie sich davor fürchten, dass irgendeiner dem Jubelnden ein Hitlerbärtchen unter die Nase malen könnte.

Vielleicht ist es so zu erklären, dass man im Jubel von sich selbst ablenkt und alle Energie auf Müller, Jogi, Schweini und wie sie alle heißen konzentriert. Man deutet hin auf die Elf, die in Adiletten in der Kabine steht, die arme Kanzlerin Merkel inmitten schwitzender Fußballer. Deutschland, Juchee! Der Hurra-Piefke stakst brav durch die Straßen, verkleidet pflichtbewusst seine Seitenspiegel mit schwarz-rot-gold, und tanzt zu Stefan Raab, Oliver Pocher, den Toten Hosen oder sonst irgendwelchen Vertretern deutscher Unterhaltungs-Unkultur. Das nervt, weil es ihm keiner glaubt, dass er sich wirklich freut. Eigentlich will er es nur allen gezeigt haben. Wieder mal die Besten, wieder mal obenauf. Ich fahr Mercedes, Opel, BMW, Audi und VW gleichzeitig und unser Müller ist der Beste! Deutscher Jubel ist ohne Übermaß nicht zu bekommen.

Der Unterschied zu anderen Nationen ist etwas schwerer zu vermitteln. Einerseits gibt es da jene, die ihre Begeisterung aus reinem Nationalstolz speisen. Das sind zum Beispiel die südosteuropäischen Jungnationen (Kroatien, Bosnien und Herzegovina), aber auch die Amerikaner oder die Russen. Die anderen ziehen ihre Begeisterung aus einer reichen und ausgiebig 365 Tage im Jahr gelebten Alltag-Fußballkultur. Dazu gehören zum Beispiel England oder Italien.
Für manche ist der Fußball die einzige Möglichkeit, überhaupt einmal wahrgenommen zu werden. Und so macht es die Menschen glücklich, ihre besten Fußballer im Fernsehen zu sehen und zu wissen, dass die ganze Welt sie auch sieht. Das betrifft meist Kleinstaaten und die sogenannten Exoten. Die Südamerikaner wiederum lieben es, ihre Lebensfreude zu zelebrieren und das öffentlich zur Schau zu stellen. Fußball gehört auch hier zum Alltag, wenn er auch hier weniger intellektuelle (wie in Europa) sondern eine sozial-identifikatorische Bedeutung hat.

Deutschland steht in dieser Riege irgendwie allein da. Ein Artikel in den Salzburger Nachrichten behauptete letztens, dass jede Mannschaft bei dieser WM einen Spitznamen für ihre Nationalmannschaft hat - alle außer die Deutschen. Das müsste man jetzt durchdeklinieren um es zu überprüfen, aber ich glaube es auch so. Deutschland ist keine Fußballnation im klassischen Sinne. Fußball stiftet hier keine Identität und ist auch nicht unbedingt im Alltag integriert. Er wird professionell betrieben, es gibt das richtige Umfeld, um großartige Spieler heranwachsen zu lassen. Deutschland ist auch eine erfolgreiches Land, sowohl mit der Nationalmannschaft als auch auf Vereinsebene. Aber Deutschland braucht den Fußball nicht, sie haben ihn nicht erfunden, sie haben ihn nie revolutioniert, sie sehen sich auch nicht als Fußballer, sondern in erster Linie als Ingenieure. Das mag jetzt ein Vorurteil sein, aber wenn man einen Italiener fragt, was Italien ausmache, kommt "Calcio" wohl ziemlich weit vorne.

Deutschland ist überall gut, weil der organisierte Sport genügend Talente hat und fördern kann. Freilich, Fußball mag die populärste Sportart sein, aber das ist er in den meisten Ländern. Weil eben Deutschland dieser Sport nicht ureigen ist, er aber die Macht hat, ein ganzes Volk in Jubelstimmung zu versetzen (eben durch seine Breitenwirksamkeit), ist er den Deutschen irgendwie unangenehm. Daher kann der Deutsche nicht wirklich entspannt jubeln und daher kommt es zur unnötigen Übertreibung. Die Leidenschaft fehlt, der Stolz ist da. Und stolz auf sein Land zu sein, das wurde den Deutschen verboten. Daher gibt es jetzt Schlander und Hurrapiefkes, die den Stolz auf "Jogis Buben" über die Unterhaltungskultur ausleben.

Die Lösung für alle Österreicher und andere, die sich an dem Getue stoßen, liegt darin, zu erkennen, dass das ja mit dem Fußball im Grunde nichts zu tun hat. Es hat ja auch niemand Schuld daran, dass es so gekommen ist. (Außer vielleicht Stefan Raab und Konsorten). Unser Problem ist die geographische, sprachliche und vielleicht auch historische Nähe zu Deutschland. Eigentlich schaue ich nämlich gern ARD oder ZDF, weil der österreichische WM-Firlefanz heuer wirklich unter aller Sau ist. Am Tag eines Deutschlandspiels aber meide ich diese Sender, nicht weil die Vorberichterstattung zu viel auf die deutsche Mannschaft eingeht, sondern weil eben auch dauernd diese Schlander auftreten. Und vielleicht auch, weil man befürchtet der deutsche Kommentator würde sich beim 4:0 ein bisschen zu viel freuen. Das ist die Kommentatorenvariante von C. Ronaldos Nach-einem-unbedeutenden-Elfmeter-Tor-das-Trikot-ausziehen-und-Posen.

Es ist also eh einfach: Sich am deutschen Fußball erfreuen, so er denn erfreuenswert ist, und den Rest nicht einmal ignorieren. Im Übrigen würde das alles, was ich oben über die Deutschen und ihr Verhältnis zum Fußball geschrieben habe, genauso für Österreich gelten. Gott sei Dank müssen wir nicht darüber nachdenken, wie wir uns verhalten würden, hätten wir eine erfolgreiche Mannschaft (die übrigens auch keinen Spitznamen hat). Stattdessen schauen wir die Deutschland-Spiele lieber auf ORF, schalten aber natürlich sofort um, wenn Deutschland in Rückstand gerät!

Dienstag, 15. Juni 2010

Die Durchhalte-Devise

Wir dürfen und dürfen nicht enttäuscht sein. Auch ohne ganz groben Tormann-Patzer war‘s heute eine Durchhalte-Parole wert!


Da hört man schon wieder die Miesmacher schreien „Bäääh! Faaad, scheiß Spiele und immer diese Vuvuzelas im Hintergrund!“. Ja, die Vuvuzelas nerven noch immer. Ich dachte, ich hätte mich schon daran gewöhnt, doch das Holland-Spiel belehrte mich eines besseren - so laut war das bis jetzt noch nicht. Aber egal, die Tröten werden nicht verboten und irgendwann ist es einem wirklich schon wurscht. Gut nur, dass sich heute Robin van Persie nach einem Abseitspfiff nicht aus der Ruhe bringen lassen wollte und fein ins Tor eingenetzt hat. Seine Erklärung bestand aus einer Geste, die eine unbestimmte Handbewegung zum Ohr mit einem halbkreisartigen Deuten in das Runde des Stadions vereinte. Übersetzung: „Wie soll ich bei so einem Lärm noch irgendeinen Abseitspfiff hören?“ Da kann man entweder sagen „Hat er vollkommen Recht, der Robin!“ oder man könnte es als angenehme Ausrede auslegen, wovor ich mich (als Holland-Fan) natürlich hüten werde.

Ja und sonst? Das war heute ein fader Tag, was? Man könnte sagen, dass Holland genauso wie Dänemark enttäuscht hat. Die einen, weil sie nicht das erwartete 3:0 eingefahren haben, die anderen, weil sie sich nach taktisch optimaler Defensivleistung von einem Schwitzglatze-Eigentor verunsichern ließen und dann außer verteidigen gar nichts mehr gemacht haben. Eigentlich eine Blödheit, einen 0:1 Rückstand verteidigen zu wollen, aber versteh einer die Dänen! Holland hat eigentlich von der Spielanlage her alles richtig gemacht, nur halt nicht optimal. Da bewegte sich zu wenig und deshalb schicke ich die Holländer zum Zwecke einer Lehrstunde zu den Deutschen. Vielleicht haben die vier Offensiven ein bisschen zu viel Freiheiten, was erklären würde, warum Van der Vaart irgendwo zwischen Van Persie und Sneijder herumulkte, anstatt links ordentliche Akzente zu setzen - wie es sein Substitut Elia dann perfekt gemacht hat. Kein Voetball Totaal heute von den Oranjes, aber das System ist gut und steigerungsfähig - und deshalb turniertauglich. Das Glatzenschweiß-Eigentor von Dänemark war ja eigentlich eine Beleidigung für die holländische Offensivphilosophie und wurde demgemäß auch mit einem verdienten Treffer zum 2:0 quittiert.

Im zweiten Match sah man die immer grimmigen Japaner gegen die immer gut gelaunten Kameruner antreten. Leider drehte sich der Harakiri-Spieß um und die Kameruner waren bald nicht mehr so gut gelaunt. Trotzdem dachte man, dass der japanische Keeper Kawashima die Ausnahme bilden würde im Reigen der sensationell schlechten Tormänner. Die japanische Weisheit besteht darin, dass man nicht verlieren muss, nur weil man einen fehleranfälligen Torhüter hat. Und die japanische Weisheit besteht in taktischer Konsistenz, welche dem offensiv uninspirierten Hau-Drauf-Fußball Kameruns zumindest heute die gelbe Stirn bot. Das Tor war gut, da man so die sonst so grimmigen Japaner jubeln sah und man sie auf einmal wiedererkannte - als immerzu lächelnde Menschen des Landes der aufgehenden Sonne. Der Sieg sei ihnen vergönnt und er tut auch der Gruppe gut. Wer weiß, was da noch auf uns zukommt.

Doch dann die Squadra Azzurra - der Titelverteidiger, dem im Vorfeld so wenig zugetraut wurde - und das zu Recht, wie das heutige Spiel bewies. Enttäuscht hat eigentlich nur Paraguay, weil aus dem an sich guten Team mit hervorragendem Potenzial ein mittelaufregender und verhalten agierender Haufen wurde, der den Italienern zwar schon Paroli bieten, aber keine wirklichen Probleme bereiten konnte. Das 1:1 war für beide Mannschaften eigentlich schmeichelhaft und uns bleibt die Erkenntnis, dass beide Teams aufsteigen können, aber es nur mit viel Glück, Mühe und Not ins Viertelfinale schaffen werden - wenn die Leistung in den verbleibenden Gruppenspielen gleicht bleibt.

Abseits aller Erwartungen und den üblichen Fußball-Gescheitheiten bleibt noch zu bemerken, dass es sich lohnt durchzuhalten. Holland ist noch nicht warm - vielleicht ein gutes Zeichen, wenn man sich die EM 2008 in Erinnerung ruft, als sie in der nominell schwersten Gruppe alle niedergeschossen haben. Japan hat irgendwie überrascht und sie reihen sich in die Erfolgsserie der asiatischen Mannschaften im bisherigen Turnierverlauf ein. Italien ist immer noch Weltmeister und wurschtelt sich erfahrungsgemäß immer irgendwie durch. Und wenn Kamerun so spielt, wie in der heutigen letzten Viertelstunde, kann man auch noch was erreichen. Nur Dänemark und Paraguay müssen sich überlegen, weshalb sie eigentlich nach Südafrika gereist sind und was sie dort genau erreichen wollen. Man bekommt Lust auf die zweite Runde und das (eigentlich nur das) ist Sinn der ersten Runde - dramatisch gesehen.

Ja, und was ist los mit Samuel Eto‘o? Der wirkt bei Inter sonst so still und in sich gekehrt, irgendwie ernst. Heute hat er eigentlich nur gelächelt (dafür aber leider weniger gespielt). Ist das das panafrikanische Fieber? Hat er sich von Ghanas Asamoah Gyan anstecken lassen? Wenn ja, bitte weiter so und auf die anderen Spieler übertragen! Das Turnier braucht diese Energie noch für die Elfenbeinküste. Und damit die armen Vuvuzelas ihre Rechtfertigung erfahren.

Heute habe ich zwei Bilder von Kindern im Stadion gesehen, die von ihren Eltern einen ordentlichen Baustellen-Gehörschutz verpasst bekommen haben. Ich will mich dem ständigen Genöhle über diesen „Ausdruck südafrikanischer Gastfreundlichkeit“ (sinngemäß nach Oliver Polzer) ja nicht uneingeschränkt anschließen, aber - um mal kurz eben in den österreichischen Wirtshauston verfallen zu dürfen - „uns wolln‘s des Rauchen verbieten, weils gesundheitsschädigend is, und den Schas verbieten‘s ned?“ Nein, es wird nicht verboten, aber vielleicht verkauft die FIFA bald auch Fan-Kopfhörer?


Spieler des Tages: Eljero Elia von den Niederlanden, denn er ist neben Lionel (ARG) und Mesüt Özil (GER) der dritte Messi dieser WM. Rafael van der Vaart und seiner hübschen Frau Silvie zum Trotz: der Typ hat wirklich was drauf, und das wollte Oliver Polzer nicht wahrhaben, als er einen technisch brillanten Schmäh des beim HSV unter Vertrag stehenden Jungspunds als ‚Dummheit vor dem Feinde‘ der dänischen Spieler ausweisen wollte. Polzer korrigierte sich nach der Zeitlupenwiederholung und das zu Recht. Elia war heute der beste Spieler von allen Spielern in allen Spielen auf allen Plätzen und der beste Wechsel von allen Wechseln - insofern auch danke an Bert van Marwijk, dem Trainer der Niederlande, dass wir sowas heute erleben durften.


Kurz notiert

Auch bei Roman Mählich schleicht sich allmählich (hoho!) ein Dativ-Gespenst ein. Zitate habe ich leider keine, aber es kam mir ein paar Mal so vor. Oder ist das noch das Schneckerl-Virus, das in mir tobt? Ich werde das weiter beobachten. Total lustig und super spaßig war allerdings, wie Rainer Pariasek dem Mählich eine Vuvuzela in die Hand drückte, damit der dann darauf bläst. Abgesehen davon, dass die Konfrontation eines Dings mit einem Menschen, der dieses Ding nicht zu benutzen weiß, sowieso immer ein wahnsinniger Gag-Garant ist, steigerte Mählich das noch ins Unfassbare und versuchte doch tatsächlich, verkehrt in die Vuvuzela zu blasen! Was haben wir gelacht und uns gedacht „Ha, der ist ja noch blöder als gedacht!“. Doch dann der eigentliche Comic Relief: Der Mählich hat das nur aus Spaß gemacht! Huhu! Der wusste eh, dass er sie verkehrt rum hält! Haha! Na sowas!

Bin heute zum ersten Mal eingeschlafen. Oliver Polzer redet beim Match Niederlande-Dänemark mal wieder minutenlang nix (man hört über sein Mikro aber die Kommentatoren der anderen Sender aufgeregt das Spielgeschehen kommentieren), im Hintergrund die heute in Johannesburg überlauten Vuvuzelas... wer wird es mir da verdenken?

Beim Match Kamerun gegen Japan waren irgendwann mal Fangesänge zu hören. Oder habe ich mich da getäuscht?

Bei der Analyse des Lattenschusses von Mbia kam endlich der silberne Pfeil wieder zum Einsatz! Jetzt weiß ich: das bedeutet „sehr schneller Schuss“. Eh klar - Silberpfeil.

Der Hinweis auf den Videodisplays im Stadion währen des Abspielens der Nationalhymnen wirkt fast schon ironisch. Da steht nämlich „Quiet please!“

Freitag, 11. Juni 2010

Vuvuzela

Das Unding der WM steht jetzt schon fest. Die Vuvuzelas werden uns das Leben zur Hölle machen!


„Bitte, was ist das?“ - „Was?“ - „Dieser Lärm, wo kommt der her?“ - „Aso, jaja. Das sind Vuvuzelas“ - „Hä?“ - „Ja so Plastiktröten, die die Südafrikaner blasen, um ihre Mannschaft anzufeuern.“ - „Na servas, das hält ja kein Mensch aus!“ Richtig, das hält wirklich kein Mensch aus. Bereits letztes Jahr, während der Übertragung des Confed-Cups, war der ewige Bienenschwarm im Hintergrund das, was den Fernsehzuschauer (und auch die Spieler am Feld) am meisten aufgeregt hat. Vielleicht ist diese WM die einzige, bei der man sich nicht wünscht, im Stadion mit dabei zu sein - zumindest wenn Südafrika spielt. Leider werden die Plastiktrompeten bei der WM natürlich als Fanartikel verkauft, ihr Gebrauch bleibt also wahrscheinlich nicht auf die Südafrikaner beschränkt.

Uns bleibt nur zu hoffen, dass die Fans der anderen Nationen ähnlich allergisch auf den Sound der Vuvuzelas reagieren wie wir. Was das betrifft, bin ich zuversichtlich, denn es handelt sich hier um kein Geräusch, an das man sich gewöhnen könnte. Es ist ein bisschen mit Baulärm zu vergleichen, an den man sich auch nicht wirklich gewöhnt, egal wie lange auf der Baustelle nebenan schon gelärmt wird. Nur, und da muss man für den Baulärm schon eine Lanze brechen, dass es auf einer Baustelle akustisch spannender zugeht als in einem südafrikanischen Fußballstadion. Auf der Baustelle kracht hie und da was, dann lärmt wieder der Bagger, irgendwo scheppern Rohre, dann klopft und hämmert wieder jemand... Bei den Vuvuzelas gibt es das nicht. Überhaupt: Was ist das für ein eigenartiges Blasinstrument, das nur einen Ton produziert? Und wieso wird das denen, die hineinblasen, nie fad?

Meine Hoffnung stützt sich also auf die guten alten europäischen Fußballfans. Da wird gegrölt und skandiert, geklatscht und mit Bier gespritzt, dass es eine Freude ist. Kein richtiger englischer oder holländischer Fußballfan, auch kein italienischer Tifoso, wird sich mit einer Vuvuzela begnügen. Und vielleicht motiviert der ohrenbetäubende Bienenschwarm die europäischen Fans dazu, noch lauter zu sein als sonst. Auch die Südamerikaner schätze ich so ein, dass die sich nicht vom Klang der Vuvuzelas verzaubern lassen werden. Bei den Asiaten bin ich mir da nicht so sicher. Aber die dürften ohnehin in relativer Unterzahl sein. Was mich zu der Frage bringt, ob man da überhaupt einen einzigen nordkoreanischen Fußballfan sehen wird? Also einen, der auch tatsächlich aus der „Demokratischen Volksrepublik Korea“ kommt? Das werden wir am Dienstag erfahren, da geht es für den Schurkenstaat nämlich gegen Brasilien.

Heute erfahren wir, was der Heimvorteil den Südafrikanern bringt und wie stark Mexiko diesmal ist. Und wir sehen heute bereits zwei Weltmeister, nämlich Frankreich und Uruguay, die, wie wir recht unmutig festgestellt haben, nicht zum engen Favoritenkreis gehören. Insgesamt also ein angenehmer erster Tag, noch keine zu aufregenden Spiele, aber durchaus interessante Paarungen. Mexiko wird Südafrika klar schlagen, wenn sie sich nicht von den Vuvuzela-Lärm aus der Fassung bringen lassen. Südafrika braucht Glück, der Mannschaft fehlt es ein bisschen an Klasse und Mexiko wird der Bafana Bafana vor allem über die Seiten Probleme bereiten. Außer Mexikos Chancenverwertung gleicht jener im Vorbereitungsspiel gegen England, das sie 1:3 verloren haben.


Nelson Mandela soll auch vor Ort sein: Vielleicht ist das noch eine zusätzliche Motivation für die Südafrikaner, um ein hart erkämpftes 1:1 zu erreichen, was eigentlich eine Überraschung wäre, aber aufgrund der bekannten Eröffnungsspielregel (laaangweilig) gar nicht so unwahrscheinlich ist.

Endlich geht‘s los!