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Mittwoch, 9. Juli 2014

Gute Besserung, Brasilien!

Das traurigste Bild dieser WM

Deutsche Gründlichkeit zerstört den brasilianischen Wunderglauben - und auf einmal gibt es einen ganz klaren Favoriten!


Gerade habe ich noch behauptet, vor den Halbfinalspielen sei alles möglich. Dass diese sehr unmutige Einschätzung dann eine Bestätigung solcher Art erfahren hat, war trotzdem eher unerwartet. Es ist der zweite historische Sieg dieser Weltmeisterschaft; der erste, jener der Niederländer gegen die Spanier, markierte einen Systemwechsel und das Ende einer Ära. Der Sieg der Deutschen gegen die Brasilianer beweist, dass es im Fußball keine Wunder mehr gibt. Denn Brasilien war dem Wunderglauben anheim gefallen. Und das ist durchaus typisch brasilianisch.

Denn zum brasilianischen "Zauberfußball", der ja so im Grunde schon lange nicht mehr existiert, gesellt sich der Glaube an Zaubertricks: dass etwas aus dem Nichts entstehen kann etwa. Dass irgendein guter Geist (jener von Neymar) die Mannschaft ins Finale trägt - auf zauberhafte (und daher rational nicht nachvollziehbare) Weise.
Mir wurde schon schlecht, als ich die brasilianische Mannschaft bei der Hymne sah. Sie schienen um ihr Leben zu singen und hielten Neymars Trikot in den Händen. Da realisierte ich, dass doch nicht der Ausfall von Thiago Silva das größere Übel für diese Mannschaft bedeutete. Tatsächlich war es Neymars Verletzung, welche die Seele der Brasilianer vollkommen eingenommen hatte. Die Mannschaft kam mit "Forca Neymar"-Kappen aus der Kabine, sie hielt sein Trikot während der Hymne in den Armen und bedeutete sich und der Welt: Wir machen das für dich, Neymar! Und für das Land, für den brasilianischen Fußball, der immer schon wunderbar war und immer wunderbar sein wird! Für die vielen tausend gerührten Fans in Belo Horizonte und die Millionen daheim vor den Fernsehern. Das war zumindest naiv, ja eigentlich dummdreist.

So versuchte das Team von Brasilien den Fußballgott gnädig zu stimmen. Deutschland rechnete mit dieser Leidenschaft, und Joachim Löw warnte zuvor eindringlich vor der Jetzt-erst-recht-Mentalität der Brasilianer. Dass diese Einstellung aber derart in einen fußballerischen Wunderglauben stürzen konnte, hätte sich niemand gedacht. Und Deutschland tat, was Deutschland ausmacht: Sie reagierten abgeklärt auf diese wilden Brasilianer, blieben konzentriert und spielten nebenbei den bisher besten Fußball dieses Turniers.
Nach der ersten Angriffswelle Brasiliens, die noch vom Schwung der Hymne gelebt hat, verebbte der Zauber aber und man sah erstmals die Schwächen dieser Mannschaft: Komplette Desorganisation in der Abwehr (der fehlende Thiago Silva konnte nicht kompensiert werden) und der Angriff ausgelegt auf Zufallsaktionen ohne echte Ideen und technisch einfach nicht sauber genug gegen den übermächtigen Gegner Deutschland.

So stand es bald 1:0, nachdem Müller völlig unbedrängt einen Eckball verwertete. Dem brasilianischen Furiosum verlieh das natürlich einen Dämpfer, man wirkte geknickt, unkonzentriert, und versuchte umso mehr (jetzt erst recht!) ein Spiel zu erzwingen, das diese Mannschaft im kompletten Turnier nie gespielt hatte. Deutschland hingegen tat sich leicht, mit ausgezeichnetem Kombinationsspiel die brasilianischen Bemühungen vollständig zu entzaubern. So kam es zu den denkwürdigen 7 Minuten, nach denen es auf einmal 5:0 für die Gäste aus Deutschland stand. Brasilien war gebrochen, das Spiel war vorbei, der Zauber verflogen! Der großartige Andre Schürrle machte nach der Halbzeit noch seine beiden - in diesem Spiel - logischen Tore, Neuer vereitelte noch ein, zwei brasilianische Großchancen und zeigte fast schon Anzeichen von Reue. In Minute 78 sagt einer, dass dieser Käse nun gebissen sei, und lehnt sich mit der Aussage nicht gar so weit aus dem Fenster. Seine Frau habe angerufen und gefragt, ob das nun das Spiel sei, oder eine Zusammenfassung eines vorhergegangenen Spiels. Ja, es war ein denkwürdiges, unfassbares Ereignis! Der Ehrentreffer von Oscar in Minute 90 wurde noch ein bisschen gefeiert, ansonsten beklatschte das brasilianische Publikum schon seit geraumer Zeit die Deutschen.

Dass eine Mannschaft dieser Klasse so untergeht, ist nicht normal. (Algerien feierte gestern wohl den theoretischen Finaleinzug.) Man wurde Opfer des ungeheuren Drucks, den man sich vor allem selber auferlegte, und des von mir angesprochenen Wunderglaubens, von dem der brasilianische Fußball schon seit eh und je beseelt ist.
Eine Niederlage dieser Dimension ist nicht fassbar. Schon gar nicht für Brasilien bei der Heim-WM. Die Fußballwelt hat Mitleid mit dem Gastgeber, der so zerschossen und demoliert das Turnier beenden muss. Fans und Spieler weinen, und am Ende bleibt die Erinnerung an Neymar, und wie sein Ausfall tatsächlich turnierentscheidend war. Wir wünschen allen drei gute Besserung - dem Team, dem Land und Neymar.


Deutschland indessen kann auch nicht fassen, was da passiert ist. Bundestrainer Löw beschwört nun die Stärken der deutschen Mannschaft: Ruhe und Konzentration bewahren, jetzt demütig bleiben. Thomas Müller meint, dass das "nicht unbedingt zu erwarten" gewesen wäre. Auch Klose bemerkt: "Es ist jetzt natürlich schwer nach so einem Spiel." Es sind Töne wie diese, die zeigen, dass die deutsche Mannschaft spät aber doch zu sich selbst gefunden hat. Man hat Spiele mit Kampf und Krampf gewonnen, man hat aber auch Spiele mit Leichtigkeit und Witz gewonnen. Man hat Nahtod-Erfahrungen hinter sich gebracht und auch daraus gelernt, dass allzu leichte Siege folgende Spiele nicht automatisch einfacher machen (s. das erste Spiel gegen Portugal und das zweite gegen Ghana). Diese Mannschaft ist gewachsen in den letzten Tagen und sie sind jetzt der klare Favorit auf den Titel. Einen Titel, den sie seit 2006 mit gutem Recht für sich beanspruchen. In dieser deutschen Elf kulminiert alles, was den deutschen Fußball in früheren Tagen und auch in jüngerer Zeit ausgemacht hat. Holten sie ihn jetzt nicht, es wäre auch irgendwie ein Witz - aber ein guter!

Montag, 7. Juli 2014

Ein Echo

Ein schmerzhafter Ausfall und ein einfaches Freistoßtor und schon haben wir das erste Klassiker-Halbfinale dastehen. Von Tiki-Taka ist nun weit und breit nichts mehr zu sehen.

 

GER - FRA 1:0




Es macht sich bemerkbar: Spielerisch überlegene Mannschaften kommen auch diesmal nicht zum Zug. So hat die deutsche Mannschaft die Franzosen gestern vor allem durch körperliche Überlegenheit in der Abwehr in Schach halten können. Deutsche Chancen fanden sich vor allem nach Kontern (Schlussphase) bzw. eben bei Standardsituationen. Nach so einer fiel auch das einzige Tor. Der gestern wieder enorm spielende Mats Hummels traf schön per Kopf zum 1:0 - und dabei blieb es auch.


Die Franzosen waren bei dieser WM die spielerisch überzeugendste Mannschaft. Das zeigte sich vor allem in den ersten beiden Gruppenspielen beeindruckend. Das dritte betritt man mit kompletter B-Ganitur, und im Achtelfinale tat man sich gegen inspirierte Nigerianer sichtlich schwer. Dass Frankreich gegen Deutschland sein schnelles Kombinationsspiel aufziehen konnte, überraschte doch ein wenig. Letztlich aber waren es die vielen in die vorderen Reihen gespielten hohen Bälle, die immer wieder zu Ballverlusten führten, weil man zweikampftechnisch eben fast immer das Nachsehen hatte. Mehr Kombinationsspiel - schnelle Passstaffetten und Laufarbeit - wäre vielleicht zielführender gewesen. Bei solchen Aktionen spielte man das deutsche Mittelfeld immer wieder schwindlig.



Gratulation an die deutsche Mannschaft, die nach der zweifelhaften Partie gegen Algerien wieder zu alter Stärke zurückfand. Alt deswegen, weil das allseits gelobte deutsche Angriffsspiel gestern wieder dem traditionelleren Ansatz von Mauern und Kontern weichen musste. Vielleicht liegt es daran, dass die großen Akteure des Klinsmann'schen bzw. Löw'schen Tikitakas deutscher Prägung bei diesem Turnier bisher hinter den Erwartungen geblieben sind. Das betrifft etwa Mesüt Özil, aber auch Sami Khedira, die beide noch vor vier Jahren als das beste Kreativmittelfeld neben den Spaniern galten.

Vielleicht liegt es aber auch an dem deutlichen Scheitern des spanischen Systems, dass man sich jetzt selbst auch nicht mehr zutraut, etwas Ähnliches zu spielen. Man hat mitverfolgt wie TikiTaka zu Grabe getragen wurde; just von einer Mannschaft, die ihren spielerischen Ansatz vor vier Jahren in einem denkwürdigen WM-Finale selbst beerdigt hat. Holland nämlich spielt nur noch kreativen Offensivfußball, wenn es wirklich wirklich muss. Ansonsten herrscht auch hier der Defensivgedanke. Das ist - wie im Falle Deutschland - zwar nicht schändlich, aber schade.



BRA - COL 2:0



Auch Brasilien hat erkannt, dass das juego bonito immer dann dem Ergebnisfußball weichen muss, wenn es in die heiße Phase geht. So sah man gestern gegen Kolumbien, das seinerseits auf das ruppige brasilianische Spiel zu reagieren versuchte, eine hart geführte aber doch gute Partie mit vielen Fouls, die teilweise nicht entsprechend (nämlich früh genug) sanktioniert wurden. Der harte Ansatz zeigt eine Kultur der Spielzerstörung (oder zumindest Spielverhinderung), die auf mangelndem Selbstbewusstsein beruht. Dass ein solcher Ansatz, den Holland im Finale von 2010 schon verfolgt hatte, letztlich nicht belohnt wurde, ist irgendwie gerecht. Auch wenn ich es damals natürlich gerne anders gesehen hätte. Brasilien und Holland könnten auch anders - deswegen ist das schade.


Das Endergebnis stimmt natürlich trotzdem, sowohl auf dem Papier als auch nach dem Spielverlauf. Die zunehmend verkrampft agierende Heimmannschaft steht zu Recht im Halbfinale und trifft dort auf Deutschland. Bezeichnend, dass in beiden Partien, die Tore allesamt von Innenverteidigern erzielt wurden - und aus Standardsituationen. Wir können uns auf ein zerfahrenes Match einstellen, an dessen Ende vielleicht sogar ein Elfmeterschießen steht. Das heißt, solange nicht Julio Cesar in der regulären Spielzeit ein Schnitzer passiert. Das gab es ja auch schonmal…





Dass so oft die Mannschaft mit dem geringeren Unterhaltungswert gewinnt, macht den Fußball suspekt. Vielleicht ist es dieser Umstand, der das amerikanische Unbehagen dem Soccer gegenüber erklären könnte. Fußball ist nicht gerecht, das habe ich an anderer Stelle schon mal geschrieben. Gerechtigkeit ist keine Kategorie, weil das mit dem Fußballgott, auch wenn er sich anscheinend logisch herleiten lässt, nicht funktioniert. Weil eben nicht immer die bessere Mannschaft gewinnt, oder zumindest die Mannschaft, der wir den Sieg aus verschiedenen Gründen eher gönnen würden, ist Fußball oft höchst unbefriedigend.

Wenn Deutschland, Brasilien oder Holland Weltmeister werden sollten, dann muss man andere Kategorien zur Rechtfertigung bemühen. Deutschland, weil es sich nach all den Jahren wirklich neuartigen deutschen Fußballs einen großen Titel verdient hätte. Dass dieser just bei jenem Turnier folgen würde, bei dem man beginnt, die großen Innovationen wieder ad acta zu legen, wäre natürlich traurig. Aber im Prinzip würde sich Deutschland belohnen für den Mut, eine neue Art Fußball spielen zu wollen.

Brasilien ginge als Eh-immer-Favorit und vor allem als Gastgeber des Turniers auch in Ordnung. Man wird sich in wenigen Jahren eh nur an Neymar erinnern können. Hoffentlich nicht mit der Storyline, dass der große Star im Viertelfinale niedergestreckt wurde und nie mehr zum Einsatz kam.

Holland verdient den Titel seit den 1970ern, und auch wenn von voetbal totaal nicht mehr viel übrig ist, gehört die Niederlande auf die Liste der WM-Titelträger. Genauso wie England. Einfach, weil es irgendwie passt. So nah wie vor vier Jahren sind sie dem Titel zuvor noch nie gekommen (außer 1978). Robben hatte ihn schließlich auf dem Fuß. Wenn es heuer klappen sollte, dann akzeptiert man das, weil Holland wieder am Ende einer großen Generation steht. Es sind noch einige Akteure der großen Niederländischen Mannschaften von 2008 und 2010 dabei: Robben, Sneijder, Van Persie, Kuijt. Diese Fußballer hätten sich einen Titel verdient. Was dieses Turnier anbelangt, geht es darum, dass die Holländer in ihrem Auftaktspiel die Zeitenwende herbeigeführt zu haben scheinen: Tiki-Taka ist ein Wort, das zu einem Echo taugt. Es hallt nach - über alle Kontinente hinweg auf vereins- wie auch auf internationaler Ebene. Aber in Wahrheit haben es immer nur die Spanier gespielt; nur sie haben die Fähigkeit dazu gehabt, nur sie das Personal. Sollte Holland Weltmeister werden, dann haben sie den Titel aus jetziger Sicht allein für die Komplett-Demontage der spanischen Elf verdient. Und für den Symbolcharakter, den dieses Spiel hatte.


Es bleiben noch Argentinien und Belgien. Und für die beiden gilt, was ich oben geschrieben habe genauso: Belgien sollte sich eigentlich durchsetzen - sie haben, ähnlich wie die Franzosen, einen Spielansatz, der auf Kreativität und technisch wie auch taktischem Geschickt beruht. Wie gut so ein belgisches Spiel aussehen kann, das sahen wir gegen die USA. Es bleibt nur zu hoffen, dass ein ähnliches Spiel gegen einen Verhinderungsansatz, wie er bisweilen sogar von Argentinien gespielt wird, erfolgreich sein könnte. Für die Belgier spricht, dass die Mannschaft gefestigter wirkt als jene der Franzosen, und dass sie es auch körperlich mit Dreschern aufnehmen können. Gegen sie spricht die relative Unerfahrenheit, wenn es um die Endphase internationaler Turniere geht bzw. einfach der Umstand, dass sie Belgien sind und nicht Deutschland, Holland, Brasilien oder Argentinien.

Einen großen Namen zu tragen wird vom psychologischen her mit Fortdauer des Turnieres immer wichtiger. Auch, ob man schon einmal Weltmeister war. Deswegen würde auch Holland in einem Finale gegen Deutschland oder Brasilien in dieser Hinsicht einen gewissen Nachteil haben - und Belgien sowieso.


Der Weltmeister kann eigentlich nur Belgien heißen. Aber weil Fußball eben nicht gerecht ist und sich schon gar nicht ausrechnen lässt, wird er höchstwahrscheinlich nicht Belgien heißen. Dennoch lassen sich, wie oben angedeutet, für jede Mannschaft (außer Argentinien und Costa Rica) recht gute Gründe dafür finden, dass ein Titel doch in Ordnung ginge. Wir werden diese Gründe brauchen; Rationalisierung nennt man das in der Küchenpsychologie. Sie macht schmerzvolle Erfahrungen erträglicher, weil wir uns diese erklärlich machen können.



Held des Tages:

Gab es heute nicht wirklich einen. Vielleicht einmal mehr Neuer, der in der 94. Mit einem tollen Reflex den deutschen Sieg rettete.

Sonntag, 29. Juni 2014

Ein neuer Held - und ein tragischer

Auch die KO-Phase beginnt furios: Mit einem Fast-Ausscheiden des Gastgebers im Elfmeterschießen und dem Tor des Turniers von einem, der das Zeug hat, der große Held des Turniers zu werden..

 

BRA - CHI 1:1 (3:2 i. E.)


Ein seltsamer Tag für Mauricio Pinilla war das gestern. 87 Minuten lang verfolgte er das Spiel von der Ersatzbank aus, kam dann für Vidal und wusste zu dem Zeitpunkt schon, dass er wohl noch ein bisschen länger als 5 Minuten am Feld stehen würde. Da stand es 1:1 und beide Mannschaften wirkten, als wären sie mit dem Kopf schon in der Verlängerung. Dass er aber eine Minute vor Schluss Chile fast ins Viertelfinale schießen würde, hätte er wohl selbst nicht gedacht. Noch weniger, dass er dann nur wenige Minuten später den ersten Elfmeter für sein Team verschießen würde. Aber der Reihe nach...
In der Verlängerung tat Brasilien eigentlich mehr fürs Spiel, man wollte natürlich kein Elferschießen riskieren. Alles, nur das nicht! Nicht den kleinen Vorteil, den man vor der Partie auf dem Papier hatte, mit einem Unentschieden nach 120 Minuten dem Zufall schenken! Denn Brasiliens Torhüter Julio Cesar hatte Recht, als er nach dem Spiel meinte, dass es ein "sehr kompliziertes" Match gewesen war.

Kompliziert wird für Brasilien jetzt jedes Spiel werden, denn wie groß der Druck tatsächlich ist, davon bekam man erst gestern Abend eine wirkliche Ahnung, als es dann soweit war und die Kapitäne der beiden Mannschaften sich zum Münzwurf vor dem Elfmeterschießen im Mittelkreis einfanden. Die Münze verdeutlichte allen Zusehern die Tragweite des Moments: Brasilien steht kurz davor, bei der Heim-WM bereits im Achtelfinale auszuscheiden - und das im Elfmeterschießen, der zufälligsten aller Fußballgrausamkeiten.
Die Grausamkeit musste Pinilla in aller Härte erfahren, als er, der noch Minuten zuvor Aluminium getroffen und so seinem Team fast den Aufstieg geschenkt hatte, seinen Schuss nicht an Keeper Julio Cesar vorbei bekam. Vermutlich wollte er den Ball dieses Mal vom Pfosten fernhalten und vergaß dabei auf den Weltklassetorwart vor ihm. Nur wenig wird ihn trösten, dass er nicht der einzige war, der für Chile verschossen hat. Auch den Schuss von Alexis Sanchez konnte Cesar parieren, nachdem Brasiliens Willian (der Willi mit dem N) jämmerlich am Tor vorbeigeschossen hatte.

Solche Elfmeterschießen haben es in sich, wo mehr Schüsse vergeben als verwandelt werden. Sie sind meist der extrem hohen Anspannung geschuldet und heizen die Dramatik an, weil sie das normale Kräfteverhältnis zugunsten des Tormanns verschieben, und das Tor plötzlich kleiner wird, während die Tormänner ins Riesenhafte wachsen. Den Ball von 11 Metern Entfernung in ein 7,32 mal 2,44 Meter großes Tor zu schießen, wird zu einer Mammutaufgabe. Gemeistert haben diese gestern nur David Luiz, Marcelo, Aranguiz, Diaz und Neymar. Am Ende schoss Gonzalo Jara an den Pfosten - der zweite Chilene, der gestern sicher nicht gut geschlafen hat.
Aus der chilenische Traum, auch diesmal scheitert man an Brasilien, und auch wenn es diesmal mehr weh tut als noch vor vier Jahren, müssen wir doch irgendwie froh sein, die Gastgeber nicht jetzt schon verloren zu haben.

COL-URU 2:0



Während wir uns fragen, ob sich für eine Mannschaft überhaupt eine Turnierform feststellen lässt, oder ob einfach jedes Spiel eine völlig neue Ausgangssituation schafft (Brasilien lässt so etwas vermuten), hat sich in den Hinterzimmern dieser Fußball-WM ein neuer Held ins Rampenlicht gespielt. Dieser heißt James Rodriguez und hat bis jetzt bei jedem Spiel getroffen. Gestern gegen die zu Recht ausgeschiedenen Urus sogar zwei Mal. Sein erstes wird wohl das schönste Tor der WM gewesen sein, und das zweite fixierte für die erneut so freudvoll aufspielenden Cafeteros nicht nur den Aufstieg ins Viertelfinale, sondern hob Rodriguez auch an die Spitze der Torschützenliste, wo er momentan allein thront. Er, dessen Marktwert sich nach den letzten Spielen um ein Vielfaches erhöht haben wird. Er, der zusammen mit seinem Teamkollegen Cuadrado für das neue Kolumbien steht, für eine Mannschaft, die sogar die glorreichen Zeiten von Carlos Valderrama vergessen lässt, weil hier Zusehen einfach Spaß macht.
Dass die neuen südamerikanischen Stars die ausgediente Gammel-Mannschaft Uruguays aus dem Turnier geworfen hat, lässt uns zufrieden zurück.

Wenn nun heute abend die anderen Jungstars die andere Gammel-Mannschaft auch noch heimschicken würde, wäre ja wieder alles in Ordnung. (Damit meine ich übrigens nicht Mexiko und die Niederlande..)

Das erste Viertelfinale hießt Brasilien gegen Kolumbien und wenn alles, was wir bis jetzt von beiden Mannschaften gesehen haben, nicht ein vollkommen falsches Bild malt, wird das ein richtiger Kracher! Und das Duell heißt auch: Neymar gegen Rodriguez!


Held des Tages:
James Rodriguez - ein Name wie aus einem Drogenfilm. Er ist jetzt schon der Held dieser WM, weil ihn (und auch seine Mannschaft) vorher niemand auf der Rechnung gehabt hat. Neymar hin, Neymar her.

Tragische Figur des Tages:
Buhmänner sollte es ab der KO-Phase ja keine mehr geben. Dafür gibt es mehr tragische Figuren. Die erste dieser Art ist Mauricio Pinilla, dessen Lattentreffer kurz vor Schluss für ihn und Chile schmerzhaft ist; der uns aber vor einem vorzeitigen Brasilien-Aus bewahrt hat. Man sagt ja immer, dass es dem Turnier nicht gut tut, wenn der Gastgeber zu früh ausscheidet (vor allem, wenn er Mitfavorit ist).
Danke Chile, einmal mehr! Aber dein Ausscheiden ist diesmal zu verschmerzen, weil es jetzt dieses Kolumbien gibt, das die exotischen Sehnsüchte mitteleuropäischer Fußballfans nährt.

Mittwoch, 25. Juni 2014

Fleisch und Knochen

Da ist ja wirklich alles dabe, bei dieser WM. Aber wie viel kann der Zuschauer überhaupt ertragen? Langsam wird's wahnsinnig...


Ich habe gegen Anfang dieser WM geschrieben, dass wir bald wissen werden, wer die Helden und Schurken dieses Turniers sein werden. Die letzten beiden Tage haben uns diesbezüglich einen sehr deutlichen Hinweis gegeben. Auch wenn wir dazu neigen, im Sinne einer dramatischen Inszenierung gerne Schwarz-weiß-Malerei zu betreiben: Ganz astreine Helden und Schurken produziert dieses Großereignis natürlich nicht. Und nach einer bisher atemberaubenden Vorrunde droht die WM ein allzu vorhersehbares Ende zu nehmen...


BRA - CAM 4:1


Das war also die große Neymar-Show. Und wie beeindruckend sie war! Nicht nur, dass der Manga-Neymar zwei Tore geschossen hat und jetzt wieder die Torschützenliste anführt. Nein, er hat auch deutlich gezeigt, dass ohne ihn bei Brasilien recht wenig geht. Der Stoff, aus dem Helden sind: Einer nimmt sich der Sache an, hat Mut und reißt die anderen mit. Tatsächlich hat Neymar gewirkt als wäre die WM für ihn eine einzige unbeschwerte Party. Er war gut drauf, ließ sich zu Scherzen hinreißen, posierte in der Halbzeitpause für Fotos auf dem Weg in die Kabine... Neymar, das WM-Maskottchen. Etwas besseres kann dem Turnier, vor allem aus brasilianischer Sicht, nicht passieren.

Und trotzdem bleibt ein fahler Beigeschmack. Irgendwie ist Neymar zu wenig "Fleisch und Knochen", wie Oli Kahn es in Bezug auf etwas ganz anderes formuliert hat (s.u.). Er ist tatsächlich ein Maskottchen, er sieht nicht nur so aus. Klar, er macht seine Tore. Aber die Abhängigkeit der Brasilianer (sowohl auf dem Platz als auch emotional) ist gefährlich. Siehe Argentinien, das ohne Messi überhaupt nicht funktioniert. Auch Messi hat bis jetzt "geliefert", ohne dass er gut gespielt hätte. Rein von den Ergebnissen her kann man weder Neymar noch Messi irgendeinen Vorwurf machen. Allein, es kommt mir alles zu wenig vor. Wenn aber Brasilien so weitermacht, dann werden sie Weltmeister, getragen von einer Welle der Begeisterung, wie nur Neymar sie auszulösen vermag. Und sonst werden sie halt Weltmeister der Herzen...


NED - CHI 2:0


Apropos Weltmeister der Herzen. Das ist Holland ja seit dem letzten WM-Finale nicht mehr. Und immer noch fällt dem ORF-Kommentator (ich glaube, es war Oliver Polzer - oder Boris Kastner-Jirka, ich kann die beiden Mickymaus-Stimmen eh nie auseinander halten) zu Nigel de Jong nichts anderes ein als irgendwas mit "Kung-Fu"-Attacke etc. Weil das ewige Herumreiten auf vorgefertigen Schemata nervt (de Jong ein übler Treter, Robben hat nur Einser-Schmäh etc.), schalte ich auf ZDF um und bin erleichtert, als keine zwei Minuten später der dortige Kommentator de Jongs Stellungsspiel und Übersicht lobt. Dass ein Sechser oft ein Raubein ist, ist geschenkt. Dass de Jong nicht immer die angenehmsten Fouls begeht, auch. Aber wenn einem zu diesem Spieler nicht mehr einfällt, dann bedient man Gemeinplätze und spielt Kronenzeitung.

Ansonsten haben die Niederländer wieder gezeigt, dass sie auch mit einem destruktiven Ansatz so gewinnen können, dass es aussieht, als hätten sie das Spiel tatsächlich dominiert. Eine Lehrstunde für alle zukünftigen Gegner von Chile war das allemal. Und Holland schlingert bei diesem Turnier irgendwo zwischen 2008 und 2010 umher, mit leichten 2012-Phasen. Soll heißen: Ein aufregendes, offensivbetontes Spiel nach vorne wechselt sich mit einem vorsichtigem, abwartendem Defensiv- und Kontergeplänkel ab, und dann und wann gibt es Phasen, in denen weder vorne noch hinten irgendwas zusammenläuft. Insofern ist Holland schwer einzuschätzen, obwohl sie bis jetzt die einzige Mannschaft mit drei Siegen ist. Vom Finale bis zum Ausscheiden im Achtelfinale ist jetzt alles drin!


ITA - URU 0:1


Ich habe weiter oben geschrieben, dass nun alles danach aussieht, dass diese WM ein allzu vorhersehbares Ende nimmt. Das Ausscheiden Italiens ist ein erstes Anzeichen dafür, denn tatsächlich scheint sich der prognostizierte Südamerika-Vorteil bemerkbar zu machen. Uruguay hat nach einem total versemmelten ersten Spiel und einem furiosen zweiten nun die Aufgabe gehabt, die italienische Abwehr zu knacken. Denn Italien hätte zum Weiterkommen nur ein Unentschieden benötigt, und schnell war klar, dass genau das ihr Ziel war: das 0:0 zu halten. Das war mir ein bisschen zu viel Italien, wie es früher einmal gewesen ist. Auch hier zu wenig "Fleisch und Knochen", mehr bröseliges Gerippe. Uruguay tat sich trotzdem schwer, bekam aber ein Geschenk vom Schiedsrichter, der Marchisio nach einem normalen Gelb-Foul mit der roten Karte bediente. Urs Meier und Oli Kahn in der Analyse der Situation: Nicht rot-würdig, weil nicht zur bisherigen Linie des Turniers passend, der Wichtigkeit des Spiels nicht angemessen, und überhaupt das Foul hatte "zu wenig Fleisch und Knochen" (Kahn).

Egal, Italien zu zehnt spielt wie Italien zu elft, wenn es nur verteidigen muss. Dass dann Suarez, nachdem er sich im Spiel gegen England zum Helden seines Landes gemacht hat, Chiellini in die Schulter beißt, und das natürlich niemand gesehen hat, ist typisch. Es erinnert mich an meine Kindheit und die vielen Wrestling-Matches, die man gesehen hat, von denen man glaubte, sie wären nicht inszeniert. Da lenkt der Manager des Bösewichts den Ringrichter ab, während der Bösewicht dem Guten einen Klappstuhl um die Ohren schlägt. Umgekehrt wird jede fragwürdige Aktion des Guten sofort vom Ringrichter abgemahnt. Meist endet es damit, dass beide Akteuere erschöpft am Boden liegen, samt Ringrichter, weil auch der bei irgendeiner Aktion bewusstlos geworden war, und der Gute versucht einen Pin, den der Ringrichter aber nicht zählen kann, weil er ja noch so benommen ist. Da kommt dann der Manager des Bösen mit Klappstuhl, schlägt ihm den Guten auf den Kopf, der Böse erwacht gleichzeitig mit dem Ringrichter aus der Bewusstlosigkeit, pinnt den Guten und der Kampf ist gewonnen. So, oder so ähnlich war es auch mit Suarez und Uruguay.


Italiens Ausscheiden ist traurig, weil immer noch die erste halbfinalreife Partie gegen England nachklingt. Und das betrifft beide Mannschaften. Italiens Ausscheiden geht aber auch in Ordnung, das haben die letzten beiden Partien gezeigt. Dass jetzt der Außenseiter Costa Rica und das grausige Uruguay weiter sind, ist hoffentlich keine Plotkonstruktion, die den Rest des Turniers halten wird. Denn letzt läuft diese WM Gefahr, zu kippen: Jetzt kann es so sein, dass immer die Mannschaft, die man sich zu seinem momentanen Favoriten erwählt hat, gegen eine Pfui-Mannschaft ausscheidet. Vorsicht also Frankreich, vorsicht Holland! Ich halte große Stücke auf euch!
Und am Ende steht Deutschland gegen Brasilien im Finale und sie revanchieren sich für die verpatzte Heim-WM vor 8 Jahren. Ein schweißtreibender Albtraum! Denn bei aller spielerischer Fragwürdigkeit, darf man nicht vergessen, dass Deutschland eines hat: Fleisch und Knochen!



Held der letzten zwei Tage:
Neymar, der Unbeschwerte. Nur, wenn er bis zum Schluss so weitermacht, kauf ich ihm den Schmäh ab.

Buhmann der letzten zwei Tage:
Luis Suarez, wer sonst? Die Hackfresse von Uruguay, der Beißer von Natal - ein Mensch aus Fleisch und Knochen, doch ohne jede Moral.

Samstag, 14. Juni 2014

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer

Getty Images

Fußball am Schirm, Bier im Schädel und Hoffnung im Herzen: Es ist Weltmeisterschaft. Und wie!


Jetzt haben wir unseren ersten ganz großen Knüller! Niemand hat es erwartet, aber es ist doch so gekommen. Es ist der Anfang einer ganz großen Geschichte und zugleich der Beginn vom Ende einer anderen großen Geschichte: Mexiko besiegt Kamerun! Wer hätte das gedacht? ... Ach so, das war nicht die große Sensation? Da war noch was anderes? Immer schön der Reihe nach!

MEX - CAM 1:0


Die vom Pech verfolgten Mexikaner schienen zunächst vom Pech verfolgt zu bleiben. Immerhin mussten sie drei Tore schießen, um eines zugesprochen zu bekommen. Es ist eben eine WM, bei der die weltbesten Fußballer gegen mittel- bis unterklassige Schiedsrichter spielen. Aber da jammern nie was hilft, und die Mexikaner das wissen, haben sie einfach weitergespielt. Und sie wurden mit einem Sieg belohnt, der Traum vom Aufstieg lebt, und vor Spanien im Achtelfinale muss man sich jetzt auch noch nicht arg fürchten.

Kamerun ist eine seltsame Mannschaft. Eine Ansammlung von wirklich guten Fußballern, bei denen aber am und abseits des Platzes nie wirklich viel zusammenläuft. Da werden Badewannen voller Potenzial ins Meer gekippt. An der Seitenlinie steht ein deutscher Trainer, der als Afrikaner-Versteher gilt. Trotzdem sieht er im Sturzregen von Natal aus wie Adolf Hitler im April '45. Hilf-, glück- und freudloses Kamerun - wir können die 30 Jahre alten Bilder vom tanzenden Roger Milla nicht mehr sehen! Reiß' dich zusammen und zeig uns dein Herz! "Beherzt" nämlich nennt man Auftritte vermeintlicher Kleinmannschaften wie Mexiko. Mexiko war auch beherzt. Kamerun hingegen wirkte vom Regen genervt und lustlos.


ESP - NED 1:5


Fast wär mir beim Tippen des Fünfers nochmal eine Freudenträne auf die Tastatur getropft. Ich kann es heute immer noch nicht glauben, was ich da gestern gesehen habe! Das war wie Holland 2008 - ein lustvolles, aufregendes Spiel, eines, das Laune machte. Nicht nur bei Holland-Fans, sondern auch bei allen anderen (außer den spanischen versteht sich). Man ahnte erst Böses, als Schiedsrichter Rizzoli Spanien einen Strafstoß schenkte, dachte, es sei nun das dritte Spiel mit der dritten folgenschweren Fehlentscheidung bei dieser WM. Dann kam aber alles anders, denn dann kam Robin van Persie und dieser Robin flog, er flog wie ein Vogel, wie eine Schwalbe, einem Ball entgegen, und der flog dann über Iker Casillas hinweg ins Tor und es stand 1:1 und man wusste: So schnell ist das heute nicht vorbei!

Großartig agierten Snijder und Robben im Mittelfeld, und was der unglaubliche Daley Blind über die linke Seite bringt, das erinnert an die Zeiten von Gio van Bronckhorst, dem letzten großen auf dieser Position. Unschlagbar ist aber Holland nicht, auch das hat man gesehen. Das waren sie auch nie und das war und ist der Reiz dieser Mannschaft: Das Taumeln zwischen Genie und Wahnsinn, das Heiß-kalt-Spiel, das nichts für schwache Nerven ist. Hollands Überdrüber-Fußball ist nie ohne Angst vor der Katastrophe zu haben. Deswegen taugt Oranje als Objekt der Leidenschaft so viel mehr als Spanien, Deutschland oder auch Brasilien. Hollands Spiel ist unabgeschlossen, löchrig, es lebt vom Momentum, von der Befindlichkeit der Mannschaft und auch von dem, was der Gegner zulässt. Es ist aufregend in jeder Hinsicht!

Was aber war das für ein Spanien? Denn wenn wir uns ehrlich sind, hat Holland aus spanischer Sicht da kein großartiges Spiel aufgezogen. Es waren immer nur lange Bälle nach vorne oder Flanken von der Seite - nichts Unausrechenbares, nichts, gegen das man nichts unternehmen könnte. Die Furia Roja wankt, ist angezählt. Gefallen ist sie noch lange nicht... Aber vielleicht lässt sich das Spiel besser als ein denkwürdiger Moment verstehen. Der Moment, als sich Holland für das verlorene Finale revanchierte und mit einem 5:1 den langsamen Niedergang des unglaublichen spanischen Fußballwunders einläutete.

Denn was uns bei aller Euphorie auch klar sein muss: Wer Holland jetzt als Weltmeister handelt, hat 2008 nicht zugeschaut. Und am besten fasst die Situation sowieso Robin van Persie selbst zusammen, wenn er sagt: "Es ist einfach unglaublich, unerklärlich, unbeschreiblich. Das ist ein Traum für unser ganzes Land. Aber es sind auch nur drei Punkte, das ist die Realität."
Wichtig ist aber: Holland ist aufgewacht, traut sich wieder was zu, wird wieder von der Begeisterung getragen. Das braucht diese Mannschaft, das braucht diese WM!

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Gestern habe ich geschrieben: Wenn es so weitergeht, dann Prost Mahlzeit! Und es ist so weitergegangen, die WM hat auch am zweiten Tag gehalten, was das Eröffnungsspiel versprochen hat: Drama, Emotion und Überraschung. Holland und Chile stehen jeweils mit 3 Punkten da, über Spanien staunt die ganze Welt. Mexiko hat gegen Wasser und Willkür gekämpft und gewonnen. Und im Nachtspiel haben die Australier gegen Chile gezeigt, dass sie auch technisch und taktisch überlegenen Mannschaften unangenehm werden können. Vorsicht Holland, Vorsicht Spanien!

4 Spiele liegen hinter uns, noch kein Unentschieden, noch kein torloses. Und heute Nacht spielt Italien gegen England - Fußballherz, was willst du mehr?



Held des Tages:

Da nehme ich Robin van Persie, denn er hat zwei Tore gemacht, wovon das erste von der Marke "Traumtor" war. Arjen Robben in Ehren, aber ich halte ihn immer noch für einen grausigen Egoisten, und kann seinem Verhalten auf dem Platz einfach nichts abgewinnen. Fußballerisch ist das natürlich eine andere Geschichte...


Buhmann des Tages:

Wenn ich jetzt jedes Mal den Schiedsrichter (oder einen Schiedsrichter) nehme, wird's fad. Also entscheide ich mich für Samuel Eto'o stellvertretend für Team Kamerun. Eine Szene war symptomatisch: Eto'o fordert einen Eckball, bekommt ihn aber nicht. Nicht, dass Eto'o der einzige Fußballer der Welt wäre, der bei einem Schiedsrichter irgendwas einfordert; schließlich ist das Teil des fußballerischen Theaterapparates. Aber bei ihm wirkt es tatsächlich so, als erwarte er, dass ihm der Schiedsrichter gehorcht. Das ist echt zu viel verlangt, lieber Samuel!


Tragischer Held des Tages:

Giovani Dos Santos hat zwei Tore geschossen, aber nirgendwo wird er als Torschütze aufscheinen. Nie wird er seinen Enkeln erzählen können, dass er während der WM für ein paar Stunden mit dem großen Neymar gleichziehen konnte und gemeinsam mit ihm auf Platz eins der Torschützenliste gestanden hat. Denn seine beiden Tore wurden zu Unrecht aberkannt. Er kann sich nur damit trösten, dass Mexiko trotzdem gewonnen hat. Trotz seiner beiden Tore, die nicht in die WM-Annalen eingehen.

Freitag, 13. Juni 2014

Heimvorteil

Erst ein Spiel gespielt und die Wogen gehen schon wieder hoch. Und auch, wenn es für die Kroaten ärgerlich war, stimmten am Ende Ergebnis und Erwartung überein.



Es ist WM, es ist Eröffnungsspiel, das Stadion kocht, bebt und zittert. Nicht allein, weil es noch nicht fertig gestellt ist, sondern weil gefühlt halb Brasilien in der Arena Corinthians in Sao Paolo Platz gefunden hat. Die andere gefühlte Hälfte liefert sich wohl irgendwo Straßenschlachten mit der Polizei, aber davon ist am Rasen nichts zu spüren als die Selecao ihre Hymne gegen die Menge plärrt. Das Abfahren der Gesichter mit der Kamera während der Hymne ist ja eigentlich eine Desavouierung des Heldenhaften noch bevor die Spieler die Chance hatten, irgendwas Heldenhaftes zu vollbringen. Da gibt es angestrengte Sänger, die bei jeder Silbe kräftig Luft holen, um noch mehr Kraft in ihr Geplärre hineinzubringen. Da gibt es die bloßen Lippenbeweger, die konsequenten Schweiger, die zu cool zum Singen sind. Und es gibt die Tenöre, die brav und laut (wenn auch nicht besonders schön) singen. Und es gibt Neymar, den es die Tränen in die Augen drückt.

Was konnte man an diesen Gesichtern ablesen? Zunächst, dass es prinzipiell vier Typen Brasilianer gibt: Den Wuschelkopf, der meistens in der Verteidigung spielt (siehe David Luiz, Marcelo, Dante); Dann gibt es den Berserker (Maicon, Hulk, Dani Alves), der alles niederrent, was es zum Niederrennen gibt, einschließlich sich selber. Weiters im Aufgebot steht der Typus des unansehnlichen Talents (siehe Thiago Silvas Wurstlippe oder die seltsam arabeske Physiognomie Luiz Gustavos). Der Rest der Mannschaft ist das, was man in Österreich "Zniachtal" nennt. Das sind harmlos wirkende Schwächlinge, die man erst belächelt. Wie in einem Computerspiel sind es aber freilich die, die am gefährlichsten sind: Neymar, die brasilianische Manga-Figur, ist so einer, aber auch Oscar, Bernard und der Buchhalter-Typus Fred. Traut man denen den WM-Titel zu? - Muss man, denn brasilianische Nationalmannschaften haben schon seit jeher immer gleich ausgesehen. Das konnte man an den Bildern von Cafu und Kaka auf der Tribüne erkennen.



Die Selecao begann zaghaft, zu gut standen die Kroaten zu Beginn in der eigenen Hälfte. Es war, als hofften die Brasilianer darauf, dass der Schiedsrichter nur anzupfeifen brauchte und auf einmal würden sich ihre Beine von selbst bewegen und der Ball ganz von allein und zauberhaft ins gegnerische Tor rollen. Doch die Euphorie der Fans vor dem Auftaktmatch wollte auch von Aktionen auf dem Feld begleitet werden. Das zu erkennen kostete den Brasilianern etwas Zeit. Jetzt war es vorbei mit Samba und Halligalli, jetzt musste guter Fußball gespielt werden!

Die Kroaten nutzten den Druck, unter den Brasilien zu stehen schien, gut aus, zogen sich zurück und warteten ab, um dann im rechten Moment gefährliche Konter zu fahren. Brasilien blieb zwar über weiter Strecken die spielbestimmende Mannschaft, schien aber zunächst mehr Schwierigkeiten mit sich selbst zu haben als mit dem Gegner.

Dann kam es zur großen Katastrophe: Im Auftaktspiel der Heim-WM passierte Marcelo das ultimative Missgeschick, und die Kroaten gingen durch sein Eigentor 1:0 in Führung. Wie man so oft sagt, tut ein solches Führungstor für den Underdog dem Spiel gut. Gestern hatte es zumindest den Effekt, dass Brasilien endgültig erkannte, dass nichts von alleine geht. Und dann war es ausgerechnet Neymar, der 18 Minuten später zum Ausgleich einschoss, und nicht nur sein Land und seine Mannschaft, sondern vor allem seinen Teamkollegen Marcelo von allen Ängsten erlöste.

Denn dieses 1:1 war in Wahrheit ein Führungstreffer; zumindest fühlte es sich so an. Seltsamerweise nahmen nämlich die Kroaten von ihrer gar nicht unverdienten Führung überhaupt kein Momentum mit, und verhielten sich nach dem Ausgleich auch so, als wären sie in Rückstand geraten. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein täte da schon gut. Leicht gesagt, denn wie erwähnt muss die Atmosphäre miteingerechnet werden: Eröffnungsspiele können für den Gegner des Gastgebers grausam sein, wenn er auch noch Außenseiter ist. Diese Erfahrung mussten die Kroaten später im Match noch einmal machen...

Dabei holte Kroatien aus dem geschwächten Kader einiges heraus. Rakitic und Modric, von dem ich immer dachte, er würde vielleicht mit kurzen Haaren besser aussehen (NOT!), agierten großartig im Mittelfeld und der unglaubliche Olic rannte ständig im Volltempo die Seitenlinien rauf und runter. Allein, es half nichts, denn spielgestalterisch war man den Brasilianern erwartungsgemäß unterlegen. Man konnte sich zwar die eine oder andere Chance herausspielen, aber was man sich von Chancen, die nicht verwertet werden, kaufen kann, weiß jeder Österreicher am besten.

Es kam, wie es kommen musste, aber eigentlich nicht kommen dürfte: Brasilien bekam einen Elfmeter zugesprochen bzw. geschenkt. Der japanische Schiedsrichter hatte die Hosen voll und sah eine Handberührung Lovrens and Buchhalter Freds Schulter als Foul an. Sein Hirn wägte wohl in den Millisekunden zwischen Freds Fall und dem Pfiff ab, ob elf erzürnte Kroaten oder tausende erzürnte Brasilianer leichter zu ertragen wären. Nishimura entschied sich für Brasilien und Neymar trat an. Der Elferkiller Pletikosa - wie hätte man es den Kroaten gewünscht, dass er den Elfmeter, der keiner hätte sein dürfen, gehalten hätte. Doch hätte, hätte, hätte - dran war er, aber es stand 2:1. Brasilien war erlöst, und wenn Neymar so weiter macht, wird die Christus-Erlöser-Statue abmontiert an ihrer Statt seine Manga-Figur hingestellt.

Das 3:1 war dann nur noch Kosmetik, obwohl die Kroaten, wütend wie sie waren, noch energische Vorstöße auf das brasilianische Tor unternahmen. Brasiliens Abwehr sah da nicht immer so glücklich aus, aber Oscars Tor in der 93. Minute fixierte den Endstand, den wohl auch viele so getippt haben.

Am Ende war Brasilien zu stark für Kroatien, das es nur ansatzweise verstand, die Unsicherheiten im brasilianischen Spiel auszunutzen. Diese werden weniger werden, das sind schlechte Nachrichten für die folgenden Gegner der Selecao. Kroatien aber darf ruhig ein bisschen mehr so sein, wie man sich die Kroaten eigentlich vorstellt: Stolz, ein wenig zu stolz und ein bisschen größenwahnsinnig vielleicht. Galten früher die Jugoslawen als die Brasilianer Europas, so braucht es für das kroatische Team genau dieses Selbstbild, um die eigenen Stärken auch im Endergebnis sichtbar zu machen. Da kommt es jedoch ungelegen, dass man jetzt dem Schiedsrichter die Schuld an der Niederlage geben kann.

Es war ein schönes, aufregendes erstes Spiel. Eigentlich ungewohnt, da Eröffnungsspiel und Finale in dem nicht unbegründeten Ruf stehen, potenziell langweilig zu sein. War das ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt? Wenn ja, dann Prost Mahlzeit!


Held des Tages:

Der Spray! Jeder Freistoß ein Ereignis!


Buhmann des Tages:

Ja, leider der Schiedsrichter, aber ohne solche Fehlentscheidungen ist eine WM nicht mehr zu haben.Und man kann eine WM nicht nur mit europäischen Spitzenschiris bestreiten, die ich von der Kulisse und den Weltstars nicht beeindrucken lassen.
Höre ich irgendwen Videobeweis sagen? Tja, wir haben jetzt Torlinientechnologie und einen Freistoßspray. Das ist an FIFA-Maßstäben gemessen revolutionär.