Sonntag, 15. Juni 2014

Pura vida

Der autistische Zauberer hielt wieder Audienz in einem programmierten Spitzenspiel. Die erste wirklich große Überraschung folgte der ersten großen Überraschung und ein märchenhaftes Costa Rica zerstört die unnötigen Urus. Wann wird diese WM endlich fad?


Es war ein unmenschlicher Tag, selbst für die beflissensten WM-Schauer. Denn das nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit beste Spiel (England gegen Italien) sollte erst um zwölf Uhr nachts zu sehen sein. Davor war man angehalten, sich mit Kolumbien gegen Griechenland und Costa Rica gegen Uruguay zu beschäftigen. Wir kennen diese WM jetzt drei Tage und mittlerweile wissen wir, dass sie uns keine Spiele schenkt, die nicht sehenswert wären. Aber wer dann noch Japan gegen Elfenbeinküste erlebt hat, muss sich einen Suchtvorwurf gefallen lassen.

COL - GRE 3:0

Doch auch gestern begeisterten selbst die "kleinen Spiele": Die beherzt auftretenden Kolumbianer verzückten nicht nur ihre Fans, die wiederum uns verzückten, sondern lösten ein, was mancher vorher schon für möglich gehalten hat: Dass hier die wahrscheinlich beste kolumbianische Mannschaft seit Jahren antritt. Griechenland ist ja nicht gerade als spielerischer Crowd-Pleaser bekannt und wenn so ein Team im ersten Spiel von einer erfrischenden, launig aufspielenden halb-exotischen Mannschaft aufgemischt wird, deren Fans vor Ort durch ihren einzigartigen Enthusiasmus jeden in Begeisterung versetzen, dann läuft etwas richtig!

Ich weiß nicht, ob man ihnen deswegen allzu viel zutrauen sollte. Aber sie surfen jetzt auf einer Welle, die sie selbst erzeugt haben. Denn Kolumbien verkörpert das, was Kamerun sein könnte, wenn ihnen nur das Fußballspiel ein wenig wichtiger wäre als interne Hahnenkämpfe und Selbstmitleid. Sie lassen sich tragen von der eigenen Begeisterung am Spiel und der ihrer Anhänger. Wir freuen uns schon auf den nächsten Auftritt dieser sympathisch aufspielenden Truppe aus der zweiten Reihe der südamerikanischen Teams, für die das heuer alle irgendwie eine Heim-WM werden könnte. Die Stimmung jedenfalls passt schon mal.

(Später hat in dieser Gruppe noch die Elfenbeinküste einen 0:1-Rückstand gegen Japan aufgeholt. Aber diese Partie dürften wohl nur ein paar Schichtarbeiter gesehen haben...)


URU - CRC 1:3

Nach der "ersten großen Überraschung", dem Kantersieg der Niederländer gegen Spanien, folgte tags darauf die "erste wirklich große Überraschung" - die Niederlage des WM-Vierten gegen den kompletten Außenseiter Costa Rica. Uruguay heißt heuer dauernd "der Weltmeister von 1950", was eigentlich lächerlich wäre, gäbe es da nicht die Geschichte mit dem Finale gegen Brasilien im Maracana-Stadion, die als  das große Trauma das brasilianische Fußballselbstverständnis quält. Aber der "Weltmeister von 1950" wird der Weltmeister von 1950 bleiben, denn die Gruppe D ist nicht nur nominell zu stark besetzt. Wer sich von Costa Rica so vorführen lässt, der hat große Mängel zu beseitigen! Das wird sich in den kommenden drei Spielen aber nicht bewerkstelligen lassen. Die Einschätzung, dass Uruguay weit von der Form von vor vier Jahren entfernt ist, hat sich als richtig erwiesen. Und das ist gut so.

Denn die unsympathischen Urus sind Faulenzer und Falschspieler. Ihr uninteressiertes und uninspiriertes Auftreten gipfelte im Sinnlosfoul von Perreira, der daraufhin die erste rote Karte des Turniers sah. Neben Suarez, den ich seit dem Spiel gegen Ghana hasse, und der sich nie mehr rehabilitiert hat, hab ich nun auch in Diego Lugano einen "Buhru" erkannt. Mit den gestern unsichtbaren Diego Forlan konnte ich ohnehin nie wirklich was anfangen, auch wenn er noch der Erträglichste der Urus war. Uruguays veritabler Höhenflug findet nach der nicht überzeugenden Qualifikation hier in Brasilien endgültig sein Ende, und das ist gut so.

Ein Märchen hingegen wurde für Costa Rica war. Die Ticos, deren Philosophie des "pura vida", des reinen Lebens, im Fußball so zum Ausdruck kommt, dass man die Außenseiterrolle genießt, weil man so in einer schweren Gruppe unbeschwert aufspielen kann, haben ein Ausrufezeichen gesetzt. Ich bezweifle, dass noch ein weiterer Glanzpunkt folgen wird, aber England und Italien haben gesehen, dass man sich keine müde Partie leisten kann gegen vermeintliche Fußballzwerge. Nicht bei dieser WM! Dass die Gefahr eines nachlässigen Auftretens aber gar nicht so groß ist, zeigten die beiden europäischen Mannschaften am Abend im "Rumble in the Jungle", im Amazonas-Stadion von Manaus.


ENG - ITA 1:2


Wieder war es Andrea Pirlo, dessen faszinierender Präsenz ich meine Blicke vor allem widmete; sieht er doch aus wie ein Magier, ein Druide, Naturgott des Schlenzers, Beherrscher des Raumes, der erst entsteht, weil er ihn kreiert. Freilich ist er auch ein Magier, und am besten wird sich gestern Joe Hart, der englische Torhüter daran erinnert haben. Denn es war Pirlo, der ihn in einem denkwürdigen Elfmeterschießen mit einem Schmäh düpiert hat, obwohl Hart eigentlich ihn (oder wie Schneckerl sagen würde: ihm) am Schmäh halten wollte. Aber nicht mit Pirlo, dem Allmächtigen!

Eigentlich sieht Andrea Pirlo aus wie ein Psycho; einer, der dich streichelt, während er dir langsam die Luft wegdrückt, und der dabei kaum merklich lächelt - aber nur mit dem Mund und nie mit den Augen! Pirlo, der das Aufwärmen vor dem Match als Masturbation für Konditionstrainer ansieht, trabt wie ein Hüftkranker über den Platz und beobachtet stoisch den Ball. Dann bekommt er ihn, dreht sich um und schlägt einen Pass in einen Raum, der vorher nicht da war. Jemand, der das zum ersten Mal sieht, muss sich vorkommen wie in der Matrix. Aber nicht nur, dass er den Pass perfekt und schlau spielt, er nimmt mit seinem Pass auch die folgende Aktion des Passempfängers vorweg. Ja, er spielt den Pass so, dass der Empfänger den Ball gar nicht anders annehmen kann als so, dass er mit dem nächsten Schritt genau das macht, was Pirlo mit ihm vorhatte. Es ist, als passte sich Pirlo selbst zu. Vielleicht lernt man sowas beim vielen Playstation spielen, denn genau so sieht es aus, wenn Pirlo spielt: Wie ein sauguter Playstation-Zocker, der mehrere Spieler gleichzeitig kontrolliert.

Ich weiß nicht, wie Pirlo reagiert, wenn er auf der Playstation ein Tor erzielt. Im wahren Match, bei der WM, jedenfalls passiert folgendes: In einem einstudierten Eckball-Trick steigt Pirlo aus dem Lauf über den auf ihn zurollenden Ball drüber und lässt ihn so zu Marchisio durch. Dabei folgen zwei bis drei englische Abwehrspieler dem Laufweg Pirlos und räumen so das Schussfeld für Marchisio, der draufhält und trifft. Für solche Aktionen muss es irgendeine geheime Tastenkombination geben, denn es sieht alles so natürlich und harmonisch aus, dass sich sogar der, der den Trick schon kennt, verarscht vorkommen muss. Beim Torjubel dann trottet Pirlo auf die Traube der Jubelnden zu und lässt sich hineinfallen wie ein Autist, der gelernt hat, dass man so ein Tor zu feiern hat. In seinem Gesicht aber regt sich nichts. Er schaut drein wie jemand, dem man erzählt, man habe im Fell seiner Katze eine Zecke gefunden.
Beeindruckend war auch eine andere Szene, in der Pirlo erneut genial zu Balotelli abspielt. Der versucht sich dann an einem saufrechen, aber eben auch sauguten Heber, der gerade noch weggeschlagen werden kann. Das sind Aktionen, die daran erinnern, was diese Mannschaft vor zwei Jahren bei der Euro gezeigt hat: Das Spiel der Kinder. Nicht Catenaccio, sondern Calcio!

Beeindruckend war aber auch diese junge englische Mannschaft. Vor allem Sterling und Sturridge, letzterer Schütze zum postwendenden Ausgleich nach Rooney-Flanke. Ersterer erinnert mit seiner Unbekümmertheit trotz jungen Alters an David Alaba. Rooney hingegen ist wieder einmal ein Schatten seiner selbst. (Bezeichnend war sein Eckball ins Toraus!) Und auch der alte Gerrard hat schon einmal bessere Zeiten gehabt, auch wenn er nach wie vor dem englischen Spiel vor allem in der Abwehr Stabilität gibt. Seine bezeichnende Szene: Beim Spielaufbau stolpert er über den Schiedsrichter; die Folge ist ein Ballverlust...

Es ist schön zu sehen, wie England blitzschnell über die Seiten kommt und dann mit hohen Bällen vors Tor den Abschluss sucht. Klassisches Kick and Rush sieht stumpfer aus; das ist eine moderne Variante davon, die enormen Druck auf die Außen des Gegners machen kann. Auch die Schüsse aus der zweiten Reihe (Henderson, Sterling) sind wie Erinnerungen an eine Zeit, in der Fußball noch weniger kompliziert war. Wenn England so weiter macht, wird es auch was mit dem Elfmeterschießen in der KO-Phase.


Italien agiert wieder erstaunlich abgeklärt. Es gibt kaum eine Spielsituation, in der die Italiener unsicher wirken. Einzige Ausnahme ist Gabriel Paletta, der fast zwei Elfer verschuldet hätte und einmal bei einer Rooney-Chance die Abseitsfalle aufgehoben hat. Er hat schütteres Haar und das werden auch bald die Italien-Fans haben, wenn sie ihm weiter bei solchen Aktionen zusehen müssen und zurecht ihre Haare raufen.


Im Großen und Ganzen war das ein richtig geiles Match von beiden Mannschaften. England hätte sich zwar den Ausgleich verdient, aber trotz Auftaktniederlage muss man sich um die Engländer keine Sorgen machen. Es waren unterschiedliche Ansätze zweier Mannschaften, die sich beim Aufeinandertreffen nicht gegenseitig aufheben oder zerstören. Es war eine weitere Einlösung eines großen Versprechens, das die Partie "England gegen Italien" immer war und immer sein wird.
Und es endete mit einem weiteren Streich des Magiers: Ein Pirlo-Freistoß fliegt über die Mauer, Tormann Hart bewegt sich in sein rechtes Eck. Aber just als er dorthin eilen will, scheint es sich der Ball anders zu überlegen und steuert auf das linke Eck zu. Er trifft dort nur die Latte. Pirlo blickt mit leeren Auge hinterher. Auf der Playstation hat das besser funktioniert...

Samstag, 14. Juni 2014

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer

Getty Images

Fußball am Schirm, Bier im Schädel und Hoffnung im Herzen: Es ist Weltmeisterschaft. Und wie!


Jetzt haben wir unseren ersten ganz großen Knüller! Niemand hat es erwartet, aber es ist doch so gekommen. Es ist der Anfang einer ganz großen Geschichte und zugleich der Beginn vom Ende einer anderen großen Geschichte: Mexiko besiegt Kamerun! Wer hätte das gedacht? ... Ach so, das war nicht die große Sensation? Da war noch was anderes? Immer schön der Reihe nach!

MEX - CAM 1:0


Die vom Pech verfolgten Mexikaner schienen zunächst vom Pech verfolgt zu bleiben. Immerhin mussten sie drei Tore schießen, um eines zugesprochen zu bekommen. Es ist eben eine WM, bei der die weltbesten Fußballer gegen mittel- bis unterklassige Schiedsrichter spielen. Aber da jammern nie was hilft, und die Mexikaner das wissen, haben sie einfach weitergespielt. Und sie wurden mit einem Sieg belohnt, der Traum vom Aufstieg lebt, und vor Spanien im Achtelfinale muss man sich jetzt auch noch nicht arg fürchten.

Kamerun ist eine seltsame Mannschaft. Eine Ansammlung von wirklich guten Fußballern, bei denen aber am und abseits des Platzes nie wirklich viel zusammenläuft. Da werden Badewannen voller Potenzial ins Meer gekippt. An der Seitenlinie steht ein deutscher Trainer, der als Afrikaner-Versteher gilt. Trotzdem sieht er im Sturzregen von Natal aus wie Adolf Hitler im April '45. Hilf-, glück- und freudloses Kamerun - wir können die 30 Jahre alten Bilder vom tanzenden Roger Milla nicht mehr sehen! Reiß' dich zusammen und zeig uns dein Herz! "Beherzt" nämlich nennt man Auftritte vermeintlicher Kleinmannschaften wie Mexiko. Mexiko war auch beherzt. Kamerun hingegen wirkte vom Regen genervt und lustlos.


ESP - NED 1:5


Fast wär mir beim Tippen des Fünfers nochmal eine Freudenträne auf die Tastatur getropft. Ich kann es heute immer noch nicht glauben, was ich da gestern gesehen habe! Das war wie Holland 2008 - ein lustvolles, aufregendes Spiel, eines, das Laune machte. Nicht nur bei Holland-Fans, sondern auch bei allen anderen (außer den spanischen versteht sich). Man ahnte erst Böses, als Schiedsrichter Rizzoli Spanien einen Strafstoß schenkte, dachte, es sei nun das dritte Spiel mit der dritten folgenschweren Fehlentscheidung bei dieser WM. Dann kam aber alles anders, denn dann kam Robin van Persie und dieser Robin flog, er flog wie ein Vogel, wie eine Schwalbe, einem Ball entgegen, und der flog dann über Iker Casillas hinweg ins Tor und es stand 1:1 und man wusste: So schnell ist das heute nicht vorbei!

Großartig agierten Snijder und Robben im Mittelfeld, und was der unglaubliche Daley Blind über die linke Seite bringt, das erinnert an die Zeiten von Gio van Bronckhorst, dem letzten großen auf dieser Position. Unschlagbar ist aber Holland nicht, auch das hat man gesehen. Das waren sie auch nie und das war und ist der Reiz dieser Mannschaft: Das Taumeln zwischen Genie und Wahnsinn, das Heiß-kalt-Spiel, das nichts für schwache Nerven ist. Hollands Überdrüber-Fußball ist nie ohne Angst vor der Katastrophe zu haben. Deswegen taugt Oranje als Objekt der Leidenschaft so viel mehr als Spanien, Deutschland oder auch Brasilien. Hollands Spiel ist unabgeschlossen, löchrig, es lebt vom Momentum, von der Befindlichkeit der Mannschaft und auch von dem, was der Gegner zulässt. Es ist aufregend in jeder Hinsicht!

Was aber war das für ein Spanien? Denn wenn wir uns ehrlich sind, hat Holland aus spanischer Sicht da kein großartiges Spiel aufgezogen. Es waren immer nur lange Bälle nach vorne oder Flanken von der Seite - nichts Unausrechenbares, nichts, gegen das man nichts unternehmen könnte. Die Furia Roja wankt, ist angezählt. Gefallen ist sie noch lange nicht... Aber vielleicht lässt sich das Spiel besser als ein denkwürdiger Moment verstehen. Der Moment, als sich Holland für das verlorene Finale revanchierte und mit einem 5:1 den langsamen Niedergang des unglaublichen spanischen Fußballwunders einläutete.

Denn was uns bei aller Euphorie auch klar sein muss: Wer Holland jetzt als Weltmeister handelt, hat 2008 nicht zugeschaut. Und am besten fasst die Situation sowieso Robin van Persie selbst zusammen, wenn er sagt: "Es ist einfach unglaublich, unerklärlich, unbeschreiblich. Das ist ein Traum für unser ganzes Land. Aber es sind auch nur drei Punkte, das ist die Realität."
Wichtig ist aber: Holland ist aufgewacht, traut sich wieder was zu, wird wieder von der Begeisterung getragen. Das braucht diese Mannschaft, das braucht diese WM!

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Gestern habe ich geschrieben: Wenn es so weitergeht, dann Prost Mahlzeit! Und es ist so weitergegangen, die WM hat auch am zweiten Tag gehalten, was das Eröffnungsspiel versprochen hat: Drama, Emotion und Überraschung. Holland und Chile stehen jeweils mit 3 Punkten da, über Spanien staunt die ganze Welt. Mexiko hat gegen Wasser und Willkür gekämpft und gewonnen. Und im Nachtspiel haben die Australier gegen Chile gezeigt, dass sie auch technisch und taktisch überlegenen Mannschaften unangenehm werden können. Vorsicht Holland, Vorsicht Spanien!

4 Spiele liegen hinter uns, noch kein Unentschieden, noch kein torloses. Und heute Nacht spielt Italien gegen England - Fußballherz, was willst du mehr?



Held des Tages:

Da nehme ich Robin van Persie, denn er hat zwei Tore gemacht, wovon das erste von der Marke "Traumtor" war. Arjen Robben in Ehren, aber ich halte ihn immer noch für einen grausigen Egoisten, und kann seinem Verhalten auf dem Platz einfach nichts abgewinnen. Fußballerisch ist das natürlich eine andere Geschichte...


Buhmann des Tages:

Wenn ich jetzt jedes Mal den Schiedsrichter (oder einen Schiedsrichter) nehme, wird's fad. Also entscheide ich mich für Samuel Eto'o stellvertretend für Team Kamerun. Eine Szene war symptomatisch: Eto'o fordert einen Eckball, bekommt ihn aber nicht. Nicht, dass Eto'o der einzige Fußballer der Welt wäre, der bei einem Schiedsrichter irgendwas einfordert; schließlich ist das Teil des fußballerischen Theaterapparates. Aber bei ihm wirkt es tatsächlich so, als erwarte er, dass ihm der Schiedsrichter gehorcht. Das ist echt zu viel verlangt, lieber Samuel!


Tragischer Held des Tages:

Giovani Dos Santos hat zwei Tore geschossen, aber nirgendwo wird er als Torschütze aufscheinen. Nie wird er seinen Enkeln erzählen können, dass er während der WM für ein paar Stunden mit dem großen Neymar gleichziehen konnte und gemeinsam mit ihm auf Platz eins der Torschützenliste gestanden hat. Denn seine beiden Tore wurden zu Unrecht aberkannt. Er kann sich nur damit trösten, dass Mexiko trotzdem gewonnen hat. Trotz seiner beiden Tore, die nicht in die WM-Annalen eingehen.

Freitag, 13. Juni 2014

Heimvorteil

Erst ein Spiel gespielt und die Wogen gehen schon wieder hoch. Und auch, wenn es für die Kroaten ärgerlich war, stimmten am Ende Ergebnis und Erwartung überein.



Es ist WM, es ist Eröffnungsspiel, das Stadion kocht, bebt und zittert. Nicht allein, weil es noch nicht fertig gestellt ist, sondern weil gefühlt halb Brasilien in der Arena Corinthians in Sao Paolo Platz gefunden hat. Die andere gefühlte Hälfte liefert sich wohl irgendwo Straßenschlachten mit der Polizei, aber davon ist am Rasen nichts zu spüren als die Selecao ihre Hymne gegen die Menge plärrt. Das Abfahren der Gesichter mit der Kamera während der Hymne ist ja eigentlich eine Desavouierung des Heldenhaften noch bevor die Spieler die Chance hatten, irgendwas Heldenhaftes zu vollbringen. Da gibt es angestrengte Sänger, die bei jeder Silbe kräftig Luft holen, um noch mehr Kraft in ihr Geplärre hineinzubringen. Da gibt es die bloßen Lippenbeweger, die konsequenten Schweiger, die zu cool zum Singen sind. Und es gibt die Tenöre, die brav und laut (wenn auch nicht besonders schön) singen. Und es gibt Neymar, den es die Tränen in die Augen drückt.

Was konnte man an diesen Gesichtern ablesen? Zunächst, dass es prinzipiell vier Typen Brasilianer gibt: Den Wuschelkopf, der meistens in der Verteidigung spielt (siehe David Luiz, Marcelo, Dante); Dann gibt es den Berserker (Maicon, Hulk, Dani Alves), der alles niederrent, was es zum Niederrennen gibt, einschließlich sich selber. Weiters im Aufgebot steht der Typus des unansehnlichen Talents (siehe Thiago Silvas Wurstlippe oder die seltsam arabeske Physiognomie Luiz Gustavos). Der Rest der Mannschaft ist das, was man in Österreich "Zniachtal" nennt. Das sind harmlos wirkende Schwächlinge, die man erst belächelt. Wie in einem Computerspiel sind es aber freilich die, die am gefährlichsten sind: Neymar, die brasilianische Manga-Figur, ist so einer, aber auch Oscar, Bernard und der Buchhalter-Typus Fred. Traut man denen den WM-Titel zu? - Muss man, denn brasilianische Nationalmannschaften haben schon seit jeher immer gleich ausgesehen. Das konnte man an den Bildern von Cafu und Kaka auf der Tribüne erkennen.



Die Selecao begann zaghaft, zu gut standen die Kroaten zu Beginn in der eigenen Hälfte. Es war, als hofften die Brasilianer darauf, dass der Schiedsrichter nur anzupfeifen brauchte und auf einmal würden sich ihre Beine von selbst bewegen und der Ball ganz von allein und zauberhaft ins gegnerische Tor rollen. Doch die Euphorie der Fans vor dem Auftaktmatch wollte auch von Aktionen auf dem Feld begleitet werden. Das zu erkennen kostete den Brasilianern etwas Zeit. Jetzt war es vorbei mit Samba und Halligalli, jetzt musste guter Fußball gespielt werden!

Die Kroaten nutzten den Druck, unter den Brasilien zu stehen schien, gut aus, zogen sich zurück und warteten ab, um dann im rechten Moment gefährliche Konter zu fahren. Brasilien blieb zwar über weiter Strecken die spielbestimmende Mannschaft, schien aber zunächst mehr Schwierigkeiten mit sich selbst zu haben als mit dem Gegner.

Dann kam es zur großen Katastrophe: Im Auftaktspiel der Heim-WM passierte Marcelo das ultimative Missgeschick, und die Kroaten gingen durch sein Eigentor 1:0 in Führung. Wie man so oft sagt, tut ein solches Führungstor für den Underdog dem Spiel gut. Gestern hatte es zumindest den Effekt, dass Brasilien endgültig erkannte, dass nichts von alleine geht. Und dann war es ausgerechnet Neymar, der 18 Minuten später zum Ausgleich einschoss, und nicht nur sein Land und seine Mannschaft, sondern vor allem seinen Teamkollegen Marcelo von allen Ängsten erlöste.

Denn dieses 1:1 war in Wahrheit ein Führungstreffer; zumindest fühlte es sich so an. Seltsamerweise nahmen nämlich die Kroaten von ihrer gar nicht unverdienten Führung überhaupt kein Momentum mit, und verhielten sich nach dem Ausgleich auch so, als wären sie in Rückstand geraten. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein täte da schon gut. Leicht gesagt, denn wie erwähnt muss die Atmosphäre miteingerechnet werden: Eröffnungsspiele können für den Gegner des Gastgebers grausam sein, wenn er auch noch Außenseiter ist. Diese Erfahrung mussten die Kroaten später im Match noch einmal machen...

Dabei holte Kroatien aus dem geschwächten Kader einiges heraus. Rakitic und Modric, von dem ich immer dachte, er würde vielleicht mit kurzen Haaren besser aussehen (NOT!), agierten großartig im Mittelfeld und der unglaubliche Olic rannte ständig im Volltempo die Seitenlinien rauf und runter. Allein, es half nichts, denn spielgestalterisch war man den Brasilianern erwartungsgemäß unterlegen. Man konnte sich zwar die eine oder andere Chance herausspielen, aber was man sich von Chancen, die nicht verwertet werden, kaufen kann, weiß jeder Österreicher am besten.

Es kam, wie es kommen musste, aber eigentlich nicht kommen dürfte: Brasilien bekam einen Elfmeter zugesprochen bzw. geschenkt. Der japanische Schiedsrichter hatte die Hosen voll und sah eine Handberührung Lovrens and Buchhalter Freds Schulter als Foul an. Sein Hirn wägte wohl in den Millisekunden zwischen Freds Fall und dem Pfiff ab, ob elf erzürnte Kroaten oder tausende erzürnte Brasilianer leichter zu ertragen wären. Nishimura entschied sich für Brasilien und Neymar trat an. Der Elferkiller Pletikosa - wie hätte man es den Kroaten gewünscht, dass er den Elfmeter, der keiner hätte sein dürfen, gehalten hätte. Doch hätte, hätte, hätte - dran war er, aber es stand 2:1. Brasilien war erlöst, und wenn Neymar so weiter macht, wird die Christus-Erlöser-Statue abmontiert an ihrer Statt seine Manga-Figur hingestellt.

Das 3:1 war dann nur noch Kosmetik, obwohl die Kroaten, wütend wie sie waren, noch energische Vorstöße auf das brasilianische Tor unternahmen. Brasiliens Abwehr sah da nicht immer so glücklich aus, aber Oscars Tor in der 93. Minute fixierte den Endstand, den wohl auch viele so getippt haben.

Am Ende war Brasilien zu stark für Kroatien, das es nur ansatzweise verstand, die Unsicherheiten im brasilianischen Spiel auszunutzen. Diese werden weniger werden, das sind schlechte Nachrichten für die folgenden Gegner der Selecao. Kroatien aber darf ruhig ein bisschen mehr so sein, wie man sich die Kroaten eigentlich vorstellt: Stolz, ein wenig zu stolz und ein bisschen größenwahnsinnig vielleicht. Galten früher die Jugoslawen als die Brasilianer Europas, so braucht es für das kroatische Team genau dieses Selbstbild, um die eigenen Stärken auch im Endergebnis sichtbar zu machen. Da kommt es jedoch ungelegen, dass man jetzt dem Schiedsrichter die Schuld an der Niederlage geben kann.

Es war ein schönes, aufregendes erstes Spiel. Eigentlich ungewohnt, da Eröffnungsspiel und Finale in dem nicht unbegründeten Ruf stehen, potenziell langweilig zu sein. War das ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt? Wenn ja, dann Prost Mahlzeit!


Held des Tages:

Der Spray! Jeder Freistoß ein Ereignis!


Buhmann des Tages:

Ja, leider der Schiedsrichter, aber ohne solche Fehlentscheidungen ist eine WM nicht mehr zu haben.Und man kann eine WM nicht nur mit europäischen Spitzenschiris bestreiten, die ich von der Kulisse und den Weltstars nicht beeindrucken lassen.
Höre ich irgendwen Videobeweis sagen? Tja, wir haben jetzt Torlinientechnologie und einen Freistoßspray. Das ist an FIFA-Maßstäben gemessen revolutionär.

Donnerstag, 12. Juni 2014

Der Katzentisch

Sieht exotisch aus, aber was ist drin, in den Gruppen E und F? Eine Einladung an den Katzentisch...


Die Gruppen E und F kommen mir ein bisschen lahmarschig vor. Da sind zwar Teams wie Frankreich und Argentinien zu finden, aber eben leider auch solche wie Honduras und Ecuador. Abseits der durchaus interressanten Gruppen A, C und D sowie der Hammergruppen B und auch G, fristen diese ein Dasein auf dem Katzentisch. Ich hoffe, ich täusche mich mit dieser Einschätzung, aber bei Teams wie Iran, Bosnien, Ecuador und Honduras vergeht mir ein bisschen der Fußball-Appetit. Vielleicht verhält es sich aber mit diesen Teams so wie mit dem jeweiligen landestypischen Essen: Zuerst graust es einen, wenn man es sieht, dann probiert man und findet es eh nicht schlecht. Daheim erzählt man dann allen, wie toll das Essen war, aber wenn man dann zum Iraner um die Ecke geht, bleibt es meistens auch bei nur einem Besuch.

Meiner Seel, die Gruppe E! Schweiz vor Ecuador, Frankreich und Honduras- wer hätte sich das vor 10 Jahren vorstellen können? Die braven Eidgenossen haben in Sachen Fußballentwicklung fast alles richtig gemacht, in den letzten großen Turnieren eine ordentliche Figur abgegeben und sind obendrein neben Brasilien das einzige Team, das Spanien in den letzten Jahren schlagen konnte. Leider hat es ihnen vor vier Jahren nichts gebracht, denn sie sind trotz Sieg gegen Spanien in der Vorrunde ausgeschieden.

Frankreich hatte 2010 einen Totalausfall zu verzeichnen und schied ebenfalls in der Vorrunde aus. Der dumme Trainer Domenech, der seine Mannschaft nach Sternzeichen aufstellte, und interne Querelen ließen die Franzosen in Südafrika sang- und klanglos untergehen. Bei der Euro vor zwei Jahren gab es eine Rehabilitierung. Les Bleus sind auf dem Weg zurück, aber wohin wird dieser führen? Man müsste wohl Gruppensieger werden, um Argentinien im Achtelfinale zu vermeiden. Ein absolut realistisches Ziel!

Ecuador qualifizierte sich für die WM-Endrunde punktegleich mit Uruguay, das heißt aber wenig. Ecuador ist vielleicht das neue Paraguay - irgendwie dabei, weil in jeder Gruppe vier Mannschaften sein sollen, aber letzten Endes doch als Quoten-Exot, als Fußball-Zwerg.
Doch halt, die Gruppe E hat zwei solcher Exoten zu bieten. Honduras möchte auch mitspielen, so wie beim letzten Mal. Da holten sie gegen die Schweiz sogar einen Punkt! Ob sich das die Eidgenossen ein zweites Mal bieten lassen?

Wer an einem Aufstieg von Frankreich und Schweiz zweifelt, der ist mutig.

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In der Gruppe F steht der zweite große Favorit auf den Titel. Argentinien soll ja so gut sein wie seit Jahren nicht mehr. Sagt wer? Hmm... Maradona vielleicht. Pelé sicher nicht. Die Wettbüros wahrscheinlich, denn die muss man schließlich fragen, wenn man Bescheid wissen will.
Aber mal ehrlich: Der Kader stimmt, der Trainer stimmt diesmal auch. Jetzt muss nur noch Messi das Einhalten, was er nie versprochen hat, aber alle von ihm erwarten: Argentinien zum Titel schießen! Klingt einfach, wird aber sauschwer. Das Achtelfinale ist noch zu meistern, da geht es gegen Frankreich oder die Schweiz. Danach aber könnte schon Deutschland lauern, und das hat in den letzten WMs nicht immer so gut geklappt.

Bosnien und Herzegowina treten als ein Team an, das ist schonmal das erste große Ding. Da wird wieder ge-itscht was das Zeug hält. Ibisevic, Spahic, Pjanic, Hajrovic,... Immerhin: Dzeko. Was ist den Bosniaken zuzutrauen? Dass ihre Fans sich lautstark in österreichischen Städten bemerkbar machen werden. Ansonsten gilt wie für Ecuador und Honduras die Unschuldsvermutung.

Und zwar, weil Nigeria so stark sein wird. So stark wie noch nie. Sie werden zwar gegen Deutschland im Achtelfinale ausscheiden müssen, aber dann werden alle sagen, wie schade das doch war, weil Nigeria, Mann, die haben toll gespielt...
Was in der echten Welt geschieht, wer weiß das schon? Aber Team Nigeria traue ich wieder mal eine richtig gute Vorstellung zu. Dem Iran nicht! Aber Vorsicht! Schurkenstaaten sind nie zu unterschätzen, siehe Nordkorea vor vier Jahren. Ähem...

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Worauf wir uns freuen können:

Die Gruppen E und F sehen nicht arg spannend aus. Aber wir dürfen gespannt sein, in welcher Verfassung die Franzosen sind und wie die Argentinier ins Turnier starten. Argentinien-Nigeria könnte interessant werden. Oder nein, eigentlich nicht...


Was wir lieber nicht sehen wollen:

Muss man sich alle Spiele ansehen? Oder kann man Bosnien gegen Iran oder Honduras gegen Ecuador auch mal auslassen? Ich denke, dass diese Spiele nicht zu unrecht bei uns erst um 24 Uhr zu sehen sind....

Mittwoch, 11. Juni 2014

Exotisches

Manchmal ist Fußball wie guter Wein. Oft aber ist er auch wie schlechtes Bier. Irgendwo dazwischen - zwischen Italien und Japan - liegt der exotische Esprit der Gruppen C und D.


Hatte die Gruppe A schon einiges an Exotik zu bieten, schillert die Gruppe C in allen Farben: Die Teams aus Kolumbien, Griechenland, der Elfenbeinküste und Japan haben keine augenscheinlichen Gemeinsamkeiten. Auch fußballerisch sind sie mehr oder weniger nichts sagend. Umso mehr verwundert es da, dass Kolumbien den Gruppenkopf gibt, also nach Logik der Auslosung auf dem Papier die stärkste Mannschaft stellt. Tatsächlich wage ich aber zu behaupten, dass zwischen diesen vier Mannschaften kaum ein Klassenunterschied besteht. Hier wird sich jeder gegen jeden schwer tun, und am Ende werden die Griechen aufsteigen, weil sie in Summe ein Tor mehr geschossen als sie bekommen haben.

Das Team von Kolumbien wird diesmal relativ stark eingeschätzt. Ich kann mir vorstellen, dass Kolumbien es ins Achtelfinale schafft - die Gruppenauslosung allein macht dies wahrscheinlich. Aber ehrlich gesagt verbinde ich Kolumbien immer noch mit Carlos Valderrama und Andres Escobar. Der eine war der schillernde Star der Mannschaft von 1994, die aber über die Gruppenphase nicht hinauskam. Der andere war der unglückliche Eigentorschütze im Spiel gegen die USA, der dieses Missgeschick erschreckenderweise mit dem Leben bezahlen musste. Er wurde nach der WM in seiner Heimatstadt in einer Bar erschossen.
Auch wenn viele davon sprechen, dass Kolumbien wieder "Geheimfavorit" sei, muss das Team froh sein, wenn es die Gruppenphase übersteht. Geheimfavorit waren sie schon '94 - nach Aussage von Pelé. Und ansonsten war jedes Mal im Achtelfinale Schluss.

Japan und Griechenland sind beides Teams, die ärgerlichen Fußball spielen, und genau deswegen könnten sie sich in der Gruppe C durchsetzen. Kolumbien könnte wiederum der "falsche Heimvorteil" zugute kommen. Die Elfenbeinküste wird sich wieder selbst zerstören. Schade für den großartigen Didier Drogba, der nach der WM die Schuhe an den Nagel hängen will.
Ehrliches Bemühen zahlt sich in dieser Gruppe aber aus, denn im Achtelfinale warten schlagbare mögliche Gegner, denen es jedes Team in dieser Exotenansammlung schwer machen kann.

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Damit zu Gruppe D, in der uns schon am ersten Spieltag ein Klassiker erwartet. England gegen Italien - das spielte man in den 90ern in Kinderzimmern gegeneinander, denn im echten Leben gab's das Duell das letzte Mal bei der Euro 2012, da gewann Italien bzw. verlor England im Elfmeterschießen. Gut für die Engländer, dass es in der Vorrunde kein Elfmeterschießen gibt...

Italien hat sich bei der letzten Euro zu einer neuen Liebschaft von mir entwickelt. Auch wegen Andrea Pirlo. Ob sich das allerdings bei dieser WM fortsetzen wird, darf bezweifelt werden. Wir wollen jedenfalls wieder Calcio statt Catenaccio! Guten Rotwein statt Lambrusco in Kübeln! Obwohl Lambrusco in Kübeln ja auch Spaß machen kann, während ein schwerer Rotwein oft einschläfernd wirkt...

Beweisen müssen sich die Italiener weniger gegen England als gegen Uruguay. Die waren die große Überraschung vor vier Jahren, verloren letztlich im Spiel um Platz drei gegen Deutschland. Einzig der garstige Suarez bleibt unangenehm in Erinnerung.
Costa Rica, da lehne ich mich jetzt ganz weit aus dem Fenster, wird in dieser Gruppe keine Chance haben.

So ist diese Gruppe mit drei großen Namen besetzt, von denen aber momentan keiner auf Augenhöhe mit Brasilien, Argentinien oder Deutschland agiert. Einzig die Italiener haben als Deutschland-Schreck das Potenzial, den KO-Baum ein wenig zu rütteln. Allein, er wird dann schon sehr klein geworden sein, denn die beiden treffen frühestens und spätestens im Finale aufeinander...



Worauf wir uns freuen können:

Die Gruppe C bleibt wahrscheinlich sensationslos. Einzig überraschend souveräne Kolumbianer könnten uns ein bisschen Freude machen.
Freuen dürfen wir uns auf die Italiener, wenn sie wieder Calcio spielen. Auf Andrea Pirlo, den coolen Hund. Und vielleicht auf die Engländer, wenn sie plötzlich etwas finden, was sie die letzten Jahre gesucht haben: Ihre Identität als Mutterland des Fußballs.


Was wir lieber nicht sehen wollen:

Wenn sich die Griechenlandspiele wieder so ausnehmen wie in den letzten Jahren, bin ich geneigt, abzuschalten. Vor allem gegen solche Gegner.
Suarez wollen wir lieber auch nicht sehen. Oder er rehabilitiert sich mit irgendwas Sympathischen. Schwer zu glauben!

Dienstag, 10. Juni 2014

Die drei ???

Unter welchen unwahrscheinlichen Umständen ein Auftrittsverbot von André Rieu und DJ Ötzi erwirkt werden könnte. Und warum man ganz ohne Fragezeichen in der Gruppe B nicht auskommen wird.


Jede WM hat ihre "Todesgruppe", und auch wenn eine solche Bezeichnung immer ein wenig zu dramatisch anmutet: Die Gruppe B ist heuer diese Todesgruppe.
Ich habe gestern vermerkt, dass die Gruppe A nicht ohne die Gruppe B gedacht werden kann, da dort alle außer Brasilien zu schwach sind, um im Achtelfinale gegen Spanien bestehen zu können. In der Gruppe B verhält es sich spiegelverkehrt, denn obwohl mit Spanien und den Niederlanden die programmierten Fixaufsteiger bekannt zu sein scheinen, ist alles in Wahrheit etwas komplizierter.

Ja, Spanien und Niederlande waren die Finalisten der letzten WM. Aber wie bei allen Mannschaften hat sich seitdem sehr viel (oder gefährlich wenig) getan. Ja, Chile war das große Überraschungsteam der letzten WM: Nach einer vor allem taktisch fulminanten Vorrunde, scheiterten sie jedoch klar im Achtelfinale gegen Brasilien. Chile, das war aufregender Fußball, da stürmten teilweise gefühlte 16 Spieler auf das gegnerische Tor. Dennoch fehlten die Treffer. Das Torverhältnis nach der Vorrunde war 3:2, und gegen Brasilien setzte es ein 0:3.
Doch hinter Chile steht ein Fragezeichen, denn es fehlt der geniale Coach Bielsa und die Fitness von Juventus-Star Arturo Vidal ist schwer einzuschätzen. Der hat sich noch Anfang Mai einer Knieoperation unterziehen müssen. Trotzdem gilt: Um die Leistung Chiles dreht sich die ganze Gruppe B bzw. zumindest die Frage, wer Gruppenzweiter wird - und dann gegen Brasilien antreten darf.

Die Niederländer sind das nächste Fragezeichen. Mein Lieblingsteam zeigte vor vier Jahren eine weniger eindrucksvolle Leistung als bei der Euro 2008, kam aber mit Disziplin und dem starken Spiel in der richtigen Runde ins Finale. Dort verstolperte Arjen Robben in der 64. Minute den Weltmeisterpokal, was ich damals in Maastricht vor einer Freiluft-Bühne erleben musste, auf der noch einen Tag zuvor André Rieu mit DJ Ötzi zusammen aufgetreten war. Kein gutes Vorzeichen! Falls Holland heuer wieder ins Finale kommen sollte, bitte ich die Gemeinde Maastricht dieses Event abzusagen. Aber dahin ist der Weg weit...
Louis van Gaal hat übernommen. Das ist eigentlich kein schlechter Mann, aber ob er der Richtige für den Job ist, ist fraglich. Schließlich weiß er schon jetzt, dass seine Verpflichtung nach der WM beendet sein wird. Ihm folgt dann nämlich der große Guus Hiddink.
Ansonsten ist Team Niederlande ungefähr so wie immer, nur dass die üblichen Stars rund um Wesley Sneijder und Arjen Robben eben älter geworden sind. Jung und unerfahren ist hingegen die Defensiv-Abteilung, aber über die hat sich in Holland seit dem grimmigen Jaap Stam niemand so richtig Gedanken gemacht.
Der große Favorit sind sie diesmal nicht. Und es wird vor allem von der ersten Partie abhängen, wie sich die Niederlande in diese WM einspielen. Da geht es ausgerechnet gegen den Finalgegner von vor vier Jahren, und der ist amtierender Welt- und Europameister und heißt Spanien.

Die Furia Roja ist auch in die Jahre gekommen. Und auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, weil uns 6 Jahre Tiki-Taka genug sind - sie sind wieder einmal Mitfavorit! Eine schwere Gruppe in der Vorrunde hat bei den Spaniern höchstens den Effekt, dass sie im Achtelfinale noch selbstbewusster und gefährlicher auftreten, als sie es ohnehin schon tun würden. Für sie ist klar: Der Gruppensieg muss her, sonst kommt es zu einem verfrühten Treffen mit Brasilien, und das will man sich bitteschön für später aufheben. Mexiko, Kroatien oder Kamerun als Achtelfinalgegner klingt doch schon wesentlich attraktiver.
Trotzdem male ich auch hier ein zartes Fragezeichen mit Bleistift hinter die rot-gelben Iberer. Denn was ein inspiriertes Holland oder ein entfesseltes Chile vollbringen können, dem kann kein Kurzpass-Spiel etwas entgegensetzen. In Wahrheit hat schon die Eröffnungspartie gegen Holland Gruppenendspiel-Charakter. Sollte dieses Spiel nicht unentschieden ausgehen, darf man ruhig schon eine Tendenz erkennen.

Wer war noch? Achja, die sympathischen Socceroos aus Australien. Sie sind der Gruppendritte der Herzen, die Pechvögel von 2010, aber ganz klar der Außenseiter mit Aufstiegschancen, die sich nur bei einem Totalausfall der Holländer oder Chilenen zart von der Null in Richtung Eins bewegen. Und sollte der Fußballgott ein paar betrunkene Tage haben und sich einen Jux aus der Gruppe B machen wollen, selbst dann werden sie im Achtelfinale erbarmungslos den Brasilianern zum Fraß vorgeworfen. Macht aber alles nix, denn die Australier sind als bemühte Außenseiter immer schon sympathisch gewesen. Und je übermächtiger der Gegner, desto weniger kann man verlieren. Da kommt dann der Spaß nicht zu kurz, und so dürfte diese WM-Endrunde für die Underdogs aus Down Under zumindest ein denkwürdiges Erlebnis werden.

Wo ist jetzt das Spiegelverkehrte der Gruppe A? Also: In der Gruppe A haben wir einen klaren Favoriten und drei Fragezeichen. In der Gruppe B haben wir (nach menschlichem Ermessen) einen klaren Gruppenletzten und dann drei Teams, denen so ziemlich alles zuzutrauen ist. Denn auch wenn Spanien die besten Karten hat, ist es ja nicht gesagt, dass die WM 2014 nicht der Anfang vom spanischen Untergang sein könnte. Und vielleicht ist den Holländern gerade dann alles zuzutrauen, wenn ihnen eigentlich nichts zuzutrauen ist. Und Chile? Schließlich spielt man in Südamerika, und vielleicht ist Chile der unangenehmste Gegner aus der zweiten Reihe für Top-Teams wie Spanien und Holland. Wir werden sehen, wer die Todesgruppe überlebt. Ein Sieg wäre lohnend, denn als Zweiter wartet ja schon im Achtelfinale der Gastgeber.


Worauf wir uns freuen können:

Auf so ziemlich alles in dieser Gruppe: Das Auftaktspiel Spanien gegen Holland ist vielleicht ein zu programmierter Knaller, um wirklich gut zu werden; aber selbst schallgedämpft wird das eine absolut sehenswerte Begegnung. Chile wird den beiden sehr unangenehm werden, und gegen Australien gilt es, sich keine Blöße zu geben. Die Chilenen müssen im Grunde nur aufpassen, nicht gegen Australien zu verlieren, dann ist alles möglich. Mit drei Punkten aus dem ersten Spiel könnten sie bereits die Gruppenführung übernehmen und dann heißt es auch für Spanien und Holland Gas geben!


Was wir lieber nicht sehen wollen:

Ein Holland, das an die Vorstellung der letzten Euro anknüpft. Die Nation und der Sport als Ganzes haben sich ein besseres Fußball-Holland verdient als jenes Team, das seinen Anfang im grauslichen WM-Finale vor 4 Jahren genommen hat. Wir wollen auch eigentlich Nigel de Jong nicht mehr sehen (er ist aber dabei).
Wir wollen kein Tiki-Taka-Drübergefahre sehen. Das würde heißen, dass alle anderen Teams ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Zumindest hat der spanische Teamchef Vincente del Bosque mal irgendwas davon gesagt, dass man auch den Abschluss suchen müsse. Welch weise Worte!

Montag, 9. Juni 2014

Der Favorit und die Schwierigen

Wäre die WM ein bisschen mehr wie Nintendo World Cup, hätten wir sicher auch mehr von der Gruppe A.


Das Schöne an einer Fußball-WM ist schon das vergnügte Glucksen, wenn man sich die Gruppenpaarungen der Vorrunde ansieht. Die Gruppe A gibt da einen guten Vorgeschmack. Weltmeisterschaft, das verspricht immer auch Exotisches, seltsame Begegnungen und Vielfalt, sowohl auf als auch abseits des Feldes. Brasilien, Kroatien, Mexiko und Kamerun sind die Kombattanten in dieser Gruppe, und sie repräsentieren schon vier der sechs FIFA-Kontinentalverbände. Im Normalfall treffen sich Nationalmannschaften aus zwei verschiedenen Kontinentalverbänden eher selten, da die jeweiligen Meisterschaften und Qualifikationen ja innerhalb dieser Verbände ausgespielt werden. Umso schöner, wenn man bereits in der Vorrunde eine größere Vielfalt vorfinden kann:

Brasilien, als Heimmannschaft Gruppenkopf und logischer Favorit auf den Gruppensieg, geht einmal mehr das Projekt Hexa an: will also den sechsten Weltmeistertitel für die Selecao holen. Vor vier Jahren vermasselte ihnen Holland an einem denkwürdigen WM-Tag die Tour. Dieses Duell wartet diesmal eventuell schon im Achtelfinale auf uns. Obwohl ich da meine Zweifel habe (die sich aber nicht auf Brasilien beziehen).
Das Heimteam zu sein, ist bekanntlich Fluch und Segen zugleich. Einerseits kennt man die Bedingungen und hat das ganze Land hinter sich, andererseits sind die Erwartungen riesig. Riesig, weil Brasilien immer zum engen Favoritenkreis gehört. Riesig, weil man sich nicht vorstellen kann, dass jemand anderer als die Fußballnation schlechthin die WM im eigenen Land holt. Riesig auch, weil die Mannschaft stimmt und die Vorbereitung gepasst hat.
Diese WM wird die WM Brasiliens, weil sie entweder heldenhaft die Erwartungen erfüllen, oder aber ganz bitter ausscheiden - und wenn es erst im Finale ist. Brasilien ist unser Protagonist, und wir werden den Weg der Selecao gespannt verfolgen, egal ob wir Fan sind oder nicht.

Das letzte Mal war Deutschland Gastgeber und Favorit zugleich. Wir erinnern uns an das "Sommermärchen" von 2006, an das erste halbwegs sympathische deutsche Team seit Jahrzehnten, an Klinsmanns Hemd, an Kahns Patzer. Davor war 1990 Italien im eigenen Land Mitfavorit (nicht, weil sie damals so gut waren, sondern weil sie es immer sind). Daran erinnere ich mich aber eigentlich gar nicht. Frankreich gewann 1998 die WM zu Hause, was großartig war, aber vorher nur wenige zu tippen gewagt hätten. Der Semifinaleinzug von Südkorea vier Jahre später war eine echte Sensation. Von Südafrika als Gastgeberland bleibt hingegen nur die Erinnerung eines sympathischen Auftritts. Mehr hatte man sich ja auch nicht erwartet.

Brasilien spielt in einer Gruppe, die vielleicht interessanter aussieht als sie eigentlich ist. Kroatien hat bei der Euro vor zwei Jahren großartigen Fußball gespielt, hatte aber leider in einer schweren Gruppe mit den späteren Finalisten Spanien und Italien keine Chance auf den Aufstieg. Vor vier Jahren waren sie nicht dabei, und so steht Kroatien das erste Mal seit 2006 auf einer WM-Bühne. Damals standen sie übrigens auch mit Brasilien in einer Gruppe. Diesmal ist mit ihnen zu rechnen, allerdings droht ihnen im Falle eines Aufstiegs eine Achtelfinalbegegnung mit Spanien...

Auch Mexiko hat Aufstiegschancen, allerdings ist von der Qualität, welche die Mannschaft noch vor vier Jahren hatte, nicht mehr so viel übrig. Damals scheiterte man nach einer guten Vorrunde im Achtelfinale gegen Argentinien. Ich habe ihnen gewünscht, beim nächsten Mal mehr Glück mit der Zulosung in der KO-Phase zu haben. Wie es jetzt aussieht, wurden meine Wünsche nicht erhört. Aber schon ein zweiter Gruppenplatz wäre ein durchaus achtbarer Erfolg - mit dem aber nur wenig gewonnen ist, weil gegen Spanien eben nichts drin sein wird.

Kamerun, das sind die, gegen die man bei Nintendo World Cup immer als erstes spielen musste. Außer, man war richtig gut und wählte selber Kamerun, was jedoch nur die wenigsten taten. Kamerun war die große afrikanische Enttäuschung bei der letzten WM. Im Vorfeld gab es Querelen mit Eto'o, der zunächst gar nicht mitspielen wollte, es letztlich doch tat, was aber nichts brachte. Schließlich schied man mit 0 Punkten in der Gruppenphase aus. Was blieb, war die Erkenntnis, dass es nur geht, wenn man als Mannschaft aufzutreten versteht. Ich sehe Kamerun auch dieses Mal nicht im Achtelfinale, aber wie bei jeder WM werden sich ein paar Alternative ein Kamerun-Dress kaufen und Eto'o wird für irgendeinen Wirbel gut sein. Vielleicht geht sich ein dritter Platz aus.


Wie gesagt, die Gruppe sieht interessanter aus als sie ist. Das liegt eben an der Klasse des Gruppenfavoriten und an den geringen Aussichten, die der Zweitplatzierte für das Achtelfinale hat. Insofern muss man die Gruppe A quasi mit der Gruppe B mitdenken, denn erst wenn dort Unvorhersehbares passiert (Spanien also nicht aufsteigt), wird es hier spannend.


Worauf wir uns freuen können:
Sicherlich wird es interessant sein zu sehen, wie sich der Favorit einspielt. Da ist Brasilien schwer auszurechnen. Werden es disziplinierte, abgeklärte Auftritte, oder will man mit dem bald in Vergessenheit geratenen Zauberfußball das heimische Publikum begeistern? Was Brasilien draufhat, haben sie im Confed-Cup bewiesen, als Weltmeister Spanien mit 3:0 besiegt wurde. Diese Mannschaft enttäuscht fußballerisch nur selten!
Ich würde mich auch über ein überraschendes Mexiko freuen, auch wenn die Chancen dafür gering sind.

Was wir lieber nicht sehen wollen:
Ein zerfahrenes Kamerun, ein zu steifes Kroatien, ein vermaledeites Mexiko. Brasiliens Gruppengegner haben genau gar nichts zu verlieren, also könnte man (mein Vorschlag) einfach mal so drauflos spielen. Fußball funktioniert aber heutzutage nicht mehr so, weil er (no na) auf Kosten-Nutzen-Rechnung setzen muss, um erfolgreich zu sein. Ein bisschen mehr Nintendo World Cup täte da gut. Aber das spielt ja heutzutage auch keiner mehr...