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Montag, 7. Juli 2014

Ein Echo

Ein schmerzhafter Ausfall und ein einfaches Freistoßtor und schon haben wir das erste Klassiker-Halbfinale dastehen. Von Tiki-Taka ist nun weit und breit nichts mehr zu sehen.

 

GER - FRA 1:0




Es macht sich bemerkbar: Spielerisch überlegene Mannschaften kommen auch diesmal nicht zum Zug. So hat die deutsche Mannschaft die Franzosen gestern vor allem durch körperliche Überlegenheit in der Abwehr in Schach halten können. Deutsche Chancen fanden sich vor allem nach Kontern (Schlussphase) bzw. eben bei Standardsituationen. Nach so einer fiel auch das einzige Tor. Der gestern wieder enorm spielende Mats Hummels traf schön per Kopf zum 1:0 - und dabei blieb es auch.


Die Franzosen waren bei dieser WM die spielerisch überzeugendste Mannschaft. Das zeigte sich vor allem in den ersten beiden Gruppenspielen beeindruckend. Das dritte betritt man mit kompletter B-Ganitur, und im Achtelfinale tat man sich gegen inspirierte Nigerianer sichtlich schwer. Dass Frankreich gegen Deutschland sein schnelles Kombinationsspiel aufziehen konnte, überraschte doch ein wenig. Letztlich aber waren es die vielen in die vorderen Reihen gespielten hohen Bälle, die immer wieder zu Ballverlusten führten, weil man zweikampftechnisch eben fast immer das Nachsehen hatte. Mehr Kombinationsspiel - schnelle Passstaffetten und Laufarbeit - wäre vielleicht zielführender gewesen. Bei solchen Aktionen spielte man das deutsche Mittelfeld immer wieder schwindlig.



Gratulation an die deutsche Mannschaft, die nach der zweifelhaften Partie gegen Algerien wieder zu alter Stärke zurückfand. Alt deswegen, weil das allseits gelobte deutsche Angriffsspiel gestern wieder dem traditionelleren Ansatz von Mauern und Kontern weichen musste. Vielleicht liegt es daran, dass die großen Akteure des Klinsmann'schen bzw. Löw'schen Tikitakas deutscher Prägung bei diesem Turnier bisher hinter den Erwartungen geblieben sind. Das betrifft etwa Mesüt Özil, aber auch Sami Khedira, die beide noch vor vier Jahren als das beste Kreativmittelfeld neben den Spaniern galten.

Vielleicht liegt es aber auch an dem deutlichen Scheitern des spanischen Systems, dass man sich jetzt selbst auch nicht mehr zutraut, etwas Ähnliches zu spielen. Man hat mitverfolgt wie TikiTaka zu Grabe getragen wurde; just von einer Mannschaft, die ihren spielerischen Ansatz vor vier Jahren in einem denkwürdigen WM-Finale selbst beerdigt hat. Holland nämlich spielt nur noch kreativen Offensivfußball, wenn es wirklich wirklich muss. Ansonsten herrscht auch hier der Defensivgedanke. Das ist - wie im Falle Deutschland - zwar nicht schändlich, aber schade.



BRA - COL 2:0



Auch Brasilien hat erkannt, dass das juego bonito immer dann dem Ergebnisfußball weichen muss, wenn es in die heiße Phase geht. So sah man gestern gegen Kolumbien, das seinerseits auf das ruppige brasilianische Spiel zu reagieren versuchte, eine hart geführte aber doch gute Partie mit vielen Fouls, die teilweise nicht entsprechend (nämlich früh genug) sanktioniert wurden. Der harte Ansatz zeigt eine Kultur der Spielzerstörung (oder zumindest Spielverhinderung), die auf mangelndem Selbstbewusstsein beruht. Dass ein solcher Ansatz, den Holland im Finale von 2010 schon verfolgt hatte, letztlich nicht belohnt wurde, ist irgendwie gerecht. Auch wenn ich es damals natürlich gerne anders gesehen hätte. Brasilien und Holland könnten auch anders - deswegen ist das schade.


Das Endergebnis stimmt natürlich trotzdem, sowohl auf dem Papier als auch nach dem Spielverlauf. Die zunehmend verkrampft agierende Heimmannschaft steht zu Recht im Halbfinale und trifft dort auf Deutschland. Bezeichnend, dass in beiden Partien, die Tore allesamt von Innenverteidigern erzielt wurden - und aus Standardsituationen. Wir können uns auf ein zerfahrenes Match einstellen, an dessen Ende vielleicht sogar ein Elfmeterschießen steht. Das heißt, solange nicht Julio Cesar in der regulären Spielzeit ein Schnitzer passiert. Das gab es ja auch schonmal…





Dass so oft die Mannschaft mit dem geringeren Unterhaltungswert gewinnt, macht den Fußball suspekt. Vielleicht ist es dieser Umstand, der das amerikanische Unbehagen dem Soccer gegenüber erklären könnte. Fußball ist nicht gerecht, das habe ich an anderer Stelle schon mal geschrieben. Gerechtigkeit ist keine Kategorie, weil das mit dem Fußballgott, auch wenn er sich anscheinend logisch herleiten lässt, nicht funktioniert. Weil eben nicht immer die bessere Mannschaft gewinnt, oder zumindest die Mannschaft, der wir den Sieg aus verschiedenen Gründen eher gönnen würden, ist Fußball oft höchst unbefriedigend.

Wenn Deutschland, Brasilien oder Holland Weltmeister werden sollten, dann muss man andere Kategorien zur Rechtfertigung bemühen. Deutschland, weil es sich nach all den Jahren wirklich neuartigen deutschen Fußballs einen großen Titel verdient hätte. Dass dieser just bei jenem Turnier folgen würde, bei dem man beginnt, die großen Innovationen wieder ad acta zu legen, wäre natürlich traurig. Aber im Prinzip würde sich Deutschland belohnen für den Mut, eine neue Art Fußball spielen zu wollen.

Brasilien ginge als Eh-immer-Favorit und vor allem als Gastgeber des Turniers auch in Ordnung. Man wird sich in wenigen Jahren eh nur an Neymar erinnern können. Hoffentlich nicht mit der Storyline, dass der große Star im Viertelfinale niedergestreckt wurde und nie mehr zum Einsatz kam.

Holland verdient den Titel seit den 1970ern, und auch wenn von voetbal totaal nicht mehr viel übrig ist, gehört die Niederlande auf die Liste der WM-Titelträger. Genauso wie England. Einfach, weil es irgendwie passt. So nah wie vor vier Jahren sind sie dem Titel zuvor noch nie gekommen (außer 1978). Robben hatte ihn schließlich auf dem Fuß. Wenn es heuer klappen sollte, dann akzeptiert man das, weil Holland wieder am Ende einer großen Generation steht. Es sind noch einige Akteure der großen Niederländischen Mannschaften von 2008 und 2010 dabei: Robben, Sneijder, Van Persie, Kuijt. Diese Fußballer hätten sich einen Titel verdient. Was dieses Turnier anbelangt, geht es darum, dass die Holländer in ihrem Auftaktspiel die Zeitenwende herbeigeführt zu haben scheinen: Tiki-Taka ist ein Wort, das zu einem Echo taugt. Es hallt nach - über alle Kontinente hinweg auf vereins- wie auch auf internationaler Ebene. Aber in Wahrheit haben es immer nur die Spanier gespielt; nur sie haben die Fähigkeit dazu gehabt, nur sie das Personal. Sollte Holland Weltmeister werden, dann haben sie den Titel aus jetziger Sicht allein für die Komplett-Demontage der spanischen Elf verdient. Und für den Symbolcharakter, den dieses Spiel hatte.


Es bleiben noch Argentinien und Belgien. Und für die beiden gilt, was ich oben geschrieben habe genauso: Belgien sollte sich eigentlich durchsetzen - sie haben, ähnlich wie die Franzosen, einen Spielansatz, der auf Kreativität und technisch wie auch taktischem Geschickt beruht. Wie gut so ein belgisches Spiel aussehen kann, das sahen wir gegen die USA. Es bleibt nur zu hoffen, dass ein ähnliches Spiel gegen einen Verhinderungsansatz, wie er bisweilen sogar von Argentinien gespielt wird, erfolgreich sein könnte. Für die Belgier spricht, dass die Mannschaft gefestigter wirkt als jene der Franzosen, und dass sie es auch körperlich mit Dreschern aufnehmen können. Gegen sie spricht die relative Unerfahrenheit, wenn es um die Endphase internationaler Turniere geht bzw. einfach der Umstand, dass sie Belgien sind und nicht Deutschland, Holland, Brasilien oder Argentinien.

Einen großen Namen zu tragen wird vom psychologischen her mit Fortdauer des Turnieres immer wichtiger. Auch, ob man schon einmal Weltmeister war. Deswegen würde auch Holland in einem Finale gegen Deutschland oder Brasilien in dieser Hinsicht einen gewissen Nachteil haben - und Belgien sowieso.


Der Weltmeister kann eigentlich nur Belgien heißen. Aber weil Fußball eben nicht gerecht ist und sich schon gar nicht ausrechnen lässt, wird er höchstwahrscheinlich nicht Belgien heißen. Dennoch lassen sich, wie oben angedeutet, für jede Mannschaft (außer Argentinien und Costa Rica) recht gute Gründe dafür finden, dass ein Titel doch in Ordnung ginge. Wir werden diese Gründe brauchen; Rationalisierung nennt man das in der Küchenpsychologie. Sie macht schmerzvolle Erfahrungen erträglicher, weil wir uns diese erklärlich machen können.



Held des Tages:

Gab es heute nicht wirklich einen. Vielleicht einmal mehr Neuer, der in der 94. Mit einem tollen Reflex den deutschen Sieg rettete.

Donnerstag, 19. Juni 2014

Das Glück, der Zufall und die Dummheit

Fußball ohne Zufall - das wäre reine Rechnerei. Und wer das Glück hat, hat dies immer auch zu rechtfertigen.


Das Glück, das haben immer die Dummen oder die Tüchtigen. Darauf kann sich der Volksmund noch nicht so recht einigen. Gestern hatten alle ein bisschen Glück und stellten sich dabei mal dumm, mal
tüchtig an. Also gibt auch der Fußball keine Antwort darauf, ob jetzt die Tüchtigen oder die Dummen die wirklich Glücklichen sind. Früher war es einfacher, da hatten im Fußball das Glück immer die Deutschen. Ob aus Dummheit oder Tüchtigkeit - darüber scheiden sich die Geister.

NED - AUS 3:2


Fast hätte ich jetzt 2:3 geschrieben, und bin da gar nicht so weit entfernt. Letztlich wäre auch ein 2:2, ein 4:2, ein 2:4 oder ein 3:3 möglich gewesen. Ja, es ist immer alles möglich. Aber so möglich wie gestern alles Denkbare war... Es hätte genauso gut sein können, dass ein Vogel dem Schiri ins Auge kackt und das Spiel abgebrochen werden muss und dann von zwei Fans im Elferschießen entschieden wird. Ok, da hätte das Fifa-Reglement vielleicht was dagegen, aber gerade das Fifa-Reglement löst den Wahlspruch der österreichischen Lotterien immer am besten ein: Alles ist möglich!

Holland also nach dem furiosen Auftritt gegen den nun schon fix Ex-Weltmeister Spanien mit der erwartet schweren Aufgabe gegen Australien: Schwer, weil die Erwartungen hoch waren; schwer aber auch, weil man schon im ersten Spiel sehen konnte, dass Australien Kampfgeist und Disziplin besitzt, zwei Attribute, die es jedem "Großen" schwer machen. Dass Holland - wie Argentinien in seinem ersten Spiel - mit fünf Defensiven auflief, war dumm. Und Dummheit wird im Fußball selten belohnt. Es gibt aber Ausnahmen, und deswegen machte Holland nach langem Schweinskick wie aus dem Nichts ein Tor. Ungerecht, weil eigentlich unverdient war diese Führung, und das dachten sich sicher auch die Australier. Also machten sie postwendend den Ausgleich, auf holländische Art: Flanke von hinten, Tor  - so einfach ist das. 1:1, also eigentlich wieder 0:0.

So unerklärlich dieses Ausgleichstor war, so schön war es auch. Und eigentlich wars irgendwo auch Zufall. Schon die Flanke von Ryan McGowan fand mehr oder weniger glücklich den Fuß von Cahill. Ausgesehen hat es wie einstudiert - und muss doch, bedenkt man die fußballerische Klasse Australiens, eigentlich Zufall gewesen sein. Zufällig, aber gerecht! Weil das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun. Zufall, Glück und Gerechtigkeit sind ja aus dem Fußball nicht wegzudenken, obwohl sie mit dem Spiel an sich nichts zu tun haben. Sie sind da und nehmen Einfluss, obwohl man nie genau sagen kann, wie.
Die erste Halbzeit brachte jedenfalls spielerisch nichts, und doch stand am Ende ein 1:1 da.

In der zweiten Halbzeit hatte Holland einen anderen Plan. Louis van Gaal dachte sich, dass es vielleicht doch nicht so fesch ist, gegen einen Underdog feig ein Nicht-Spiel aufzuziehen und auf zufällige Treffer zu hoffen. Aber da hatten auch schon die Australier Glück und bekamen einen Elfer zugesprochen, der keiner war. Ungerecht! Aber auch wieder irgendwie gerecht, weil man sich den Führungstreffer doch verdient hatte. Die Tüchtigen eben... Nur, dass man auch wissen muss, dass das Glück ein Vogerl ist! Und kaum hatte man sich die Führung schenken lassen, musste man van Persie dabei zusehen, wie er dem Glück den Vogel zeigt und zum 2:2 ausgleicht. Perdauz!, dachte sich der Fußball-Fan, wie mag das wohl weitergehen?

Man hätte es bei einem 2:2 bewenden lassen, oder sich auf ein 3:3 einigen können. Stattdessen schenkt der Zufall Holland ein weiteres Tor. Einen halbherzigen Weitschuss von Memphis Depay vermochte der australische Keeper nicht zu halten und so stand es in der 68. Minute auf einmal 3:2. Dann ging es noch ein paar Minuten hin und her und als jemand, der diesem fußballerischen Wahnsinn bis jetzt zugesehen hat, wusste man, dass hier noch alles passieren kann. Schließlich ließen aber die Konditionsreserven der Australier nach und Niederlande spielte seinen zweiten Sieg nach Hause. Jetzt steht man fix im Achtelfinale mit zwei Siegen - vor sich ein Spiel um den ersten Gruppenplatz, um vielleicht Brasilien umgehen zu können. Wie das gegangen ist, weiß man nicht so recht.

Weil aber die Gruppe A nicht ohne die Gruppe B gedacht werden darf und umgekehrt, könnte man sowohl mit einem ersten als auch mit einem zweiten Platz auf die äußerst unangenehmen Kroaten treffen, die im ersten Spiel dem Titelfavoriten Brasilien das Leben schwer gemacht haben, und die sich gestern mit einem 4:0-Sieg gegen das desolate Kamerun richtig viel Selbstvertrauen für das letzte Spiel gegen Mexiko geholt haben. Überhaupt sind sowohl Brasilien als auch Mexiko unangenehme Achtelfinalgegner - und die Kroaten sowieso! Wie es derzeit aussieht, würde sich Holland vielleicht sogar gegen Brasilien leichter tun als gegen Kroatien. Vielleicht geht es im letzten Gruppenspiel ja auch darum, zu verlieren, um dem unangenehmeren Gegner zu entgehen. Wer das sein wird, steht freilich erst nach dem letzten Spiel der Gruppe A fest. Das ist spannend, und da ist noch viel Platz für Zufälle und Glück. Und auch für Dummheiten.


ESP - CHI 0:2


König Juan Carlos dankt ab, und auch die Furia Roja scheint Geschichte zu sein. An einem Punkt dachte ich mir: "Spanien liegt 0:1 hinten und Xavi sitzt auf der Ersatz-Bank", und da wusste ich, dass dies das sicherere Zeichen für den spanischen Untergang war als die 1:5 Niederlage gegen Holland letzte Woche. Chile hat gezeigt, dass sie den Erwartungen, die nach der letzten WM in sie gesetzt wurden, doch gerecht werden können (auch wenn dies vor dieser WM wieder keiner geglaubt hätte). Spanien hingegen ist raus. Ende, vorbei. Schlusspunkt im ehrwürdigen Maracana-Stadion. Am traurigsten ist, dass sie noch ein Spiel zu bestreiten haben - ein völlig überflüssiges gegen Australien, das sie nicht einmal verlieren dürfen. Wir verabschieden uns von diesem beeindruckenden Spanien, das die letzten Jahre den Fußball geprägt hat wie kein anderes Land; das zwei Mal Europa- und einmal Weltmeister geworden ist; das uns mit seinem Tiki-Taka zuerst verzaubert, und dann ganz schön genervt hat. Schön, dass wir das alles erleben durften! Danke Xavi, danke Iniesta, Puyol, Alonso, Casillas, Ramos, Pique und wie sie alle heißen! Man kann ihnen nur wünschen, dass sie beim nächsten Mal wieder zum engen Favoritenkreis zählen werden und nicht in die talentierte Mittelklasse abrutschen, wo sie vorher so lang gewesen sind.


Held des Tages:

Der Andre Agassi des Fußballs, Chiles Trainer Jorge Sampaoli. Keiner ist hemdsärmeliger als er, und schlauer sind auch nicht viele.


Buhmann des Tages:

Louis van Gaal für die erste Halbzeit seiner Mannschaft. Ein totaler, grauenhafter Irrweg, der Anklänge an Rehakles hatte. Mit Halbzeit zwei hat er den Kopf aus der Schlinge gezogen, aber ohne dem Glück der Dummen hätte es schlecht ausgesehen!

Montag, 16. Juni 2014

Verschnaufpause

Ein Schiedsrichter als Held, das Deutsche an der Torlinientechnologie und ein fragwürdiges Argentinien machen den Tag trotz fehlender Knaller interessant.


So eine WM ist ganz schön anstrengend. Abgesehen davon, dass man gezwungen ist, teilweise bis spät in die Nacht hinein fragwürdige Begegnungen zu verfolgen bzw. diese nur zähneknirschend zu versäumen wagt, löst sich schon nach zweieinhalb Spieltagen die ganze Ordnung auf, die man sich vorher im Kopf gemacht hat: Nach drei Tagen weiß man schon nicht mehr, wer in welcher Gruppe spielt, welche Gruppe heute dran ist, geschweige denn wann jetzt welches Spiel stattfindet. Vor dem inneren Auge verschwimmen die Flaggen von Kolumbien, Ecuador und Costa Rica zu einer panamerikanischen Einheitsfahne, man glaubt plötzlich an jeder Ecke Sambatrommeln zu hören, und erst wenn man ORF einschaltet und die unterirdischen Bemühungen der dortigen Akteure sehen muss, die alle irgendwie modern und hip sein wollen, krallt man sich entnervt einen von den vierzehn Spielplänen, die in Fernsehernähe herumliegen, um sich wieder zu ordnen. Ein Tag, an dem in drei Spielen drei Außenseiter zu Werke gehen, eignet sich als Verschnaufpause, die man dringend braucht, vor allem nach diesen atemlosen ersten Stunden der Weltmeisterschaft, die jetzt schon in der Erinnerung zu einem Euphoriebrei zu verschmelzen drohen.

Noch immer umnebelt von der Klassepartie zwischen England und Italien und dem Ärgernis über das Versäumnis des Nachtspiels saß man dann gestern um 18 Uhr vor dem Fernseher, um sich den "Heuler" Schweiz gegen Ecuador anzusehen. Was man da zu sehen bekam war eine irgendwie rumpelnde Schweizer Nati, der wir Österreicher immer neidisch sein können, weil sie aus annähernd gleicher Ausgangsposition so viel mehr zusammengebracht haben als wir.
Dass diese Entwicklung nicht geschenkt ist und harte Arbeit braucht, um weiter vorangetrieben zu werden, und dass es dann auch mal natürliche Grenzen dieser Entwicklung gibt, könnte diese Weltmeisterschaft zeigen. Einen Vorgeschmack bekamen wir im ersten Spiel gegen Ecuador, in dem sich die Schweizer etwas schwerer als erwartet getan haben bzw. Ecuador eine bessere Figur gemacht hat als man ihnen zugetraut hatte.

SUI - ECU 2:1


So gingen die Südamerikaner frech in Führung, was die Schweiz dazu veranlasste, ein bisschen mehr zu rackern, auch wenn nicht immer alles recht zusammenlaufen wollte. Ottmar Hitzfeld brachte in Hälfte 2 Admir Mehmedi und der schoss gleich den Ausgleich. Man sah, dass Ecuador am Limit angelangt war, und sie blieben auch gefährlich. Ein Sieg wäre dann doch eine Überraschung gewesen und mit einem Unentschieden hätten sogar die Schweizer zufrieden sein müssen. Sie gaben sich aber nicht zufrieden und versuchten weiter Druck zu machen. In der Nachspielzeit passierte dann etwas Wunderbares: Behrami wurde im Mittelfeld bei einem letzten Versuch, einen schnellen Vorstoß einzuleiten, gefoult. Weil aber Behrami bereits wieder auf den Beinen war, bevor er überhaupt am Boden lag, entschied Schiedsrichter Rawschan Irmatov auf Vorteil und ließ das Spiel laufen. Behrami gab den Ball ab und drei Sekunden später zappelte der bereits im Netz: Haris Seferovic traf für die Schweizer zum 2:1 Endstand.

Bei aller Diskussion über Schiedsrichter-Fehlentscheidungen muss man hier den usbekischen Schiri loben, der die Situation blitzschnell erfasst und richtig bewertet hat. Die schweizer Schiedsrichter-Legende Urs Meier (Analyst für das deutsche Fernsehen) zeigte sich nach dem Spiel geradezu exaltiert: Auf die Vorteil-Entscheidung angesprochen sprach Meier von einer geradezu genialen Aktion, von einem "Vorteil wie Weihnachten und Ostern zusammen". Es ist selten, dass Schiedsrichter mit besonders guten Entscheidungen beeindrucken, aber Irmatov hat da gestern Tolles geleistet und ganz nebenbei der Schweiz den Sieg ermöglicht.

FRA - HON 3:0


Das Spiel Frankreich gegen Honduras stand unter keinem guten Stern. So nahmen die Spieler für die Nationalhymnen Aufstellung, warteten und auf einmal begannen die Honduraner, die französische Equipe für den Pre-Match-Handshake abzulaufen. Der ZDF-Kommentator meinte zunächst, es handle sich dabei um ein Missverständnis der Honduraner. "Die wissen wohl nicht über den Ablauf Bescheid!", dachte er sich als typischer Deutscher vermutlich. In Wahrheit aber war die Tonanlage des Stadions ausgefallen und das Match musste ohne Hymnen losgehen. Tragisch vor allem für die Franzosen, denn ohne Marsellaise geht da normalerweise gar nichts. Glücklicherweise hieß der Gegner Honduras und nicht etwa England!

Das Spiel war dann die erwartet ruppige Partie seitens der Honduraner. Schlimm, wenn man als Mannschaft, die sich berechtigte Hoffnungen auf die KO-Phase macht, ein Match gegen solche Rüpel nicht nur heil überstehen, sondern auch gewinnen muss. Frankreich aber meisterte diese Aufgabe mehr oder weniger gelassen. Und wir freuten uns über den ersten Einsatz der Torlinien-Technik, die ein Tor gab, das aus vier von fünf Kamerawinkeln nicht als solches zu erkennen war. Mehrmals wurde in der Folge darauf hingewiesen, dass diese Technik aus Deutschland stamme. Denn obwohl wir nun endlich diese Technologie haben, fangen jetzt wieder die ersten an zu behaupten, die Diskussionen würden trotzdem nicht ausbleiben, weil es immer noch welche gibt, die daheim vor dem Fernseher sitzen und zwischen zwei Bierrülpsern behaupten könnten "Für mich war der nicht drin!". War er aber! Weil die Technologie das gesagt hat. Und weil die aus Deutschland kommt! Käme sie nämlich aus Burundi oder Palau, dann würde man ernsthafte Zweifel anmelden können. So aber nicht! Deutsche Technologie ist unfehlbarer als der argentinische Papst!

ARG - BIH 2:1


Dann spätabends der von vielen herbeigesehnte erste Auftritt der Albiceleste. Das große, nominell so außergewöhnlich besetzte Argentinien, dem von vielen im Vorfeld als einzige aller Mannschaften zugetraut wurde, den sicheren Titel für Brasilien verhindern zu können. Am besten im Finale. Und am besten im Maracana. Aber Argentiniens Auftritt gegen WM-Neuling Bosnien war gestern alles andere als glamourös. Er war eher desaströs und peinlich, vor allem in der ersten Hälfte. Dass Argentiniens Teamchef Sabella seine Mannschaft mit fünf Defensiven auflaufen ließ, und so zum Beispiel Higuain und Gago auf der Bank ließ, war eigentlich nur als Scherz verstehbar. Solcherlei Scherze traute man vor vier Jahren nur Ex-Teamchef Diego Maradona zu. Aber gegen Bosnien mit 5 Mann hinten - bei dieser Offensivqualität?

Vielleicht war es deshalb, dass Messi vollkommen neben sich stand. Der Floh, der im argentinischen Nationaldress bei einer WM noch nie wirklich überzeugen konnte, steht auch diesmal unter enormen Druck. Weil das argentinische Spiel auf ihn ausgerichtet ist und so auch auseinanderfällt, wenn er die Leistung nicht erbringt. Das ist eigentlich ein Ansatz, der zum Scheitern verurteilt ist, vor allem, weil Argentinien es bei der Qualität seines Kaders nicht nötig hätte.
Messi lief gestern in Hälfte eins vielleicht sogar weniger als vorgestern Andrea Pirlo. Nur, dass Pirlo eben dafür da ist, die anderen laufen zu lassen. Die Argentinier kamen glücklich zu einem frühen Tor. In der zweiten Halbzeit vergab Messi zuerst einen Freistoß kläglich und machte dann wenige Minuten später das, wofür er bekannt ist. Und er feierte seien Treffer zum 2:0 wie er sonst selten ein Tor feiert. Es muss ihm eine Last von den Schultern gefallen sein! Wir können es nur hoffen, denn es wäre wirklich schade, wenn so ein Fußballer im Nationalteam unerfolgreich bleiben würde.

Ich bin mir nur nicht sicher, ob ein Treffer gegen Bosnien die erhoffte erlösende Wirkung hat und Messi jetzt den Fluch, der auf ihn zu lasten scheint, wirklich abschütteln kann. Dass das Tor trotzdem wichtig war, bekam ich nur noch mit, als ich, bereits im Bett liegend, Jubelschreie aus dem nahegelegenen bosnischen Lokal hörte, das noch vor wenigen Tagen ein kroatisches Lokal war, aber eigentlich von Albanern geführt wird. Es ist ja doch irgendwie alles eins...
2:1 ist für argentinische Verhältnisse schwach, aber man ist mit 3 Punkten ins Turnier gestartet. Wenn man von den taktischen Blödsinnigkeiten was lernt und Messi sich wirklich noch steigert, dann wird man vielleicht an die hohen Erwartungen heranreichen. Momentan aber sehe ich Argentinien nicht im Finale.


Held des Tages:
Weil sonst immer die Scheidsrichter die Buhmänner sein müssen, steht hier jetzt stolz und zu Recht der Usbeke Rawschan Irmatov mit seinem "Vorteil wie Weihnachten und Ostern zusammen".

Buhmann des Tages:
Alejandro Sabella, der argentinische Trainer. Er hat mit seiner Startaufstellung das falsche Signal gesendet. An die Fans, an die Mannschaft, an die Bosnier, vor allem aber an Lionel Messi, der im riesigen Maracana-Stadion tatsächlich klein wie ein Floh wirkte.

Samstag, 14. Juni 2014

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer

Getty Images

Fußball am Schirm, Bier im Schädel und Hoffnung im Herzen: Es ist Weltmeisterschaft. Und wie!


Jetzt haben wir unseren ersten ganz großen Knüller! Niemand hat es erwartet, aber es ist doch so gekommen. Es ist der Anfang einer ganz großen Geschichte und zugleich der Beginn vom Ende einer anderen großen Geschichte: Mexiko besiegt Kamerun! Wer hätte das gedacht? ... Ach so, das war nicht die große Sensation? Da war noch was anderes? Immer schön der Reihe nach!

MEX - CAM 1:0


Die vom Pech verfolgten Mexikaner schienen zunächst vom Pech verfolgt zu bleiben. Immerhin mussten sie drei Tore schießen, um eines zugesprochen zu bekommen. Es ist eben eine WM, bei der die weltbesten Fußballer gegen mittel- bis unterklassige Schiedsrichter spielen. Aber da jammern nie was hilft, und die Mexikaner das wissen, haben sie einfach weitergespielt. Und sie wurden mit einem Sieg belohnt, der Traum vom Aufstieg lebt, und vor Spanien im Achtelfinale muss man sich jetzt auch noch nicht arg fürchten.

Kamerun ist eine seltsame Mannschaft. Eine Ansammlung von wirklich guten Fußballern, bei denen aber am und abseits des Platzes nie wirklich viel zusammenläuft. Da werden Badewannen voller Potenzial ins Meer gekippt. An der Seitenlinie steht ein deutscher Trainer, der als Afrikaner-Versteher gilt. Trotzdem sieht er im Sturzregen von Natal aus wie Adolf Hitler im April '45. Hilf-, glück- und freudloses Kamerun - wir können die 30 Jahre alten Bilder vom tanzenden Roger Milla nicht mehr sehen! Reiß' dich zusammen und zeig uns dein Herz! "Beherzt" nämlich nennt man Auftritte vermeintlicher Kleinmannschaften wie Mexiko. Mexiko war auch beherzt. Kamerun hingegen wirkte vom Regen genervt und lustlos.


ESP - NED 1:5


Fast wär mir beim Tippen des Fünfers nochmal eine Freudenträne auf die Tastatur getropft. Ich kann es heute immer noch nicht glauben, was ich da gestern gesehen habe! Das war wie Holland 2008 - ein lustvolles, aufregendes Spiel, eines, das Laune machte. Nicht nur bei Holland-Fans, sondern auch bei allen anderen (außer den spanischen versteht sich). Man ahnte erst Böses, als Schiedsrichter Rizzoli Spanien einen Strafstoß schenkte, dachte, es sei nun das dritte Spiel mit der dritten folgenschweren Fehlentscheidung bei dieser WM. Dann kam aber alles anders, denn dann kam Robin van Persie und dieser Robin flog, er flog wie ein Vogel, wie eine Schwalbe, einem Ball entgegen, und der flog dann über Iker Casillas hinweg ins Tor und es stand 1:1 und man wusste: So schnell ist das heute nicht vorbei!

Großartig agierten Snijder und Robben im Mittelfeld, und was der unglaubliche Daley Blind über die linke Seite bringt, das erinnert an die Zeiten von Gio van Bronckhorst, dem letzten großen auf dieser Position. Unschlagbar ist aber Holland nicht, auch das hat man gesehen. Das waren sie auch nie und das war und ist der Reiz dieser Mannschaft: Das Taumeln zwischen Genie und Wahnsinn, das Heiß-kalt-Spiel, das nichts für schwache Nerven ist. Hollands Überdrüber-Fußball ist nie ohne Angst vor der Katastrophe zu haben. Deswegen taugt Oranje als Objekt der Leidenschaft so viel mehr als Spanien, Deutschland oder auch Brasilien. Hollands Spiel ist unabgeschlossen, löchrig, es lebt vom Momentum, von der Befindlichkeit der Mannschaft und auch von dem, was der Gegner zulässt. Es ist aufregend in jeder Hinsicht!

Was aber war das für ein Spanien? Denn wenn wir uns ehrlich sind, hat Holland aus spanischer Sicht da kein großartiges Spiel aufgezogen. Es waren immer nur lange Bälle nach vorne oder Flanken von der Seite - nichts Unausrechenbares, nichts, gegen das man nichts unternehmen könnte. Die Furia Roja wankt, ist angezählt. Gefallen ist sie noch lange nicht... Aber vielleicht lässt sich das Spiel besser als ein denkwürdiger Moment verstehen. Der Moment, als sich Holland für das verlorene Finale revanchierte und mit einem 5:1 den langsamen Niedergang des unglaublichen spanischen Fußballwunders einläutete.

Denn was uns bei aller Euphorie auch klar sein muss: Wer Holland jetzt als Weltmeister handelt, hat 2008 nicht zugeschaut. Und am besten fasst die Situation sowieso Robin van Persie selbst zusammen, wenn er sagt: "Es ist einfach unglaublich, unerklärlich, unbeschreiblich. Das ist ein Traum für unser ganzes Land. Aber es sind auch nur drei Punkte, das ist die Realität."
Wichtig ist aber: Holland ist aufgewacht, traut sich wieder was zu, wird wieder von der Begeisterung getragen. Das braucht diese Mannschaft, das braucht diese WM!

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Gestern habe ich geschrieben: Wenn es so weitergeht, dann Prost Mahlzeit! Und es ist so weitergegangen, die WM hat auch am zweiten Tag gehalten, was das Eröffnungsspiel versprochen hat: Drama, Emotion und Überraschung. Holland und Chile stehen jeweils mit 3 Punkten da, über Spanien staunt die ganze Welt. Mexiko hat gegen Wasser und Willkür gekämpft und gewonnen. Und im Nachtspiel haben die Australier gegen Chile gezeigt, dass sie auch technisch und taktisch überlegenen Mannschaften unangenehm werden können. Vorsicht Holland, Vorsicht Spanien!

4 Spiele liegen hinter uns, noch kein Unentschieden, noch kein torloses. Und heute Nacht spielt Italien gegen England - Fußballherz, was willst du mehr?



Held des Tages:

Da nehme ich Robin van Persie, denn er hat zwei Tore gemacht, wovon das erste von der Marke "Traumtor" war. Arjen Robben in Ehren, aber ich halte ihn immer noch für einen grausigen Egoisten, und kann seinem Verhalten auf dem Platz einfach nichts abgewinnen. Fußballerisch ist das natürlich eine andere Geschichte...


Buhmann des Tages:

Wenn ich jetzt jedes Mal den Schiedsrichter (oder einen Schiedsrichter) nehme, wird's fad. Also entscheide ich mich für Samuel Eto'o stellvertretend für Team Kamerun. Eine Szene war symptomatisch: Eto'o fordert einen Eckball, bekommt ihn aber nicht. Nicht, dass Eto'o der einzige Fußballer der Welt wäre, der bei einem Schiedsrichter irgendwas einfordert; schließlich ist das Teil des fußballerischen Theaterapparates. Aber bei ihm wirkt es tatsächlich so, als erwarte er, dass ihm der Schiedsrichter gehorcht. Das ist echt zu viel verlangt, lieber Samuel!


Tragischer Held des Tages:

Giovani Dos Santos hat zwei Tore geschossen, aber nirgendwo wird er als Torschütze aufscheinen. Nie wird er seinen Enkeln erzählen können, dass er während der WM für ein paar Stunden mit dem großen Neymar gleichziehen konnte und gemeinsam mit ihm auf Platz eins der Torschützenliste gestanden hat. Denn seine beiden Tore wurden zu Unrecht aberkannt. Er kann sich nur damit trösten, dass Mexiko trotzdem gewonnen hat. Trotz seiner beiden Tore, die nicht in die WM-Annalen eingehen.

Freitag, 13. Juni 2014

Heimvorteil

Erst ein Spiel gespielt und die Wogen gehen schon wieder hoch. Und auch, wenn es für die Kroaten ärgerlich war, stimmten am Ende Ergebnis und Erwartung überein.



Es ist WM, es ist Eröffnungsspiel, das Stadion kocht, bebt und zittert. Nicht allein, weil es noch nicht fertig gestellt ist, sondern weil gefühlt halb Brasilien in der Arena Corinthians in Sao Paolo Platz gefunden hat. Die andere gefühlte Hälfte liefert sich wohl irgendwo Straßenschlachten mit der Polizei, aber davon ist am Rasen nichts zu spüren als die Selecao ihre Hymne gegen die Menge plärrt. Das Abfahren der Gesichter mit der Kamera während der Hymne ist ja eigentlich eine Desavouierung des Heldenhaften noch bevor die Spieler die Chance hatten, irgendwas Heldenhaftes zu vollbringen. Da gibt es angestrengte Sänger, die bei jeder Silbe kräftig Luft holen, um noch mehr Kraft in ihr Geplärre hineinzubringen. Da gibt es die bloßen Lippenbeweger, die konsequenten Schweiger, die zu cool zum Singen sind. Und es gibt die Tenöre, die brav und laut (wenn auch nicht besonders schön) singen. Und es gibt Neymar, den es die Tränen in die Augen drückt.

Was konnte man an diesen Gesichtern ablesen? Zunächst, dass es prinzipiell vier Typen Brasilianer gibt: Den Wuschelkopf, der meistens in der Verteidigung spielt (siehe David Luiz, Marcelo, Dante); Dann gibt es den Berserker (Maicon, Hulk, Dani Alves), der alles niederrent, was es zum Niederrennen gibt, einschließlich sich selber. Weiters im Aufgebot steht der Typus des unansehnlichen Talents (siehe Thiago Silvas Wurstlippe oder die seltsam arabeske Physiognomie Luiz Gustavos). Der Rest der Mannschaft ist das, was man in Österreich "Zniachtal" nennt. Das sind harmlos wirkende Schwächlinge, die man erst belächelt. Wie in einem Computerspiel sind es aber freilich die, die am gefährlichsten sind: Neymar, die brasilianische Manga-Figur, ist so einer, aber auch Oscar, Bernard und der Buchhalter-Typus Fred. Traut man denen den WM-Titel zu? - Muss man, denn brasilianische Nationalmannschaften haben schon seit jeher immer gleich ausgesehen. Das konnte man an den Bildern von Cafu und Kaka auf der Tribüne erkennen.



Die Selecao begann zaghaft, zu gut standen die Kroaten zu Beginn in der eigenen Hälfte. Es war, als hofften die Brasilianer darauf, dass der Schiedsrichter nur anzupfeifen brauchte und auf einmal würden sich ihre Beine von selbst bewegen und der Ball ganz von allein und zauberhaft ins gegnerische Tor rollen. Doch die Euphorie der Fans vor dem Auftaktmatch wollte auch von Aktionen auf dem Feld begleitet werden. Das zu erkennen kostete den Brasilianern etwas Zeit. Jetzt war es vorbei mit Samba und Halligalli, jetzt musste guter Fußball gespielt werden!

Die Kroaten nutzten den Druck, unter den Brasilien zu stehen schien, gut aus, zogen sich zurück und warteten ab, um dann im rechten Moment gefährliche Konter zu fahren. Brasilien blieb zwar über weiter Strecken die spielbestimmende Mannschaft, schien aber zunächst mehr Schwierigkeiten mit sich selbst zu haben als mit dem Gegner.

Dann kam es zur großen Katastrophe: Im Auftaktspiel der Heim-WM passierte Marcelo das ultimative Missgeschick, und die Kroaten gingen durch sein Eigentor 1:0 in Führung. Wie man so oft sagt, tut ein solches Führungstor für den Underdog dem Spiel gut. Gestern hatte es zumindest den Effekt, dass Brasilien endgültig erkannte, dass nichts von alleine geht. Und dann war es ausgerechnet Neymar, der 18 Minuten später zum Ausgleich einschoss, und nicht nur sein Land und seine Mannschaft, sondern vor allem seinen Teamkollegen Marcelo von allen Ängsten erlöste.

Denn dieses 1:1 war in Wahrheit ein Führungstreffer; zumindest fühlte es sich so an. Seltsamerweise nahmen nämlich die Kroaten von ihrer gar nicht unverdienten Führung überhaupt kein Momentum mit, und verhielten sich nach dem Ausgleich auch so, als wären sie in Rückstand geraten. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein täte da schon gut. Leicht gesagt, denn wie erwähnt muss die Atmosphäre miteingerechnet werden: Eröffnungsspiele können für den Gegner des Gastgebers grausam sein, wenn er auch noch Außenseiter ist. Diese Erfahrung mussten die Kroaten später im Match noch einmal machen...

Dabei holte Kroatien aus dem geschwächten Kader einiges heraus. Rakitic und Modric, von dem ich immer dachte, er würde vielleicht mit kurzen Haaren besser aussehen (NOT!), agierten großartig im Mittelfeld und der unglaubliche Olic rannte ständig im Volltempo die Seitenlinien rauf und runter. Allein, es half nichts, denn spielgestalterisch war man den Brasilianern erwartungsgemäß unterlegen. Man konnte sich zwar die eine oder andere Chance herausspielen, aber was man sich von Chancen, die nicht verwertet werden, kaufen kann, weiß jeder Österreicher am besten.

Es kam, wie es kommen musste, aber eigentlich nicht kommen dürfte: Brasilien bekam einen Elfmeter zugesprochen bzw. geschenkt. Der japanische Schiedsrichter hatte die Hosen voll und sah eine Handberührung Lovrens and Buchhalter Freds Schulter als Foul an. Sein Hirn wägte wohl in den Millisekunden zwischen Freds Fall und dem Pfiff ab, ob elf erzürnte Kroaten oder tausende erzürnte Brasilianer leichter zu ertragen wären. Nishimura entschied sich für Brasilien und Neymar trat an. Der Elferkiller Pletikosa - wie hätte man es den Kroaten gewünscht, dass er den Elfmeter, der keiner hätte sein dürfen, gehalten hätte. Doch hätte, hätte, hätte - dran war er, aber es stand 2:1. Brasilien war erlöst, und wenn Neymar so weiter macht, wird die Christus-Erlöser-Statue abmontiert an ihrer Statt seine Manga-Figur hingestellt.

Das 3:1 war dann nur noch Kosmetik, obwohl die Kroaten, wütend wie sie waren, noch energische Vorstöße auf das brasilianische Tor unternahmen. Brasiliens Abwehr sah da nicht immer so glücklich aus, aber Oscars Tor in der 93. Minute fixierte den Endstand, den wohl auch viele so getippt haben.

Am Ende war Brasilien zu stark für Kroatien, das es nur ansatzweise verstand, die Unsicherheiten im brasilianischen Spiel auszunutzen. Diese werden weniger werden, das sind schlechte Nachrichten für die folgenden Gegner der Selecao. Kroatien aber darf ruhig ein bisschen mehr so sein, wie man sich die Kroaten eigentlich vorstellt: Stolz, ein wenig zu stolz und ein bisschen größenwahnsinnig vielleicht. Galten früher die Jugoslawen als die Brasilianer Europas, so braucht es für das kroatische Team genau dieses Selbstbild, um die eigenen Stärken auch im Endergebnis sichtbar zu machen. Da kommt es jedoch ungelegen, dass man jetzt dem Schiedsrichter die Schuld an der Niederlage geben kann.

Es war ein schönes, aufregendes erstes Spiel. Eigentlich ungewohnt, da Eröffnungsspiel und Finale in dem nicht unbegründeten Ruf stehen, potenziell langweilig zu sein. War das ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt? Wenn ja, dann Prost Mahlzeit!


Held des Tages:

Der Spray! Jeder Freistoß ein Ereignis!


Buhmann des Tages:

Ja, leider der Schiedsrichter, aber ohne solche Fehlentscheidungen ist eine WM nicht mehr zu haben.Und man kann eine WM nicht nur mit europäischen Spitzenschiris bestreiten, die ich von der Kulisse und den Weltstars nicht beeindrucken lassen.
Höre ich irgendwen Videobeweis sagen? Tja, wir haben jetzt Torlinientechnologie und einen Freistoßspray. Das ist an FIFA-Maßstäben gemessen revolutionär.