Donnerstag, 8. Juli 2010

Die Stille vor dem Finale

Das eklige Vieh hat‘s doch tatsächlich wieder gewusst. Gott sei Dank haben wir jetzt Ruhe von dem Oktopus und Stille vor dem Finale!


Es ist still. So still wie auf den Autobahnen gestern abend in Deutschland um 20.30 Uhr. Die WM ist vorbei. Keine Vuvuzelas, keine Schlander, keine tanzenden Afrikaner und keine Sambaklänge mehr. Auch Maradona hat ausgeweint, Italien schweigt schon seit Wochen. Die WM ist vorbei. Aus. Alles was bleibt ist ein langweiliges Spiel um Platz drei zwischen Deutschland und Uruguay. Und ein Finale, das uns einen neuen Weltmeister bringen wird. Einen, der noch nie da war und der es verdient hat. Die einen, die Niederländer, weil sie seit den 70ern zur Weltspitze gehören, und die anderen, die Spanier, weil sie gestern so unerbittlich gezeigt haben, wofür die ganze Welt sie bewundert: schönen Fußball, der auch effektiv ist. Die ganz großen Höhepunkte aber sind schon vorbei, wie der Verfasser dieses Blogs es vorausgesagt hat. Möge er sich doch auch in diesem Punkt irren.

Die Holländer gaben sich in ihrer Halbfinalpartie launiger als zuvor. Den Auftakt zur Launigkeit machte Gio van Bronckhorst, der mit seinem unglaublichen Weitschuss vielleicht das Tor der WM erzielt hat. Da schrie das Volk, auch jenes, das weder mit Uruguay noch mit Holland was anfangen kann, denn solche Schüsse ließ die WM bisher vermissen (der Jabulani war's, der eitle Flatterball!). Spektakulär waren bisher höchstens Schiedsrichterentscheidungen, Spielverläufe und verschossene Elfmeter, weniger die Tore. Können wir das nun also auch abhaken.

Spektakulär ging's dann weiter, denn auch Diego Forlán wollte beweisen, weshalb er zu einem der wichtigeren Spieler dieser WM gezählt werden sollte. Auch er drückte unerbittlich ab, auch hier ging der Ball aus großer Entfernung in's Tor, auch wenn hier Stekelenburg noch dran war, aber... Jabulani! Dann wand sich das Spiel ein wenig, so als wollte es nicht gleich in eine Richtung kippen, als wollte es halbfinalwürdig offen bleiben. Das Spiel aber entscheidet nicht selbst - Bert van Marwijk hatte nämlich anderes im Sinn. Also brachte er wieder mal Van der Vaart ("Wenn du dich benimmst, lass ich dich für die zweite Hälfte aufs Feld!", versprach er ihm wohl vor der Pause) für de Zeeuw, der in der ersten Hälfte ohnehin einen Fallrückzieher ins Gesicht bekam - und zwar den Schuh ohne Ball. Holland stellte etwas um, Van der Vaart machte das, was man unaufgeregt einen "solid job" nennen könnte, und Kuyt sah man nicht, weil er immer nur rannte - überall - und sich damit wieder mal zu einem wichtigen, aber übersehenen Spieler machte.

Doch dann kam Uruguay, verlangte nach der Führung, schließlich sei man ja nicht umsonst hier im Halbfinale. Van Bronckhorst klärte einmal allein im eigenen Strafraum und Forlán klopfte nochmal mit einem Freistoß an. Doch dann kam wieder dieser holländische Geist, der zu sprechen schien: "Jetzt langt es aber, wir machen hier mal was." Und so begab es sich, dass in drei Minuten der Sack zu war. Zwei Tore, eines von Sneijder, eines von Robben, sicherten den Niederlande genau jenen Vorsprung, den sie brauchten: 2 Tore, denn ein Gegentor war wohl noch eingeplant und das bekamen sie dann auch. Trotzdem es kurz vor Schluss so aussah, als könnten die Urus vielleicht noch den Ausgleich erzielen, war das Nötigste bereits in Minute 73 mit dem zweiten Treffer erledigt. Bis auf das erste Spiel gegen Dänemark, haben die Niederländer nun jedes Spiel mit einem Tor Unterschied gewonnen. Das erste Spiel wäre ja auch so geplant gewesen, scheiterte dann aber an den Dänen, weil die einfach keines mehr schießen wollten.

Der Fußball sieht heute so aus: Schieß ein Tor mehr als dein Gegner, alles andere ist egal. Nur, dass die Holländer halt gerne antizipieren, weil sie vorher wissen, wie viele Tore der Gegner schießen wird. Nur gegen Brasilien wussten sie es nicht. Da mussten nach einem Tor Rückstand eben zwei Tore her - so einfach war das. Und jetzt sind sie das einzige Team dieses Turniers, das noch kein Spiel verloren hat. Und das einzige, das einen Rückstand aufgeholt und ein Spiel gedreht hat.

Deutschland hingegen hat das gemacht, was Holland vor zwei Jahren gemacht hat: Alle mit spektakulären Ergebnissen gegen teilweise spektakuläre Gegner überraschen, sich in die Herzen der Fußballliebhaber aller Welt spielen und dann ausscheiden, wenn alle schon vom Titel träumen. Ich halte die Deutschen trotzdem für die Überraschung des Turniers. Vielleicht hätten ihnen viele ein Halbfinale zugetraut, aber sicher nicht die Art und Weise, wie sie sich dorthin gespielt haben. Keiner hätte vorhergesagt, dass Klose und Müller dermaßen aufgeigen. Man darf von diesem Team noch viel erwarten und wir freuen uns drauf.

Auch von den Spaniern darf man sich viel erwarten am Sonntag. Zwei große Leistungen dürfen sie nach dem Spiel gegen Deutschland für sich verbuchen: Konsequenten, technisch perfekten und schön anzusehenden Angriffsfußball gespielt zu haben, und dennoch kein Tor bekommen zu haben von diesen Deutschen, die zwar kaum über längere Zeit deutlich Druck machten, aber eben immer auch für ein Tor gut sind - das hat man ja gesehen. Die Verteidigungsleistung der Spanier gegen Ende war im Grunde phänomenal und zeigte: Man kann auch defensiv richtig effektiv spielen, wenn es sein muss. Will man aber eigentlich nicht, weil das nichts Wesentliches im spanischen Fußball ist und auch nicht sein soll.

Die beiden Finalteilnehmer sind also Mannschaften, die Spielwillen zeigen, die einen Plan haben, der ihnen auch meistens aufgeht. Das ergibt, betrachtet man jede Mannschaft für sich, Sinn und war bei keinem Team so stimmig wie bei diesen beiden. Nur, und da kommt jetzt der berühmte Sager von Sartre ins Spiel, wird das ganze eben dann kompliziert, wenn auch die andere Mannschaft mitspielt. Deswegen war das Spanien, das gegen Paraguay antrat ein anderes wie jenes gestern. Und wir sind gespannt, wie die Spanier es gegen die Holländer anlegen und was die Holländer im Schilde führen. Ich denke, sie möchten wieder aufholen. Ob es gegen die Spanier aber dann auch für ein zweites Tor reicht, wird eine Sache des Glücks sein. Und für den Fall der Fälle, ließ van Marwijk schonmal Elfmeter üben...

Wir sind jetzt am Ende einer langen Reise. Es gab Tage, da hing uns die ganze WM schon beim Halse raus, dann kamen die Viertel- und Halbfinalspiele, die uns den Atem stocken ließen, der Rest ist nur noch Draufgabe. Dennoch ließ es sich der Verfasser dieser Zeilen nicht nehmen, einen Flug nach Holland zu buchen, um dort das Finale mitzuerleben - damit es nicht ganz in Vergessenheit gerät. Inzwischen genießen wir die Stille...

Montag, 5. Juli 2010

Deutsche vs. Schlander

Das Grauen trägt den Namen „Schland“.
Warum es mit den Deutschen so schwierig ist und irgendwie doch so einfach.


Gott sei Dank ist irgendwas eingetroffen, was ich im Vorhinein zu prognostizieren wagte. Auf Spekulationen, wer denn Weltmeister werden könnte, hab ich mich ohnehin nicht eingelassen, ich habe Uruguay lediglich als vernachlässigbar in Bezug auf die Frage, wer gewinnen würde, angesehen. Das war, wie bereits eingeräumt, ein herber Irrtum. So herb wie die Niederlage Argentiniens, womit wieder ein Favorit mehr ausgeschieden ist. Und so herb wie mein Geschmack im Mund, wenn ich an Deutschland denk‘.

Denn einerseits ist das natürlich eine hervorragende Mannschaft, die im Grunde genommen den besten Fußball des Turniers gezeigt hat. Auch haben sie eine Menge Spieler, die echt begeistern können, Müller, Özil, Lahm zum Beispiel. Und irgendwie haben es auch die alten Unsympatler wie Schweinsteiger und Klose geschafft, dass ich mich nicht jedes Mal aufregen muss, wenn sie am Ball sind. Meine Freunde sind sie deswegen noch lange nicht, aber ihr Fußball, der macht Laune. Insofern ein verdienter Weltmeister - theoretisch. Praktisch sieht es aber anders aus, denn leider können viele Deutsche mit dem Erfolg ihrer Nationalmannschaft überhaupt nicht umgehen. Ich weiß nicht, was es ist, aber die deutschen Fans bleiben immer noch die beklopptesten und das wird sich in absehbarer Zeit nicht ändern. Sollte also Deutschland Weltmeister werden, dann gönne ich das der Mannschaft und dem Land von ganzem Herzen. Mit den „Schland“-schreienden Fans möchte ich aber dennoch nichts zu tun haben. Mir ist schon klar, dass das nicht alle sind und jeder Deutsche möge mir verzeihen, wird er hier von mir in einen garstigen Eintopf von Vorurteilen geworfen. Aber man muss sich schließlich schützen. Ich zumindest denke darüber nach, die „Deutschen“ von den „Schlandern“ zu unterscheiden.

Gesetzt den Fall, dass Deutschland im Finale auf Holland treffen und das Turnier gewinnen sollte, muss man sich vor allem folgendes vor Augen halten: Ich glaube, dass noch nie eine Mannschaft auf dem Weg zum WM-Titel so viele Hochkaräter aus dem Turnier geschossen hat, wie die Deutschen es bei dieser WM geleistet haben könnten: Wer England, Argentinien, Spanien und Holland aus dem Turnier haut, der hat es mehr als verdient. Nach den zwei Spielen gegen England und Argentinien haben die Deutschen ein Torverhältnis in der KO-Runde von 8:1, was unglaublich ist, vor allem angesichts dieser Gegner. Dieser Gedankengang hat natürlich auch eine andere, pessimistische Seite: Wie wahrscheinlich ist es, gegen alle diese genannten Mannschaften in einem Turnier zu bestehen? Eigentlich recht unwahrscheinlich, andererseits spricht die Höhe der bisherigen Siege natürlich auch wieder für die Deutschen. Dann darf man wiederum nicht vergessen, dass es die gleiche deutsche Mannschaft war, die gegen Serbien gezeigt hat, dass auch nach einem perfekten Auftakt nicht alles automatisch gut laufen muss. D.h. die Deutschen laufen immer noch Gefahr, einen schlechten Tag zu erwischen. Zudem fragt man sich natürlich, wie es sein kann, dass die Argentinier dermaßen untergehen? Experten meinten, die Argentinier hätten das Spiel vercoacht. Mag sein, aber ein 4:0 ist für ein Viertelfinale doch ein hohes Ergebnis, und die Argentinier hatten eigentlich keine wirklichen Chancen auf einen Torerfolg, im Angriff fehlte ihnen jede Organisation. Außerdem ging den Deutschen die Lust auf‘s Tore schießen nicht aus. Man merkte, dass das Team diese WM jetzt richtig genießt.

Jetzt wartet im Halbfinale der Europameister und endlich darf man sich für die recht deutliche Niederlage vor zwei Jahren im Endspiel rächen. Und es sieht nicht schlecht aus. Die Spanier taten sich gegen Paraguay erwartet schwer, von Tiqui Taka war da ganz lange gar nichts zu sehen. Vielleicht stimmt es, dass dieses System bereits durchschaut ist und irgendwie hat man das Gefühl, dass bei Spanien sowieso irgendwas nicht optimal läuft. Xavi und Iniesta blitzen nur noch selten wirklich auf, Torres ist nach wie vor nicht anwesend, auch er leidet unter der Heldenkrankheit, der auch C. Ronaldo und W. Rooney (eigentlich auch L. Messi) zum Opfer gefallen sind.

Aber auch das letzte Spiel im Viertelfinale war geprägt von einigem Aufhüpfen und ungläubigem Geschreie, als zuerst Paraguay einen Elfmeter zugesprochen bekam, der dann zu schlecht geschossen wurde. Merke: Elfmeter die halbrechts unten geschossen werden, sind nicht nur generell nicht zu empfehlen, sondern werden vor allem bei dieser WM besonders oft gehalten (siehe Ghana-Uruguay). Im Gegenangriff dann Gleiches im paraguayanischen Strafraum: Alonso tritt an, trifft souverän, muss aber wiederholen. Was jetzt kam, war eigentlich eh klar. Den wiederholten Elfer konnte er nicht treffen (nicht nur, weil er ihn in besagter nicht zu empfehlender Weise schoss): Er konnte ihn nicht treffen, weil es die Dramatik nicht zuließ. So fanden sich Paraguay und Spanien in einem Match wieder, das sich als ein gefühltes 1:1 besser beschreiben lässt, denn als ein tatsächliches 0:0.

Die Spanier machten dann doch noch das erwartete Tor, doch auch hier musste der Ball erst dreimal die Stange berühren, bevor er sich ins Netz bequemte. Dieses Tor war Sinnbild für den von mir prophezeiten mühevollen Sieg der Spanier, doch letztlich steht die richtige Mannschaft im Halbfinale und wir dürfen beruhigt sein, dass es zu einem Finale Uruguay - Paraguay nicht kommen wird.


So, und was ist denn nun eingetroffen, was ich prognostiziert habe? Ich habe gemeint, dass wir uns vor allem auf die Viertel- und Halbfinalpartien freuen dürfen, weil vorher nichts Großartiges passieren wird und weil auch das Finale meistens fad ist. Das könnte heuer anders werden, denn wenn Holland gegen Deutschland im Finale spielt, wird es zumindest emotional. Aber die Viertelfinalpartien haben gehalten, was von mir versprochen wurde. So viel Dramatik innerhalb von zwei Tagen gab‘s im Fußball wahrscheinlich überhaupt noch nie - zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Wer jetzt noch kein WM-Fan ist, der wird‘s wohl auch nie werden.

Und während sich der Atlantik an der Copa Cabana weiter mit Tränen füllt, während der große Maradona wieder auf seine eigentliche Größe zurückschrumpft, warten wir auf die Semifinalspiele - gespannt, entzückt und jetzt schon glücklich in Vorfreude was da noch kommen mag. (Denkt irgendwer an Spanien vs. Uruguay als Finale?)

Samstag, 3. Juli 2010

Menschliches - Allzumenschliches

Manchmal heißt Voetbal Totaal, dass das Spiel größer ist als seine Akteure. Ein totales Fußballerlebnis war das aber allemal, was wir gestern zu sehen bekamen.


Gott ist tot. Und damit auch seine Hand. Es gibt keine Hand Gottes mehr, denn Suárez' Rettungstat war höchst menschlich - allzumenschlich. Und Asamoah Gyan ist der tragische Held Afrikas, der ewige Elferschütze, einer der wenigen, denen es passiert ist, innerhalb weniger Minuten zwei Elfmeter schießen zu müssen, von denen einer verwertet wurde; leider war's der falsche, der wertlose. Die Gedanken flirren lose herum, wenn man sich an den gestrigen Fußballnachmittag und -abend erinnern will - allzu wirres Geflirre, das man irgendwie aufräumen muss, um zu verstehen, was da gestern passiert ist. Denn es war wohl einer der dramatischsten Fußballtage aller Zeiten.

Anfangen hat alles relativ harmlos am Nachmittag. Ein Spiel zwischen Niederlande und Brasilien, eigentlich so etwas wie ein kleines Finale, von dem viele behaupteten es käme zu früh, was ja ganz eigentlich ein Blödsinn ist, den für Spitzenspiele ist es nie zu früh und das langweilige Endspiel kommt immer früh genug. Dunga also, der Deutsche, gegen Bert van Marwijk, der bei dieser WM seine Mannschaft bisher immer hochdiszipliniert spielen ließ, kein Voetbal Totaal also bei den Holländern, kein Joga Bonito bei den Brasilianern. Aber totaler Fußball war es trotzdem, was wir da zu sehen bekamen. Ein Spiel, das in der ersten Hälfte zu sehr nach Brasilien ausgesehen hat, zu sehr nach einem klaren Sieg des Rekordweltmeisters. Holland ist da zu wenig eingefallen, der neue Abwehrmann Andre Ooijer ist erst irgendwann in Hälfte zwei im Team angekommen und folgerichtig stand es dann 1:0 für die Brasilianer. Und man dachte: Wenn denen jetzt nichts einfällt, dann wird das womöglich ein Kantersieg von Brasilien.

Die Holländer wären aber nicht die Holländer, wenn sie nicht irgendwann hergehen würden und sagen "So, jetzt spielen wir das mal anders", was sie dann in Hälfte zwei auch gemacht haben. Über links ging nicht viel, da war Kuyt zu sehr mit Defensivaufgaben beschäftigt, musste immer wieder auf den nach vorne staubenden Maicon aufpassen, denn hinter ihm hatte Gio van Bronckhorst alle Hände voll mit Dani Alves zu tun hatte, der wiederum hinten auf Kuyt aufpasste etc. Also musste man irgendwie mittig-rechts agieren und da kam von Robben in der ersten Halbzeit einfach zu wenig bzw. wurde der von Melo und Bastos mehr oder weniger aus dem Spiel genommen; auch zu durchsichtig seine vereinzelten Dribbelversuche. In Hälfte zwei allerdings war er aktiver und die Brasilianer wurden undisziplinierter, weshalb Robben ein Foul nach dem anderen herausholte. Das kostete Freistöße, von denen einer bekanntlich zum Torerfolg führte.

Ab dem 1:1 spielte Holland sicherer, lässiger und die Brasilianer wirkten immer zerfahrener und als dann noch das 2:1 fiel, wurde Brasilien nervös - weil sie dann auch einen Mann weniger hatten (Melo hat einmal zu viel gefoult) und es natürlich nicht gewohnt sind, einem Rückstand nachzulaufen. Sneijder traf beim 2:1 mit dem Kopf - das ist Holländisch für Abwehrfehler, denn ein 1,70 Mann darf kein Kopftor schießen, schon gar nicht bei den zwei Recken Lucio und Juan. Wenn man bedenkt, dass auch das 1:1 aus einem Abwehrfehler entstanden ist (Melo und der sonst so gute Julio Cesar konnten sich nicht darauf einigen, wer den Ball hat oder nicht hat). Jedenfalls spielten die Holländer das Spiel nach Hause und schickten den Rekordweltmeister heim. Wenn man die Bilder gesehen hat, wie Menschen in Enschede ganz in Orange vor Freude weinen und wie Brasilianer an der Copa Cabana traurig die Köpfe in den von Tränen nassen Sand stecken, dann weiß man wieder, wie viel dieser seltsame Sport bewegen kann, wie lächerlich glücklich er machen und wie viel Niedergeschlagenheit er mit sich bringen kann.

Nach dem Spiel geht man im Holland-Trikot durch die Straßen und überall lachen einen die Leute ins Gesicht, jeder freute sich mit den Oranjes mit. Ungläubig schüttelten in verschiedenen Lokalen die Leute die Köpfe, fragten einander: "Hast du das Spiel gesehen? Das war ja unglaublich!". Der häufigste Satz war aber vielleicht: "Wer hätte das gedacht?" Ja, wer hätte das gedacht, dass diese ein wenig zu sehr mit Bedacht spielenden Holländer den Brasilianern die Hexa vermasseln, Dungas System für gescheitert erklären und ein ganzes Land in Trauer stürzen? Solche Geschichten schreibt nur eine Weltmeisterschaft. Solche und noch wildere...

Denn das Abendspiel, das Duell zwischen Uruguay und Ghana, schien lange ein relativ uninspirierter Kick zu sein. Außerdem wusste man nicht recht, zu wem man halten sollte. Auf der einen Seite Uruguay, der zweimalige Weltmeister, was aber eigentlich gar nichts zählt, wenn der letzte Titel schon 60 Jahre her ist. Auf der anderen Seite Ghana, die beste und deshalb zurecht letzte im Turnier verbliebene afrikanische Mannschaft. Beides hätte seinen Reiz, beiden hätte man den Einzug ins Halbfinale und das Scheitern an den Niederlanden gegönnt. Aber irgendwie war auch alles egal, nur kam irgendwann die Erkenntnis, dass es sich ja um ein Viertelfinalspiel handelte und es daher einen Sieger geben müsse. Den sollte es aber an diesem Abend nicht geben, auch nicht nach Verlängerung, auch nicht nach Elfmeterschießen.

Gegen Ende des Spiels bäumte sich Ghana noch einmal so richtig auf und man war beeindruckt ob des Kampfgeistes dieser Mannschaft. Auch Uruguay musste sich nicht verstecken, machte aber viele Fehler und man hatte das Gefühl, die Luft ist da schon raus. Man hatte sich schon auf ein Elferschießen eingestellt, sowohl Uruguayer als auch Zuseher. Nur die Ghanaer wollten das noch nicht ganz wahrhaben und versuchten bis zuletzt alles.

Dann waren die 120 Minuten vorbei und es gab noch einen Freistoß, der zu einem Corner führte. Letzte Aktion, da waren wir uns alle sicher. Geht da noch was? Dann hörte man nur noch "uuh" "aah" und "ööh": Zwei, drei Mal schoß Ghana nach dem Eckball auf Tor und jedesmal konnte der Ball noch irgendwie von der Linie gekratzt werden, da mal ein Tormannhandschuh, irgendwo ein Fuß und ganz zum Schluss traf der Kopfball von Adiyiah die Hand von Luis Suárez. Oder? Nein, die Hand von Suárez traf den Ball und zwar ganz absichtlich. Suárez bewahrte mit einem taktischen Torraub sein Team vor dem sicheren Aus! Die Menge schrie, keiner konnte fassen, was da gerade geschieht. Elfmeter für Ghana in der aller aller allerletzten Sekunde! Suárez bekommt natürlich die Rote, aber das ist ihm egal, das ist jedem egal und auf dem Weg in die Kabine bekommt er gerade noch mit, wie Asamoah Gyan, der geübteste und bisher sicherste Elferschütze des Turniers, den Matchpoint, den entscheidenden Strafstoß in den südafrikanischen Nachthimmel schießt. Fassungslosigkeit, Geschrei ringsherum. Kein Mensch weiß ob er lachen oder weinen soll, alle starren nur geschockt auf die Leinwand, sehen das verzweifelte Gesicht Gyans, sehen Suárez, der sich freut wie ein Schulbub, dass seine Wahnsinnsaktion tatsächlich aufgegangen ist - er hat mit seinem Handspiel sein Team im Turnier gehalten. Jetzt gibt es Elfmeterschießen.

"Sowas hab ich noch nie erlebt!", "Was ist denn da los?", "Das ist unglaublich, das ist einfach unglaublich!", die Zuseher sind sichtlich überfordert. Hat Ghana den Sieg verschenkt oder wurde er ihnen gestohlen? War Suárez' Handspiel eine bodenlose Frechheit oder allzu menschlich. Wer hätte den Ball nicht aufgehalten in dieser Situation? In einem Viertelfinale bei der WM, wo es um Sein oder Nichtsein geht? Dann die Frage, was denn jetzt nun sensationeller wäre. Wenn Ghana trotzdem gewinnen würde? Oder wenn Uruguay durch diese Aktion weiterkommt? Nein, jetzt sind alle erstmal für Ghana. Und wer tritt als erster Schütze für die Afrikaner an? Es ist Asamoah Gyan, der noch Augenblicke zuvor den Matchball vergeben hat. Nun ist er im Begriff, den vierten Elfmeter bei dieser WM-Endrunde zu treten. Kann er es wenigstens wieder ein bisschen gut machen?

Und hier kommt die unglaubliche Geschichte: Dieser Gyan muss gute Nerven haben und Eier aus Stahl. Er verwandelt den Elfmeter - im wahrsten Sinne des Wortes. Er zaubert ihn ganz unbeeindruckt, als ob nichts gewesen wäre, ins rechte Kreuzeck - besser kann man einen Elfer nicht schießen. Angesichts der Vorgeschichte halte ich das für eine übermenschliche Tat - mehr Gewicht kann man als Schütze gar nicht auf den Schultern tragen. Und trotzdem bleibt es nur ein schwacher Trost. Es war der falsche Elfmeter, den er getroffen hat. Denn für seine Teamkollegen ist die Last zu schwer, sie scheitern kläglich an Muslera und Uruguay steht im Halbfinale.

Ist Suárez ein Betrüger? Oder war seine Aktion genial? Ist Gyan der tragische Held? Muss er uns leid tun? Ich weiß es nicht. Niemand weiß irgendwas, denn diese paar Minuten gestern abend, das war absoluter Irrsinn, fußballerischer Wahnsinn, noch nie dagewesene Spannung, Tragik und Enttäuschung, Freude und Euphorie - es war alles zusammen. Zu viel für einen Einzelnen, zu viel auch für die Masse beim Public Viewing. Was bleibt ist Rat- und Fassungslosigkeit. Die Erkenntnis, dass Fußball so hässlich und schön zugleich sein kann, dass zwischen Sein und Nichtsein oft nur die Hand eines allzumenschlichen Menschen und nicht die eines Gottes entscheidet.

Freitag, 2. Juli 2010

Erinnerungen

An wen wir uns nicht erinnern werden.
Wer in Schönheit gestorben sein wird.

Und wer Weltmeister wird!


Von den letzten Achtelfinalspielen wird uns wahrscheinlich nur das Spiel Spanien gegen Portugal im Gedächtnis bleiben. Lange werden wir in ein paar Jahren herumrätseln, gegen wen der spätere Weltmeister Holland im Achtelfinale gespielt haben könnte, und falls es uns einfallen sollte, könnte es durchaus sein, dass wir die Slowakei mit Slowenien verwechseln. Auch dieses Spiel hat uns wenig von der holländischen Mannschaft verraten. Können die nicht mehr? Oder ist das einfach nur eisenharte Disziplin? Bis jetzt hat die Niederlande zusammen mit Brasilien und Argentinien das Optimum an Punkten geschafft. Heute wird eine der beiden Mannschaften heimfahren. Was schade ist, denn auch die Brasilianer haben im Spiel gegen Chile ihr hässliches Gesicht der Vorrunde (Dunga) zeitweise abgelegt - weil sie mussten. Schade auch, dass Chile weg ist, die Mannschaft mit dem interessantesten und mutigsten Fußball bisher. Es ist halt auch immer ein bisschen Pech dabei, wenn man im Achtelfinale schon gegen einen Titelfavoriten (aber sind das im Achtelfinale nicht schon alle?) ran muss. Denn in der KO-Phase zeigt sich dann doch endlich, was in der Vorrunde noch gefehlt hat: Dass die Favoriten auch so wie Favoriten spielen - nämlich mit Testosteron.

Chile hätte man einen Gegner wie Japan oder Paraguay gegönnt. Das Hurra-Geplärre nach dem letzten Gruppenspiel der Japaner war nur von kurzer Dauer, im Achtelfinale zeigten auch sie wieder ihr wahres Gesicht. Das einer Fußballnation nämlich, die durchaus ambitionierten und aufregenden Fußball, der auch erfolgreich ist, spielen kann, aber meistens nicht will. Aus welchen Gründen auch immer - das ist ja das: Bei den Japanern fragt man sich immer, warum die das machen (z.B. TV-Shows wie Takeshi's Castle). Das versteht kein Schwein. Und jetzt sind sie also weg. Schön war's, aber an euch wird man sich in vier Jahren auch nicht mehr wirklich erinnern, liebe Japaner!

Über Paraguay will ich eigentlich auch nichts schreiben, weil es sich nicht lohnt, weil die morgen Abend gegen Spanien rausfliegen und das war's dann - Deckel zu, Affe tot. Über Spanien allerdings möchte ich schon schreiben. Denn Spanien-Portugal, das war eine feine Partie. Einerseits weil die Spanier hier wieder sehr bestimmt und Euro-mäßig aufgetreten sind, andererseits weil die Portugiesen durchaus das eine oder andere Tor hätten schießen können, ja müssen, und dann steht's 1:1 und da ist dann, wie bekannt, alles möglich. Warum die Spanier kein zweites Tor geschossen haben? Weil sie eigentlich nicht mussten. Gleich wie die Niederländer gegen die Slowaken. Die mussten auch lange kein zweites Tor schießen. Dann haben sie aber doch noch eines geschossen, weil sie sich dachten, das ist gescheiter, weil zum Schluss schießen uns die Slowaken doch noch eins und dann schau‘n wir aber blöd aus der Wäsche und alle werden sie sagen: "Schau, die Niederländer sind gar nicht so gut wie sie immer tun!". Also haben die Niederländer das zweite Tor gemacht und tatsächlich hat die Slowakei dann noch den Anschlusstreffer erzielt, es war aber schon viel zu spät und jetzt sind sie eben vergessen und werden nicht als das Team erinnert, das den späteren Weltmeister im Achtelfinale in die Verlängerung gezwungen hat und damit an den Rand des Ausscheidens.

Die Spanier haben nach dem Motto agiert: "Wenn die Portugiesen bis jetzt kein Tor geschossen haben, dann schießen sie auch keins mehr". Also haben sie es bei einem Treffer belassen - das ist nur ökonomisch. Das sie aber hätten können, haben sie uns aber schon deutlich gemacht. Ich bin gespannt, ob gegen Paraguay wieder dieses schön verzerrte Spiel aufgezogen wird, bei dem Ramos von rechts hinten immer und immer wieder extrem giftig nach vorne stößt und Villa links vorne in die Mitte zieht wie der reinste Robben, nur halt von der anderen Seite. Und dahinter die Jonglierafferln Xavi und Iniesta, die im Kreis rotieren und die Spieler von der anderen Mannschaft aber immer ganz alt aussehen lassen. Nicht zu vergessen der Cro-Magnon-Mensch in der Innenverteidigung, Puyol, das Vieh, der dich beißt, wenn du ihm zu nahe kommst, oder der den Kopf so lange schüttelt, bis du den ganzen Schweiß seiner Mähne im Gesicht kleben hast - kein Vergnügen, für niemanden, denn auch der andere, Piqué, der Turm, ist kein feiner Gegner. Der narbenübersähte Barcelona-Spieler gönnt dir als Stürmer keinen Kopfball und du wirst auch nicht braun, weil du aus seinem Schatten nie rauskommst. Ja, ein würdiger Finalgegner für die Holländer wäre das, dieses Spanien, die Furia Rocha!

"In Schönheit sterben" ist so ein Satz, den man bei solchen Turnieren immer wieder hört, und meistens bezieht er sich auf die Niederlande. Diesmal wird man aber Argentinien gemeint haben, wenn man das Turnier revue passieren lässt. Die Argentinier spielen schon toll und man wird nicht ganz verstehen, wie es passieren konnte, dass man gegen Deutschland schon wieder im Elfmeterschießen ausgeschieden ist. Und Maradona wird mit Messi weinen, denn endlich wird der Floh sein überfälliges Tor geschossen haben, aber leider half es nichts, denn auch der deutsche Messi, dieser Özil, traf. Traurige Geschichte, wer hätte das gedacht?

Oder aber bricht diese deutsche Mannschaft doch wieder ein? Wird sie auf einmal wieder als Haufen von Kiez-Kickern und Rumpelbayern auftreten und von den Gauchos überfahren werden? Und was dann? Was passiert dann mit Spanien? Wer kann die schlagen, wenn nicht die Argentinier? Werden die Spanier sich am Ende mit den Urus um den dritten Platz duellieren müssen? Nein, nein, das ist alles ganz undenkbar, Spanien muss ins Finale, egal ob gegen die Deutschen oder die Argentinier. Deswegen geht's morgen bei ARG-DEU nur darum, wer dann gegen Spanien ausscheiden darf. Wozu also die Aufregung?

Wir sehen: Am Ende ist alles so einfach, so deutlich, so transparent, so "eh klar". Oder?

Montag, 28. Juni 2010

Bloemfontein wird Hollywood

Das Runde muss in‘s Eckige bzw. Tor ist, wenn der Schiedsrichter pfeift.

USA -GHA 1:2 n.V.


Fußball ist eben doch nicht Hollywood, zumindest nicht im amerikanischen Sinn. Das mussten die US-Boys am Samstag spüren. Es war ein Match, das man mit gemischten Gefühlen verfolgte. Auf der einen Seite die Kampfmannschaft der USA, die in der Vorrunde trotz aller Widrigkeiten sich doch ins Achtelfinale kämpfte. Auf der anderen Seite die letzte verbliebene afrikanische Mannschaft, Ghana, die beweisen mussten, dass sie auch aus dem Spiel endlich einmal treffen können. Und dann die große dramatische Wende: Tatsächlich erzielten die Ghanaer zwei Tore aus dem Spiel; und was für welche! Die Amerikaner begnügten sich hingegen mit der bisher ghanaischen Spezialität: dem sicher verwandelten Elfmeter. Das Spiel bescherte uns die erste Verlängerung dieser WM und die Hoffnung darauf, dass es für die Afrighana doch noch zu einem versöhnlichen Ende kommen möge.

Jetzt geht es aber erstmal gegen Uruguay - sicherlich eine schwierige aber lösbare Aufgabe. Schön, dass wir eine dieser beiden Mannschaften im Halbfinale sehen dürfen!


URU - KOR 2:1


Die Urus sind souverän und haben auch gegen die Südkoreaner nichts anbrennen lassen. Sie spielen ohne den ganz großen Glanz, aber dafür mit umso mehr Substanz. Sie haben mit Forlán und Suárez zwei super Torjäger, um die andere Mannschaften ihnen sicherlich neidig sein können. Spielerisch sind sie eine solide Mixtur aus technischer Eleganz und Sicherheit, nur: Bisher wurden sie noch von keiner Mannschaft ernsthaft geprüft. Die Urus könnten sich ins Finale mogeln und dann ist wie immer alles möglich. Aber zuerst warten als mögliche Gegner Holland, Brasilien oder Chile - allesamt Kandidaten, die zum Problem werden können (die Slowakei nehme ich erstmal raus). Irgendwann vor Beginn habe ich angemerkt, dass Uruguay zu dem erlesenen Kreis jener Mannschaften gehört, die schon mal Weltmeister waren, hab sie aber zusammen mit Frankreich als vernachlässigbar eingestuft. Das hat sich als fataler Irrtum erwiesen, den ich aber gerne eingestehe.


GER - ENG 4:1


Eigentlich wollte ich nichts über das nicht gegebene Tor schreiben und dass sich die Wembley-Geschichte damit erledigt hat. Aber irgendwie kommt man nicht drum herum, weil das Spiel schon vorher diesen Klasse-Charakter hatte, wie immer, wenn große Mannschaften aufeinander treffen - man weiß, dass da Großes passieren kann und wird. Auch diesmal war es so. Nach anfänglichem verhaltenen Abtasten erlebten wir eine aufregende Partie, deren Bestandteil eben auch dieses Bloemfontein-Tor war. Endlich hat es der schönste aller südafrikanischen Städtenamen in die Riege der skandal- und sensationsträchtigen Städte geschafft (Gijon, Cordoba, Wembley (OK, hierbei handelt es sich um einen Stadtteil)) und endlich hat die WM den richtig großen Skandal, nachdem es schon so viele kleinere gegeben hat. Leider ist aber auch das ein relativer Skandal, denn dafür war das Ergebnis dann doch zu deutlich. Hätte Deutschland 2:1 gewonnen, ja dann wär das natürlich was anderes gewesen. Freilich, jaja, der Spielverlauf hätte natürlich auch anders ausgesehen, aber das hilft ja am Ende auch nix, wenn man dann noch zwei Tore bekommt und keines schießt. Dafür haben wir dann bei der nächsten WM noch ein paar Schiedsrichter mehr, die Sachen übersehen können und dann gibt's noch mehr Dramatik und Aufreger.

Ich finde es wichtig festzuhalten, dass mit Deutschland in jedem Fall jene Mannschaft im Viertelfinale steht, die insgesamt den besseren Fußball gespielt hat (nicht nur im gestrigen Spiel). Und es steht die interessantere Mannschaft im Viertelfinale, nicht ein Haufen Spieler, die weder in Form, noch gut aufeinander abgestimmt sind und der seine Existenzberechtigung größtenteils mythologisch rechtfertigt und weniger durch guten Fußball.


ARG - MEX 3:1


Weil wir gerade bei Mythos sind: Argentinien ist wieder eine Runde weiter und auch das ist gut so. Auch wenn es hier noch deutlicher war, dass das erste Tor für Argentinien den Spielverlauf komplett verändert hat. Bis zum Abseits-Treffer von Tevez war nämlich Mexiko die bessere und gefährlichere Mannschaft. Wer sich aber von so einem Gegentreffer gleich die Hosen ausziehen lässt und daraufhin einen kapitalen Fehler fabriziert, der zum 0:2 führt, darf sich aber am Ende auch nicht aufregen, dass er ausgeschieden ist. Mexiko hat auch bei dieser WM wieder eine attraktive Vorrunde gespielt und wahrscheinlich machen sie das auch bei der nächsten WM und vielleicht haben sie dann ein bisschen mehr Glück mit der Zulosung im Achtelfinale.

Aber Argentinien hat wieder nicht wirklich überzeugt. Freilich spricht das 3:1 für sich, doch da muss man jetzt fast wieder 2 Tore abziehen. Das erste Tor, weil's Abseits war und das zweite Tor, weil es aus einem dummen Fehler der Mexikaner heraus passiert ist, den man selber nicht echt erzwungen hat.Fairerweise muss man aber auch wieder sagen, dass, stellt man schon solche Milchmädchenrechnungen an, das dritte Tor schon fast wieder doppelt zu zählen ist, weil Tevez hier einer der wenigen echt guten Schüsse bei dieser WM gelungen ist. Ich bin ja auch kein Fan von Jabulani-Bashing, aber wenn man sieht, wie hier Top-Spieler, die bekannt für Schüsse, Flanken oder weite Pässe sind, regelmäßig die einfachsten Sachen versemmeln, dann kann mit dem Ding einfach irgendwas nicht normal sein. Gut, dass es dann wieder Spieler gibt, denen der eine oder andere tolle Schuss gelingt und die damit ein Tor erzielen, ganz ohne Tormannfehler oder Abfälscher.


Mal sehen, wie diese WM zu Ende geht, denn momentan scheint Fußball ein bisschen zu sehr Glückssache zu sein.

Samstag, 26. Juni 2010

Randnotizen

Einige Spiele, einige Spieler und einige Mannschaften sind nicht der Rede wert - Zeit für Randnotizen.


Außerdem freuen wir uns über das gerechte Ausscheiden der Italiener und dass die Schweiz weg ist, tut jetzt gar nicht mehr so weh.


Dass Italien nicht aufgestiegen ist, mag manche überraschen. Doch eigentlich sollte man davon keine Notiz nehmen dürfen, denn wenn es die sogenannte Kleinen nicht gibt, dann gibt es auch die „Großen“ nicht. Das ist nur fair und demokratisch, denn so wird jede Mannschaft nach der Leistung beurteilt, die sie bringt und je nachdem ist sie dann weiter - oder eben nicht.

Dass die Slowakei in ihrem letzten Gruppenspiel es fertig gebracht hat, die Italiener (bemerke: amtierender Weltmeister) aus dem Turnier zu schießen, spricht für sich selbst. Und obwohl man geneigt ist, große Namen in der KO-Phase zu bevorzugen, egal welche Leistung sie in der Vorrunde gebracht haben (Brasilien!), geht dieses Ausscheiden der Italiener in Ordnung. Unsere südlichen Nachbarn haben nämlich nur geschätzte zehn Minuten guten Fußball gezeigt. Und das waren die letzten zehn Minuten im letzten Spiel (Wille zur Macht, Wille zum Sieg etc.!). So viel Unwille, so viel Hochnäsigkeit in den vorangegangenen Matches, muss bestraft werden. Da hilft auch der große Name nichts. „Italien in der Vorrunde ausgeschieden“ bleibt also die erste Randnotiz dieser WM.

Auch in der Holland-Gruppe hat sich wenig Überraschendes zugetragen. Holland war vor dem letzten Spiel schon fix weiter und hat in der letzten Partie das gezeigt, was man vorher schon gesehen hat: souveränes, aber unaufregendes Spiel. Somit bleibt Holland weiterhin das große Fragezeichen. Viel hat man ihnen zugetraut, viel haben sie auch gezeigt, sind mit dem Punktemaximum aufgestiegen, aber der ganz große Wurf, das ganz große Aufspielen, ist ihnen noch nicht gelungen. Man hofft darauf, dass sie alles anders machen als 2008 (überragende Vorrunde und dann unspektakuläres Ausscheiden in der KO-Phase).

Japan hat sich hingegen gegen die Dänen wieder hervorragend verkauft. Da muss ich mich ein wenig selber rügen, weil ich sie als Unsympathen am liebsten ausscheiden hätte lassen. Doch gegen die doch-nicht-so-tollen Dänen haben die Japaner eine engagierte Leistung gezeigt, die teilweise sogar begeistert hat. Begeistert im wahrsten Sinne des Wortes, denn im japanischen Spiel war Geist zu erkennen - Spirit, wie die Amerikaner sagen würden, die Franzosen würden es Esprit nennen (aber wie die das nennen würden, interessiert ja keinen). Trotzdem war da Geist, Spirit und Esprit drin - ich denke die Wörter meinen jeweils ein bisschen was anderes. Das war gefälliger Fußball mit dem Willen zum Angriff und dem Spaß am Spiel; beides Ingredienzien, die so mancher „Großer“ bislang vermissen lässt. Deshalb steht Japan auch zu Recht im Achtelfinale.

Natürlich ging es im Spiel Portugal gegen Brasilien nur mehr um Prestige. Aber selbst das war winkender Lohn zu wenig um aus irgendeinem der beiden Teams etwas herauszuholen, was auch nur ansatzweise den Charakter eines „Spiels auf Sieg“ hatte. Uninspiriertes Geplätschere - zu Recht finden wir in dem Wort „uninspiriert“ wieder die Negation des Esprit, des Geistes. C. Ronaldo dumm wie immer, jeder einzelne Brasilianer eigentlich die schlechte Karikatur seiner selbst - wenn das so weiter geht, haben sich hier heute zwei fixe Nicht-Weltmeister ein Stelldichein gegeben. Was die Elfenbeinküste gegen Nordkorea geliefert hat, bekam man nicht zu sehen, ging es doch in beiden Partien nur mehr um die goldene Ananas.

In der Gruppe H allerdings, da ging es noch um was. Nämlich um die Frage, ob jetzt Disziplin (Schweiz), Klasse (Spanien) oder Offensivgeist (Chile) den Aufstieg schafft. Durchgesetzt haben sich Klasse und Offensivgeist. Und das völlig zu Recht. Denn die Schweiz hat im letzten Spiel gegen Honduras enttäuscht. Daran sieht man wieder, dass es stimmt, wenn man sagt, dass Mannschaften wie die Schweiz nur so gut sind, wie es von einem scheinbar Größeren zugelassen wird. Demgemäß hat Spanien im ersten Spiel gegen die Schweiz verloren; und nicht Schweiz gegen Spanien gewonnen. Denn wenn man die große Chance nicht ergreift und gegen Honduras nicht trifft, dann kann einem keiner mehr helfen - bei aller Sympathie. Wir dürfen aber froh sein, dass die beiden Mannschaften weitergekommen sind, die uns sicher noch viel Freude bereiten werden. Das europameisterliche Spanien (toll, dass Iniesta wieder gespielt hat!) und das brandgefährliche und offensivbegeisterte Chile. Letzteres Team hat heute bewiesen, dass man Defensive kann, aber halt nicht so gut wie Offensive. Das wäre die alte Brasilien-Taktik: vorne mehr reinmachen als man hinten bekommt. Ob da ein Tor pro Spiel reicht? Den Beweis bleibt uns Chile vorerst noch schuldig.


Randnotiz Nummer zwei: Chile muss mehr Tore schießen!

Randnotiz Nummer drei: Ghana muss Tore aus dem Spiel erzielen.

Randnotiz Nummer vier: C. Ronaldo muss nicht immer so präpotent Freistöße inszenieren.

Randnotiz Nummer fünf: Brasilien kann so nicht Weltmeister werden.

Donnerstag, 24. Juni 2010

Hollywood und Wimbledon

Vielleicht sind die gleichzeitig ausgetragenen letzten Gruppenspiele besser als die K.O.-Phase.

Vielleicht hat die aber einfach schon angefangen und wir haben es gar nicht bemerkt.


Was war das gestern für eine Dramatik am Nachmittag! England bringt seine bisher überzeugendste Leistung und gewinnt endlich gegen die bis dato Gruppenersten, Slowenien. Da es beim Parallelspiel zwischen USA und Algerien Ewigkeiten 0:0 steht (wieder wurde ein Tor der Amerikaner ungerechtfertigterweise aberkannt), sieht es so aus, als würden die Slowenen zusammen mit den Engländern ins Achtelfinale aufsteigen. kopfschüttelnd sitzt der USA-Fan da und fühlt sich ungerecht behandelt. Freilich, gegen Algerien muss man gewinnen und das am besten 2:0, die Mannschaft ist eh selber schuld. Aber andererseits wäre man nicht in dieser Lage, hätte der Schiedsrichter im letzten Spiel das dritte Tor gegeben. Oder hätte der Schiedsrichter das erste Tor im aktuellen Spiel gegeben. Hätte, hätte, es hilft alles nix. Auch, wenn es ungerecht zugeht, es ändert ja nichts am Ergebnis. Und auf einmal sieht man jubelnde Männer in weißen Trikots, die nicht die Slowenen sind. Zuerst kennt man sich nicht aus, weiß nicht, was da genau passiert, wer jetzt gegen wen ein Tor geschossen hat. Die Engländer könnens nicht sein, denn die waren gestern seit langem wieder mal rot. Dann sieht man im Hintergrund grüne Männlein herumstapfen, auf einmal einen glatzköpfigen Coach, einen Donovan mit Geheimratsecken, der sich freut und kapiert, dass es sich da grad um die USA handelt, die ein Tor geschossen haben. Last Minute relief! Ein richtiges "Hollywood-Drama mit Happy End" (Andi H.), denn die Amerikaner beenden die Gruppenphase als Tabellenerster vor England. Und Slowenien ist draußen, was bitter ist. Aber irgendwie ist man natürlich auch froh, weil man die nicht wirklich im Achtelfinale haben wollte. Die hätten dann am Ende gegen Ghana gespielt und dann steht entweder Ghana oder Slowenien im Viertelfinale, was schon ein bisschen zu viel des zu-den-Kleinen-halten gewesen wäre. Und mit England als Gruppenzweiten können wir sehr zufrieden sein, denn die spielen jetzt gegen: Deutschland.

"Ghana ist nicht Österreich", sagte Jogi Löw anscheinend vor dem Spiel. Da hat er Recht, der Jogi. Heißt aber wieder mal nix anderes, als dass man Ghana halt nicht unterschätze dürfe etc. Aber richtig, sie sind nicht Österreich. Und Ghana ist auch nicht England, lieber Jogi!

Jedenfalls haben sich die Deutschen - diesmal mit Boateng (damit man dem Halbbruder auf der anderen Seite zeigen kann "Schau, so einen haben wir auch!") statt Badstuber - ordentlich durchgesetzt. Aber Ghana ist nicht Österreich, und deshalb kamen die auch zu ein paar Chancen und sorgten dafür, dass das doch eine recht ansehnliche Partie geworden ist. Was aber bei den anderen beiden Gruppenkollegen passierte, war auch durchaus interessant. Da verhalf nämlich Australien Ghana zum zweiten Platz, indem sie den Serben mal eben 2 Tore schossen. Und da ging auf einmal die Rechnerei wieder los: "Wenn die jetzt noch zwei Tore schießen, oder Deutschland noch ein Tor schießt und die auch noch mindestens eins, haben sie das gleiche Torverhältnis wie Ghana bei gleichen Punkten, würden aber, weil sie mehr erzielte Tore haben, auf Platz zwei kommen" usf. Bevor man sich aber derartige Konstellationen fertiggeträumt hat, schossen die Serben auch schon wieder das 1:2 - Kurze Enttäuschung. Dann aber: "Ja wart einmal, wenn die Serben jetzt noch ein Tor schießen, dann steigen die ja auch auf und zwar vor Ghana, wieder wegen der Tore", und auf einmal wollte man wieder ein serbisches Tor sehen. Also manche wollten das - ich nicht. Erstens, weil es gut und richtig ist, dass doch noch eine afrikanische Mannschaft im Achtelfinale steht, zweitens, weil ich sehen will, ob Ghana nun ein Tor aus dem Spiel erzielen kann oder nicht und drittens, das muss man halt auch in aller Deutlichkeit sagen: weil mir die Serben unsympathisch sind. Und weil mir die Serben unsympathisch sind, die Australier aber sympathisch, war das ganz große Klasse, dass letztere das gestrige Spiel gewonnen haben, damit Ghana zum Aufstieg verhalfen und sich anständig von der WM verabschiedeten. See you in four years, Socceroos!

Es geht hier um Dramatik und es geht um Sympathie. Freilich wär das auch noch was gewesen, wenn Serbien einen 0:2 Rückstand aufgeholt und damit den Aufstieg geschafft hätte. Von der Dramatik her toll. Aber die Sympathie stand in diesem Fall dagegen. Deswegen hat einem gestern nichts Besseres passieren können, als USA-Fan zu sein. Denn da wars arschknapp und trotzdem kann man nicht sagen, die USA hätten sich ins Achtelfinale gemogelt. Die wären ja beinahe von unfähigen Schiedsrichtern aus dem Turnier gepfiffen worden - und dann haben sie es doch noch geschafft. Mit dem sogenannten American Spirit, dieser Mischung aus Never-give-up und In-God-and-our-Nation-we-trust mit ein bisschen Yes-we-can und Bill Clinton im Publikum - da geht das dann schon. Und wenn die es ins Halbfinale schaffen, dann wird das auch verfilmt. Leider.

Aber eines ist jetzt schon interessant. Wir haben einen Halbfinalisten, der entweder aus Uruguay, den USA, aus Südkorea oder Ghana kommt. Wer hätte darauf im Vorfeld gewettet? Momentaner Favorit aus den vieren ist sicherlich Uruguay. Aber wir haben gesehen, dass den Amis was zuzutrauen ist. Und Südkorea wäre ein klassischer Stolperstein, die man aber bei Gott nicht im Semifinale sehen will. Ghana? Wie gesagt, die müssen erstmal ein Tor aus dem Spiel heraus schießen. Für die USA gilt: ein Tor schießen und Elfmeter verhindern. Sonst wird's knapp.

England gegen Deutschland ist natürlich ein Kracher. Zwar konnte sich England steigern, mit Deutschland steht aber die kompaktere Mannschaft am Feld. Özil hat gestern wieder so gespielt, dass ich ihm fast den Lionel wieder vorne dranhängen würde - hätte er kein Tor geschossen und damit den Vergleich zwischen ihm und Messi unmöglich gemacht. Aber Messi (und vielleicht auch Wayne Rooney) werden in der KO-Phase anfangen zu treffen. Rooney müsste sich beeilen, denn ein Tor gegen Deutschland wär schon recht wichtig. Und der Polanski wird auch wieder treffen - wenn's niemand erwartet und es am wichtigsten ist, dann trifft der. Und dann, später im Turnier, oder sogar schon im Spiel gegen England, verschießt er wieder einen Elfer (weil er jetzt nämlich einen Elfmeter-Komplex hat, jaja, so schnell geht das) und darf wieder der Prügelprinz-Poldi sein und auf der Titelseite der Bildzeitung weinen. Oder die Engländer scheiden gegen Deutschland im Elferschießen aus - was ja eh der erwartete Turnierverlauf wäre. Oder Henry James, der älteste Torhüter der Welt, wird zum großen Helden. Na gut, zu spinnen muss man nicht gleich anfangen...


Spieler des Tages: Landon Donovan again, der Held von Pretoria, der den American Dream am Leben hielt und die Soccer-Story weitergehen lässt. Der uns gezeigt hat, dass er - und als Captain somit auch stellvertretend für sein Team - sich nicht unterkriegen lässt und den Ungerechtigkeiten zum Trotz bei diesem Turnier noch einiges erreichen will.



Ein Wort zu Wimbledon:


Bei allem Trara rund um die WM sollte man nicht vergessen, dass in London gerade das wichtigste Tennisturnier der Welt stattfindet. Dort haben vor zwei Tagen zwei Herren, einer aus den USA und einer aus Frankreich, ein Match begonnen, das bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fertig gespielt wurde. Die Partie zwischen John Isner und Nicolas Mahut (der bis jetzt wohl noch kaum jemandem ein Begriff war) steht 59:59 im fünften Satz und dauert nun schon über 10 Stunden. Gestern wurde bei genau diesem Stand abgebrochen und heute geht's weiter beim längsten Tennismatch aller Zeiten. Von der körperlichen und psychischen Leistung, die bei so einem Match den Kontrahenten abverlangt wird, kann man sich eigentlich keine Vorstellung machen. Es gab zwar schon Match- und Breakbälle, aber im großen und ganzen ist es so, dass im fünften Satz jeder sein Aufschlagspiel relativ gefahrlos durchgebracht hat. 118 Games allein im fünften Satz. Das ist ermüdend. Und die beiden machen weiter und schlagen sich die Asse um die Ohren (Isner steht bei 98, Mahut bei 94).

Wie spielt man da weiter? So ein Match will man einfach nicht verlieren, auch wenn man der Platz in den Geschichtsbüchern schon reserviert ist. Dass es so etwas nie mehr geben werde (John Isner) und man Teil davon war, ist nachher ein schwacher Trost. Gratulation aber an den Herrn Mahut, der steht nämlich auf Platz 148 der ATP-Liste, Isner auf Platz 19. Die Superlative überschlagen sich natürlich angesichts eines solchen Spiels: Da ist von "unthinkable Records" die Rede, von einem "Battle of epic proportions" etc. Es ist wirklich unglaublich, ja eigentlich unwirklich.

Der größte Tennisspieler aller Zeiten meint dazu: "I have almost no words anymore watching this. It's beyond anything I've ever seen and could imagine. I don't know how their bodies must feel the next day, the next week, the next month. This is incredible tennis," ... "For them to serve the aces they served and stay there mentally is a heroic effort. As we know, we have no draws in tennis, so there will be a loser. But I guess in this match, both will be winners because this is just absolutely amazing."