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Montag, 16. Juni 2014

Verschnaufpause

Ein Schiedsrichter als Held, das Deutsche an der Torlinientechnologie und ein fragwürdiges Argentinien machen den Tag trotz fehlender Knaller interessant.


So eine WM ist ganz schön anstrengend. Abgesehen davon, dass man gezwungen ist, teilweise bis spät in die Nacht hinein fragwürdige Begegnungen zu verfolgen bzw. diese nur zähneknirschend zu versäumen wagt, löst sich schon nach zweieinhalb Spieltagen die ganze Ordnung auf, die man sich vorher im Kopf gemacht hat: Nach drei Tagen weiß man schon nicht mehr, wer in welcher Gruppe spielt, welche Gruppe heute dran ist, geschweige denn wann jetzt welches Spiel stattfindet. Vor dem inneren Auge verschwimmen die Flaggen von Kolumbien, Ecuador und Costa Rica zu einer panamerikanischen Einheitsfahne, man glaubt plötzlich an jeder Ecke Sambatrommeln zu hören, und erst wenn man ORF einschaltet und die unterirdischen Bemühungen der dortigen Akteure sehen muss, die alle irgendwie modern und hip sein wollen, krallt man sich entnervt einen von den vierzehn Spielplänen, die in Fernsehernähe herumliegen, um sich wieder zu ordnen. Ein Tag, an dem in drei Spielen drei Außenseiter zu Werke gehen, eignet sich als Verschnaufpause, die man dringend braucht, vor allem nach diesen atemlosen ersten Stunden der Weltmeisterschaft, die jetzt schon in der Erinnerung zu einem Euphoriebrei zu verschmelzen drohen.

Noch immer umnebelt von der Klassepartie zwischen England und Italien und dem Ärgernis über das Versäumnis des Nachtspiels saß man dann gestern um 18 Uhr vor dem Fernseher, um sich den "Heuler" Schweiz gegen Ecuador anzusehen. Was man da zu sehen bekam war eine irgendwie rumpelnde Schweizer Nati, der wir Österreicher immer neidisch sein können, weil sie aus annähernd gleicher Ausgangsposition so viel mehr zusammengebracht haben als wir.
Dass diese Entwicklung nicht geschenkt ist und harte Arbeit braucht, um weiter vorangetrieben zu werden, und dass es dann auch mal natürliche Grenzen dieser Entwicklung gibt, könnte diese Weltmeisterschaft zeigen. Einen Vorgeschmack bekamen wir im ersten Spiel gegen Ecuador, in dem sich die Schweizer etwas schwerer als erwartet getan haben bzw. Ecuador eine bessere Figur gemacht hat als man ihnen zugetraut hatte.

SUI - ECU 2:1


So gingen die Südamerikaner frech in Führung, was die Schweiz dazu veranlasste, ein bisschen mehr zu rackern, auch wenn nicht immer alles recht zusammenlaufen wollte. Ottmar Hitzfeld brachte in Hälfte 2 Admir Mehmedi und der schoss gleich den Ausgleich. Man sah, dass Ecuador am Limit angelangt war, und sie blieben auch gefährlich. Ein Sieg wäre dann doch eine Überraschung gewesen und mit einem Unentschieden hätten sogar die Schweizer zufrieden sein müssen. Sie gaben sich aber nicht zufrieden und versuchten weiter Druck zu machen. In der Nachspielzeit passierte dann etwas Wunderbares: Behrami wurde im Mittelfeld bei einem letzten Versuch, einen schnellen Vorstoß einzuleiten, gefoult. Weil aber Behrami bereits wieder auf den Beinen war, bevor er überhaupt am Boden lag, entschied Schiedsrichter Rawschan Irmatov auf Vorteil und ließ das Spiel laufen. Behrami gab den Ball ab und drei Sekunden später zappelte der bereits im Netz: Haris Seferovic traf für die Schweizer zum 2:1 Endstand.

Bei aller Diskussion über Schiedsrichter-Fehlentscheidungen muss man hier den usbekischen Schiri loben, der die Situation blitzschnell erfasst und richtig bewertet hat. Die schweizer Schiedsrichter-Legende Urs Meier (Analyst für das deutsche Fernsehen) zeigte sich nach dem Spiel geradezu exaltiert: Auf die Vorteil-Entscheidung angesprochen sprach Meier von einer geradezu genialen Aktion, von einem "Vorteil wie Weihnachten und Ostern zusammen". Es ist selten, dass Schiedsrichter mit besonders guten Entscheidungen beeindrucken, aber Irmatov hat da gestern Tolles geleistet und ganz nebenbei der Schweiz den Sieg ermöglicht.

FRA - HON 3:0


Das Spiel Frankreich gegen Honduras stand unter keinem guten Stern. So nahmen die Spieler für die Nationalhymnen Aufstellung, warteten und auf einmal begannen die Honduraner, die französische Equipe für den Pre-Match-Handshake abzulaufen. Der ZDF-Kommentator meinte zunächst, es handle sich dabei um ein Missverständnis der Honduraner. "Die wissen wohl nicht über den Ablauf Bescheid!", dachte er sich als typischer Deutscher vermutlich. In Wahrheit aber war die Tonanlage des Stadions ausgefallen und das Match musste ohne Hymnen losgehen. Tragisch vor allem für die Franzosen, denn ohne Marsellaise geht da normalerweise gar nichts. Glücklicherweise hieß der Gegner Honduras und nicht etwa England!

Das Spiel war dann die erwartet ruppige Partie seitens der Honduraner. Schlimm, wenn man als Mannschaft, die sich berechtigte Hoffnungen auf die KO-Phase macht, ein Match gegen solche Rüpel nicht nur heil überstehen, sondern auch gewinnen muss. Frankreich aber meisterte diese Aufgabe mehr oder weniger gelassen. Und wir freuten uns über den ersten Einsatz der Torlinien-Technik, die ein Tor gab, das aus vier von fünf Kamerawinkeln nicht als solches zu erkennen war. Mehrmals wurde in der Folge darauf hingewiesen, dass diese Technik aus Deutschland stamme. Denn obwohl wir nun endlich diese Technologie haben, fangen jetzt wieder die ersten an zu behaupten, die Diskussionen würden trotzdem nicht ausbleiben, weil es immer noch welche gibt, die daheim vor dem Fernseher sitzen und zwischen zwei Bierrülpsern behaupten könnten "Für mich war der nicht drin!". War er aber! Weil die Technologie das gesagt hat. Und weil die aus Deutschland kommt! Käme sie nämlich aus Burundi oder Palau, dann würde man ernsthafte Zweifel anmelden können. So aber nicht! Deutsche Technologie ist unfehlbarer als der argentinische Papst!

ARG - BIH 2:1


Dann spätabends der von vielen herbeigesehnte erste Auftritt der Albiceleste. Das große, nominell so außergewöhnlich besetzte Argentinien, dem von vielen im Vorfeld als einzige aller Mannschaften zugetraut wurde, den sicheren Titel für Brasilien verhindern zu können. Am besten im Finale. Und am besten im Maracana. Aber Argentiniens Auftritt gegen WM-Neuling Bosnien war gestern alles andere als glamourös. Er war eher desaströs und peinlich, vor allem in der ersten Hälfte. Dass Argentiniens Teamchef Sabella seine Mannschaft mit fünf Defensiven auflaufen ließ, und so zum Beispiel Higuain und Gago auf der Bank ließ, war eigentlich nur als Scherz verstehbar. Solcherlei Scherze traute man vor vier Jahren nur Ex-Teamchef Diego Maradona zu. Aber gegen Bosnien mit 5 Mann hinten - bei dieser Offensivqualität?

Vielleicht war es deshalb, dass Messi vollkommen neben sich stand. Der Floh, der im argentinischen Nationaldress bei einer WM noch nie wirklich überzeugen konnte, steht auch diesmal unter enormen Druck. Weil das argentinische Spiel auf ihn ausgerichtet ist und so auch auseinanderfällt, wenn er die Leistung nicht erbringt. Das ist eigentlich ein Ansatz, der zum Scheitern verurteilt ist, vor allem, weil Argentinien es bei der Qualität seines Kaders nicht nötig hätte.
Messi lief gestern in Hälfte eins vielleicht sogar weniger als vorgestern Andrea Pirlo. Nur, dass Pirlo eben dafür da ist, die anderen laufen zu lassen. Die Argentinier kamen glücklich zu einem frühen Tor. In der zweiten Halbzeit vergab Messi zuerst einen Freistoß kläglich und machte dann wenige Minuten später das, wofür er bekannt ist. Und er feierte seien Treffer zum 2:0 wie er sonst selten ein Tor feiert. Es muss ihm eine Last von den Schultern gefallen sein! Wir können es nur hoffen, denn es wäre wirklich schade, wenn so ein Fußballer im Nationalteam unerfolgreich bleiben würde.

Ich bin mir nur nicht sicher, ob ein Treffer gegen Bosnien die erhoffte erlösende Wirkung hat und Messi jetzt den Fluch, der auf ihn zu lasten scheint, wirklich abschütteln kann. Dass das Tor trotzdem wichtig war, bekam ich nur noch mit, als ich, bereits im Bett liegend, Jubelschreie aus dem nahegelegenen bosnischen Lokal hörte, das noch vor wenigen Tagen ein kroatisches Lokal war, aber eigentlich von Albanern geführt wird. Es ist ja doch irgendwie alles eins...
2:1 ist für argentinische Verhältnisse schwach, aber man ist mit 3 Punkten ins Turnier gestartet. Wenn man von den taktischen Blödsinnigkeiten was lernt und Messi sich wirklich noch steigert, dann wird man vielleicht an die hohen Erwartungen heranreichen. Momentan aber sehe ich Argentinien nicht im Finale.


Held des Tages:
Weil sonst immer die Scheidsrichter die Buhmänner sein müssen, steht hier jetzt stolz und zu Recht der Usbeke Rawschan Irmatov mit seinem "Vorteil wie Weihnachten und Ostern zusammen".

Buhmann des Tages:
Alejandro Sabella, der argentinische Trainer. Er hat mit seiner Startaufstellung das falsche Signal gesendet. An die Fans, an die Mannschaft, an die Bosnier, vor allem aber an Lionel Messi, der im riesigen Maracana-Stadion tatsächlich klein wie ein Floh wirkte.

Mittwoch, 23. Juni 2010

Bald haben wir es überstanden

Heute geht‘s für England, die USA, Deutschland und Serbien um den Einzug in die KO-Phase. Ghana will aber auch!


Die Endspiele der Gruppenphase sind im Gange und bald haben wir die lästigen Rechnereien wie auch das langweilige Ballgeschiebe hinter uns. Es geht in die heiße Phase und das heißt für die Teams die Spirenzien abstellen, die Beleidigungen vergessen und die Revolten über Bord werfen. Konzentration und Wille sind jetzt gefragt. Ab jetzt hat man es selbst in der Hand - und Dummheiten werden gleich bestraft.

Argentiniens Teamguru Diego Maradona wurde im Vorfeld des letzten Gruppenspiels gegen Nigeria gefragt, ob er Lionel Messi schonen würde, da am Aufstieg ja kein Zweifel mehr bestehe. Diego Maradona drauf: "Er ist der beste Spieler der Welt, es wäre eine Sünde, ihn den Menschen vorzuenthalten." Das ist Diego Maradona! Das ist Argentinien. Das ist das Wirkungsvolle im Gewand des Schönen. Dass Messi für das Spiel der Argentinier von zentraler Bedeutung ist, weiß Maradona ja. Aber er sagt es nicht. Er sagt, er möchte dass alle Menschen Messi spielen sehen. Ein anderer hätte vielleicht gesagt: "Nein, Messi ist für unsere Spielanlage wichtig. Wir wollen nicht auf ihn verzichten, er ist der Motor in unserem Angriffsspiel." Oder so ähnlich. Da geht's dann nur um die Mannschaft selbst (wir, wir, wir). Maradona aber sagt das nicht nur anders, ich glaube, er denkt es auch anders. Vielleicht mag es sein, dass ihm Taktik nicht ganz so egal ist, wie man gemeinhin glaubt. Wieviel des argentinischen Taktikkonzepts tatsächlich auf Maradonas Kappe geht, weiß man eben nicht. Aber wieviel es auch sein mag, eines scheint mir sicher: Maradona glaubt genau das, was er gesagt hat. Er glaubt an die Genialität und die Schönheit von Messis Spiel und er glaubt, dass man Messi spielen lassen muss, damit ihn die ganze Welt sehen kann. Das ist fantastisch, das ist ganz wunderbar; der Satz wie auch die Einstellung und die Idee dahinter. Gott gab uns Maradona, Maradona gibt uns Messi.

Und den gab er uns auch – plus eine Restmannschaft (B-Elf gibt’s ja bei den ganz guten nicht), die, so wirkte es zumindest, nicht wirklich auf einander eingespielt war. Trotzdem war Messi wieder der stärkste Mann und spielte Chancen heraus, die irgendwann auch zu Toren führen mussten. Selber blieb ihm aber schon wieder der erste WM-Treffer versagt – es ist wie verhext. Die Griechen taten ihr übriges zum Spiel. Otto Rehagels Team musste gewinnen, um noch aufsteigen zu können. Deshalb liefen die Gammelgriechen mit einem flotten 6-3-1 auf. Entsprechend wenig Offensivaktionen bekam man von denen dann auch zu sehen. Wenn man selbst in Ballbesitz nicht bereit ist, eine Fünferkette aufzulösen, dann kann einem auch keiner mehr helfen. Rehagel meinte nach dem Spiel, er hätte seiner Mannschaft gesagt, dass da nach vorne mehr kommen muss. Ich glaube, da hat er gelogen. Wenn er das seiner Mannschaft gesagt hätte, und die dann trotzdem so spielen, dann sind sie nicht ganz richtig im Kopf. Lieber glaube ich, dass Rehagel uns am Schmäh gehalten hat.

Auch Nigeria hat uns ein bissl am Schmäh gehalten. Mit denen ist gestern auch die vorletzte afrikanische Mannschaft endgültig ausgeschieden. Das war alles in allem einfach zu fahrlässig. Den Südkoreanern Tore schenken und dann selbst nach der Reihe 100-prozentige Chancen verhauen, das geht einfach nicht. Aber gut ist, dass so auch der Zuseher sieht, dass das nicht achtelfinalwürdig ist und deshalb die Mannschaft zu Recht ausscheidet. Südkorea wird es dann im Achtelfinale eh gegen Uruguay fressen - Case closed.

Frankreich hat, wie erwartet, alles runtergeleert, was es zum runterleeren gab. Der Domenech-Dodel war naturgemäß beleidigt, hat alle Krawallmacher auf der Bank sitzen lassen und jetzt sind sie zu Recht ausgeschieden. Wir freuen uns, dass dieses in allen Belangen unsagbar furchtbare Team weg ist und dass der Gastgeber noch einen Ehrensieg einfahren konnte.

Was war noch? Ahja, Mexiko: Sehr solide, leider wird gegen Argentinien wahrscheinlich Schluss sein. Eigentlich schade, aber wer weiß, was uns da noch erwartet!

England versucht, das Schlimmste abzuwenden und es nicht Frankreich gleich zu tun. John Terry hat sich für seine kritischen Äußerungen entschuldigt und damit scheint die „Revolte“ erledigt zu sein. Vielleicht will man im letzten Spiel gegen Slowenien doch noch ein bisschen Fußball spielen. Heute haben es in der Gruppe zwei die nominellen Favoriten in der Hand. Siege müssen für England und die USA her, dann ist man weiter. Um Platz zwei sich zu streiten, sollte eigentlich beiden zu blöd sein. Also bitte Eier zeigen und der Favoritenrolle gerecht werden!

In der Gruppe D will Deutschland wieder vorzeitig Weltmeister werden und Ghana sich als einzige afrikanische Mannschaft fürs Achtelfinale qualifizieren. Vielleicht gelingt Asamoah Gyan wieder ein tolles Elfmetertor? Aber Achtung, auch die Serben möchten noch aufsteigen und genau wie die Deutschen, wäre hierfür ein Sieg das beste. Australien bleibt sympathisch und wir möchten sie auch beim nächsten Mal wieder dabei haben. Vielleicht aber werden gerade die Aussies für die Serben heute zum Spielverderber?


Spieler des Tages: Yakubu Aiyegbeni. Er vergab zwei Chancen für Nigeria kläglichst, traf das leere Tor aus zwei Metern Entfernung nicht, was ihm bis jetzt bei dieser WM in dieser Form noch keiner nachgemacht hat. Dann aber verwandelte er einen Elfmeter zum Ausgleich - und das ziemlich gut und kaltschnäuzig. Irgendwie stellvertretend für die Mannschaft. Das ist eine Ehren-Nominierung zum Spieler des Tages. Ich sag zum Abschied leise Servus zu Nigeria.

Sonntag, 13. Juni 2010

Vorurteile

Der Tag der Torhüter und warum England heuer wieder im Elferschießen ausscheidet.


Als Kind wächst man mit Vorstellungen über Fußball auf, die vielleicht nicht immer ganz der Wirklichkeit entsprechen, die aber prägend sind für die Art und Weise, wie man Fußballspiele sieht und erlebt und welche Vorurteile man entwickelt. Eine dieser Ideen, die sich schon früh in der kindlichen Vorstellungswelt festsetzten war jene, dass Südamerikaner immer zaubern. Und deshalb war es klar, dass nur Brasilianer oder Argentinier Fallrückzieher- oder Flugkopfballtore schießen können und dies vermeintlich auch sehr oft tun. Engländer hingegen spielen hart und dreschen den Ball vor, um ihm dann nachzulaufen und hinten steht ein schlechter Tormann drin. Wäre ich jetzt noch einmal acht oder zehn Jahre alt, hätte ich mit dem gestrigen Spieltag die reinste Freude gehabt, weil ich alles schon vorher gewusst hätte.

Argentinien begann gegen Nigeria so, wie man es erwartet hatte. Da wurde herum gewirbelt, die nigerianische Abwehr schwindlig gespielt und alles drehte sich in der Offensive um Messi, der sich in guter Form zeigte und viele Chancen für seine Mannschaft herausspielte, leider aber immer am nigerianischen Torhüter scheiterte, der sich gestern nur einmal bezwingen ließ. Es stimmte noch nicht alles bei den Gauchos, aber die hochkomplexe Spielanlage funktioniert im Grunde schon recht gut. Es könnte sein, dass Argentinien gegen stärkere Gegner damit aber Probleme bekommt, v.a. in der Defensive. Da muss dann vorne die Chancenverwertung passen. Die passte gestern allein beim frühen Treffer von Heinze - per Flugkopfball ins Kreuzeck. Südamerikanischer geht‘s kaum, das ist deren natürliche Art Tore zu schießen, scheint es. So wie es bei Messi scheint, dass die natürliche Art der Fortbewegung das Ausspielen zweier oder mehrerer Gegner ist - dafür steht Maradona Pate, der gestern wie ein Giftzwerg gefühlte 89 Minuten lang an der Seitenlinie herumhüpfte.

Beachtenswert war bei Nigeria vor allem die Leistung des Torhüters, Vincent Enyeama. Damit glauben wir schon die Beobachtung machen zu können, dass die afrikanischen Torhüter bei dieser WM stark sind. Auch Enyeamas südafrikanischer Kollege hat vorgestern gut gehalten. Es wird sowieso wieder mal Zeit für eine WM der Tormänner. Die Stars auf dieser Position sind weniger geworden. In Kindheitstagen gab es da Namen wie Sergio Goycochea, Thomas Ravelli, Hans van Breukelen, Andoni Zubizarreta, Toni Meola, Peter Schmeichel, Jorge Campos, Michel Preud‘Homme, Gianluca Pagliuca, und das sind nur die, die mir spontan einfallen.
Momentan sehe ich da nur Buffon, Casillas (eigentlich alle spanischen Torhüter) und dann noch Julio Cesar, die erwähnenswert sind.

Wer in dieser Riege nicht so schnell auftauchen wird, ist Robert Green. Der hat sich gestern, eigentlich in typisch englischer Tormannmanier, eines Steirertors schuldig gemacht wie es im Buche steht. Ein wahrhaftes „Gelsenhammerl“ von Clint Dempsey reichte aus um Green zu bezwingen und den Ausgleich für die USA zu erzielen. Beide Seiten hatten aber auch im restlichen Spiel immer wieder recht gute Chancen, und da konnte sich Green später doch noch auszeichnen, als er einen Schuss von Jozy Altidore aus kurzer Distanz noch an die Torstange lenkte. Allzu sicher sah er aber nie aus und ich bin gespannt, ob er im zweiten Spiel gegen Algerien wieder zwischen den Pfosten steht, oder David James („The Calamity“) Platz machen muss - der selber auch immer für katastrophale Patzer gut ist.

So hat sich gestern ein weiteres Vorurteil bewahrheitet, nämlich dass Engländer schlechte Torhüter sind. Und weil bis jetzt alles so schön nach Vorurteilen sich richtet, wage ich die Prognose, dass England auch heuer wieder im Elferschießen ausscheidet - weil das auch immer so ist. Noch ein Kandidat für ein solches Ausscheiden wäre Holland, und deshalb wünsche ich mir das einzige Elferschießen dieser WM zwischen England und Holland, das dann Holland gewinnen soll, weil England noch weniger im Elferschießen gewinnen kann (darf) als die Holländer. So einfach ist die Fußballwelt manchmal!



Kurz notiert


Diego Maradona sieht aus wie ein neapolitanischer Pizzabäcker auf der Hochzeit seines Bruders. Der Anzug passt ihm nicht nur nicht, er steht ihm auch überhaupt kein bisschen. Aber er sieht aus wie eine Comicfigur und das ist zumindest sympathisch.

David Beckham sieht aus wie ein britischer Internatsschüler, der beim Schülerligamatch nicht mitspielen will, damit er sich nicht dreckig macht und die Mama nicht wieder schimpft. Maybe a bit too stylish for the pitch!

Thomas König sagte gestern einmal zu Lars Lagerbäck „Lagerfeld“. Da musste ich mir einen Fächer wedelnden Karl Lagerfeld am Spielfeldrand vorstellen und wie dessen Kreativität den Nigerianern schaden könnte.

Manfred Zsak geht wieder mal gar nicht. Ich will ihm (sic! Prohaskismus) nicht mehr sehen und ihn (sic!) nicht mehr zuhören. Ich will, das Prohaska uns erklärt, wie schnell der Kopfball von Gabriel Heinze genau war und was der silberne Pfeil dann auf dem Analysebildschirm bedeutet (schnell? Kopfball? unhaltbar?).

Nochmal Maradona, der nach dem Spiel Lionel Messi hochgehoben und abgebusselt hat, wo man dann entsetzt feststellte, dass Maradona ja noch um einiges kleiner ist als der ohnehin schon winzige Messi.

Bart des Turniers: Oguchi Onyewu, der amerikanische Freizeittaliban. So etwas Dichtes hab ich selten im Gesicht eines Mannes gesehen.

Glatze des Turniers bis jetzt: Schiedsrichter Carlos Simon aus Brasilien. Die verschwitzte Stirnglatze und das zurückgeschleckte Resthaar geben ihm das Aussehen eines italienischen Gargamels.

Sonntag, 6. Juni 2010

Vom Größtmöglichen und Mindestnötigen

Maradona - der Größte aller Zeiten?

Es gibt nur einen Messi. Und es gibt nur einen Maradona. Zweifellos bot Lionel Messi in der vergangenen Saison eine herausragende Leistung. Also musste sich Maradona wieder Vergleiche gefallen lassen, die den kleinen Barcelona-Spieler fußballerisch gleichauf sahen, ihm eine große Zukunft prophezeiten usf. Aber kannte man das nicht schon? Gibt es nicht alle paar Jahre einen „neuen Maradona“?

Und warum Maradona? Der ist doch eigentlich nur mehr peinlich und größenwahnsinnig, oder? Vielleicht. Aber er ist eben auch der größte aller Zeiten - so sagt man zumindest. Und dieser Ruf ist seinem fußballerischen Können geschuldet. Und man kann sich streiten, ob nicht doch vielleicht Pelé der größere war oder irgendein Spieler der Fußball-Neuzeit (die spätestens seit dem Europameister Griechenland sich zeitet), da man ja Spielweise, Fitness etc. gar nicht mehr vergleichen kann usw.

Ja, aber dann kommt ein Messi und spielt wie einst Maradona. Und er zeigt uns, dass es noch möglich ist, das schöne Spiel; dass es nicht im taktikzerfahrenen Geplänkel zermalmt werden muss, sondern dass individuelle Klasse und Verspieltheit wieder Wert haben. Mehr Wert denn je, denn Spieler wie Messi machen - so hört man es von den sogenannten Experten - den Unterschied. Oft hört man auch „der kann ein Spiel allein entscheiden“, auch wenn das vielleicht Blödsinn ist. Der Zuseher aber sieht eines: Fußball kann (wieder) schön sein. Und das macht Spaß.

Um die leidige Messi-Maradona-Diskussion abzuhaken, hier nun meine Sicht der argentinischen Sache. Die argentinische Mannschaft ist nominell gesehen zu den Stärksten zu zählen und damit sind sie einer von einer Hand voll Titelfavoriten. Die Frage ist nun: Gelingt es Argentinien, sich in den Rausch zu spielen, den diese Mannschaft braucht um zaubern zu können - den Rausch, dessen spielerische Verkörperung Lionel Messi ist? Der Vater dieses Rausches muss und kann nur Diego Maradona sein. Man stelle sich vor, man ist Spieler der argentinischen Nationalmannschaft und hat das Glück vom Größten aller Zeiten trainiert zu werden. Oder das Pech - denn Maradona mag vielleicht ein Motivator sein, aber Taktiker ist er keiner. Sagen die Experten. Soll heißen: Argentiniens Spiel läuft entweder von selbst oder gar nicht. Anders formuliert: Entweder die mähen alles nieder oder diese WM gerät zu einer einzigen Peinlichkeit für die Gauchos.

Das bedeutet für Maradona: Entweder er wird wirklich zum Größten aller Zeiten - indem er nämlich als Trainer auch noch die Weltmeisterschaft holt (sagt Andi H.). Oder er wird zum Buhmann der Nation, womit sein Ruf angeknackst bleiben würde und man weiterhin Diskussionen zu führen hätte, ob er denn nun wirklich der Größte aller Zeiten sei. Hopp oder Tropp heißt es also für Argentinien. Und ob dieses Hopp funktioniert, ist gleichsam eine der zentralen Fragen dieser WM: Ist die Fußballneuzeit (Griechenland!) vielleicht nicht schon vorbei? Kann man mit bloßer taktischer Ausgefeiltheit und Brillanz Turniere gewinnen, auch wenn die großen Einzelgenies fehlen?

Freilich, es gehört immer beides dazu. Aber die vergangenen Großereignisse zeichnen ein zweideutiges Bild. Auf der einen Seite die EM von 2008 mit dem Europameister Spanien, der sich in die Herzen aller Fußballfans gespielt hat. Dann der FC Barcelona mit seinem Championsleague-Sieg im letzten Jahr, der das vermeintliche Griechenland-Trauma, das uns die EM 04 beschert hat (Defensivfußball: Jaja, taktisch total interessant, aber sind wir uns ehrlich: laaangweilig!), endgültig in Grund und Boden spielte bzw. es uns vergessen ließ. Aber dann gab es 2008 auch die Russen, die sicherlich ein, zwei gute Spieler hatten, deren Erfolg aber zu 90% auf die geniale taktische Leistung ihres Trainers Guus Hiddink zurückzuführen war, und die dann die anderen Vertreter des lustvollen Offensivspiels (Niederlande) ausschalteten. Und dann gewann Inter Mailand heuer die Championsleague, eine Mannschaft also, die traditionellen italienischen Defensivfußball mit einen ebenso genialischen Taktiker (Jose Mourinho) verband und damit sowohl die katalanische Verspieltheit (FC Barcelona), als auch den deutschen Herz- und Kampffußball (FC Bayern) zerstörte.


Was bleibt zu sagen? Dass es spannend wird. Aber das wussten wir vorher auch schon. Eigentlich weiß man im Fußball immer alles schon im Vorhinein. Der Reiz besteht ja meist darin, dass es dann doch nicht so ist. Der Reiz des Fußballs ist eine Enttäuschung auf der einen, zugunsten einer Sensation auf der anderen Seite. Wir schauen Fußball, weil wir enttäuscht werden wollen - aber bitte sensationell enttäuscht!