Montag, 25. Juni 2012

Ein Kinderspiel


Die Grandezza des Elfmeterschießens besteht darin, den spielerischen Vorteil, den man vielleicht über 120 Minuten lang gehabt hat, mit in diese Zitterpartie zu nehmen und mit Mut und Anstand den Fußballgott milde zu stimmen. Italien hat das gestern in einem packenden Viertelfinale gegen England geschafft. So eine italienische Mannschaft habe ich überhaupt noch nie gesehen, denn sie war über weite Strecken offensivbegeistert, spielerisch einfallsreich und es gab kein ständiges Fallenlassen und Diskutieren. Irgendetwas stimmt da nicht – das sind nicht die Italiener, die ich in den letzten Jahren so verschmähen gelernt habe, jene Italiener, die dem unattraktiven Defensivfußball mit dem Weltmeistertitel 2006 die Krone aufgesetzt haben, und die letztlich dafür verantwortlich waren, dass Spaniens bzw. Barcelonas Offensivspiel von Fußballfans als Erlösung von allem Bösen gefeiert wurde. Griechenland 2004 und Italien 2006: Das waren ganz düstere Gespenster der jüngeren internationalen Fußballvergangenheit. Was machten wir Augen, als wir die Teams von Spanien, Holland und Russland 2008 bewundern durften, und wie sich das deutsche Team konsequent von einer Klotztruppe zu einer technisch wie taktisch höchst attraktiv aufspielenden Mannschaft entwickelt hat!

Und jetzt, sechs Jahre nach Italiens WM-Titel, sind wir des Tikitakas müde geworden, wurden von Holländern enttäuscht und warten noch immer auf den großen Titel für Deutschland; und plötzlich kommen da gänzlich erneute Italiener daher, die zwar immer noch über den einen oder anderen Unsympathler verfügen, die aber insgesamt gemäßigter, erträglicher, man möchte fast sagen: ein bisschen professioneller geworden sind. Italien bewegt sich zwischen der Ruhe eines Pirlos und dem Ungehorsam eines Balotelli – so waren auch beide gestern in der Partie gegen England vielleicht die besten Männer auf dem Platz. Der eine verteilte Zuckerpässe, der andere vergab spektakuläre Chancen – insgesamt wahrscheinlich alleine mehr als das ganze englische Team. Das war nicht nur spannend, sondern eben auch über weite Strecken schön anzusehen (trotz des ersten 0:0). Man möchte meinen, dass es sich dabei um eine selten gewordene Kombination handelt. Dass Italien daran den Hauptanteil hatte, das kann ich 24 Stunden danach noch immer nicht wirklich glauben!

Englands Team hat sich nach ca. einer halben Stunde aus dem Spiel zurückgezogen und spielte fortan so, wie Italien es immer getan hatte: extrem passiv, klug aber langweilig, destruktiv und eigentlich unsympathisch. Ironischerweise hatte man spätestens gegen Ende der zweiten Halbzeit das Gefühl, dass diese Engländer auf ein Elfmeterschießen aus waren – als hätte es all die Elfmeterschießen der jüngeren und älteren Vergangenheit nicht gegeben! Vielleicht war die englische Fußballseele von dem Vertrauen besetzt, dass man es diesmal schaffen, dass man irgendwann den Bann brechen würde und dass das ausgerechnet an diesem Tag passieren müsste. Darin haben sich die Engländer aber gründlich getäuscht.

Vielleicht täuschen sich auch die Deutschen, denn die argumentieren und rationalisieren momentan ganz ähnlich. Natürlich stehe man dem Angstgegner Italien gegenüber, aber diesmal werde man die Italiener besiegen, denn jede Negativserie müsse ein Ende haben und wann, wenn nicht jetzt, wenn nicht mit dieser Mannschaft, mit welcher dann? So klingt es aus bundesdeutschen Radiostationen voller Zuversicht. Und man freut sich auf dieses Spiel – ganz ehrlich! Ich glaube es den Deutschen auch. Es hätte im Halbfinale kein unangenehmerer, aber auch kein attraktiverer Gegner als Italien warten können. Dass aber Italien so unangenehm und so attraktiv gleichzeitig sein kann, das hat sich erst im gestrigen Spiel offenbart – auch, wenn man es vorher schon vermuten konnte. Das Spiel am Donnerstag hat bestes Potenzial, das spannendste und emotionalste internationale Bewerbsspiel seit langem zu werden. Oder aber es wird hässlich und eines von beiden Teams (im schlimmsten Fall alle beide) zeigt seine grausigste Fratze – dann wissen wir wenigstens, zu wem wir im Finale halten sollen!

Das schönste Gesicht hat aber momentan Italien und der Geist des italienischen Fußballs kulminiert in Andrea Pirlos Elfmeter: Der im Stil von Antonin Panenka in die Mitte geschupfte Ball steht für Wagemut, Lässigkeit, Intelligenz und das nötige Maß an Arroganz, das ein guter Fußballer einfach braucht. In gewisser Weise hat so ein Schuss natürlich auch viel mit Humor zu tun (weil hier einer, auf gut österreichisch gesagt, mit jemandem Schmäh führt) und ein Treffer wie dieser ist der beste Beweis dafür, dass Elfmeter immer nur im Kopf geschossen werden. Da passte es gut, dass Pirlos Lässigkeit auf Joe Harts gespielte Vergnügtheit traf. Dieser hatte noch vor dem Spiel verlautbart, dass er sich auf ein Elfmeterschießen freue. Dementsprechend blöd grinsend stand er dann auch im Tor, streckte den Schützen die Zunge entgegen. Montolivo ließ sich davon veräppeln, die anderen ignorierten es. Aber nur Pirlo antwortete ihm.

Den allerhaltbarsten Elfmeter so zu versenken, dass er praktisch unhaltbar ist: Da kann man sich sämtliche Statistiken und Berechnungen in die Haare schmieren – hier scheint der Geist des Fußballspiels voll durch; denn letztlich handelt es sich um ein Spiel, das Kinder irgendwann einmal spielen und lieben gelernt haben. Und genau so ein Spiel bleibt es im Kern seines Wesens auch dann, wenn es um Ruhm, Geld und Ehre geht. Die Italiener haben das schon während des Spiels immer wieder gezeigt (so wie Spanien und Holland vor vier Jahren), aber Andrea Pirlo gab uns mit seinem Elfmeter die kondensierte Variante: Es muss wie ein Kinderspiel aussehen und trotzdem für Normalsterbliche unmöglich scheinen.

Samstag, 23. Juni 2012

Heitere Glückseligkeit


Deutschland ist beruhigt. Gestern zwischen neun und elf hörte man auf den Straßen kaum mehr Autos fahren, aus allen Gärten roch es nach Gegrilltem und man ärgerte sich höchstens über den Nachbarn, der, weil er das Spiel über Satellit empfangen konnte, die deutschen Tore immer 4-5 Sekunden früher bejubelte. Heute sah man auf den Straßen zufriedene Gesichter, die große Blamage ist ausgeblieben, man hat sich mit einem klaren 4:2 gegen Griechenland erstmal als Favorit in Stellung gebracht. In der ersten Hälfte mühten sich die Deutschen noch etwas ab, zu viele Chancen, zu wenig Ausbeute – man spielte spanisch gegen wieder einmal sehr griechisch spielende Griechen. Irgendwann sprach es sich dann doch einmal durch, dass der griechische Torhüter nicht zu den Granden seiner Zunft gehört, und man probierte es dann doch einmal mit Schüssen aus der Halbdistanz (Lahm 1:0) und Flanken (Khedira 2:1).

Das Tor für die Griechen erfolgte logischerweise aus einem Konter nach deutschem Fehler im Spielaufbau (davon gab es auch ein paar – Schweinsteiger). Dass das zweite aus einem Hand-Elfmeter resultierte, wunderte auch nicht und war höchstens ein kleiner Schönheitsfehler im deutschen Ergebnis. An der Überlegenheit der Deutschen konnte jedoch keiner zweifeln. Dabei brachte erst der Ausgleich der Griechen die Wende; erst als die Griechen das schafften, was ihnen eh niemand zugetraut hätte (nämlich einen Rückstand aufzuholen), wachten die Deutschen auf und spielten konsequenter ihre Übermacht aus. Das führte zu drei weiteren Toren und zu der Erkenntnis, dass die Truppe von Jogi Löw auch in der scheinbaren „B-Besetzung“ (Schürrle und Reus für Poldi und Müller; Klose für Gomez) eine hocheffiziente Mannschaft sind.

Bundeskanzlerin Merkel versprach einen weiteren Besuch – allerdings nur unter der Bedingung, dass es die Elf auch ins Finale schafft. Wenn die Deutschen Glück haben (und das haben sie nicht selten), dann schlägt heute England irgendwie die Italiener. Aber auch wenn die Italiener sich durchsetzen sollten – was das Erwartungsgemäße wäre – darf man sich auf die Chance freuen, sich für das Halbfinal-Aus bei der Heim-WM revanchieren zu können. England seinerseits würde sich für die bittere Niederlage von vor zwei Jahren in Südafrika rächen wollen; aber auch für so viele andere Niederlagen (bei der Heim-EM 1996 zum Beispiel), die jeweils tiefe Wunden in der englischen Fußballseele hinterlassen haben. Im jeden Fall wird Deutschland im Halbfinale eine emotionale Partie zu bestreiten haben. Bis dahin darf man sich aber noch ein bisschen in der Überlegenheit sonnen, die man momentan ausstrahlt.

England gegen Italien: Das klingt vielleicht besser als es wird. Freilich garantieren diese Namen unter normalen Umständen einen Fußballklassiker, aber dafür agiert Italien momentan zu abgeklärt und die Engländer zu ungefährlich. Außer Wayne Rooney erlebt einen Ronaldo- bzw. einen Ibrahimovic-Effekt und spielt endlich so, wie der große Star in einem eigentlich mittelmäßigen Team aufzuspielen hat. Wenn es ein spannendes Match wird, ist ein knapper Sieg der Italiener (vielleicht auch in der Nachspielzeit) zu erwarten. Sollte es ein katastrophales Match werden, sehen wir das erste 0:0 gefolgt von einem Elferschießen, das die Engländer normalerweise verlieren müssten. Außer...

Eitle Wonne, diese Phase des Turniers, denn ab nun reiht sich Schlager an Schlager, KO an KO. Das Erbarmungslose wird zum Erstrebenswerten, das Glück zur Glückseligkeit, das Hässliche zum Unerträglichen. KO-Phasen steigern fußballerische Grundemotionen, sie verdichten das Spielgeschehen, poetisieren jedes Tor zur Heldentat, jede Schwalbe zur Niedertracht und jede Standardsituation zur Klimax. KO-Phasen lassen eigentlich erst erahnen, warum überhaupt Fußball gespielt wird und warum Europa- und Weltmeisterschaften zu den (medialen wie emotionalen) Großereignissen werden können, die sie zu Recht sind.





Mann des Tages: Sami Khedira. Wohl einer der besten Spieler am Platz und sorgte mit dem 2:1 für den deutschen Aufschwung.

Buhmann des Tages:
 Der Nachbar mit dem Satelliten-Signal.

Freitag, 22. Juni 2012

Die Möglichkeit eines Untergangs


Portugal eliminiert Tschechien in der ersten Viertelfinalbegegnung mit 1:0: Ein Sieg, der klarer war, als das Ergebnis vermuten lässt. Heute spielt Griechenland gegen Deutschland um den Einzug ins Halbfinale - und um so viel mehr!


Warum aus dem von mir gestern getippten 3:1 dann nur ein 1:0 geworden ist, ist schnell erklärt: Ich hatte mit einem frühen Zufallstor der Tschechen gerechnet, das in der Phase fallen sollte, da sich Portugal noch warm laufen musste. Das war gestern die erste Viertelstunde, in der für Portugal wenig, für die Tschechen aber so gar nichts lief. Das Zufallstor aber fiel nicht und wollte auch zu einem späteren Zeitpunkt nicht fallen. Insofern haben mich die Tschechen nur in diesem Belange enttäuscht, ansonsten spielten sie in etwa wie erwartet.

Portugal hat nur ein Tor geschossen, aber auch das war bloßer Zufall, wenn man bedenkt, dass allein C. Ronaldo schon drei Stangenschüsse hatte. Also eigentlich wäre es ein 5:1 geworden, aber daran hatte auch Petr Cech einen gewissen Anteil, der gestern wenig zugelassen und so die Chance, ein Zufallstor zu erzielen (andere Tore schießt Tschechien eh nie), bis zum Schluss aufrecht erhielt. Nur: Nach dem 1:0 für Portugal kam von den Tschechen gar nichts mehr; man war müde, kraft- und willenlos – ein würdiger Vertreter der Gruppe A also.

Der unwürdigere Gruppenkollege, Griechenland nämlich, kann zumindest das mit dem Willen besser. Und wenn der stimmt, kommt die Kraft ganz von alleine. Besonders, wenn es gegen die Deutschen geht, denn da will man sich und dem Rest Europa beweisen, dass Griechenland sich nicht an die Wand spielen lässt – auf dem Fußballplatz nicht, und auch sonst nicht. Ob das gelingt, ist eine andere Frage. Deutschland ist eine Turniermannschaft, sagt man immer. Was das genau heißt, weiß zwar niemand so genau, aber es soll wohl heißen, dass die deutsche Mannschaft das Potenzial zur Steigerung während des Fortschreiten des Turniers meistens ausschöpft – zumindest bis es gegen Italien geht.

Kein leichtes Spiel also für die Griechen; wer aber glaubt, dass Deutschland sich nicht ein kleines bisschen in die Hosen macht, der liegt falsch. Freilich ist ab der KO-Phase die Angst, zu verlieren, immer gegenwärtig. Das bedeutet auch, dass der psychologische Aspekt immer wichtiger wird. Und da sehe ich die Griechen im Vorteil, denn die haben nichts zu verlieren. Und doch sind natürlich immer die, von denen man sagt, dass sie nichts zu verlieren hätten, die krassen Außenseiter. Team Deutschland sollte die Klasse und Erfahrung haben, mit einer solchen Situation umzugehen und so sehe ich am Ende dieses Abends ein solides 2:0 für Deutschland stehen.

Wenn aber... ja dann! Dann hätten wir ein EM-Spiel gesehen, über das man in beiden Ländern noch sehr, sehr lange reden wird! Vor dem Spiel können wir jedoch höchsten von der Möglichkeit eines Untergangs sprechen.



Mann des Tages: Cristiano Ronaldo zum wiederholten Male. Wenn er so weiter macht, wird er zum Spieler der EM und da müsste man nicht einmal das Finale erreichen.


Vize-Mann des Tages:
 Petr Cech, der eine schwierige EM zu spielen hatte. Trotz seines Patzers gegen Griechenland natürlich bester Tscheche auf dem Feld – für den Torhüter des Turniers wird es aufgrund des frühen Ausscheidens seiner Mannschaft aber nicht reichen.

Donnerstag, 21. Juni 2012

Die Enttäuschenden


Es würde doch sehr verwundern, ein Team der Gruppe D im Finale zu sehen. Frankreich und England sind nach wenig überzeugenden Leistungen weiter, Schweden bäumt sich noch einmal auf und bei der Ukraine bleibt ein schlechter Beigeschmack.


Vor Beginn der EM habe ich erwartet, dass sich Frankreich in der Gruppe D deutlich durchsetzen wird, England es schwer haben wird und Schweden gefährlich werden könnte, während die Ukraine vernachlässigbar bleibt. Von diesen Vorhersagen hat sich nur jene über England bewahrheitet und selbst die wird durch den ersten Platz, mit dem die Engländer ins Viertelfinale aufsteigen, ironischerweise noch relativiert. Ironisch ist dies deshalb, weil der erste Platz der Engländer eigentlich überhaupt nicht in Ordnung geht. Der stellt sie nämlich auf eine Stufe mit Deutschland und Spanien - und das zeigt schon, wie absurd es in dieser Gruppe D eigentlich zugegangen ist.

Die Ausgangslage vor den Spielen gestern war recht klar: Schweden war schon ausgeschieden und die Ukraine konnte sich nur mit einem Sieg noch in das Viertelfinale retten. Wie nah sie einem solchen kamen, wagte sich aber vorher keiner auszumalen! Dabei spreche ich gar nicht vom Tor, das sie zwar geschossen, aber nicht zuerkannt bekommen haben, sondern von der schwachen Leistung der Engländer, die im Spiel gegen den Gruppenaußenseiter ihr wahres Gesicht gezeigt haben. Da waren über lange Strecken weder Wille noch Weg erkennbar, da wurde gar nichts gemacht. Das englische Tor fiel freilich aus einer Standardsituation und blieb eine der wenigen beachtenswerten Aktionen des neu hinzugekommenen Wayne Rooney. Die Engländer schienen von Anfang an auf ein 0:0 zu spielen, was eigentlich bestraft hätte werden müssen.

"Hätte werden müssen" ist allerdings eine Figur, die der Fußball nicht kennt. Das zeigte sich am deutlichsten beim Tor der Ukrainer: John Terry klärte den Ball dabei hinter der Linie, was der Torrichter, dessen einziger Job im Grunde darin besteht, bei solchen Aktionen für Klarheit zu sorgen, nicht gesehen hat. Das ist problematisch, zumal es bisher schien als wäre die Einführung der Torrichter eine gute und richtige Idee gewesen. Jetzt fangen eben die Diskussionen wieder an; und das, obwohl die Aktion schon zuvor abgepfiffen hätte werden müssen, da sie aus einer Abseitsstellung entstanden war. Irgendwie lustig, denn da wurde eine Fehlentscheidung durch eine andere wieder aufgehoben. Die Engländer kümmerte das alles wenig, sie fühlten sich für das nicht gegebene Tor von Bloemfontein bei der WM gegen Deutschland vor zwei Jahre gerächt. So einfach ist Fußball manchmal - mit oder ohne "hätte werden müssen".

Die Franzosen und die Schweden haben auch ihre wahren Gesichter gezeigt. Frankreich hat sein letztes Gruppenspiel verloren und damit bewiesen, dass es auch gegen mittelklassige Gegner nicht restlos überzeugen kann. Vielleicht klappt das gegen hochklassige Gegner besser. Das zu beweisen steht jetzt gegen Spanien an - als Strafe für den zweiten Platz in dieser Gruppe der Enttäuschenden. Schweden war vor dem letzten Spiel schon raus und zeigte dann erst, was möglich gewesen wäre. Das ist schön, wenn eine Mannschaft toll spielen kann, wenn es um nichts mehr geht – aber helfen tut das niemandem. Am allerwenigstens Zlatan Ibrahimovic, dem Berufsunsympathler, der sich wohl mit dem Tor des Turniers von ebenjenem und aus der schwedischen Nationalmannschaft verabschiedet hat. Wer jetzt Europameister wird, sei ihm „scheißegal“, so ließ er erst kürzlich verlautbaren. Recht hat er, der Ibra – uns war ja auch immer scheißegal, was er sonst so macht, wenn er grad nicht auf dem Platz steht.

Ein wenig ratlos müssen wir jetzt den Viertelfinalspielen mit den Überlebenden dieser Gruppe D entgegen sehen. Hat Spanien wirklich leichtes Spiel mit diesen Franzosen, oder sind sie noch für eine Überraschung gut bzw. kann Spanien wieder an die Form vom Irland-Spiel anschließen? Normalerweise müsste ein Fixeinzug ins Halbfinale sowohl für Spanien als auch für Italien drin sein. Aber Euros haben schon manche seltsame Geschichte geschrieben und daher wissen wir, dass wir mit einem „normalerweise“ genauso weit kommen wie mit einem „hätte werden müssen“. Attraktive Viertelfinalpaarungen sind das allemal; so rein vom Klang her erinnert uns das an verregnete Nachmittage unserer Kindheit vorm Computer. Da ließ man auch gerne Italien gegen England oder Frankreich gegen Spanien spielen – niemals aber Deutschland gegen Griechenland oder Portugal gegen Tschechien!

Heute geht es mit der KO-Runde los und mit einem Spiel, auf das man sich eigentlich freuen kann. Denn erstmal steht ein Team aus der Gruppe A einem ernsthaften Gegner gegenüber, noch dazu einem, der für mich zu einem der überzeugendsten der Vorrunde gehört. Portugal sollte dieses Spiel gewinnen, um sich die Chance zu sichern, im Halbfinale gegen Spanien irgendwie unglücklich ausscheiden zu können (dieses Skript habe ich in meinem Kopf für die Portugiesen reserviert). Die Tschechen sollten dabei kein Hindernis darstellen. Doch hier haben wir schon wieder so ein Wort im Konjunktiv: mit „sollte(n)“ kommt man auch nicht weit. Irgendwie ist diese vorsichtige Vorhersagerei aber langweilig, also sag ich's frei heraus: Portugal gewinnt 3:1 und Tschechien holt sich mindestens drei gelbe Karten, wenn nicht sogar eine gelb/rote. Ronaldo trifft übrigens auch heute wieder, allerdings nicht aus einer Freistoßsituation.

Achja: Bisher gab es kein 0:0 und ab jetzt gibt es kein Unentschieden mehr; ist doch irgendwie erfreulich. Bin gespannt, ob die Engländer wieder im Elfmeterschießen ausscheiden. Gegen Italien besteht zumindest immer die Möglichkeit, dass es so weit kommt...



Mann des Tages: Zlatan Ibrahimovic – der Anti-Ronaldo, zumindest was die Verteilung unter denen angeht, die Unsympathler lässig finden. Ich kenne niemanden, der sowohl C. Ronaldo als auch Ibra gut findet. Ich mag sie beide nicht, würde aber beide gerne im selben Team spielen sehen, nur um zu beobachten, wie Ibrahimovic mit Ronaldo umgeht!


Buhmann des Tages: Oleg Blokhin, der wie ein Rumpelstilzchen an der Seitenlinie herumhüpfte, nachdem das Tor für sein Team nicht gegeben wurde. Hätte er sich mehr auf seine taktischen Möglichkeiten besonnen, wäre da vielleicht noch was drin gewesen. So aber kam das allzu „ukrainisch“ herüber – und zwar ukrainisch im schlechtesten vorurteilsbehafteten Sinne.

Mittwoch, 20. Juni 2012

Fußball für Nerds

Wir schließen die Gruppe C mit einem 1:0 von Spanien über Kroatien und einem italienischen 2:0 Sieg über Irland. Die Rechnereien sind erstmal vorbei, die Favoriten wieder weiter.
Als ich vorgestern geschrieben habe, dass mich die Endspiele der Gruppe B mit dem seltsamen Aufstiegsmodus der Euro-Gruppenphase versöhnt haben, wusste ich noch gar nichts von den möglichen Aufstiegskonstellationen in Gruppe C. Dort ging es nämlich ähnlich bunt zu und wir waren über weite Strecken des Kroatien-Spanien-Spiels nicht sicher, ob die Italiener oder die Kroaten weiterkommen würden. Auch der ORF-Kommentator Thomas König kannte sich zuweilen gar nicht mehr aus. So kapierte er erst Minuten nach dem spanischen Tor, dass dieses für Kroatien eigentlich gar nichts zu bedeuten hatte, dass mit einem 1:1 Italien auch draußen wäre – oder so ähnlich. Ganz genau wusste es an diesem Abend nie jemand. Das erklärte auch die Erleichterung der italienischen Spieler nach dem Abpfiff ihrer Partie gegen Irland. Es muss ein komisches Gefühl sein, eine Partie 2:0 zu führen und sich, was den Aufstieg betrifft, nie in Sicherheit wiegen zu können.

Wie ging das also bei Punktegleichstand nochmal? Aufgestiegen ist der, der 1. mehr Punkte im direkten Vergleich holte, der 2. eine bessere Tordifferenz im direkten Vergleich hatte, der 3. mehr Tore im direkten Vergleich erzielte. Wenn dann immer noch alles gleich wäre, dann würden diese Kriterien noch einmal angewendet, und zwar diesmal nur auf die direkten Duelle zwischen den gleichplatzierten Mannschaften. Danach hätten wir noch die bessere Tordifferenz aus allen Gruppenspielen und die Anzahl der erzielten Tore aus allen Gruppenspielen zur Entscheidungsfindung heranzuziehen. Reichte das immer noch nicht, würde es sehr absurd weitergehen: Dann wird nämlich auf den UEFA-Koeffizienten geschaut und schließlich auf das Fairplay-Verhalten während der Endrunde (!?). Am Ende steht der Losentscheid, aber dass es soweit kommen kann, ist allein aufgrund der Absurdität der beiden vorhergehenden Kriterien so gut wie unmöglich. Also, alles klar? Jetzt rechnen wir das alles mit drei oder vier Mannschaften während eines Spiels durch und immer, wenn ein Tor fällt, starten wir unsere Berechnungen neu, damit wir dann am Ende sagen können „Juchee, es ist noch nicht vorbei!“ oder eben „Team X bräuchte nur noch ein Tor, wenn Team Z im Spiel gegen Y mindesten noch drei Fouls begeht, damit Team W beim Heimfahren den Diesel von der UEFA bezahlt bekommt.“ Wie ein des Rechnens kundiger Freund von mir bemerkte, hat die UEFA mit diesem Vorrunden-Modus nun endlich auch die Nerds fußballnarrisch gemacht.

Nun gut, die Gruppe C ist jetzt auch abgeschlossen und es fahren Irland (erwartungsgemäß) und Kroatien (leider) heim. Für das kroatische Team ist die Niederlage deshalb bitter, weil man gegen die Spanier auf hohem taktischen Niveau agierte und damit den Italienern ebenbürtig war, ohne Italien sein zu müssen. Dass man aber vor lauter Hosenscheißen auf das Offensivspiel vergisst (oder verzichtet), wenn man doch ein Tor bräuchte, das ist eigentlich unverzeihlich. So war es eine interessante aber unbelohnte Vorstellung von Team Hrvatska, das neben Dänemark nun als ein weiterer schmerzlicher Verlierer nach Hause fährt, den wir vermissen werden.

Das von Slaven Bilic wieder ausgezeichnet eingestellte Team neutralisierte das spanische Tikitaka (das auch schon mal wirkungsvoller ausgesehen hat) fast nach Belieben: einmal früh, noch vor der Mittellinie, dann wieder tief vor dem eigenen Strafraum. Freilich änderte das an der spanischen Ballbesitz-Übermacht nur wenig – und es kostete viel Kraft, welche die Kroaten am Ende nicht mehr aufbringen konnten, als es darum ging, die Frucht noch irgendwie im Korb unterzubringen. Dass das spanische Tor eigentlich Abseits war, ist wieder so eine Geschichte, die uns zwei Tage danach schon nicht mehr interessiert, genauso wie der vermeintlich eindeutige Elfmeter, der den Kroaten nicht zugesprochen wurde. Sich auf solche Dinge zu verlassen, stinkt nicht nur nach fauler Ausrede, sondern geht auch irgendwie am Geist des Sports vorbei. Letztlich vergaß Kroatien auf die zweite große Fußball-Maxime, die einst Sepp Herberger formulierte: „Das Runde muss ins Eckige!“ Ja, so einfach klingt das, so schwer ist das manchmal zu bewerkstelligen...

Die Italiener, von denen man aufgrund des (diesmal richtig gewählten) ORF-Fokus auf das Spanien-Spiel nur wenig sah, ließen die Rechner natürlich auch hoffen: Darauf, dass es auf einmal heißen würde „Tor in Posen!“ und man plötzlich jubelnde Trapattoni-Iren sehen würde. Diese Hoffnung zerstörte Cassano in der 35. Minute, denn da hieß es „Tor in Posen!“ und man sah statt der jubelnden Iren einen jubelnden Cassano. Man hofft ja als Fußballfan gerade bei solchen Spielen, gerade in solchen Momenten, wo alles passieren kann, wo ein Tor tatsächlich den Unterschied (nicht nur in einem, sondern womöglich in zwei Spielen) macht, auf die große kleine Sensation: Ein irisches Tor wäre so etwas gewesen und wen hätte man so eine Sensation eher gewünscht als den lieben Iren? Wieder beeindruckten deren Fans, als man diese zu hunderten Arm in Arm mit dem Rücken zum Spielfeld auf den Rängen hüpfen sah. Das evozierte sogar spontanen Applaus von der in Graz beim Public Viewing versammelten Meute. Viel schöner als die irischen Fußballer sind die irischen Fans anzusehen – leider wird das die Erkenntnis sein, mit der uns die irische Mannschaft nach dieser Euro zurücklässt. Wer die Iren auch mal einen Sieg feiern sehen will, der sollte sich ein Spiel der kommenden WM-Qualifikation ansehen – vielleicht jenes gegen Österreich?

Erwähnung finden muss auch noch das zweite Tor der Italiener: Endlich trafen nämlich beide Stürmer in einem Spiel und so durfte auch noch Mario Balotelli jubeln, dem sein Teamkollege Leonardo Bonucci nach seinem Treffer den Mund zuhielt – aus Angst, das Enfant terrible könnte wieder irgendetwas Dummes von sich geben. War vielleicht gar keine so schlechte Idee, denn nach so einem schönen Treffer (Seitfallzieher am Fünfer nach Eckball) neigen solche Charaktere gerne zum Übermut. Bonucci meinte, er hörte Balotelli irgendetwas auf Englisch sagen, das er nicht gleich verstand, also hielt er ihm lieber gleich den Mund zu. Kurios, aber so eine intelligente Konsequenz kann man nur von einem italienischen Verteidiger erwarten.

Spanien und Italien haben also die Gruppe C überstanden und so haben sich hier erwartungsgemäß die Favoriten durchgesetzt. Allerdings würde ich hier nun den zweiten Joker einfordern und die Kroaten gerne gegen die Griechen eintauschen – oder gegen irgendeinen der beiden Sieger aus der Gruppe D. Fußballerisch hätten sie sich das verdient, auch wenn ich auf die saublöden Feuerwerkskörper verzichten kann, welche die kroatischen Fans immer meinen zünden zu müssen. Das also nehmen wir aus dieser Gruppe mit: Wir hätten gerne ein kroatisches Team mit irischen Fans; das wäre für Fans, Spieler und Zuseher eine echte Bereicherung!




Mann des Tages: Slaven Bilic zum Abschied. Er ist und bleibt der charismatischste und gleichzeitig ausgefuchsteste Trainer des Turniers. Leider fand er im entscheidenden Spiel nicht den letzten Mut zur Offensive.


Buhmann des Tages: Schiedsrichter Wolfgang Stark im Spiel Spanien gegen Kroatien. Das war wieder mal ein Beispiel dafür, wie man eine Partie nicht pfeifen sollte. So zerpflückt und zerzaust war das zeitweise, dass einem das Zusehen fast verging bzw. zumindest vermiest wurde. Eigentlich beeindruckend, wie sehr im Fußball ein guter Schiedsrichter zur Attraktivität einer Partie beitragen kann.

Montag, 18. Juni 2012

Versöhnliches Ende


Die Niederlande verabschieden wir leise, den Dänen trauern wir ein wenig nach. Deutschland und Portugal haben es geschafft und sind mit jeweils einem 2:1 Sieg der Mördergruppe entkommen.


Na, war das ein Fußballabend? Die Gruppe B hat nie zu viel versprochen und gestern kam es dann zum endgültigen Showdown. Man fragt sich, wofür man drei Gruppenspiele spielen muss, wenn sich dann letztlich eh alles im dritten entscheidet. Was hätte nicht alles passieren können! Deutschland hätte nach Hause fahren können, Holland noch aufsteigen, letzten Endes ist aber alles so passiert, wie es vor dem Spiel am wahrscheinlichsten schien: Deutschland und Portugal steigen auf, die Dänen und Niederländer fahren nach Hause. Dabei hätte ich, ich habe es schon vor ein paar Tagen bekundet, überhaupt nichts dagegen gehabt, wären Dänemark und Portugal aufgestiegen... Egal, jedenfalls hat mich der gestrige Abend absolut mit dem Parallelspiel-Modus versöhnt. Und das kam so:

Die Niederländer mussten weg. Dabei sah zunächst alles so anders aus als in den Partien zuvor. Endlich löste van Marwijk seine defensiven Doppel-6er van Bommel/de Jong auf und ließ van der Vaart statt des Kapitäns und Schwiegersohns van Bommel starten. Zusätzlich nahm Marwijk auch Huntelaar mit in die Startelf und so begann Holland mit so etwas wie einem 4-1-3-2 mit einem offensiv aufspielenden Kapitän van der Vaart, was sich auch bald bezahlt machte, denn in der elften Minute erzielte jener das 1:0 für die Niederlande. Acht Minuten später schoss Podolski in Lemberg die Deutschen in Führung und so waren wir nur noch ein Tor vom gemeinsamen Aufstieg Hollands und Deutschlands entfernt. (Die Niederländer mussten ja ihr Spiel mit zwei Toren Unterschied gewinnen.)

Dann aber bekam Team Holland das polnische Syndrom und das aufregende Offensivspiel der ersten Minuten sackte zusammen (van der Vaart zog sich ebenfalls wieder etwas zurück, und so war es dann doch wieder das gute alte 4-2-3-1, nur halt mit einem Holzfuß statt zweien auf der 6er-Position) – Portugal begann mitzuspielen und rannte gegen die wie immer schwache niederländische Defensive an (diesmal mit Vlaar statt Heitinga). Wer die kennt und Portugals Angriffsspiel schon mal gesehen hat, der wusste, dass das nicht lange gut gehen würde. Holland hätte ein zweites Tor gebraucht, nicht nur des Ergebnisses wegen, sondern um den Portugiesen das Momentum zu nehmen und sich selbst Sicherheit zu geben. Doch es kam, wie es kommen musste: Der Drei-Wetter-Taft-Cowboy hatte seinen ersten großen Auftritt und netzte zum 1:1. Cristiano Ronaldo eierte zwei Spiele lang herum, vergab zig Hundertprozentige und es sah bald so aus, als wäre ein mögliches portugiesisches Debakel allein ihm zuzuschreiben. Und dann, im entscheidenden Spiel, tritt er auf und macht das erste wichtige Tor. Das hat schon Klasse, keine Frage!

Nun hatte aber 4 Minuten zuvor Krohn-Deli die Dänen wieder rehabilitiert und so stand es jetzt in beiden Partien 1:1. Den Deutschen hätte das gereicht – den Niederländern freilich nicht. Aber C. Ronaldo hatte ihnen das letzte kleine Flämmchen ausgeblasen, das sie vor dem Spiel noch entfachen hatten können. Als dann selbiger Ronaldo in der 74. Minute zum 2:1 traf, stellte das die Niederländer vor die unmögliche Aufgabe, noch drei Tore schießen zu müssen. In Charkiw war damit alles gelaufen – in Lemberg aber noch lange nicht. Denn nun waren wir nur noch ein Tor davon entfernt, auch Deutschland verabschieden zu müssen. Hätten die Dänen in dieser Phase noch das 2:1 gemacht – und an Chancen dazu mangelte es ihnen überhaupt nicht – wären Portugal und Dänemark weiter gewesen.

Dann kam Lars Bender, der Boateng in der Abwehrkette ersetzte und damit sein erstes Spiel dieser EM von Beginn an spielte, und erlöste die Deutschen von ihrem Bangen und die Dänen von ihrem Hoffen, indem er den Ball zum 2:1 in das Tor schob. Es war vielleicht das unkomplizierteste Tor dieses Turniers, aber für Fußballdeutschland das wichtigste, denn nun konnte man sagen: 9 Punkte aus drei Spielen und damit jetzt schon als die beste Vorrundenmannschaft im Viertelfinale: Das sollte Auftrieb geben. Außerdem erkannte man hier erneut, welche Luxusprobleme die Deutschen bejammern, wenn sie von Besetzungsschwierigkeiten auf manchen Positionen sprechen... Zuerst macht der fragwürdige Boateng zwei sehr gute Spiele, dann kommt sein Ersatzmann Bender und sichert mit einem Tor das Weiterkommen der Nationalelf: Deutschland, Deutschland, deine Sorgen! ...

Schade ist es um die Dänen schon. Kein Team spielt so cool wie die; kein Team ließ sich von Gegentreffern so wenig beeindrucken wie die Dänen. Man hatte das Gefühl, dass sie vollkommen auf das vertrauten, was ihnen zur Verfügung stand: ein mittelmäßiges Spielermaterial mit zwei, drei wirklichen Klasseleuten, ein ausgeklügeltes taktisches Konzept mit einem Coach, dem man blind vertrauen kann und unbedingter Kampfeswille – egal bei welcher Ausgangssituation, egal in welcher Phase des Matches. Vor allem letztere ist eine Qualität, die andere Mannschaften vermissen ließen (Polen, Russland, Holland), obwohl sie vielleicht sonst nominell besser dastanden als die Dänen. Ich würde die Dänen gerne gegen ein Team aus Gruppe A tauschen, am liebsten gegen die Tschechen, denn das Duell Griechenland-Deutschland wollen wir uns sicher nicht entgehen lassen.

Was wohl los wäre, verlöre Deutschland gegen die Griechen? Gerne würde ich die Bild-Schlagzeilen dazu lesen, gerne würde ich die Genugtuung in den Gesichtern der Griechen sehen, wenn sie den Fußball-Riesen zu Fall gebracht hätten. Europäischer könnte diese Euro gar nicht werden! Zwar habe ich mich darauf festgelegt, nur die fußballerische Seite der teilnehmenden Länder betrachten zu wollen, bei Griechenland gegen Deutschland aber wird freilich mehr im Spiel sein: Das wird eine ganz emotionale Partie, vor allem für die Griechen. Natürlich bleibt Deutschland haushoher Favorit – aber gegen Favoriten zu spielen sind die Griechen gewohnt. Das wird für die Teutonen kein Strandspaziergang auf Kos in Adiletten!

Portugal ist auch zurecht weiter. Sie spielen ansehnlichen, sehr engagierten Fußball, ohne eine besonders sympathische Mannschaft zu sein. Sie sind, obwohl ewiger Geheimfavorit, ein bisschen Überraschungsaufsteiger in dieser Gruppe. Zuvor hieß es: Wenn die Portugiesen diese Mördergruppe überstehen, dann können sie auch ins Finale kommen. Dazu müssten wir aber erstmal wissen, wer im Halbfinale auf sie warten könnte. Derzeit deutet nämlich alles auf Spanien hin. Aber bis dahin ist es bekanntlich noch eine Weile hin und ein langer Weg... Zuerst geht es für die Portugiesen nämlich gegen Tschechien. Alles andere als ein Sieg wäre nach dieser sehr soliden Vorrunde eine Enttäuschung.



Heute ermittelt die Gruppe C ihre beiden Viertelfinalisten. Spanien und Kroatien dürfen sich dabei nicht 2:2 trennen, sonst machen sie sich des Betrugs verdächtig. Italien hätte dann nämlich keine Chance mehr auf den Aufstieg, egal wie hoch sie gegen Irland gewinnen. Für Kroatien wird es gegen Spanien natürlich schwer werden; die Spanier gelten seit dem Irland-Spiel wieder als hohe Favoriten auf den Titel. Mit der „mittleren Mannschaft“ Kroatien als Gegner könnte man sich für das Viertelfinale warm machen, um dann gut vorbereitet gegen England oder Frankreich (oder die Ukraine?) „ins Feld zu ziehen“. Man muss davon ausgehen, dass die Italiener gewinnen und die Iren wieder schön singen werden. Was am Ende mehr wert ist, wird im Parallelspiel entschieden. Die Italiener täten dem Turnier in der KO-Phase besser als die Kroaten, die vielleicht Stolperstein sein könnten, aber letztlich irgendeinem der beiden großen Teams (Spanien, Deutschland) zum Fraß vorgeworfen werden. Italien hingegen hat immer (!) absolutes Finalpotenzial und ist Deutschlands Angstgegner.

Wir dürfen uns, so glaube ich, wieder auf einen hochklassigen und spannenden Fußballabend freuen. Mal sehen, ob uns heute jemand überrascht...




Mann des Tages: C. Ronaldo, da kommt man nicht drum herum. Er ist erwacht, unsympathischerweise. Es ist nur gut, dass er weniger Freistöße als früher trifft. Jedes Mal, wenn er sich so saublöd breitbeinig aufstellt und dann nicht trifft, wird dieser Firlefanz ein bisschen lächerlicher. Das ist gut so.


Buhmann des Tages: Der ORF, der, so wurde mir berichtet, das eigentlich uninteressantere Spiel (Deutschland vs. Dänemark) übertragen hat. Aber das ist die Hörigkeit der ORF-Leute gegenüber dem deutschen Fußball. Ist ja bei der Championsleague auch immer das gleiche: Wenn da z.B. Arsenal gegen Real Madrid spielt und gleichzeitig Bayern gegen Dynamo Kiew, kann man sich sicher sein, dass der ORF das Bayern-Spiel überträgt, auch wenn es da um nichts mehr geht und beim anderen um alles. Das wird dann immer damit gerechtfertigt, dass es bei uns halt doch viele Bayern-Fans gibt usf. An die Fußball-Fans denkt dabei aber nie wer. Stumpfes Denken ist das, ganz stumpfes Denken!

Sonntag, 17. Juni 2012

Nachzipf


Kurze Rekapitulation des Finales in der Gruppe A. Griechenland schlägt Russland unerwartet 1:0, Gastgeber Polen unterliegt Tschechien 0:1. Unerwartet war auch, dass es immer noch kein 0:0 bei dieser Euro gibt.


Müsste man das Ergebnis der Gruppe A in Lehrerjargon ausdrücken, wäre wohl die Rede von auf- bzw. absteigender Tendenz. Wieso die Griechen mit einem Nicht genügend aufsteigen und die Russen mit einem Befriedigend nach Hause fahren erklärt sich letztlich aus der hohen Dramatik, die eine solche letzte Runde haben kann. Sowohl Russland gegen Griechenland als auch Tschechien gegen Polen standen dauernd auf der Kippe. Die knappen Ergebnisse machten aber letztlich alles klar: Griechenland hat das geschafft, was eigentlich keiner für möglich gehalten hat, und Polen verfiel der alten Krankheit des stark Anfangens und schnell Nachlassens. In beiden Fällen reichte ein 1:0 um die Ausgangsverhältnisse der Gruppe A auf den Kopf zu stellen.

Vielleicht hat Griechenland in diesem Turnier mal wieder nicht den tollsten Fußball gespielt; aber ich habe schon in der letzten Begegnung festgestellt, dass sich da willensmäßig was tut, was sympathisch ist und funktioniert. Dieser Trend hat sich gegen Russland fortgesetzt, das sich seinerseits ein wenig auf den Lorbeeren der ersten eineinhalb Spiele ausruhte. Die Griechen wollten weiterkommen, haben alles dafür getan und letztlich war es Karagounis, der sein Land erlöste und ins Viertenfinale schoss. Dabei gelang Russland, das in allen Statistiken außer den erlittenen Fouls und eben den erzielten Toren vorne lag, wenig. Es war, als wehrte sich der viel zitierte Fußballgott gegen den russischen Aufstieg, weil er die Griechen für ihr Engagement belohnen wollte.

Dass Tschechien weiter ist, hat auch einen zartbitteren Beigeschmack – aber auch sie haben im letzten Spiel bewiesen, dass sie dabei sein wollen. Polen hat erneut aus einigen guten Chancen nichts gemacht und hat damit gegen das Leistungsprinzip der Gruppe A verstoßen, das besagt, dass, wenn man aus nichts ein bisschen was macht, es für gewisse Gegner reichen kann. Die Polen haben das umgedreht und aus wenig nichts gemacht – eine glatte Themenverfehlung. Leider, nun ist der erste Gastgeber ausgeschieden und es kann nur noch die Ukraine auf eine Überraschung in der Gruppe D hoffen. So unerwartet das Ergebnis in der Gruppe A ist, so gerecht ist es letztlich auch. Böse Zungen mögen behaupten, dass es eh immer schon wurscht war, wer in der Gruppe aufsteigt, weil im Viertelfinale für beide Mannschaften Schluss sein sollte.

Das mag zwar richtig sein, hängt aber natürlich auch davon ab, wer heute in der Gruppe B weiterkommt – und das kann theoretisch noch jeder sein. Mit einem guten letzten Spiel könnten sich sogar noch die inferioren Niederländer in die KO-Phase retten, sie sind dabei aber auf die Mithilfe Deutschlands angewiesen – keine angenehme Ausgangslage. Wer sich den Aufstieg letztlich verdient hat, kann man (das haben wir gestern gelernt) ohnehin erst nach dem letzten Spiel sagen, es gibt aber einen Trend, der am positiven Ende Deutschland und am negativen die Niederlande stehen hat. In jedem Fall steht uns ein hoch spannender Fußballabend bevor und ich darf zum letzten mal das orange Trikot anziehen. Orange ist nämlich sicher auch die Farbe der Verzweiflung.