Posts mit dem Label mexiko werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label mexiko werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 30. Juni 2014

Ein kurzes und ein langes Spiel

Costa Rica hat es geschafft. Holland auch - irgendwie.


Wie grausam Fußball sein kann, haben wir vorgestern gesehen. Wie schiach Fußball sein kann, mussten wir gestern sehen. Schiach heißt hässlich, kann aber auch mehr sein als die bloße Abwesenheit der Ästhetik. Es kann auch grausam sein, ekelhaft und niederträchtig. Es kann aber einfach nur ein bisschen unschön sein. Gestern wurde das Adjektiv "schiach" in all seinen Spiel- und Bedeutungsformen dekliniert. Außerdem haben wir gelernt, dass Fußball nicht unbedingt 90 Minuten dauern muss. Manchmal kann das Spiel auch sehr viel kürzer sein - und oft auch sehr viel länger...

NED - MEX 2:1


Schön langsam komm ich dahinter, wie man Holland-Spiele anschauen kann. Erst einmal sollte man sich die erste Hälfte sparen. Da passiert eigentlich nie was, denn die Holländer haben sich darauf geeinigt, dass 45 Minuten für ein Fußballspiel vollkommen ausreichend sind. Tatsächlich habe ich mich bis gestern noch nie gefragt, ob man tatsächlich 90 Minuten Fußball spielen muss, oder ob nicht auch 60 reichen würden - oder gar 45 Minuten? Nehmen wir an, dass in einem Spiel im Schnitt drei Tore fallen, dann ist das ein Tor alle 30 Minuten. Viele Fußballspiele lassen diese 30 Minuten sehr lang erscheinen. Das sind dann auch jene, in denen vielleicht gar nicht drei Tore fallen, sondern nur eines - oder gar keines. 90 Minuten sind also zu lang, und das hat Louis van Gaal erkannt. Also gab er in den letzten Spielen seiner Mannschaft die Anweisung, die erste Hälfte runterzuspielen, möglichst kein Tor zu bekommen, aber auch nicht unbedingt eines zu schießen.

Das machte in der Hitze gestern sogar durchaus Sinn. Dass es da in der niederländischen Verteidigung zu teils haarsträubenden Szenen kam, ist eine andere Geschichte. Eine, die letztlich auch mit der durchaus verdienten Führung der Mexikaner in Minute 48 ihr vorläufiges Ende nahm. Denn nun war zweite Halbzeit und nun hatte man auch was zu tun, war bereit, das Heft in die Hand zu nehmen. Dass es erst in der 88. Minute zum Ausgleich kam, lag vor allem an Mexikos Tormann Ochoa, der erneut eine sensationelle Partie spielte.
Wer das Spiel bis dahin gesehen hatte, wusste, dass Holland an einer Verlängerung nur wenig interessiert war. Schließlich sind ja 90 Minuten schon zu viel; was soll man dann erst mit 120 anfangen? Mexiko hingegen schlief ein, war müde. Man hatte sich aufweichen lassen.

Also passierte, was passieren musste: Robben ließ sich im Strafraum fallen und bekam sogar einen Elfmeter, den Huntelaar halbtrocken verwandelte. Ich sag nicht, dass es kein Foul war. Aber wenn Robben fällt, ist es mittlerweile schon völlig egal, ob es ein Foul war oder nicht. Es kommt nur darauf an, ob die Schiedsrichter dem Gefoulten Glauben schenken. Und das tun sie immer weniger. Robben darf sich nicht beklagen, wenn er tatsächlich gefoult wird und keinen Elfmeter mehr bekommt. Der gestern ging aber in Ordnung - hatte aber trotzdem einen schiachen Beigeschmack. Egal - Holland ist weiter und Mexikos Trainer Herrera ist leider nicht mehr zu sehen. Der wittert inzwischen natürlich eine Verschwörung.


CRC - GRE 1:1 (5:3 n. E.)


Apropos schiacher Beigeschmack. Einen solchen hatte auch das Achtelfinale der Außenseiter Costa Rica gegen Griechenland. Das war ein Duell zweier Mannschaften, die, was die Wahrnehmung der Fans anbelangt, nicht unterschiedlicher sein können. Auf der einen Seite die Ticos, der Überraschungsgruppensieger der nominell schweren Gruppe mit drei Ex-Weltmeistern, der sympathische Mittelamerika-Kleinstaat mit den aufgeweckten Kerls, die mäßigen Fußball spielen; den aber dafür mit Herz und Leidenschaft. Auf der anderen Seite der ewige Buhmann Griechenland, der es mit destruktivem Fußball immer wieder in WM-Endrunden schafft. Diesmal sind sie sogar mit einem negativen Torverhältnis aufgestiegen. Dass dies auch noch durch einen ungerechtfertigten Elfmeter passiert war, machte sie natürlich nicht sympathischer.

Doch Sympathie zählt wenig auf dem Platz, und so sah es schwarz aus für die Ticos, die sich gegen die gewohnt gut stehenden Griechen sehr schwer taten. Costa Rica ging trotzdem in Führung, und weil ein Tor gegen Griechenland fast doppelt zählt, witterte man schon Morgenluft. Als dann Costa Ricas Duarte eine Viertelstunde nach dem Führungstreffer wegen wiederholten Foulspiels vom Platz gestellt wurde, und die Griechen aufgrund des Rückstandes anfingen, offensiv aktiver zu werden, musste man sich ein bisschen fürchten. Fürchten, dass jetzt wieder alles ganz anders kommen würde, dass wieder irgendein Elfmeter in letzter Sekunde die Griechen in die Verlängerung retten würde. Schließlich hatte Costa Rica zuvor einen Handelfmeter nicht bekommen.

Der Ausgleich fiel natürlich in der Nachspielzeit und plötzlich schien alles für Griechenland zu sprechen. Sie hatten gute Chancen gehabt, entgegen ihrer eigentlichen Spielphilosophie endlich auch mal was für die Offensive getan, und: sie machten den fitteren Eindruck. Könnte Costa Rica dem Druck stand halten und zu zehnt die Verlängerung überstehen? Daran, dass die Ticos selbst ja noch das Entscheidungstor machen konnten, dachte irgendwie überhaupt niemand mehr. Tatsächlich hatten die Griechen die besseren Möglichkeiten, aber irgendetwas schien hinter der sich nur noch übers Feld schleppenden Außenseiter-Mannschaft aus Costa Rica zu stehen. Irgendein höheres Prinzip hatte beschlossen, dass sie so nicht ausscheiden würden.

Und so kam es wieder zum Elfmeterschießen. Und obwohl man Costa Rica nicht mehr zutraute, dass seine Spieler überhaupt noch den Anlauf schaffen würden, war dieses Shoot-Out das genaue Gegenteil des gestrigen zwischen Chile und Brasilien. Jeder Schuss saß - da muss man beiden Mannschaften zu ihrer Nervenstärke gratulieren. Auch der Elfmeter von Gekas hätte vielleicht gesessen, wenn ihn nicht der an diesem Abend glänzende Navas unglaublich pariert hätte. Sein Teamkollege Umana verwertete den entscheidenden Elfer souverän und die vielen Cosa Ricanischen Fans auf den Tribünen in Recife brachen allesamt in Tränen aus. Das kollektive Weinen als Ausdruck des "pura vida" - es steht dem unbändigen Jubeltänzen der Niederländer beim verwerteten Elfmeter Huntelaars gegenüber. Die Ticos sind von der Situation überwältigt, die Niederländer einfach nur froh, dass es doch noch geklappt hat. Im nächsten Spiel treffen sie aufeinander, und da zeigt sich dann, ob die reine Euphorie mehr bewegen kann als die Abgeklärtheit einer Mannschaft, die nur 45 Minuten Fußball zu spielen bereit ist.


Held des Tages:
Keylor Navas, der Torhüter Costa Ricas, der nicht nur einen Elfmeter, sondern auch gefühlte 3 Hundertprozentige gehalten hat. Wäre Mexiko weitergekommen, müsste hier auch Ochoa stehen. Und so ist es ein wenig verwunderlich, dass diese bis jetzt sehr torreiche WM trotzdem auch eine WM der Torhüter ist (s. Julio Cesar gestern).

Tragischer Held des Tages:
Noch einmal eine Würdigung des großartigen Miguel Herreras, dessen heißblütige Jubelorgien untrennbar mit dieser WM verbunden bleiben werden.

Donnerstag, 26. Juni 2014

Letzte Runde

Die Vorrunde neigt sich dem Ende zu. Die noch ausstehenden Entscheidungen sind unter "Eh schon wurscht" zu verbuchen. Da lohnt ein Blick auf die schon feststehenden Achtelfinalpartien!


Das Spiel Argentinien gegen Nigeria habe ich nur zur Hälfte gesehen. Also ich habe in Summe vielleicht 10 Minuten versäumt. Allerdings handelte es sich jeweils um die Anfangsphasen der Halbzeiten. Also habe ich von insgesamt fünf Toren nur eines gesehen. Das war das Freistoßtor von Messi kurz vor der Halbzeit. Großartig hineingezirkelt war das. Vor allem, weil nur wenige Minuten davor Messi den genau gleichen Freistoß geschossen hat, den Enyeama noch sensationell halten konnte. Beim zweiten mal war es eben dann ein Tor. Und fast hätte ich das auch nicht gesehen, weil ich dazu neige, mir Nachspielzeiten in der ersten Halbzeit zu sparen. Seit den letzten Spielen dieser WM bin ich da ein bisschen vorsichtiger geworden und werde es in Zukunft weiterhin sein! Aber auch was die Beginnzeiten betrifft, muss ich besser aufpassen. Das "Abtasten" funktioniert in Brasilien ein bisschen anders: Da schießt man erstmal ein Tor und schaut dann weiter. Und während man noch schaut, bekommt man auch schon wieder eines. Gut, ein 1:1 ist ungefähr ein 0:0, also passt das schon. Nichts versäumt, außer halt die Tore.


Argentinien scheint erwacht zu sein. Zumindest traute man sich zu, auch ein Weilchen ohne Lionel Messi zu spielen. Der Floh ist in eigenartiger Verfassung. Er hat bis jetzt kein besonders gutes Turnier gespielt, seine Mannschaft hält aber trotzdem bei drei Siegen und er selbst hat vier Tore in drei Spielen erzielt. Also rein von den Zahlen her gibt's nichts zu meckern. Hat er also doch ein gutes Turnier gespielt? Habe ich es nach der ersten Runde noch für vollkommen unmöglich gehalten, Argentinien im Finale zu sehen, kann jetzt schon wieder alles passieren.
Zu meckern gibt es auch nichts bei der Schweiz, die mit einem souveränen 3:0-Sieg gegen den Gruppenaußenseiter Honduras ins Achtelfinale eingezogen ist. Und Nigeria hat es trotz knapper Niederlage auch geschafft. Läuft ja alles wunderbar, und während wir die Gruppenphase langsam aber sicher hinter uns lassen und uns mit Wohlwollen an sie erinnern, wissen wir schon über die ersten Achtelfinalpartien Bescheid...


Da treffen zum Beispiel Costa Rica und Griechenland aufeinander. Hand hoch, wer darauf gewettet hat, dass es eines der beiden Teams ins Viertelfinale schafft! Ich wünsche jedenfalls Costa Rica alles Gute; sollte kein Turnier-Bammel einsetzen, müsste es gegen die Griechen klappen. Kann auch ein mühsames Unentschieden mit Elfmeterschießen werden, ich wünsche es uns aber nicht! Nicht wegen des Elferschießens, sondern wegen der 120 Minuten davor.

Argentinien trifft auf die Schweiz, das wird für beide Teams schwierig. Da aber Argentinien momentan im Aufwind und die Schweiz an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angekommen ist, wage ich keine andere Prognose als den relativ sicheren Sieg der Albiceleste. Messi schlurft 90 Minuten herum, macht aber trotzdem irgendwie drei Tore und wird wieder Man of the Match.

Die Niederlande ist die Mannschaft mit den bisher meisten erzielten Toren in diesem Turnier. Es könnte sein, dass sich dieser Trend fortsetzt, doch im Achtelfinale wartet ein harter Brocken: Mexiko. Allein das Duell der Coaches, van Gaal gegen Herrera, ist sein Geld wert. Ich hätte gerne eine Kamera, die das ganze Spiel nur die Trainerbänke filmt und die Reaktionen der beiden einfängt. (Ein Spiel in strömendem Regen würde noch für zusätzliche Dramatik sorgen.) Es gibt für dieses Spiel drei wahrscheinliche Varianten: Holland gewinnt knapp und glücklich, Holland gewinnt überzeugend und überraschend deutlich, oder Holland scheidet im Elfmeterschießen aus, weil der großartige mexikanische Tormann Ochoa seinem Heldenstatus gerecht wird. Zuckerl für den, der weiterkommt: Es wartet der Sieger aus Griechenland gg. Costa Rica!

Die Mannschaft mit den zweitmeisten Toren ist ... - na? Richtig: Kolumbien! Die dürfen im Achtelfinale gegen die bösen Urus ran. Ein hervorragendes Duell schon allein deshalb, weil hier ein Geheimfavorit der Herzen auf die große Buhmannschaft trifft - so verhält es sich zumindest in meiner Welt. Habe ich bisher Kolumbien wohlwollend verfolgt, so werde ich (nur für dieses eine Spiel) zum glühenden Verehrer der Cafetieros. Schon allein deswegen, weil Kolumbien jetzt die Mannschaft ist, zu deren Nationalhymne ich meinen tiefen Schluck Espresso trinken werde. So wie ich es bis jetzt - ich gestehe - bei den Italienern gemacht habe und nun nicht mehr tun kann.

Was sehe ich da noch? Brasilien gegen Chile! Das hatten wir ja vor vier Jahren schon mal. Da siegte Brasilien klar mit 3:0. Chile galt vielen damals als die Entdeckung des Turniers, und sie haben es wirklich geschafft, diesen Nimbus in dieses Turnier herüber zu retten. Ob es diesmal besser ausgeht für die Chilenen? Ich wage es zu bezweifeln, aber auf ein erneutes 3:0 würde ich nicht wetten wollen, denn wer gegen Kamerun ein Tor kassiert, der kassiert gegen Chile mindestens zwei!

Frankreich gegen Nigeria heißt eine weitere Achtelfinalpaarung, die bereits fest steht. Eigentlich spricht nichts gegen ein Weiterkommen der Franzosen, dafür war ihr Auftreten bisher zu souverän. Aber ja, auch Nigeria hat sich gebessert; ein Sieg gegen Frankreich wäre trotzdem eine Überraschung. Noch einmal der nigerianische Tormann Enyeama, noch einmal sein hysterisches Gekreische bei jedem gegenerischen Angriff!


Fürwahr: eine sehr südamerikanische WM ist das geworden. Das obere Viertel des Playoff-Baums ist gar nur mit südamerikanischen Mannschaften besetzt. Das heißt, dass mindestens eine davon im Halbfinale steht. Das heißt aber auch, dass drei davon vorher ausscheiden. Also eigentlich heißt das recht wenig. Wer geht uns überhaupt ab? Freilich, die Italiener hätten wir schon gebraucht, und die Engländer hätten sich zumindest das Achtelfinale und ein Ausscheiden im Elferschießen verdient gehabt. Portugal ist unglücklich ausgeschieden und auch sie gehen uns ab, weil es eine absolut KO-taugliche Mannschaft ist. Spanien, der amtierende Weltmeister, hätte es sich rein vom Papier her verdient, glorreicher auszuscheiden.

Aber weinen wir nicht jenen nach, die uns kein Fußballgott mehr zurückbringen kann. Erfreuen wir uns an wiedererstarkten Franzosen, den Immer-noch-Geheimfavoriten Belgien und den Überraschungsmannschaften aus Kolumbien und Costa Rica, die da auch ein bisschen mitmischen wollen. Und was wir uns von den USA erwarten dürfen, wissen wir spätestens nach dem heutigen Spiel gegen Deutschland!

Donnerstag, 19. Juni 2014

Das Glück, der Zufall und die Dummheit

Fußball ohne Zufall - das wäre reine Rechnerei. Und wer das Glück hat, hat dies immer auch zu rechtfertigen.


Das Glück, das haben immer die Dummen oder die Tüchtigen. Darauf kann sich der Volksmund noch nicht so recht einigen. Gestern hatten alle ein bisschen Glück und stellten sich dabei mal dumm, mal
tüchtig an. Also gibt auch der Fußball keine Antwort darauf, ob jetzt die Tüchtigen oder die Dummen die wirklich Glücklichen sind. Früher war es einfacher, da hatten im Fußball das Glück immer die Deutschen. Ob aus Dummheit oder Tüchtigkeit - darüber scheiden sich die Geister.

NED - AUS 3:2


Fast hätte ich jetzt 2:3 geschrieben, und bin da gar nicht so weit entfernt. Letztlich wäre auch ein 2:2, ein 4:2, ein 2:4 oder ein 3:3 möglich gewesen. Ja, es ist immer alles möglich. Aber so möglich wie gestern alles Denkbare war... Es hätte genauso gut sein können, dass ein Vogel dem Schiri ins Auge kackt und das Spiel abgebrochen werden muss und dann von zwei Fans im Elferschießen entschieden wird. Ok, da hätte das Fifa-Reglement vielleicht was dagegen, aber gerade das Fifa-Reglement löst den Wahlspruch der österreichischen Lotterien immer am besten ein: Alles ist möglich!

Holland also nach dem furiosen Auftritt gegen den nun schon fix Ex-Weltmeister Spanien mit der erwartet schweren Aufgabe gegen Australien: Schwer, weil die Erwartungen hoch waren; schwer aber auch, weil man schon im ersten Spiel sehen konnte, dass Australien Kampfgeist und Disziplin besitzt, zwei Attribute, die es jedem "Großen" schwer machen. Dass Holland - wie Argentinien in seinem ersten Spiel - mit fünf Defensiven auflief, war dumm. Und Dummheit wird im Fußball selten belohnt. Es gibt aber Ausnahmen, und deswegen machte Holland nach langem Schweinskick wie aus dem Nichts ein Tor. Ungerecht, weil eigentlich unverdient war diese Führung, und das dachten sich sicher auch die Australier. Also machten sie postwendend den Ausgleich, auf holländische Art: Flanke von hinten, Tor  - so einfach ist das. 1:1, also eigentlich wieder 0:0.

So unerklärlich dieses Ausgleichstor war, so schön war es auch. Und eigentlich wars irgendwo auch Zufall. Schon die Flanke von Ryan McGowan fand mehr oder weniger glücklich den Fuß von Cahill. Ausgesehen hat es wie einstudiert - und muss doch, bedenkt man die fußballerische Klasse Australiens, eigentlich Zufall gewesen sein. Zufällig, aber gerecht! Weil das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun. Zufall, Glück und Gerechtigkeit sind ja aus dem Fußball nicht wegzudenken, obwohl sie mit dem Spiel an sich nichts zu tun haben. Sie sind da und nehmen Einfluss, obwohl man nie genau sagen kann, wie.
Die erste Halbzeit brachte jedenfalls spielerisch nichts, und doch stand am Ende ein 1:1 da.

In der zweiten Halbzeit hatte Holland einen anderen Plan. Louis van Gaal dachte sich, dass es vielleicht doch nicht so fesch ist, gegen einen Underdog feig ein Nicht-Spiel aufzuziehen und auf zufällige Treffer zu hoffen. Aber da hatten auch schon die Australier Glück und bekamen einen Elfer zugesprochen, der keiner war. Ungerecht! Aber auch wieder irgendwie gerecht, weil man sich den Führungstreffer doch verdient hatte. Die Tüchtigen eben... Nur, dass man auch wissen muss, dass das Glück ein Vogerl ist! Und kaum hatte man sich die Führung schenken lassen, musste man van Persie dabei zusehen, wie er dem Glück den Vogel zeigt und zum 2:2 ausgleicht. Perdauz!, dachte sich der Fußball-Fan, wie mag das wohl weitergehen?

Man hätte es bei einem 2:2 bewenden lassen, oder sich auf ein 3:3 einigen können. Stattdessen schenkt der Zufall Holland ein weiteres Tor. Einen halbherzigen Weitschuss von Memphis Depay vermochte der australische Keeper nicht zu halten und so stand es in der 68. Minute auf einmal 3:2. Dann ging es noch ein paar Minuten hin und her und als jemand, der diesem fußballerischen Wahnsinn bis jetzt zugesehen hat, wusste man, dass hier noch alles passieren kann. Schließlich ließen aber die Konditionsreserven der Australier nach und Niederlande spielte seinen zweiten Sieg nach Hause. Jetzt steht man fix im Achtelfinale mit zwei Siegen - vor sich ein Spiel um den ersten Gruppenplatz, um vielleicht Brasilien umgehen zu können. Wie das gegangen ist, weiß man nicht so recht.

Weil aber die Gruppe A nicht ohne die Gruppe B gedacht werden darf und umgekehrt, könnte man sowohl mit einem ersten als auch mit einem zweiten Platz auf die äußerst unangenehmen Kroaten treffen, die im ersten Spiel dem Titelfavoriten Brasilien das Leben schwer gemacht haben, und die sich gestern mit einem 4:0-Sieg gegen das desolate Kamerun richtig viel Selbstvertrauen für das letzte Spiel gegen Mexiko geholt haben. Überhaupt sind sowohl Brasilien als auch Mexiko unangenehme Achtelfinalgegner - und die Kroaten sowieso! Wie es derzeit aussieht, würde sich Holland vielleicht sogar gegen Brasilien leichter tun als gegen Kroatien. Vielleicht geht es im letzten Gruppenspiel ja auch darum, zu verlieren, um dem unangenehmeren Gegner zu entgehen. Wer das sein wird, steht freilich erst nach dem letzten Spiel der Gruppe A fest. Das ist spannend, und da ist noch viel Platz für Zufälle und Glück. Und auch für Dummheiten.


ESP - CHI 0:2


König Juan Carlos dankt ab, und auch die Furia Roja scheint Geschichte zu sein. An einem Punkt dachte ich mir: "Spanien liegt 0:1 hinten und Xavi sitzt auf der Ersatz-Bank", und da wusste ich, dass dies das sicherere Zeichen für den spanischen Untergang war als die 1:5 Niederlage gegen Holland letzte Woche. Chile hat gezeigt, dass sie den Erwartungen, die nach der letzten WM in sie gesetzt wurden, doch gerecht werden können (auch wenn dies vor dieser WM wieder keiner geglaubt hätte). Spanien hingegen ist raus. Ende, vorbei. Schlusspunkt im ehrwürdigen Maracana-Stadion. Am traurigsten ist, dass sie noch ein Spiel zu bestreiten haben - ein völlig überflüssiges gegen Australien, das sie nicht einmal verlieren dürfen. Wir verabschieden uns von diesem beeindruckenden Spanien, das die letzten Jahre den Fußball geprägt hat wie kein anderes Land; das zwei Mal Europa- und einmal Weltmeister geworden ist; das uns mit seinem Tiki-Taka zuerst verzaubert, und dann ganz schön genervt hat. Schön, dass wir das alles erleben durften! Danke Xavi, danke Iniesta, Puyol, Alonso, Casillas, Ramos, Pique und wie sie alle heißen! Man kann ihnen nur wünschen, dass sie beim nächsten Mal wieder zum engen Favoritenkreis zählen werden und nicht in die talentierte Mittelklasse abrutschen, wo sie vorher so lang gewesen sind.


Held des Tages:

Der Andre Agassi des Fußballs, Chiles Trainer Jorge Sampaoli. Keiner ist hemdsärmeliger als er, und schlauer sind auch nicht viele.


Buhmann des Tages:

Louis van Gaal für die erste Halbzeit seiner Mannschaft. Ein totaler, grauenhafter Irrweg, der Anklänge an Rehakles hatte. Mit Halbzeit zwei hat er den Kopf aus der Schlinge gezogen, aber ohne dem Glück der Dummen hätte es schlecht ausgesehen!

Mittwoch, 18. Juni 2014

Zwischenrunde


Erste Runde geschafft und der Gastgeber wackelt zum ersten Mal.


Mit den gestrigen Spielen aus der Gruppe H haben wir den ersten Durchgang beendet und konnten uns ein Bild von allen Mannschaften machen. Von einigen ein besseres als von anderen, aber doch sind erste Tendenzen zu erkennen:
Von den großen Favoriten überraschten uns Spanien und Argentinien negativ. Den Spaniern gelang es nicht, gegen entfesselte Holländer auch nur irgendein Spiel aufzuziehen und Argentinien startete mit seltsamer Taktik in eine verschlafene erste Partie gegen einen Zwergenstaat. Von Deutschland haben wir wenig gesehen, aber das, was wir gesehen haben, war gewohnt gut und wird sich in den nächsten beiden Gruppenspielen wohl noch festigen müssen. Italien hat bisher am meisten überzeugt, denn sie haben gegen ein überraschend gefährliches England eine hervorragende Partie gespielt. Bei Brasilien tut man sich jetzt schon ein bisschen schwerer, da deren zweites Gruppenspiel gegen Mexiko gestern Abend einige Fragezeichen hinterließ.

BRA - MEX 0:0


Tatsächlich schafften es die Brasilianer nicht, Mexiko zu biegen. Dass Mexiko seinerseits zu Chancen kommen würde, war spätestens nach den ersten Spielen beider Mannschaften klar. Mexikos Trainer Herrera hat seine Mannschaft gegen Brasilien aber hervorragend eingestellt, besonders was die Bewachung Neymars betrifft. Das war nicht immer schön anzusehen, aber es war klug und letzten Endes sehr erfolgreich. Die Brasilianer sind aber vor allem an Mexikos Keeper Ochoa gescheitert, der eine glanzvolle Partie spielte und somit für seine Mannschaft das Optimum herausholte.

Wir haben das zweite 0:0, das aber um viele Klassen besser war als jenes zwischen Nigeria und dem Iran. Brasilien überraschte eigentlich nur frisettentechnisch, denn Dani Alves ergraute über Nacht (vor Schreck? Ich kann es mir nicht vorstellen) und bei Neymar war auch irgendwas anders. Aber da letzterer sowieso aussieht wie gezeichnet, macht das nicht so viel. Ich halte von Neymar ja nicht viel, das ist mir zu viel Hype bei vergleichsweise wenig Substanz. Und WM-Helden, das sind meistens immer die geworden, von denen man es sich eh nicht wirklich erwartet hatte.

Das Spiel gestern war ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man den großen Mannschaften mit viel taktischer Disziplin gehörige Probleme bereiten kann. Wie sich das heute im Falle Australiens gegen die Niederlande ausnimmt, werden wir ja sehen...

War da noch was? Aja, wieder ein Spiel von einer dieser asiatischen Mannschaften gegen die unsympathischen Russen. Hab ich mir gespart und werde wohl nicht der Einzige gewesen sein...


Held des Tages:
Guillermo Ochoa, an den ich mich erst gewöhnen muss (nicht nur frisürlich). Denn für mich gab und gibt es nur einen echten mexikanischen Torhüter. Und der heißt Jorge Campos!

Buhmann des Tages:
War sicher einer vom Spiel Russland gegen Südkorea. Ich habe es nicht gesehen, aber was macht das schon?


Was noch aufgetaucht ist: Joe Hart verlangt nach dem Pirlo'schen Wunderfreistoß nach dem Ball:




Samstag, 14. Juni 2014

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer

Getty Images

Fußball am Schirm, Bier im Schädel und Hoffnung im Herzen: Es ist Weltmeisterschaft. Und wie!


Jetzt haben wir unseren ersten ganz großen Knüller! Niemand hat es erwartet, aber es ist doch so gekommen. Es ist der Anfang einer ganz großen Geschichte und zugleich der Beginn vom Ende einer anderen großen Geschichte: Mexiko besiegt Kamerun! Wer hätte das gedacht? ... Ach so, das war nicht die große Sensation? Da war noch was anderes? Immer schön der Reihe nach!

MEX - CAM 1:0


Die vom Pech verfolgten Mexikaner schienen zunächst vom Pech verfolgt zu bleiben. Immerhin mussten sie drei Tore schießen, um eines zugesprochen zu bekommen. Es ist eben eine WM, bei der die weltbesten Fußballer gegen mittel- bis unterklassige Schiedsrichter spielen. Aber da jammern nie was hilft, und die Mexikaner das wissen, haben sie einfach weitergespielt. Und sie wurden mit einem Sieg belohnt, der Traum vom Aufstieg lebt, und vor Spanien im Achtelfinale muss man sich jetzt auch noch nicht arg fürchten.

Kamerun ist eine seltsame Mannschaft. Eine Ansammlung von wirklich guten Fußballern, bei denen aber am und abseits des Platzes nie wirklich viel zusammenläuft. Da werden Badewannen voller Potenzial ins Meer gekippt. An der Seitenlinie steht ein deutscher Trainer, der als Afrikaner-Versteher gilt. Trotzdem sieht er im Sturzregen von Natal aus wie Adolf Hitler im April '45. Hilf-, glück- und freudloses Kamerun - wir können die 30 Jahre alten Bilder vom tanzenden Roger Milla nicht mehr sehen! Reiß' dich zusammen und zeig uns dein Herz! "Beherzt" nämlich nennt man Auftritte vermeintlicher Kleinmannschaften wie Mexiko. Mexiko war auch beherzt. Kamerun hingegen wirkte vom Regen genervt und lustlos.


ESP - NED 1:5


Fast wär mir beim Tippen des Fünfers nochmal eine Freudenträne auf die Tastatur getropft. Ich kann es heute immer noch nicht glauben, was ich da gestern gesehen habe! Das war wie Holland 2008 - ein lustvolles, aufregendes Spiel, eines, das Laune machte. Nicht nur bei Holland-Fans, sondern auch bei allen anderen (außer den spanischen versteht sich). Man ahnte erst Böses, als Schiedsrichter Rizzoli Spanien einen Strafstoß schenkte, dachte, es sei nun das dritte Spiel mit der dritten folgenschweren Fehlentscheidung bei dieser WM. Dann kam aber alles anders, denn dann kam Robin van Persie und dieser Robin flog, er flog wie ein Vogel, wie eine Schwalbe, einem Ball entgegen, und der flog dann über Iker Casillas hinweg ins Tor und es stand 1:1 und man wusste: So schnell ist das heute nicht vorbei!

Großartig agierten Snijder und Robben im Mittelfeld, und was der unglaubliche Daley Blind über die linke Seite bringt, das erinnert an die Zeiten von Gio van Bronckhorst, dem letzten großen auf dieser Position. Unschlagbar ist aber Holland nicht, auch das hat man gesehen. Das waren sie auch nie und das war und ist der Reiz dieser Mannschaft: Das Taumeln zwischen Genie und Wahnsinn, das Heiß-kalt-Spiel, das nichts für schwache Nerven ist. Hollands Überdrüber-Fußball ist nie ohne Angst vor der Katastrophe zu haben. Deswegen taugt Oranje als Objekt der Leidenschaft so viel mehr als Spanien, Deutschland oder auch Brasilien. Hollands Spiel ist unabgeschlossen, löchrig, es lebt vom Momentum, von der Befindlichkeit der Mannschaft und auch von dem, was der Gegner zulässt. Es ist aufregend in jeder Hinsicht!

Was aber war das für ein Spanien? Denn wenn wir uns ehrlich sind, hat Holland aus spanischer Sicht da kein großartiges Spiel aufgezogen. Es waren immer nur lange Bälle nach vorne oder Flanken von der Seite - nichts Unausrechenbares, nichts, gegen das man nichts unternehmen könnte. Die Furia Roja wankt, ist angezählt. Gefallen ist sie noch lange nicht... Aber vielleicht lässt sich das Spiel besser als ein denkwürdiger Moment verstehen. Der Moment, als sich Holland für das verlorene Finale revanchierte und mit einem 5:1 den langsamen Niedergang des unglaublichen spanischen Fußballwunders einläutete.

Denn was uns bei aller Euphorie auch klar sein muss: Wer Holland jetzt als Weltmeister handelt, hat 2008 nicht zugeschaut. Und am besten fasst die Situation sowieso Robin van Persie selbst zusammen, wenn er sagt: "Es ist einfach unglaublich, unerklärlich, unbeschreiblich. Das ist ein Traum für unser ganzes Land. Aber es sind auch nur drei Punkte, das ist die Realität."
Wichtig ist aber: Holland ist aufgewacht, traut sich wieder was zu, wird wieder von der Begeisterung getragen. Das braucht diese Mannschaft, das braucht diese WM!

--


Gestern habe ich geschrieben: Wenn es so weitergeht, dann Prost Mahlzeit! Und es ist so weitergegangen, die WM hat auch am zweiten Tag gehalten, was das Eröffnungsspiel versprochen hat: Drama, Emotion und Überraschung. Holland und Chile stehen jeweils mit 3 Punkten da, über Spanien staunt die ganze Welt. Mexiko hat gegen Wasser und Willkür gekämpft und gewonnen. Und im Nachtspiel haben die Australier gegen Chile gezeigt, dass sie auch technisch und taktisch überlegenen Mannschaften unangenehm werden können. Vorsicht Holland, Vorsicht Spanien!

4 Spiele liegen hinter uns, noch kein Unentschieden, noch kein torloses. Und heute Nacht spielt Italien gegen England - Fußballherz, was willst du mehr?



Held des Tages:

Da nehme ich Robin van Persie, denn er hat zwei Tore gemacht, wovon das erste von der Marke "Traumtor" war. Arjen Robben in Ehren, aber ich halte ihn immer noch für einen grausigen Egoisten, und kann seinem Verhalten auf dem Platz einfach nichts abgewinnen. Fußballerisch ist das natürlich eine andere Geschichte...


Buhmann des Tages:

Wenn ich jetzt jedes Mal den Schiedsrichter (oder einen Schiedsrichter) nehme, wird's fad. Also entscheide ich mich für Samuel Eto'o stellvertretend für Team Kamerun. Eine Szene war symptomatisch: Eto'o fordert einen Eckball, bekommt ihn aber nicht. Nicht, dass Eto'o der einzige Fußballer der Welt wäre, der bei einem Schiedsrichter irgendwas einfordert; schließlich ist das Teil des fußballerischen Theaterapparates. Aber bei ihm wirkt es tatsächlich so, als erwarte er, dass ihm der Schiedsrichter gehorcht. Das ist echt zu viel verlangt, lieber Samuel!


Tragischer Held des Tages:

Giovani Dos Santos hat zwei Tore geschossen, aber nirgendwo wird er als Torschütze aufscheinen. Nie wird er seinen Enkeln erzählen können, dass er während der WM für ein paar Stunden mit dem großen Neymar gleichziehen konnte und gemeinsam mit ihm auf Platz eins der Torschützenliste gestanden hat. Denn seine beiden Tore wurden zu Unrecht aberkannt. Er kann sich nur damit trösten, dass Mexiko trotzdem gewonnen hat. Trotz seiner beiden Tore, die nicht in die WM-Annalen eingehen.

Montag, 9. Juni 2014

Der Favorit und die Schwierigen

Wäre die WM ein bisschen mehr wie Nintendo World Cup, hätten wir sicher auch mehr von der Gruppe A.


Das Schöne an einer Fußball-WM ist schon das vergnügte Glucksen, wenn man sich die Gruppenpaarungen der Vorrunde ansieht. Die Gruppe A gibt da einen guten Vorgeschmack. Weltmeisterschaft, das verspricht immer auch Exotisches, seltsame Begegnungen und Vielfalt, sowohl auf als auch abseits des Feldes. Brasilien, Kroatien, Mexiko und Kamerun sind die Kombattanten in dieser Gruppe, und sie repräsentieren schon vier der sechs FIFA-Kontinentalverbände. Im Normalfall treffen sich Nationalmannschaften aus zwei verschiedenen Kontinentalverbänden eher selten, da die jeweiligen Meisterschaften und Qualifikationen ja innerhalb dieser Verbände ausgespielt werden. Umso schöner, wenn man bereits in der Vorrunde eine größere Vielfalt vorfinden kann:

Brasilien, als Heimmannschaft Gruppenkopf und logischer Favorit auf den Gruppensieg, geht einmal mehr das Projekt Hexa an: will also den sechsten Weltmeistertitel für die Selecao holen. Vor vier Jahren vermasselte ihnen Holland an einem denkwürdigen WM-Tag die Tour. Dieses Duell wartet diesmal eventuell schon im Achtelfinale auf uns. Obwohl ich da meine Zweifel habe (die sich aber nicht auf Brasilien beziehen).
Das Heimteam zu sein, ist bekanntlich Fluch und Segen zugleich. Einerseits kennt man die Bedingungen und hat das ganze Land hinter sich, andererseits sind die Erwartungen riesig. Riesig, weil Brasilien immer zum engen Favoritenkreis gehört. Riesig, weil man sich nicht vorstellen kann, dass jemand anderer als die Fußballnation schlechthin die WM im eigenen Land holt. Riesig auch, weil die Mannschaft stimmt und die Vorbereitung gepasst hat.
Diese WM wird die WM Brasiliens, weil sie entweder heldenhaft die Erwartungen erfüllen, oder aber ganz bitter ausscheiden - und wenn es erst im Finale ist. Brasilien ist unser Protagonist, und wir werden den Weg der Selecao gespannt verfolgen, egal ob wir Fan sind oder nicht.

Das letzte Mal war Deutschland Gastgeber und Favorit zugleich. Wir erinnern uns an das "Sommermärchen" von 2006, an das erste halbwegs sympathische deutsche Team seit Jahrzehnten, an Klinsmanns Hemd, an Kahns Patzer. Davor war 1990 Italien im eigenen Land Mitfavorit (nicht, weil sie damals so gut waren, sondern weil sie es immer sind). Daran erinnere ich mich aber eigentlich gar nicht. Frankreich gewann 1998 die WM zu Hause, was großartig war, aber vorher nur wenige zu tippen gewagt hätten. Der Semifinaleinzug von Südkorea vier Jahre später war eine echte Sensation. Von Südafrika als Gastgeberland bleibt hingegen nur die Erinnerung eines sympathischen Auftritts. Mehr hatte man sich ja auch nicht erwartet.

Brasilien spielt in einer Gruppe, die vielleicht interessanter aussieht als sie eigentlich ist. Kroatien hat bei der Euro vor zwei Jahren großartigen Fußball gespielt, hatte aber leider in einer schweren Gruppe mit den späteren Finalisten Spanien und Italien keine Chance auf den Aufstieg. Vor vier Jahren waren sie nicht dabei, und so steht Kroatien das erste Mal seit 2006 auf einer WM-Bühne. Damals standen sie übrigens auch mit Brasilien in einer Gruppe. Diesmal ist mit ihnen zu rechnen, allerdings droht ihnen im Falle eines Aufstiegs eine Achtelfinalbegegnung mit Spanien...

Auch Mexiko hat Aufstiegschancen, allerdings ist von der Qualität, welche die Mannschaft noch vor vier Jahren hatte, nicht mehr so viel übrig. Damals scheiterte man nach einer guten Vorrunde im Achtelfinale gegen Argentinien. Ich habe ihnen gewünscht, beim nächsten Mal mehr Glück mit der Zulosung in der KO-Phase zu haben. Wie es jetzt aussieht, wurden meine Wünsche nicht erhört. Aber schon ein zweiter Gruppenplatz wäre ein durchaus achtbarer Erfolg - mit dem aber nur wenig gewonnen ist, weil gegen Spanien eben nichts drin sein wird.

Kamerun, das sind die, gegen die man bei Nintendo World Cup immer als erstes spielen musste. Außer, man war richtig gut und wählte selber Kamerun, was jedoch nur die wenigsten taten. Kamerun war die große afrikanische Enttäuschung bei der letzten WM. Im Vorfeld gab es Querelen mit Eto'o, der zunächst gar nicht mitspielen wollte, es letztlich doch tat, was aber nichts brachte. Schließlich schied man mit 0 Punkten in der Gruppenphase aus. Was blieb, war die Erkenntnis, dass es nur geht, wenn man als Mannschaft aufzutreten versteht. Ich sehe Kamerun auch dieses Mal nicht im Achtelfinale, aber wie bei jeder WM werden sich ein paar Alternative ein Kamerun-Dress kaufen und Eto'o wird für irgendeinen Wirbel gut sein. Vielleicht geht sich ein dritter Platz aus.


Wie gesagt, die Gruppe sieht interessanter aus als sie ist. Das liegt eben an der Klasse des Gruppenfavoriten und an den geringen Aussichten, die der Zweitplatzierte für das Achtelfinale hat. Insofern muss man die Gruppe A quasi mit der Gruppe B mitdenken, denn erst wenn dort Unvorhersehbares passiert (Spanien also nicht aufsteigt), wird es hier spannend.


Worauf wir uns freuen können:
Sicherlich wird es interessant sein zu sehen, wie sich der Favorit einspielt. Da ist Brasilien schwer auszurechnen. Werden es disziplinierte, abgeklärte Auftritte, oder will man mit dem bald in Vergessenheit geratenen Zauberfußball das heimische Publikum begeistern? Was Brasilien draufhat, haben sie im Confed-Cup bewiesen, als Weltmeister Spanien mit 3:0 besiegt wurde. Diese Mannschaft enttäuscht fußballerisch nur selten!
Ich würde mich auch über ein überraschendes Mexiko freuen, auch wenn die Chancen dafür gering sind.

Was wir lieber nicht sehen wollen:
Ein zerfahrenes Kamerun, ein zu steifes Kroatien, ein vermaledeites Mexiko. Brasiliens Gruppengegner haben genau gar nichts zu verlieren, also könnte man (mein Vorschlag) einfach mal so drauflos spielen. Fußball funktioniert aber heutzutage nicht mehr so, weil er (no na) auf Kosten-Nutzen-Rechnung setzen muss, um erfolgreich zu sein. Ein bisschen mehr Nintendo World Cup täte da gut. Aber das spielt ja heutzutage auch keiner mehr...