Dienstag, 3. Juli 2012
Furia Oha!
Das war es dann wohl mit der Europameisterschaft. Die große Überraschung ist ausgeblieben und es sieht so aus, als wären wir nach der EM genauso schlau wie vor der EM. Ist aber nicht wahr, denn nur weil Spanien erneut Europameister geworden ist, heißt das noch lange nicht, dass seit vier Jahren fußballerisch auf der Stelle getreten wird… Zunächst aber noch ein Rückblick auf das Finale furioso, in dem die Spanier die Rangordnung wiederhergestellt bzw. bestätigt haben.
4:0 klingt nach einem hohen Ergebnis und das ist es auch. Es zeugt aber weniger von der vierfachen Überlegenheit der Spanier über die Italiener als davon, dass Italien irgendwann erkannt hat, dass es in einem Finale wenig Sinn macht, bei Rückstand noch vorsichtiger zu agieren als zuvor (hallo Kroatien, hallo Griechenland!). Es war auch nicht so, dass bei den Italienern am Sonntag nichts zusammengelaufen wäre – die wenigen guten Chancen (die man gegen Deutschland noch genutzt hatte) wurden aber vom großartigen Iker Casillas entschieden vereitelt. Mit „entschieden“ meine ich einerseits, dass es immer nur ein Finger war, der den Ball so abgelenkt hat, dass Balotelli und Co. nicht zum sauberen Abschluss kamen; andererseits heißt „entschieden“ auch, dass Casillas endlich wieder zeigen durfte, dass er wirklich einer der besten Torhüter der Welt ist. In den Partien davor musste er das nämlich gar nicht so oft beweisen. Das liegt unter anderem an der hervorragenden spanischen Verteidigung – allen voran das Duo Piqué und Sergio Ramos, der die für ihn eher ungewohnte Position in der Innenverteidigung das ganze Turnier hindurch mit Bravour meisterte.
Was ich in den restlichen spanischen Spielen noch mit Recht beklagte, nämlich, dass das Kurzpassspiel ermüdend und lästig geworden ist, zeigte sich in diesem Finale, das freilich das allerbeste Spiel der spanischen Mannschaft bei dieser Euro war, ganz anders: Da liefen die Pässe plötzlich nicht nur viel schneller und noch genauer als in den übrigen Spielen, da war auch viel mehr Bewegung drin. Es war, als hätten die Spanier sich ihr wahres Können für das Finale aufgehoben. Das macht irgendwie Angst. Alle vier Tore – besonders aber die ersten beiden – waren Traumkombinationen, messerscharfe Abläufe, bei denen Lauf- und Passwege zentimetergenau stimmten; es sah aus wie in einem Computerspiel. Schließlich war es auch dieses elaborierte Kurzpassspiel, das den Spaniern die Hoheit im Mittelfeld sicherte und die Italiener gerade in ihrer sonst stärksten Zone in Bedrängnis brachte. Wie man zudem Andrea Pirlo aus dem Spiel nimmt und welche Auswirkungen das auf das italienische Angriffsspiel hat, das zeigte Xavi mit großer Klasse.
So bleibt nach einer eher mäßigen spanischen EM die Erkenntnis, dass Spanien da ist, wenn es da zu sein hat, und dass ein, zwei gute Spiele reichen, um eine Europameisterschaft zu gewinnen – vorausgesetzt, das Niveau ist auch sonst hoch genug. Nur verlieren darf man halt nicht (hallo Deutschland!), dann klappt’s auch mit dem Titel! Spanien in der finalen Form und Deutschland in der Form vom Viertelfinale – das wäre ein tolles Endspiel geworden. Die Finalteilnahme Italiens aber lehrte uns auch zweierlei: Nämlich dass, erstens, Fußballgesetze dazu da sind, gebrochen zu werden (noch nie hatte Spanien gegen Italien gewinnen können, hallo Deutschland!), und zweitens, dass mit Italien wieder gerechnet werden darf; und zwar diesmal nicht nur, weil man mit ihnen immer rechnen muss (wie ich im Vorfeld dieser EM gemeint habe), sondern weil sich dieses Team Applaus verdient hat für den mutigen und attraktiven Fußball, den es gespielt hat und die Nervenstärke des Trainers Prandelli, der diesen Volltrottel-Haufen so gut dirigiert hat, wie es nur ein richtiger Italiener kann. Unvergessen die Bilder Prandellis, wie er an der Seitenout-Linie entlang hüpft, wild gestikulierend, wie jemand, der ein Fliegenorchester dirigieren will.
Unvergessen auch, wie Spanien einen auf Holland gemacht hat und nach dem Schlusspfiff die kleinen Kinder über das Spielfeld gerannt sind bzw. getragen wurden. Die Niederländer haben das vor vier Jahren auch gemacht und so dem manchmal so machismo-lastigen (Proleten-) Fußball ein menschliches Antlitz verpasst. Die Spanier scheinen überhaupt gut für so Aktionen zu sein, wo es dann richtig menschelt. Ich erinnere an Iker Casillas, der nach dem WM-Finale vor zwei Jahren seine Freundin vor laufender Kamera geküsst hat, als diese ihn für das spanische Fernsehen interviewen sollte. Ja, bei solchen Szenen da schlagen auch die Herzen der weiblichen Fußball-Fans wieder höher, die sowieso alle für Spanien sind, weil die die „feschesten“ Spieler haben. Solche Urteile anzuerkennen fällt immer nur so lange schwer, bis man Mannschaften aus der Ukraine, Aserbaidschan oder Rumänien vorgesetzt bekommt.
Wir dürfen hoffen, dass Italien, Deutschland und Portugal die Wege beibehalten, die sie vor dieser EM eingeschlagen haben. Wir dürfen gespannt sein, ob die spanische Vorherrschaft im Fußball auch bei der WM in Brasilien weiter geht und ob es den Teams von Frankreich, England und Holland gelingt, sich wieder als ernstzunehmende Akteure auf internationalem Niveau zu etablieren. Auch was den Mittelbau in Europa betrifft, hinterlässt diese Euro ein paar Fragezeichen: Was ist mit den Teams aus Kroatien, Schweden, Russland und Dänemark? Da lagen Hui und Pfui teilweise sehr eng beieinander; es war aber zu sehen, dass diese Mannschaften Potenzial haben und jedem gefährlich werden können (obwohl es auch unter diesen Teams durchaus Abstufungen gibt).
Haben die Europa- und Weltmeisterschaft von 2004 und 2006 noch einen recht fahlen Geschmack hinterlassen und hatten wir uns vor Catenaggio und Rehakles-Fußball gefürchtet, darf jetzt wieder aufgeatmet und festgestellt werden, dass der Fußball endgültig zurück ist. Lob und Ehre gebührt dabei nicht nur Spanien, sondern vor allem auch der Entwicklung des deutschen Teams. Dass nun auch Italien wieder Fußball spielt und damit erfolgreich ist, darf als hoffnungsvolles Leuchtfeuer verstanden werden. Damit bleibt zu hoffen, dass man in zwei Jahren nicht feststellen muss, dass man sich darin getäuscht und also zu früh gefreut hat.
Sonntag, 1. Juli 2012
Das namenlose Spiel
Schland ist weg. Das sollte einmal festgestellt werden, denn hier, im wilden Sachsen, bekommt man davon nichts mit. Seit Mario Balotellis Gnadenschuss (Tor Nummer 2) ist es in Deutschland seltsam still geworden. Plötzlich dominieren wieder Merkel und Co. die Schlagzeilen und nicht mehr „Jogis Jungs“; hin und wieder sieht man eine traurige Pressekonferenz, manchmal spricht man noch von der vermeintlich fehlerhaften Aufstellung, mit der Löw seine Truppe in die Schlacht gegen das gefürchtete Italien geschickt hat. Am Ende bleiben zwei Erkenntnisse: 1., dass Deutschland gegen Italien nicht gewinnen kann und 2., dass Italien nicht mehr das Italien ist, das es einmal war. Aber das wurde ja hier schon mehrmals festgestellt...
Zu Spanien ist mir nichts mehr eingefallen. Dass wir des Tikitaka müde sind – besonders, wenn es so lasch gespielt wird wie momentan -, das merkt man mittlerweile schon bei ehemals eingefleischten Spanien-Fans, denen das ziellose Gepasse auch schon auf den Senkel geht. Portugal ist unglücklich ausgeschieden und die Spanier stehen erneut im Finale, können wieder einmal Geschichte schreiben, werden es vielleicht sogar tun; aber wen soll das kümmern? Spätestens seit der überzeugenden Darbietung gegen Deutschland müssen wir uns hinter Italien stellen. Weil Italien guten Fußball, interessanteren Fußball als Spanien spielt. Weil das ewig gequälte Gesicht von Andres Iniesta und das dümmliche Geschau von Fernando Torres nicht so gut sind wie der entblößte Balotelli, der sich nach seinem zweiten Tor selber ein Denkmal in Form einer Statue gesetzt hat, die er selber war.
Balotelli bleibt ein seltsamer Zeitgenosse, aber inzwischen ist er mir sympathischer als Cassano. So richtig sympathisch sind sie ja doch nicht geworden, die Itaker. Selbst Pirlo bleibt seltsam unantastbar. Andrea Pirlos ausdrucksloses Gesicht steht Pate für ein Fußballspiel, das nur das ist, was es ist: ein Fußballspiel. Pirlo spielt Fußball – sonst nichts. Mir gefällt das, weil es einfach ist und gut aussieht. So wie das Spiel der italienischen Mannschaft, das keinen Namen hat. Es heißt nicht Catenaggio oder Tikitaka oder Voetbal totaal – es heißt Fußball bzw. „Calcio“. Es ist das Spiel, an das man sich erinnern kann, wenn man an früheste Fußball-Erfahrungen zurückdenkt. Als Kind hat man Fußballspiele im Fernsehen so erlebt: Laufen, schießen, Tor. Dass das ganze natürlich viel komplexer ist als diese Minimalformel, liegt auf der Hand (und das war auch „früher“ so). Aber die Italiener erinnern uns gerade daran, dass Fußball einfach, gut und erfolgreich sein kann. So wie Pizza oder Pasta.
Das erinnert mich daran, wie grausigste Schlander im tiefsten Sachsen (wo ich das Halbfinale gegen Italien miterleben musste) irgendwann zu folgendem Sprechchor angesetzt haben: „Ihr seid nur ein Pizzalieferant, Pizzalieferant, Pizzalieferant!“, und dabei haben sie das „P“ von „Pizza“ so aspiriert wie es nur die ganz deutschen Deutschen können - „P-hizzalieferant!“. Dann hat Balotelli das 2:0 gemacht und die Sachsen waren still. Man hörte noch hie und da ein stumpfes Kommentar zu Balotellis Hautfarbe, aber was will man auch anderes erwarten? Nun, die Pizza wurde geliefert, was die Deutschen sogar mit Anerkennung quittierten: „Naja, die waren schon gut, die I-thaliäna!“ So war dieses Italien so überzeugend, dass es sogar die Schlander einsehen müssen. Wer hätte das gedacht?
Wenn wir uns daran erinnern, wie hochklassig die Vorrunden-Begegnung zwischen Spanien und Italien war, dürften wir uns ein tolles Finale erwarten. Ein Schelm aber, wer denkt, dass dieses Match gleich ablaufen wird. Wahrscheinlich ist es das interessanteste Finale, das die EM zu bieten hatte. Portugal wäre gegen Italien Außenseiter gewesen, aber die Italiener sind jetzt gegen Spanien keineswegs Außenseiter. Ein Duell auf Augenhöhe also – das überholte Tikitaka gegen das namenlose Spiel, das ich – ganz ausgefallen – „Calcio“ taufen möchte.
Montag, 25. Juni 2012
Ein Kinderspiel
Die Grandezza des Elfmeterschießens besteht darin, den spielerischen Vorteil, den man vielleicht über 120 Minuten lang gehabt hat, mit in diese Zitterpartie zu nehmen und mit Mut und Anstand den Fußballgott milde zu stimmen. Italien hat das gestern in einem packenden Viertelfinale gegen England geschafft. So eine italienische Mannschaft habe ich überhaupt noch nie gesehen, denn sie war über weite Strecken offensivbegeistert, spielerisch einfallsreich und es gab kein ständiges Fallenlassen und Diskutieren. Irgendetwas stimmt da nicht – das sind nicht die Italiener, die ich in den letzten Jahren so verschmähen gelernt habe, jene Italiener, die dem unattraktiven Defensivfußball mit dem Weltmeistertitel 2006 die Krone aufgesetzt haben, und die letztlich dafür verantwortlich waren, dass Spaniens bzw. Barcelonas Offensivspiel von Fußballfans als Erlösung von allem Bösen gefeiert wurde. Griechenland 2004 und Italien 2006: Das waren ganz düstere Gespenster der jüngeren internationalen Fußballvergangenheit. Was machten wir Augen, als wir die Teams von Spanien, Holland und Russland 2008 bewundern durften, und wie sich das deutsche Team konsequent von einer Klotztruppe zu einer technisch wie taktisch höchst attraktiv aufspielenden Mannschaft entwickelt hat!
Und jetzt, sechs Jahre nach Italiens WM-Titel, sind wir des Tikitakas müde geworden, wurden von Holländern enttäuscht und warten noch immer auf den großen Titel für Deutschland; und plötzlich kommen da gänzlich erneute Italiener daher, die zwar immer noch über den einen oder anderen Unsympathler verfügen, die aber insgesamt gemäßigter, erträglicher, man möchte fast sagen: ein bisschen professioneller geworden sind. Italien bewegt sich zwischen der Ruhe eines Pirlos und dem Ungehorsam eines Balotelli – so waren auch beide gestern in der Partie gegen England vielleicht die besten Männer auf dem Platz. Der eine verteilte Zuckerpässe, der andere vergab spektakuläre Chancen – insgesamt wahrscheinlich alleine mehr als das ganze englische Team. Das war nicht nur spannend, sondern eben auch über weite Strecken schön anzusehen (trotz des ersten 0:0). Man möchte meinen, dass es sich dabei um eine selten gewordene Kombination handelt. Dass Italien daran den Hauptanteil hatte, das kann ich 24 Stunden danach noch immer nicht wirklich glauben!
Englands Team hat sich nach ca. einer halben Stunde aus dem Spiel zurückgezogen und spielte fortan so, wie Italien es immer getan hatte: extrem passiv, klug aber langweilig, destruktiv und eigentlich unsympathisch. Ironischerweise hatte man spätestens gegen Ende der zweiten Halbzeit das Gefühl, dass diese Engländer auf ein Elfmeterschießen aus waren – als hätte es all die Elfmeterschießen der jüngeren und älteren Vergangenheit nicht gegeben! Vielleicht war die englische Fußballseele von dem Vertrauen besetzt, dass man es diesmal schaffen, dass man irgendwann den Bann brechen würde und dass das ausgerechnet an diesem Tag passieren müsste. Darin haben sich die Engländer aber gründlich getäuscht.
Vielleicht täuschen sich auch die Deutschen, denn die argumentieren und rationalisieren momentan ganz ähnlich. Natürlich stehe man dem Angstgegner Italien gegenüber, aber diesmal werde man die Italiener besiegen, denn jede Negativserie müsse ein Ende haben und wann, wenn nicht jetzt, wenn nicht mit dieser Mannschaft, mit welcher dann? So klingt es aus bundesdeutschen Radiostationen voller Zuversicht. Und man freut sich auf dieses Spiel – ganz ehrlich! Ich glaube es den Deutschen auch. Es hätte im Halbfinale kein unangenehmerer, aber auch kein attraktiverer Gegner als Italien warten können. Dass aber Italien so unangenehm und so attraktiv gleichzeitig sein kann, das hat sich erst im gestrigen Spiel offenbart – auch, wenn man es vorher schon vermuten konnte. Das Spiel am Donnerstag hat bestes Potenzial, das spannendste und emotionalste internationale Bewerbsspiel seit langem zu werden. Oder aber es wird hässlich und eines von beiden Teams (im schlimmsten Fall alle beide) zeigt seine grausigste Fratze – dann wissen wir wenigstens, zu wem wir im Finale halten sollen!
Das schönste Gesicht hat aber momentan Italien und der Geist des italienischen Fußballs kulminiert in Andrea Pirlos Elfmeter: Der im Stil von Antonin Panenka in die Mitte geschupfte Ball steht für Wagemut, Lässigkeit, Intelligenz und das nötige Maß an Arroganz, das ein guter Fußballer einfach braucht. In gewisser Weise hat so ein Schuss natürlich auch viel mit Humor zu tun (weil hier einer, auf gut österreichisch gesagt, mit jemandem Schmäh führt) und ein Treffer wie dieser ist der beste Beweis dafür, dass Elfmeter immer nur im Kopf geschossen werden. Da passte es gut, dass Pirlos Lässigkeit auf Joe Harts gespielte Vergnügtheit traf. Dieser hatte noch vor dem Spiel verlautbart, dass er sich auf ein Elfmeterschießen freue. Dementsprechend blöd grinsend stand er dann auch im Tor, streckte den Schützen die Zunge entgegen. Montolivo ließ sich davon veräppeln, die anderen ignorierten es. Aber nur Pirlo antwortete ihm.
Den allerhaltbarsten Elfmeter so zu versenken, dass er praktisch unhaltbar ist: Da kann man sich sämtliche Statistiken und Berechnungen in die Haare schmieren – hier scheint der Geist des Fußballspiels voll durch; denn letztlich handelt es sich um ein Spiel, das Kinder irgendwann einmal spielen und lieben gelernt haben. Und genau so ein Spiel bleibt es im Kern seines Wesens auch dann, wenn es um Ruhm, Geld und Ehre geht. Die Italiener haben das schon während des Spiels immer wieder gezeigt (so wie Spanien und Holland vor vier Jahren), aber Andrea Pirlo gab uns mit seinem Elfmeter die kondensierte Variante: Es muss wie ein Kinderspiel aussehen und trotzdem für Normalsterbliche unmöglich scheinen.
Samstag, 23. Juni 2012
Heitere Glückseligkeit
Deutschland ist beruhigt. Gestern zwischen neun und elf hörte man auf den Straßen kaum mehr Autos fahren, aus allen Gärten roch es nach Gegrilltem und man ärgerte sich höchstens über den Nachbarn, der, weil er das Spiel über Satellit empfangen konnte, die deutschen Tore immer 4-5 Sekunden früher bejubelte. Heute sah man auf den Straßen zufriedene Gesichter, die große Blamage ist ausgeblieben, man hat sich mit einem klaren 4:2 gegen Griechenland erstmal als Favorit in Stellung gebracht. In der ersten Hälfte mühten sich die Deutschen noch etwas ab, zu viele Chancen, zu wenig Ausbeute – man spielte spanisch gegen wieder einmal sehr griechisch spielende Griechen. Irgendwann sprach es sich dann doch einmal durch, dass der griechische Torhüter nicht zu den Granden seiner Zunft gehört, und man probierte es dann doch einmal mit Schüssen aus der Halbdistanz (Lahm 1:0) und Flanken (Khedira 2:1).
Das Tor für die Griechen erfolgte logischerweise aus einem Konter nach deutschem Fehler im Spielaufbau (davon gab es auch ein paar – Schweinsteiger). Dass das zweite aus einem Hand-Elfmeter resultierte, wunderte auch nicht und war höchstens ein kleiner Schönheitsfehler im deutschen Ergebnis. An der Überlegenheit der Deutschen konnte jedoch keiner zweifeln. Dabei brachte erst der Ausgleich der Griechen die Wende; erst als die Griechen das schafften, was ihnen eh niemand zugetraut hätte (nämlich einen Rückstand aufzuholen), wachten die Deutschen auf und spielten konsequenter ihre Übermacht aus. Das führte zu drei weiteren Toren und zu der Erkenntnis, dass die Truppe von Jogi Löw auch in der scheinbaren „B-Besetzung“ (Schürrle und Reus für Poldi und Müller; Klose für Gomez) eine hocheffiziente Mannschaft sind.
Bundeskanzlerin Merkel versprach einen weiteren Besuch – allerdings nur unter der Bedingung, dass es die Elf auch ins Finale schafft. Wenn die Deutschen Glück haben (und das haben sie nicht selten), dann schlägt heute England irgendwie die Italiener. Aber auch wenn die Italiener sich durchsetzen sollten – was das Erwartungsgemäße wäre – darf man sich auf die Chance freuen, sich für das Halbfinal-Aus bei der Heim-WM revanchieren zu können. England seinerseits würde sich für die bittere Niederlage von vor zwei Jahren in Südafrika rächen wollen; aber auch für so viele andere Niederlagen (bei der Heim-EM 1996 zum Beispiel), die jeweils tiefe Wunden in der englischen Fußballseele hinterlassen haben. Im jeden Fall wird Deutschland im Halbfinale eine emotionale Partie zu bestreiten haben. Bis dahin darf man sich aber noch ein bisschen in der Überlegenheit sonnen, die man momentan ausstrahlt.
England gegen Italien: Das klingt vielleicht besser als es wird. Freilich garantieren diese Namen unter normalen Umständen einen Fußballklassiker, aber dafür agiert Italien momentan zu abgeklärt und die Engländer zu ungefährlich. Außer Wayne Rooney erlebt einen Ronaldo- bzw. einen Ibrahimovic-Effekt und spielt endlich so, wie der große Star in einem eigentlich mittelmäßigen Team aufzuspielen hat. Wenn es ein spannendes Match wird, ist ein knapper Sieg der Italiener (vielleicht auch in der Nachspielzeit) zu erwarten. Sollte es ein katastrophales Match werden, sehen wir das erste 0:0 gefolgt von einem Elferschießen, das die Engländer normalerweise verlieren müssten. Außer...
Eitle Wonne, diese Phase des Turniers, denn ab nun reiht sich Schlager an Schlager, KO an KO. Das Erbarmungslose wird zum Erstrebenswerten, das Glück zur Glückseligkeit, das Hässliche zum Unerträglichen. KO-Phasen steigern fußballerische Grundemotionen, sie verdichten das Spielgeschehen, poetisieren jedes Tor zur Heldentat, jede Schwalbe zur Niedertracht und jede Standardsituation zur Klimax. KO-Phasen lassen eigentlich erst erahnen, warum überhaupt Fußball gespielt wird und warum Europa- und Weltmeisterschaften zu den (medialen wie emotionalen) Großereignissen werden können, die sie zu Recht sind.
Mann des Tages: Sami Khedira. Wohl einer der besten Spieler am Platz und sorgte mit dem 2:1 für den deutschen Aufschwung.
Buhmann des Tages: Der Nachbar mit dem Satelliten-Signal.
Freitag, 22. Juni 2012
Die Möglichkeit eines Untergangs
Portugal eliminiert Tschechien in der ersten Viertelfinalbegegnung mit 1:0: Ein Sieg, der klarer war, als das Ergebnis vermuten lässt. Heute spielt Griechenland gegen Deutschland um den Einzug ins Halbfinale - und um so viel mehr!
Warum aus dem von mir gestern getippten 3:1 dann nur ein 1:0 geworden ist, ist schnell erklärt: Ich hatte mit einem frühen Zufallstor der Tschechen gerechnet, das in der Phase fallen sollte, da sich Portugal noch warm laufen musste. Das war gestern die erste Viertelstunde, in der für Portugal wenig, für die Tschechen aber so gar nichts lief. Das Zufallstor aber fiel nicht und wollte auch zu einem späteren Zeitpunkt nicht fallen. Insofern haben mich die Tschechen nur in diesem Belange enttäuscht, ansonsten spielten sie in etwa wie erwartet.
Portugal hat nur ein Tor geschossen, aber auch das war bloßer Zufall, wenn man bedenkt, dass allein C. Ronaldo schon drei Stangenschüsse hatte. Also eigentlich wäre es ein 5:1 geworden, aber daran hatte auch Petr Cech einen gewissen Anteil, der gestern wenig zugelassen und so die Chance, ein Zufallstor zu erzielen (andere Tore schießt Tschechien eh nie), bis zum Schluss aufrecht erhielt. Nur: Nach dem 1:0 für Portugal kam von den Tschechen gar nichts mehr; man war müde, kraft- und willenlos – ein würdiger Vertreter der Gruppe A also.
Der unwürdigere Gruppenkollege, Griechenland nämlich, kann zumindest das mit dem Willen besser. Und wenn der stimmt, kommt die Kraft ganz von alleine. Besonders, wenn es gegen die Deutschen geht, denn da will man sich und dem Rest Europa beweisen, dass Griechenland sich nicht an die Wand spielen lässt – auf dem Fußballplatz nicht, und auch sonst nicht. Ob das gelingt, ist eine andere Frage. Deutschland ist eine Turniermannschaft, sagt man immer. Was das genau heißt, weiß zwar niemand so genau, aber es soll wohl heißen, dass die deutsche Mannschaft das Potenzial zur Steigerung während des Fortschreiten des Turniers meistens ausschöpft – zumindest bis es gegen Italien geht.
Kein leichtes Spiel also für die Griechen; wer aber glaubt, dass Deutschland sich nicht ein kleines bisschen in die Hosen macht, der liegt falsch. Freilich ist ab der KO-Phase die Angst, zu verlieren, immer gegenwärtig. Das bedeutet auch, dass der psychologische Aspekt immer wichtiger wird. Und da sehe ich die Griechen im Vorteil, denn die haben nichts zu verlieren. Und doch sind natürlich immer die, von denen man sagt, dass sie nichts zu verlieren hätten, die krassen Außenseiter. Team Deutschland sollte die Klasse und Erfahrung haben, mit einer solchen Situation umzugehen und so sehe ich am Ende dieses Abends ein solides 2:0 für Deutschland stehen.
Wenn aber... ja dann! Dann hätten wir ein EM-Spiel gesehen, über das man in beiden Ländern noch sehr, sehr lange reden wird! Vor dem Spiel können wir jedoch höchsten von der Möglichkeit eines Untergangs sprechen.
Mann des Tages: Cristiano Ronaldo zum wiederholten Male. Wenn er so weiter macht, wird er zum Spieler der EM und da müsste man nicht einmal das Finale erreichen.
Vize-Mann des Tages: Petr Cech, der eine schwierige EM zu spielen hatte. Trotz seines Patzers gegen Griechenland natürlich bester Tscheche auf dem Feld – für den Torhüter des Turniers wird es aufgrund des frühen Ausscheidens seiner Mannschaft aber nicht reichen.
Donnerstag, 21. Juni 2012
Die Enttäuschenden
Es würde doch sehr verwundern, ein Team der Gruppe D im Finale zu sehen. Frankreich und England sind nach wenig überzeugenden Leistungen weiter, Schweden bäumt sich noch einmal auf und bei der Ukraine bleibt ein schlechter Beigeschmack.
Vor Beginn der EM habe ich erwartet, dass sich Frankreich in der Gruppe D deutlich durchsetzen wird, England es schwer haben wird und Schweden gefährlich werden könnte, während die Ukraine vernachlässigbar bleibt. Von diesen Vorhersagen hat sich nur jene über England bewahrheitet und selbst die wird durch den ersten Platz, mit dem die Engländer ins Viertelfinale aufsteigen, ironischerweise noch relativiert. Ironisch ist dies deshalb, weil der erste Platz der Engländer eigentlich überhaupt nicht in Ordnung geht. Der stellt sie nämlich auf eine Stufe mit Deutschland und Spanien - und das zeigt schon, wie absurd es in dieser Gruppe D eigentlich zugegangen ist.
Die Ausgangslage vor den Spielen gestern war recht klar: Schweden war schon ausgeschieden und die Ukraine konnte sich nur mit einem Sieg noch in das Viertelfinale retten. Wie nah sie einem solchen kamen, wagte sich aber vorher keiner auszumalen! Dabei spreche ich gar nicht vom Tor, das sie zwar geschossen, aber nicht zuerkannt bekommen haben, sondern von der schwachen Leistung der Engländer, die im Spiel gegen den Gruppenaußenseiter ihr wahres Gesicht gezeigt haben. Da waren über lange Strecken weder Wille noch Weg erkennbar, da wurde gar nichts gemacht. Das englische Tor fiel freilich aus einer Standardsituation und blieb eine der wenigen beachtenswerten Aktionen des neu hinzugekommenen Wayne Rooney. Die Engländer schienen von Anfang an auf ein 0:0 zu spielen, was eigentlich bestraft hätte werden müssen.
"Hätte werden müssen" ist allerdings eine Figur, die der Fußball nicht kennt. Das zeigte sich am deutlichsten beim Tor der Ukrainer: John Terry klärte den Ball dabei hinter der Linie, was der Torrichter, dessen einziger Job im Grunde darin besteht, bei solchen Aktionen für Klarheit zu sorgen, nicht gesehen hat. Das ist problematisch, zumal es bisher schien als wäre die Einführung der Torrichter eine gute und richtige Idee gewesen. Jetzt fangen eben die Diskussionen wieder an; und das, obwohl die Aktion schon zuvor abgepfiffen hätte werden müssen, da sie aus einer Abseitsstellung entstanden war. Irgendwie lustig, denn da wurde eine Fehlentscheidung durch eine andere wieder aufgehoben. Die Engländer kümmerte das alles wenig, sie fühlten sich für das nicht gegebene Tor von Bloemfontein bei der WM gegen Deutschland vor zwei Jahre gerächt. So einfach ist Fußball manchmal - mit oder ohne "hätte werden müssen".
Die Franzosen und die Schweden haben auch ihre wahren Gesichter gezeigt. Frankreich hat sein letztes Gruppenspiel verloren und damit bewiesen, dass es auch gegen mittelklassige Gegner nicht restlos überzeugen kann. Vielleicht klappt das gegen hochklassige Gegner besser. Das zu beweisen steht jetzt gegen Spanien an - als Strafe für den zweiten Platz in dieser Gruppe der Enttäuschenden. Schweden war vor dem letzten Spiel schon raus und zeigte dann erst, was möglich gewesen wäre. Das ist schön, wenn eine Mannschaft toll spielen kann, wenn es um nichts mehr geht – aber helfen tut das niemandem. Am allerwenigstens Zlatan Ibrahimovic, dem Berufsunsympathler, der sich wohl mit dem Tor des Turniers von ebenjenem und aus der schwedischen Nationalmannschaft verabschiedet hat. Wer jetzt Europameister wird, sei ihm „scheißegal“, so ließ er erst kürzlich verlautbaren. Recht hat er, der Ibra – uns war ja auch immer scheißegal, was er sonst so macht, wenn er grad nicht auf dem Platz steht.
Ein wenig ratlos müssen wir jetzt den Viertelfinalspielen mit den Überlebenden dieser Gruppe D entgegen sehen. Hat Spanien wirklich leichtes Spiel mit diesen Franzosen, oder sind sie noch für eine Überraschung gut bzw. kann Spanien wieder an die Form vom Irland-Spiel anschließen? Normalerweise müsste ein Fixeinzug ins Halbfinale sowohl für Spanien als auch für Italien drin sein. Aber Euros haben schon manche seltsame Geschichte geschrieben und daher wissen wir, dass wir mit einem „normalerweise“ genauso weit kommen wie mit einem „hätte werden müssen“. Attraktive Viertelfinalpaarungen sind das allemal; so rein vom Klang her erinnert uns das an verregnete Nachmittage unserer Kindheit vorm Computer. Da ließ man auch gerne Italien gegen England oder Frankreich gegen Spanien spielen – niemals aber Deutschland gegen Griechenland oder Portugal gegen Tschechien!
Heute geht es mit der KO-Runde los und mit einem Spiel, auf das man sich eigentlich freuen kann. Denn erstmal steht ein Team aus der Gruppe A einem ernsthaften Gegner gegenüber, noch dazu einem, der für mich zu einem der überzeugendsten der Vorrunde gehört. Portugal sollte dieses Spiel gewinnen, um sich die Chance zu sichern, im Halbfinale gegen Spanien irgendwie unglücklich ausscheiden zu können (dieses Skript habe ich in meinem Kopf für die Portugiesen reserviert). Die Tschechen sollten dabei kein Hindernis darstellen. Doch hier haben wir schon wieder so ein Wort im Konjunktiv: mit „sollte(n)“ kommt man auch nicht weit. Irgendwie ist diese vorsichtige Vorhersagerei aber langweilig, also sag ich's frei heraus: Portugal gewinnt 3:1 und Tschechien holt sich mindestens drei gelbe Karten, wenn nicht sogar eine gelb/rote. Ronaldo trifft übrigens auch heute wieder, allerdings nicht aus einer Freistoßsituation.
Achja: Bisher gab es kein 0:0 und ab jetzt gibt es kein Unentschieden mehr; ist doch irgendwie erfreulich. Bin gespannt, ob die Engländer wieder im Elfmeterschießen ausscheiden. Gegen Italien besteht zumindest immer die Möglichkeit, dass es so weit kommt...
Mann des Tages: Zlatan Ibrahimovic – der Anti-Ronaldo, zumindest was die Verteilung unter denen angeht, die Unsympathler lässig finden. Ich kenne niemanden, der sowohl C. Ronaldo als auch Ibra gut findet. Ich mag sie beide nicht, würde aber beide gerne im selben Team spielen sehen, nur um zu beobachten, wie Ibrahimovic mit Ronaldo umgeht!
Buhmann des Tages: Oleg Blokhin, der wie ein Rumpelstilzchen an der Seitenlinie herumhüpfte, nachdem das Tor für sein Team nicht gegeben wurde. Hätte er sich mehr auf seine taktischen Möglichkeiten besonnen, wäre da vielleicht noch was drin gewesen. So aber kam das allzu „ukrainisch“ herüber – und zwar ukrainisch im schlechtesten vorurteilsbehafteten Sinne.
Mittwoch, 20. Juni 2012
Fußball für Nerds
Wir schließen die Gruppe C mit einem 1:0 von Spanien über Kroatien und einem italienischen 2:0 Sieg über Irland. Die Rechnereien sind erstmal vorbei, die Favoriten wieder weiter.
Als ich vorgestern geschrieben habe, dass mich die Endspiele der Gruppe B mit dem seltsamen Aufstiegsmodus der Euro-Gruppenphase versöhnt haben, wusste ich noch gar nichts von den möglichen Aufstiegskonstellationen in Gruppe C. Dort ging es nämlich ähnlich bunt zu und wir waren über weite Strecken des Kroatien-Spanien-Spiels nicht sicher, ob die Italiener oder die Kroaten weiterkommen würden. Auch der ORF-Kommentator Thomas König kannte sich zuweilen gar nicht mehr aus. So kapierte er erst Minuten nach dem spanischen Tor, dass dieses für Kroatien eigentlich gar nichts zu bedeuten hatte, dass mit einem 1:1 Italien auch draußen wäre – oder so ähnlich. Ganz genau wusste es an diesem Abend nie jemand. Das erklärte auch die Erleichterung der italienischen Spieler nach dem Abpfiff ihrer Partie gegen Irland. Es muss ein komisches Gefühl sein, eine Partie 2:0 zu führen und sich, was den Aufstieg betrifft, nie in Sicherheit wiegen zu können.
Wie ging das also bei Punktegleichstand nochmal? Aufgestiegen ist der, der 1. mehr Punkte im direkten Vergleich holte, der 2. eine bessere Tordifferenz im direkten Vergleich hatte, der 3. mehr Tore im direkten Vergleich erzielte. Wenn dann immer noch alles gleich wäre, dann würden diese Kriterien noch einmal angewendet, und zwar diesmal nur auf die direkten Duelle zwischen den gleichplatzierten Mannschaften. Danach hätten wir noch die bessere Tordifferenz aus allen Gruppenspielen und die Anzahl der erzielten Tore aus allen Gruppenspielen zur Entscheidungsfindung heranzuziehen. Reichte das immer noch nicht, würde es sehr absurd weitergehen: Dann wird nämlich auf den UEFA-Koeffizienten geschaut und schließlich auf das Fairplay-Verhalten während der Endrunde (!?). Am Ende steht der Losentscheid, aber dass es soweit kommen kann, ist allein aufgrund der Absurdität der beiden vorhergehenden Kriterien so gut wie unmöglich. Also, alles klar? Jetzt rechnen wir das alles mit drei oder vier Mannschaften während eines Spiels durch und immer, wenn ein Tor fällt, starten wir unsere Berechnungen neu, damit wir dann am Ende sagen können „Juchee, es ist noch nicht vorbei!“ oder eben „Team X bräuchte nur noch ein Tor, wenn Team Z im Spiel gegen Y mindesten noch drei Fouls begeht, damit Team W beim Heimfahren den Diesel von der UEFA bezahlt bekommt.“ Wie ein des Rechnens kundiger Freund von mir bemerkte, hat die UEFA mit diesem Vorrunden-Modus nun endlich auch die Nerds fußballnarrisch gemacht.
Nun gut, die Gruppe C ist jetzt auch abgeschlossen und es fahren Irland (erwartungsgemäß) und Kroatien (leider) heim. Für das kroatische Team ist die Niederlage deshalb bitter, weil man gegen die Spanier auf hohem taktischen Niveau agierte und damit den Italienern ebenbürtig war, ohne Italien sein zu müssen. Dass man aber vor lauter Hosenscheißen auf das Offensivspiel vergisst (oder verzichtet), wenn man doch ein Tor bräuchte, das ist eigentlich unverzeihlich. So war es eine interessante aber unbelohnte Vorstellung von Team Hrvatska, das neben Dänemark nun als ein weiterer schmerzlicher Verlierer nach Hause fährt, den wir vermissen werden.
Das von Slaven Bilic wieder ausgezeichnet eingestellte Team neutralisierte das spanische Tikitaka (das auch schon mal wirkungsvoller ausgesehen hat) fast nach Belieben: einmal früh, noch vor der Mittellinie, dann wieder tief vor dem eigenen Strafraum. Freilich änderte das an der spanischen Ballbesitz-Übermacht nur wenig – und es kostete viel Kraft, welche die Kroaten am Ende nicht mehr aufbringen konnten, als es darum ging, die Frucht noch irgendwie im Korb unterzubringen. Dass das spanische Tor eigentlich Abseits war, ist wieder so eine Geschichte, die uns zwei Tage danach schon nicht mehr interessiert, genauso wie der vermeintlich eindeutige Elfmeter, der den Kroaten nicht zugesprochen wurde. Sich auf solche Dinge zu verlassen, stinkt nicht nur nach fauler Ausrede, sondern geht auch irgendwie am Geist des Sports vorbei. Letztlich vergaß Kroatien auf die zweite große Fußball-Maxime, die einst Sepp Herberger formulierte: „Das Runde muss ins Eckige!“ Ja, so einfach klingt das, so schwer ist das manchmal zu bewerkstelligen...
Die Italiener, von denen man aufgrund des (diesmal richtig gewählten) ORF-Fokus auf das Spanien-Spiel nur wenig sah, ließen die Rechner natürlich auch hoffen: Darauf, dass es auf einmal heißen würde „Tor in Posen!“ und man plötzlich jubelnde Trapattoni-Iren sehen würde. Diese Hoffnung zerstörte Cassano in der 35. Minute, denn da hieß es „Tor in Posen!“ und man sah statt der jubelnden Iren einen jubelnden Cassano. Man hofft ja als Fußballfan gerade bei solchen Spielen, gerade in solchen Momenten, wo alles passieren kann, wo ein Tor tatsächlich den Unterschied (nicht nur in einem, sondern womöglich in zwei Spielen) macht, auf die große kleine Sensation: Ein irisches Tor wäre so etwas gewesen und wen hätte man so eine Sensation eher gewünscht als den lieben Iren? Wieder beeindruckten deren Fans, als man diese zu hunderten Arm in Arm mit dem Rücken zum Spielfeld auf den Rängen hüpfen sah. Das evozierte sogar spontanen Applaus von der in Graz beim Public Viewing versammelten Meute. Viel schöner als die irischen Fußballer sind die irischen Fans anzusehen – leider wird das die Erkenntnis sein, mit der uns die irische Mannschaft nach dieser Euro zurücklässt. Wer die Iren auch mal einen Sieg feiern sehen will, der sollte sich ein Spiel der kommenden WM-Qualifikation ansehen – vielleicht jenes gegen Österreich?
Erwähnung finden muss auch noch das zweite Tor der Italiener: Endlich trafen nämlich beide Stürmer in einem Spiel und so durfte auch noch Mario Balotelli jubeln, dem sein Teamkollege Leonardo Bonucci nach seinem Treffer den Mund zuhielt – aus Angst, das Enfant terrible könnte wieder irgendetwas Dummes von sich geben. War vielleicht gar keine so schlechte Idee, denn nach so einem schönen Treffer (Seitfallzieher am Fünfer nach Eckball) neigen solche Charaktere gerne zum Übermut. Bonucci meinte, er hörte Balotelli irgendetwas auf Englisch sagen, das er nicht gleich verstand, also hielt er ihm lieber gleich den Mund zu. Kurios, aber so eine intelligente Konsequenz kann man nur von einem italienischen Verteidiger erwarten.
Spanien und Italien haben also die Gruppe C überstanden und so haben sich hier erwartungsgemäß die Favoriten durchgesetzt. Allerdings würde ich hier nun den zweiten Joker einfordern und die Kroaten gerne gegen die Griechen eintauschen – oder gegen irgendeinen der beiden Sieger aus der Gruppe D. Fußballerisch hätten sie sich das verdient, auch wenn ich auf die saublöden Feuerwerkskörper verzichten kann, welche die kroatischen Fans immer meinen zünden zu müssen. Das also nehmen wir aus dieser Gruppe mit: Wir hätten gerne ein kroatisches Team mit irischen Fans; das wäre für Fans, Spieler und Zuseher eine echte Bereicherung!
Mann des Tages: Slaven Bilic zum Abschied. Er ist und bleibt der charismatischste und gleichzeitig ausgefuchsteste Trainer des Turniers. Leider fand er im entscheidenden Spiel nicht den letzten Mut zur Offensive.
Buhmann des Tages: Schiedsrichter Wolfgang Stark im Spiel Spanien gegen Kroatien. Das war wieder mal ein Beispiel dafür, wie man eine Partie nicht pfeifen sollte. So zerpflückt und zerzaust war das zeitweise, dass einem das Zusehen fast verging bzw. zumindest vermiest wurde. Eigentlich beeindruckend, wie sehr im Fußball ein guter Schiedsrichter zur Attraktivität einer Partie beitragen kann.
Als ich vorgestern geschrieben habe, dass mich die Endspiele der Gruppe B mit dem seltsamen Aufstiegsmodus der Euro-Gruppenphase versöhnt haben, wusste ich noch gar nichts von den möglichen Aufstiegskonstellationen in Gruppe C. Dort ging es nämlich ähnlich bunt zu und wir waren über weite Strecken des Kroatien-Spanien-Spiels nicht sicher, ob die Italiener oder die Kroaten weiterkommen würden. Auch der ORF-Kommentator Thomas König kannte sich zuweilen gar nicht mehr aus. So kapierte er erst Minuten nach dem spanischen Tor, dass dieses für Kroatien eigentlich gar nichts zu bedeuten hatte, dass mit einem 1:1 Italien auch draußen wäre – oder so ähnlich. Ganz genau wusste es an diesem Abend nie jemand. Das erklärte auch die Erleichterung der italienischen Spieler nach dem Abpfiff ihrer Partie gegen Irland. Es muss ein komisches Gefühl sein, eine Partie 2:0 zu führen und sich, was den Aufstieg betrifft, nie in Sicherheit wiegen zu können.
Wie ging das also bei Punktegleichstand nochmal? Aufgestiegen ist der, der 1. mehr Punkte im direkten Vergleich holte, der 2. eine bessere Tordifferenz im direkten Vergleich hatte, der 3. mehr Tore im direkten Vergleich erzielte. Wenn dann immer noch alles gleich wäre, dann würden diese Kriterien noch einmal angewendet, und zwar diesmal nur auf die direkten Duelle zwischen den gleichplatzierten Mannschaften. Danach hätten wir noch die bessere Tordifferenz aus allen Gruppenspielen und die Anzahl der erzielten Tore aus allen Gruppenspielen zur Entscheidungsfindung heranzuziehen. Reichte das immer noch nicht, würde es sehr absurd weitergehen: Dann wird nämlich auf den UEFA-Koeffizienten geschaut und schließlich auf das Fairplay-Verhalten während der Endrunde (!?). Am Ende steht der Losentscheid, aber dass es soweit kommen kann, ist allein aufgrund der Absurdität der beiden vorhergehenden Kriterien so gut wie unmöglich. Also, alles klar? Jetzt rechnen wir das alles mit drei oder vier Mannschaften während eines Spiels durch und immer, wenn ein Tor fällt, starten wir unsere Berechnungen neu, damit wir dann am Ende sagen können „Juchee, es ist noch nicht vorbei!“ oder eben „Team X bräuchte nur noch ein Tor, wenn Team Z im Spiel gegen Y mindesten noch drei Fouls begeht, damit Team W beim Heimfahren den Diesel von der UEFA bezahlt bekommt.“ Wie ein des Rechnens kundiger Freund von mir bemerkte, hat die UEFA mit diesem Vorrunden-Modus nun endlich auch die Nerds fußballnarrisch gemacht.
Nun gut, die Gruppe C ist jetzt auch abgeschlossen und es fahren Irland (erwartungsgemäß) und Kroatien (leider) heim. Für das kroatische Team ist die Niederlage deshalb bitter, weil man gegen die Spanier auf hohem taktischen Niveau agierte und damit den Italienern ebenbürtig war, ohne Italien sein zu müssen. Dass man aber vor lauter Hosenscheißen auf das Offensivspiel vergisst (oder verzichtet), wenn man doch ein Tor bräuchte, das ist eigentlich unverzeihlich. So war es eine interessante aber unbelohnte Vorstellung von Team Hrvatska, das neben Dänemark nun als ein weiterer schmerzlicher Verlierer nach Hause fährt, den wir vermissen werden.
Das von Slaven Bilic wieder ausgezeichnet eingestellte Team neutralisierte das spanische Tikitaka (das auch schon mal wirkungsvoller ausgesehen hat) fast nach Belieben: einmal früh, noch vor der Mittellinie, dann wieder tief vor dem eigenen Strafraum. Freilich änderte das an der spanischen Ballbesitz-Übermacht nur wenig – und es kostete viel Kraft, welche die Kroaten am Ende nicht mehr aufbringen konnten, als es darum ging, die Frucht noch irgendwie im Korb unterzubringen. Dass das spanische Tor eigentlich Abseits war, ist wieder so eine Geschichte, die uns zwei Tage danach schon nicht mehr interessiert, genauso wie der vermeintlich eindeutige Elfmeter, der den Kroaten nicht zugesprochen wurde. Sich auf solche Dinge zu verlassen, stinkt nicht nur nach fauler Ausrede, sondern geht auch irgendwie am Geist des Sports vorbei. Letztlich vergaß Kroatien auf die zweite große Fußball-Maxime, die einst Sepp Herberger formulierte: „Das Runde muss ins Eckige!“ Ja, so einfach klingt das, so schwer ist das manchmal zu bewerkstelligen...
Die Italiener, von denen man aufgrund des (diesmal richtig gewählten) ORF-Fokus auf das Spanien-Spiel nur wenig sah, ließen die Rechner natürlich auch hoffen: Darauf, dass es auf einmal heißen würde „Tor in Posen!“ und man plötzlich jubelnde Trapattoni-Iren sehen würde. Diese Hoffnung zerstörte Cassano in der 35. Minute, denn da hieß es „Tor in Posen!“ und man sah statt der jubelnden Iren einen jubelnden Cassano. Man hofft ja als Fußballfan gerade bei solchen Spielen, gerade in solchen Momenten, wo alles passieren kann, wo ein Tor tatsächlich den Unterschied (nicht nur in einem, sondern womöglich in zwei Spielen) macht, auf die große kleine Sensation: Ein irisches Tor wäre so etwas gewesen und wen hätte man so eine Sensation eher gewünscht als den lieben Iren? Wieder beeindruckten deren Fans, als man diese zu hunderten Arm in Arm mit dem Rücken zum Spielfeld auf den Rängen hüpfen sah. Das evozierte sogar spontanen Applaus von der in Graz beim Public Viewing versammelten Meute. Viel schöner als die irischen Fußballer sind die irischen Fans anzusehen – leider wird das die Erkenntnis sein, mit der uns die irische Mannschaft nach dieser Euro zurücklässt. Wer die Iren auch mal einen Sieg feiern sehen will, der sollte sich ein Spiel der kommenden WM-Qualifikation ansehen – vielleicht jenes gegen Österreich?
Erwähnung finden muss auch noch das zweite Tor der Italiener: Endlich trafen nämlich beide Stürmer in einem Spiel und so durfte auch noch Mario Balotelli jubeln, dem sein Teamkollege Leonardo Bonucci nach seinem Treffer den Mund zuhielt – aus Angst, das Enfant terrible könnte wieder irgendetwas Dummes von sich geben. War vielleicht gar keine so schlechte Idee, denn nach so einem schönen Treffer (Seitfallzieher am Fünfer nach Eckball) neigen solche Charaktere gerne zum Übermut. Bonucci meinte, er hörte Balotelli irgendetwas auf Englisch sagen, das er nicht gleich verstand, also hielt er ihm lieber gleich den Mund zu. Kurios, aber so eine intelligente Konsequenz kann man nur von einem italienischen Verteidiger erwarten.
Spanien und Italien haben also die Gruppe C überstanden und so haben sich hier erwartungsgemäß die Favoriten durchgesetzt. Allerdings würde ich hier nun den zweiten Joker einfordern und die Kroaten gerne gegen die Griechen eintauschen – oder gegen irgendeinen der beiden Sieger aus der Gruppe D. Fußballerisch hätten sie sich das verdient, auch wenn ich auf die saublöden Feuerwerkskörper verzichten kann, welche die kroatischen Fans immer meinen zünden zu müssen. Das also nehmen wir aus dieser Gruppe mit: Wir hätten gerne ein kroatisches Team mit irischen Fans; das wäre für Fans, Spieler und Zuseher eine echte Bereicherung!
Mann des Tages: Slaven Bilic zum Abschied. Er ist und bleibt der charismatischste und gleichzeitig ausgefuchsteste Trainer des Turniers. Leider fand er im entscheidenden Spiel nicht den letzten Mut zur Offensive.
Buhmann des Tages: Schiedsrichter Wolfgang Stark im Spiel Spanien gegen Kroatien. Das war wieder mal ein Beispiel dafür, wie man eine Partie nicht pfeifen sollte. So zerpflückt und zerzaust war das zeitweise, dass einem das Zusehen fast verging bzw. zumindest vermiest wurde. Eigentlich beeindruckend, wie sehr im Fußball ein guter Schiedsrichter zur Attraktivität einer Partie beitragen kann.
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